Reissdorf zieht an den Heumarkt und plant sein erstes Brauhaus
Die Kölner Privatbrauerei mietet im Neubauprojekt Aheu 917 Quadratmeter, für mindestens 25 Jahre. Geplant sind mehr als 260 Innen- und rund 120 Außenplätze. Bezogen wird frühestens im zweiten Halbjahr 2028.
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Am Heumarkt riecht es an einem Julinachmittag nach heißem Pflaster, Frittierfett und dem süßlichen Rest von verschüttetem Bier, den die Reinigung nie ganz aus den Fugen bekommt. Vor den Terrassen der Altstadt klappern Tabletts, Köbesse laufen mit dem Kranz zwischen den Tischen hindurch – so heißt der runde Metallträger, in dem die schmalen Kölschstangen transportiert werden. An der Ecke zur Gürzenichstraße passiert dagegen erst einmal nichts. Dort soll in den kommenden Jahren ein Neubau entstehen, und in dessen Erdgeschoss will eine Brauerei einziehen, die es seit 1894 gibt und die bis heute kein eigenes Brauhaus betreibt.
Am 8. Juli 2026 wurde öffentlich, dass sich die Privatbrauerei Heinrich Reissdorf als erster Ankermieter im Projekt „Aheu“ am Heumarkt 55 beziehungsweise Gürzenichstraße 27 gesichert hat. Reissdorf mietet dort 917 Quadratmeter Gastronomiefläche im Erdgeschoss. Der Vertrag läuft langfristig über mindestens 25 Jahre, mit Verlängerungsoption. Geplant sind mehr als 260 Innenplätze und rund 120 Plätze im Freien. Das sind zusammen knapp 400 Sitzplätze an einer der meistfrequentierten Adressen der Stadt.
Der Mietvertrag läuft länger als die meisten Gastronomiekarrieren
25 Jahre sind in dieser Branche eine ungewöhnliche Größenordnung. Übliche Gastronomiemietverträge in Innenstadtlagen laufen deutlich kürzer, weil weder Vermieter noch Betreiber sich so lange binden wollen. Ein Vertrag über ein Vierteljahrhundert bedeutet: Der Mieter rechnet mit Investitionen, die sich erst über viele Jahre amortisieren – Küche, Lüftung, Kühlung, Schankanlage, Innenausbau. Und er bedeutet, dass die Fläche für die Konkurrenz auf absehbare Zeit vom Markt ist. Wer in der Altstadt selbst nach Expansionsflächen sucht, muss sich anderswo umsehen.
Entwickelt wird das Gebäude von Sicore Real Assets aus Hamburg. Insgesamt umfasst der Neubau rund 6.387 Quadratmeter Mietfläche; mit dem Reissdorf-Vertrag lag die Vermietungsquote bei etwa 15 Prozent. Vermittelt hat den Abschluss der Kölner Immobiliendienstleister Greif & Contzen. Die Gastronomie ist damit der erste feste Baustein eines Hauses, das ansonsten noch weitgehend leer geplant ist. Für den Entwickler ist das ein üblicher Weg: Ein bekannter Erdgeschossmieter macht die oberen Etagen leichter vermietbar.
Martina Averbeck, Sprecherin der Geschäftsführung von Sicore, ordnete den Abschluss so ein: Reissdorf stehe wie wenige Unternehmen für die Stadt und das Lebensgefühl und sei schon lange auf der Suche nach einem geeigneten Standort gewesen. Das ist die Sicht des Vermieters, und sie ist naturgemäß freundlich. Bemerkenswert daran ist der zweite Halbsatz: Die Suche hat offenbar gedauert. Eine Brauerei, die seit mehr als 130 Jahren in Köln produziert, findet nicht ohne Weiteres eine Fläche in der Altstadt, die groß genug ist.
Der Entwurf zitiert die alten Kölner Spitzgiebel
Den Entwurf lieferte das Büro Thomas Kröger Architekten aus Berlin. Vorgesehen ist eine steile Dachlandschaft mit kupferfarbener Eindeckung und rautenförmigen Fenstern, orientiert an den historischen Kölner Spitzgiebeln, wie sie den Heumarkt und den Alter Markt prägen. Auf dem Dach soll eine Terrasse mit Blick auf den Dom entstehen. Wer die Altstadt kennt, weiß, wie heikel solche Zitate sind: Zwischen respektvoller Anspielung und Kulisse liegt in Köln nicht viel. Beurteilen lässt sich das erst am fertigen Bau.
Technisch soll das Haus als Effizienzgebäude 40 nach dem Gebäudeenergiegesetz errichtet werden; angestrebt werden die Zertifikate DGNB Gold und WiredScore Platin. Übersetzt heißt das: deutlich weniger Energiebedarf als ein vergleichbarer Neubau, ein Nachhaltigkeitssiegel der Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen und ein Standard für die digitale Anschlussqualität des Gebäudes. Für ein Brauhaus im Erdgeschoss sind vor allem die Energiewerte interessant. Kühlung, Lüftung und Spülmaschinen sind die größten Stromfresser in jeder Gastronomie – und der Posten, an dem in den vergangenen Jahren reihenweise Betriebe gescheitert sind.
Der Bezug ist für die zweite Jahreshälfte 2028 vorgesehen. Das ist der Punkt, an dem Vorfreude und Realismus auseinanderlaufen. Bis dahin sind es mehr als zwei Jahre, und Bautermine in der Kölner Altstadt haben eine gewisse Neigung, sich zu verschieben. Wer im Herbst 2028 dort ein Kölsch trinken möchte, sollte das als Absichtserklärung lesen, nicht als Reservierung. Alle Angaben zum Projekt stammen bislang aus der Vermarktung; gebaut wird noch nicht.
Reissdorf braut seit 1894 und hatte doch nie ein eigenes Haus
Die Privatbrauerei Heinrich Reissdorf wurde 1894 im Severinsviertel gegründet, in einem Teil der Stadt, in dem das Wort Veedel noch täglich benutzt wird. Seit 1998 wird im Kölner Süden gebraut. Reissdorf zählt zu den wenigen verbliebenen unabhängigen Brauereien der Stadt – in einer Branche, in der die meisten Marken inzwischen zu großen Konzernen gehören, ist das keine Selbstverständlichkeit. Ein eigenes Brauhaus, also ein Lokal in eigener Regie und mit eigenem Namen über der Tür, gab es bislang nicht.
Das ist ungewöhnlicher, als es klingt. In Köln ist das Brauhaus traditionell das Schaufenster einer Brauerei: Dort wird das Bier so ausgeschenkt, wie es der Hersteller für richtig hält, dort wird gezeigt, wie schnell nachgeschenkt wird und wie ein Halve Hahn auszusehen hat. Wer dieses Schaufenster nicht hat, ist auf Partnerbetriebe angewiesen und gibt die Kontrolle über den letzten Meter aus der Hand. Mit dem Heumarkt-Projekt holt sich die Brauerei diesen Meter zurück.
Betreiben will Reissdorf das Haus nicht allein. Nach eigenen Angaben befindet sich das Unternehmen bereits in Gesprächen mit erfahrenen Gastronomiebetreibern. Geplant sind neben dem regulären Betrieb Livemusik, Kulturveranstaltungen und Firmenfeiern. Das ist die übliche Mischkalkulation großer Altstadthäuser: Der Umsatz an einem Dienstag im Februar entscheidet über das Jahr, nicht der volle Samstag im Sommer. Wer 260 Innenplätze füllen muss, braucht Gruppen, Anlässe und ein Programm.
Für die Nachbarn am Alter Markt wird es enger
Der Standort liegt in unmittelbarer Konkurrenz zu den bestehenden Brauhäusern und Restaurants der Altstadt. Knapp 400 zusätzliche Plätze in dieser Lage sind keine Kleinigkeit, zumal sie nicht irgendwo entstehen, sondern zwischen Häusern, die dort seit Jahrzehnten stehen. Der Kuchen wird dadurch nicht größer. Er wird neu aufgeteilt, und die Neuen kommen mit frischer Technik, einem energieeffizienten Gebäude und einer Dachterrasse mit Domblick, gegen die kein Altbau ankommt. Öffentlich geäußert hat sich aus der Nachbarschaft dazu bislang niemand.
Zugleich ist die Rechnung nicht so eindeutig, wie sie aussieht. Ein neues, sichtbares Haus an einem stark frequentierten Platz zieht zusätzliches Publikum an, das anschließend auch in die Gassen weitergeht. Die Altstadt lebt seit jeher davon, dass Gäste nicht nur ein Lokal besuchen, sondern zwei oder drei. Ob der Neubau am Ende Verdrängung bedeutet oder zusätzliche Frequenz, hängt vor allem davon ab, wie er betrieben wird – und wen die Betreiber ansprechen wollen.
Wichtiger als die Platzzahl ist für Gäste ohnehin eine andere Frage: Wird das ein Brauhaus oder eine Brauhaus-Kulisse? Der Unterschied ist im Betrieb sofort spürbar. Ein echtes Brauhaus erkennt man daran, dass niemand fragt, ob man noch eins möchte, sondern dass das leere Glas kommentarlos ersetzt wird, bis man den Deckel darauflegt. Es erkennt man daran, dass der Halve Hahn ohne Diskussion mit Butter und Senf kommt. Und daran, dass die Küche auch um 22 Uhr noch dasselbe kann wie um 18 Uhr.
Der Zeitplan gibt allen Beteiligten Gelegenheit, das zu klären. Bis zum Bezug im zweiten Halbjahr 2028 müssen der Bau fertig, die Betreiberfrage entschieden und das Personal gefunden sein. Gerade der letzte Punkt ist in Köln derzeit der schwierigste: Ein Haus dieser Größe braucht Servicekräfte, die den Rhythmus eines Brauhauses beherrschen, und die sind auf dem Arbeitsmarkt kaum zu bekommen. Wie viele Stellen entstehen sollen, teilten die Beteiligten bislang nicht mit. Details zum Projekt hat unter anderem der Immobilienmanager veröffentlicht.
Mein Vorbehalt ist deshalb ein zeitlicher, kein inhaltlicher. Dass Kölns Altstadt ein weiteres großes Brauhaus verträgt, halte ich für wahrscheinlich; dass es 2028 tatsächlich öffnet, würde ich noch nicht in den Kalender schreiben. Und eine Empfehlung habe ich schon jetzt: Wer den Heumarkt so sehen möchte, wie er heute ist, sollte in den kommenden Monaten hingehen. Die Ecke zur Gürzenichstraße wird in einigen Jahren nicht wiederzuerkennen sein – und das ist, je nach Standpunkt, ein Versprechen oder ein Verlust.




