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Karneval

Zäune, Tickets, Testkäufe: Der Streit um das Kwartier Latäng

Zum Karneval 2026 riegelte die Stadt das Viertel wieder ab und kontrollierte. Wirtinnen werfen der Verwaltung fehlende Abstimmung vor. Bei 41 Testkäufen wurden 31 Verstöße gegen den Jugendschutz festgestellt.

Lena Krämer, Redakteurin — KI-generiertes Porträt
Lena Krämer
Restaurants & Gastro

Lesezeit 6 Min.
Absperrgitter quer über eine Straße mit Kneipenfassaden, dahinter Ordner in Warnwesten von hinten
Zugang nur über kontrollierte Punkte: Das Kwartier Latäng wird an Karnevalstagen abgeriegelt. · Symbolbild (KI-generiert)

An einem Julimittag ist die Zülpicher Straße ein ganz normaler Kölner Straßenzug. Vor einem Späti stehen zwei Fahrräder, aus einer offenen Tür riecht es nach Frittieröl und Spülmittel, jemand kehrt Kronkorken zusammen. Studierende laufen mit Kaffeebechern Richtung Universität. Nichts erinnert daran, dass hier im Februar Gitter standen, Ordner in Warnwesten Zugänge kontrollierten und die Fahrbahn ab dem Morgen für Autos gesperrt war. Genau in diesen ruhigen Monaten wird allerdings entschieden, wie es beim nächsten Mal aussieht – und die Betriebe an dieser Straße sagen seit Monaten, dass sie dabei nicht gefragt werden.

Der Straßenkarneval 2026 begann am 12. Februar. Ihr Sicherheitskonzept stellte die Stadt Köln am 3. Februar 2026 vor, unter anderem mit dem leitenden Polizeidirektor Markus Lotz. Im Einsatz waren an den tollen Tagen bis zu 400 Kräfte des Ordnungsamts, 2.600 private Sicherheitsleute und bis zu 1.500 zusätzliche Polizeikräfte. Das sind Größenordnungen, die man sonst aus dem Stadionbetrieb kennt, nur verteilt über mehrere Quartiere und mehrere Tage.

Die Stadt zählt in Containern, die Wirte zählen in verlorenen Abenden

Die Infrastrukturzahlen lesen sich wie eine Logistikliste. Bereitgestellt wurden rund 1.000 mobile Toiletten und Urinale, davon allein 670 im Kwartier Latäng. Dazu kamen 750 orangefarbene Eventtonnen für den Müll – doppelt so viele wie 2024. Die Verdopplung ist die interessanteste Zahl dieser Aufstellung: Sie sagt, dass die Stadt aus den Bildern der Vorjahre gelernt hat und dass die Menge des Abfalls im Viertel offenbar schneller wächst als alles andere. Nachzulesen ist das Konzept bei koeln.de.

Der Zugang zum Viertel war auf drei Punkte begrenzt. Neben den bestehenden Zugängen an Beethovenstraße/Roonstraße und Zülpicher Straße/Zülpicher Wall kam ein dritter über den Barbarossaplatz und die Kyffhäuser Straße dazu; die östliche Seite des Hohenstaufenrings wurde nicht gesperrt. Die Zülpicher Straße zwischen Universitätsstraße und Hohenstaufenring war an den Karnevalstagen ab dem Morgen komplett für den Fahrzeugverkehr dicht. Für Anwohnende bedeutete das Halteverbote über das närrische Wochenende, für Betriebe eine Anlieferung, die nur vor Sonnenaufgang funktioniert.

Reihe mobiler Toilettenkabinen und Müllcontainer an einer Kölner Straße am frühen Morgen
Rund 1.000 mobile Toiletten und Urinale und 750 Eventtonnen stellte die Stadt für die Karnevalstage bereit. · Symbolbild (KI-generiert)

Im Kwartier Latäng und in der Altstadt galt an den Karnevalstagen ein Glasverbot, ebenso am Aachener Weiher und im Hiroshima-Nagasaki-Park. In der Südstadt setzte die Stadt dagegen auf freiwilligen Glasverzicht mit Becherausgabe, Containern und Pfandannahmestellen. Für eine Kneipe ist der Unterschied zwischen beiden Modellen erheblich. Ein Glasverbot bedeutet: Jedes Getränk wird umgefüllt, jeder Becher muss beschafft, gelagert, ausgegeben und wieder eingesammelt werden. Das kostet Personal an genau den Tagen, an denen ohnehin niemand mehr zu bekommen ist.

Bei 41 Testkäufen gab es 31 Verstöße

Die härtesten Zahlen des Konzepts betreffen den Jugendschutz. Bei 41 Testkäufen seit der Session 2024/25 wurden 31 Verstöße gegen die Vorschriften beim Verkauf von Alkohol und Tabak festgestellt – eine Quote von 76 Prozent. Fünf Kioske wurden geschlossen, in Kalk, Mülheim und der Innenstadt. Ein Betrieb zahlte Bußgelder von 5.000, 8.000 und 15.000 Euro, also dreimal hintereinander und in steigender Höhe. Das ist keine Grauzone mehr, das ist ein Geschäftsmodell, das auf Wiederholung setzt.

Für die Gastronomie im Viertel ist das ein zweischneidiges Ergebnis. Einerseits entlastet es die Kneipen: Die Kontrollen richteten sich erkennbar auf den Kioskverkauf, also auf das billige Vorglühen auf der Straße, nicht auf den Ausschank am Tresen. Andererseits fällt jede Schlagzeile über Jugendschutzverstöße auf das gesamte Quartier zurück. Wer eine Kneipe an der Zülpicher Straße betreibt, wird in der öffentlichen Wahrnehmung mit einem Kiosk in einen Topf geworfen, in dem 15-Jährige Wodka kaufen.

Nahaufnahme der Fensterfront eines Kiosks mit Getränkekühlschrank in Köln
Fünf Kioske wurden seit der Session 2024/25 geschlossen – Jugendschutzverstöße wurden bei Testkäufen festgestellt. · Symbolbild (KI-generiert)

Die Betreiberin am Hohenstaufenring wirft der Stadt fehlende Abstimmung vor

Am deutlichsten hat sich die Betreiberin des Studentenclubs „Das Ding“ am Hohenstaufenring geäußert – in den beiden vorliegenden Berichten wird ihr Name unterschiedlich als Claudia Wacker und als Claudia Wecker geschrieben. Am 26. Januar 2026 warf sie der Stadt vor, es habe keine Gespräche mit Gastronomie und Clubbetreibern über die Karnevalsplanung gegeben; Informationen seien nur über inoffizielle Kanäle gekommen, nach dem Muster, es laufe wie in allen Jahren. Das Viertel werde abgeriegelt wie Fort Knox.

Besonders ärgerte sie die Ticketpflicht am 11.11.: Die Stadt hatte am Nachmittag entschieden, dass nur noch Menschen mit Tickets für Lokale in den abgesperrten Bereich durften – ohne die Betriebe vorab zu informieren. Sie nannte das unfassbar respektlos und unverschämt. Auf eine freundlich formulierte Mail an die Verwaltung habe sie keine Antwort erhalten. Ob und wie die Stadt darauf reagiert hat, ist aus den vorliegenden Berichten nicht ersichtlich.

Anfang Februar legte sie nach. Die abgesperrte Zülpicher Straße bezeichnete sie als „betreutes Saufen hinter Zäunen“ und an Karneval als „Drogenparadies“. Sie kritisierte, dass junge Leute dort unabhängig vom Alter an Alkohol kämen, und beschrieb, wie Jugendliche in dieser Situation zum ersten Mal harte Drogen probierten. Das sind starke Worte einer Frau, die selbst vom Ausgehbetrieb lebt – und die damit ein Geschäftsfeld angreift, an dem sie mitverdient.

„Wir müssen jungen Leuten die Chance geben, einen schönen Karneval zu haben, und zwar so, dass sie weder mit hartem Alkohol noch mit Drogen in Kontakt kommen.“

Claudia Wecker, Betreiberin des Studentenclubs „Das Ding“

Ihre Kritik zielt auf eine Lücke, die auch in den offiziellen Unterlagen sichtbar wird: Auf der Zülpicher Straße gibt es an Karneval weder eine Bühne noch ein Programm. Wer nicht in eine Kneipe kommt, steht draußen und macht sich sein Programm selbst – mit dem, was der Kiosk hergibt. „Das Ding“ bot zu den Karnevalstagen 2026 deshalb erstmals Tickets im Vorverkauf an. Das löst das Problem für das eigene Haus und verschiebt es für alle anderen nach draußen.

Leere Wiese mit Bauzaun und Bodenmarkierungen vor Universitätsgebäuden in Köln
Die Transitfläche auf der Uniwiese wurde für die Session 2026 um ein Drittel verkleinert. · Symbolbild (KI-generiert)

Zwischen Sicherheit und Gastronomie liegt ein echter Zielkonflikt

Die Stadt hat auf ihre Weise nachgesteuert. Die Transitfläche auf der Uniwiese wurde um ein Drittel verkleinert, um den Zustrom zu begrenzen. An Weiberfastnacht waren 22 Streetworker im Einsatz, an Rosenmontag 13. Auch die KVB-Gleisanlagen im Bereich Chlodwigplatz waren gesperrt. Das sind Maßnahmen, die auf Steuerung zielen, nicht auf Programm. Sie machen das Feiern sicherer und gleichzeitig unattraktiver – und genau darin liegt der Konflikt, den die Wirtinnen und Wirte beschreiben.

Aus Sicht eines Betriebs sieht die Rechnung so aus: Karneval ist der umsatzstärkste Zeitraum des Jahres, oft mehrere Monatsmieten in wenigen Tagen. Wer an diesen Tagen weniger Gäste hereinbekommt, weil Zugänge begrenzt sind, holt das im März nicht auf. Zugleich trägt der Betrieb die Kosten für zusätzliches Personal, Türkräfte, Becher und Reinigung. Wenn dann eine Regel wie die Ticketpflicht am selben Nachmittag eingeführt wird, an dem sie gilt, ist keine Kalkulation mehr möglich. Das ist der Kern des Vorwurfs, und er ist nachvollziehbar.

Auf der anderen Seite steht eine Verwaltung, die für Zehntausende Menschen auf engem Raum haftet. Wer schon einmal an einem Weiberfastnachtsmittag versucht hat, durch die Zülpicher Straße zu gehen, weiß, dass Sperren und Zugangskontrollen keine Schikane sind. Die Frage ist nicht, ob gesteuert wird, sondern wann die Betroffenen davon erfahren. Zwischen einem Konzept, das Anfang Februar vorgestellt wird, und einer Entscheidung, die am 11. November nachmittags fällt, liegt für einen Betrieb ein Unterschied wie zwischen Planung und Zufall.

Offen ist auch, wie es weitergeht. Ob die Stadt die Kritik aufgreift und Gastronomie sowie Clubs früher einbindet, ist bislang nicht mitgeteilt worden. Die nächste Session beginnt am 11. November, die Vorbereitungen laufen erfahrungsgemäß über den Sommer. Wer als Betrieb etwas verändern will, müsste es also jetzt tun und nicht im Januar. Ob es dazu Gespräche gibt, war zum Zeitpunkt dieser Veröffentlichung nicht bekannt.

Mein Vorbehalt gilt der Erzählung vom bösen Ordnungsamt. Das Kwartier Latäng ist an Karneval kein Veedelszoch mit Kamelle, sondern eine Massenveranstaltung ohne Veranstalter, und Kioske, die bei drei Vierteln der Testkäufe durchfallen, sind kein Verwaltungsproblem, sondern ein Geschäftsverhalten. Meine Empfehlung an die Stadt ist deshalb schlicht: Wer schon absperrt, sollte auch etwas hinter die Absperrung stellen. Eine Bühne, ein Programm, irgendetwas, das mehr ist als eine Reihe Dixi-Klos. Und wer im Februar in Ruhe kölsch feiern will, geht ohnehin besser in die Südstadt.

Quellen und Weiterlesen
Lena Krämer, Redakteurin — KI-generiertes Porträt
Lena Krämer
Redakteurin · Restaurants & Gastro
Isst sich seit 2022 durch alle 86 Veedel. Vom Brauhaus bis zur Sterneküche — wer in Köln aufkocht, bekommt Besuch von ihr. Ausgebildete Köchin, umgeschulte Schreiberin.
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