Donnerstag, 6. August 2026 Ausgabe Nr. 240
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Abschied auf Zeit

Das Wallraf schließt: Letzter Blick bis zum 2. August

Nach 25 Jahren muss der Ungers-Bau saniert werden: 29 Millionen Euro, 40 Maßnahmen, zwei Jahre geschlossen. Zum Abschied öffnet das Haus am 31. Juli bis vier Uhr morgens, ein Interimsquartier wird es nicht geben.

Friederike Wolters, Redakteurin — KI-generiertes Porträt
Friederike Wolters
Kultur & Karneval

Lesezeit 9 Min.
Moderner Museumsbau mit heller Natursteinfassade an einer Kopfsteinpflastergasse, davor ein Fahrrad und drei Passanten
Nach 25 Jahren muss der Ungers-Bau des Wallraf-Richartz-Museums saniert werden: 40 Maßnahmen, 29 Millionen Euro – ab dem 3. August bleibt das Haus zwei Jahre geschlossen. · Symbolbild (KI-generiert)

Die Fassade an den Obenmarspforten besteht aus Quadraten, und wer lange genug davorsteht, fängt unwillkürlich an, sie zu zählen; so streng ist das Raster, das Oswald Mathias Ungers diesem Haus verordnet hat. Zwei Eindrücke stellen sich dabei ein, und beide täuschen: Der Bau wirkt jünger, als er ist, und er wirkt unverwüstlicher, als er ist. Eröffnet wurde er 2001, er hat also ein Vierteljahrhundert hinter sich. Hinter dem Raster liegen Trinkwasserleitungen, Lüftungskanäle und Kältetechnik, die diese 25 Jahre erkennbar schlechter überstanden haben als die Ordnung der Quadrate davor.

Am Montag, dem 3. August 2026, ist damit vorerst Schluss. Das Wallraf-Richartz-Museum & Fondation Corboud schließt für eine zweijährige Generalinstandsetzung; wiedereröffnen will es Ende 2028, dann gemeinsam mit dem Erweiterungsbau, der derzeit auf dem Nachbargrundstück entsteht. „Nach 25 erfolgreichen Jahren mit mehr als 50 großen Sonderausstellungen und vier Millionen Besucher*innen müssen wir unser Museumsgebäude erneuern“, heißt es in der Ankündigung des Hauses. Der Satz ist bemerkenswert unpathetisch für ein Museum, das sich gerade für zwei Jahre von seinem Publikum verabschiedet.

Der letzte Öffnungstag ist Sonntag, der 2. August, bis 18 Uhr. Bis dahin gelten die regulären Zeiten – dienstags bis sonntags von 10 bis 18 Uhr, am ersten und dritten Donnerstag im Monat bis 22 Uhr – und die regulären Preise: 10 Euro für Erwachsene, 7 Euro ermäßigt, für Kinder und Jugendliche bis 18 Jahre nichts. Ein Abschiedsfest, ein Sonderprogramm oder freier Eintritt an den letzten Tagen sind auf den Seiten des Museums nicht angekündigt. Wer das Wallraf noch einmal sehen will, zahlt also wie immer und kommt besser früh.

Sieben Tage sind es noch, und wer nachrechnet, kommt auf sechs Öffnungstage: Montags ist das Haus ohnehin geschlossen, es bleiben Dienstag bis Sonntag. Ein langer Abend fällt nicht mehr an, denn der 30. Juli ist der fünfte Donnerstag dieses Monats, und bis 22 Uhr geöffnet wird nur am ersten und am dritten. Man sollte also mit vollen Sälen rechnen. Der Abschiedsverkehr in Museen folgt einer verlässlichen Regel: Je näher der letzte Tag rückt, desto mehr Menschen erinnern sich daran, dass sie da schon lange einmal hinwollten.

Hinter der strengen Fassade sind die Leitungen am Ende

Was zu tun ist, haben Stadt und Museum bereits Anfang 2025 öffentlich gemacht. Rund 29 Millionen Euro soll die Instandsetzung des Hauptbaus kosten, 40 einzelne Maßnahmenkomplexe wurden identifiziert. Schadhafte Trinkwasserleitungen gehören dazu, vor allem aber die Haustechnik: Kälte- und Lüftungsanlagen und sicherheitstechnische Einrichtungen sind nach den damals vorgelegten Befunden am Ende ihres Lebenszyklus, wie t-online im Januar 2025 von der Pressekonferenz berichtete. Für eine Gemäldegalerie ist das keine Nebensache. Temperatur und Luftfeuchte entscheiden mit darüber, wie es alten Holztafeln und Leinwänden geht.

Museumsdirektor Marcus Dekiert fasste die Befunde damals knapp zusammen: Sie zwängen zum Handeln. Zugleich beschrieb er die Sanierung als große Chance, Kölns ältestes Museum so zu ertüchtigen, dass es über Jahrzehnte genutzt werden könne. Beides stimmt, und beides ist unangenehm. Ein Haus, das schließt, verliert sein Publikum nicht nur für die Dauer der Schließung; es muss es danach zurückgewinnen. Museen, die lange zu waren, wissen, dass die alten Besucherzahlen nach der Wiedereröffnung nicht automatisch wieder da sind.

Leerer Ausstellungssaal mit hellen Rechtecken an der Wand und Parkettboden
Wenn die Bilder abgehängt sind, bleiben die Umrisse: leerer Saal in einem Gemäldemuseum. · Symbolbild (KI-generiert)

Aus anderthalb Jahren sind zwei geworden

Der Zeitplan hat sich unterwegs bereits verschoben, und zwar in die erwartbare Richtung. Im Januar 2025 war von einer Schließung ab September 2026 die Rede, von einer Wiedereröffnung Anfang 2028 und von höchstens 18 Monaten Bauzeit. Angekündigt ist nun der 3. August 2026 – rund einen Monat früher – und eine zweijährige Generalinstandsetzung mit Wiedereröffnung Ende 2028. Aus anderthalb Jahren sind also zwei geworden, aus Anfang 2028 wurde Ende 2028. Wer die Kölner Kulturbaustellen der vergangenen Jahre verfolgt hat, wird über diese Richtung nicht in Ohnmacht fallen.

Der zweite Teil der Rechnung steht nebenan. Auf dem Nachbargrundstück entsteht der Erweiterungsbau der Schweizer Architekten Christ & Gantenbein, in den die große Impressionismus-Sammlung ziehen soll. Beide Gebäude, der Ungers-Bau und der Neubau, sollen Ende 2028 als ein neues Wallraf-Richartz-Museum & Fondation Corboud eröffnen – so steht es auf der Schließungsseite des Museums. Das ist der eigentliche Grund, warum diese Schließung keine bloße Reparaturpause ist: Das Museum, das 2028 wieder aufmacht, wird ein anderes sein als das, das jetzt zumacht.

Zu verlieren hat Köln in diesen zwei Jahren einiges. Das Portal der städtischen Museen zählt das Wallraf zu den wichtigsten Gemäldegalerien Europas: mittelalterliche Malerei mit Stefan Lochners „Muttergottes in der Rosenlaube“ als berühmtestem Stück, Barock von Rubens und Rembrandt über Murillo bis Boucher, dazu über die Fondation Corboud die umfangreichste Sammlung impressionistischer und neoimpressionistischer Kunst in Deutschland, mit Manet, Monet, Renoir, Pissarro und Sisley. Das ist keine Regionalgalerie, die für zwei Jahre die Rollläden herunterlässt.

Die Impressionisten sind dabei der Grund für den Neubau nebenan; das Museum selbst schreibt, auf dem Nachbargrundstück entstehe der Erweiterungsbau für die große Impressionismus-Sammlung. Man kann daran ablesen, wie eng es im Bestand geworden ist. Ein Haus, das Lochner, Rembrandt und Monet unter einem Dach zeigen will, muss zwischen seinen Jahrhunderten Prioritäten setzen, und jede Hängung ist dann auch eine Entscheidung darüber, was gerade nicht zu sehen ist. Der Erweiterungsbau soll diesen Zwang aufheben. Ob er ihn tatsächlich aufhebt, wird sich Ende 2028 zeigen.

Generalinstandsetzung ist ein Wort aus der Bauverwaltung, und es bedeutet: alles auf einmal statt jedes Jahr ein Stück. Die 40 Maßnahmenkomplexe ließen sich theoretisch auch nacheinander abarbeiten, im laufenden Betrieb, mit gesperrten Sälen und Bauzäunen im Foyer – Kölner Museen haben das in der Vergangenheit hinreichend geübt. Bei Trinkwasserleitungen und zentraler Kältetechnik ist das allerdings schwierig, weil sie sich nicht saalweise abschalten lassen. Die Entscheidung, ganz zu schließen, ist deshalb weniger dramatisch, als sie klingt: Sie ist die kürzere von zwei unangenehmen Varianten.

Die Bilder gehen nach Japan, ein Zwischenquartier gibt es nicht

Wohin also mit alledem? Teile der Sammlung gehen auf eine Tournee nach Japan, die ohnehin geplant war und nun günstig fällt. Ein Interimsquartier in Köln wird es dagegen nicht geben. Dekiert begründete das im Januar 2025 mit dem Aufwand: Ein leerstehendes Kaufhaus komme für Werke dieses Rangs nicht in Frage, man brauche ein Gebäude mit musealen Bedingungen, und ein vollständiger Auszug sämtlicher Werke in kurzer Zeit wäre ein logistisches Mammutprojekt. Nachvollziehbar ist das. Für Köln heißt es trotzdem: zwei Jahre ohne Lochner, ohne Rembrandt, ohne Monet.

Ganz ohne Malerei bleibt die Innenstadt in diesen zwei Jahren natürlich nicht. Das Museum Ludwig ein paar hundert Meter weiter am Heinrich-Böll-Platz verabschiedet am selben 2. August seine Kusama-Retrospektive, zeigt danach aber weiter „HIER UND JETZT im Museum Ludwig. De/Collecting Memories from Turtle Island“ bis zum 8. November 2026 und die Fotografie-Präsentation „Zweimal Deutschland um 1980“ bis zum 11. Oktober 2026. Dass beide Häuser am selben Tag etwas zu Ende bringen, ist Zufall. Ein bemerkenswerter Kölner Sonntag wird es trotzdem.

Der Standort macht die Schließung sichtbarer, als es einem Museum lieb sein kann. Das Wallraf steht an den Obenmarspforten, wenige Schritte vom Rathaus entfernt, und genau nebenan wird gebaut. Wer dort in den kommenden zwei Jahren vorbeigeht, sieht ein geschlossenes Haus und eine Baustelle, und beides mitten in der Stadt. Für Köln ist das ein Imageposten, der auf keiner Kostenaufstellung auftaucht; für die Nachbarschaft eine Zumutung, immerhin mit Ablaufdatum. Baustellen in Innenstädten haben die unangenehme Eigenschaft, dass man sie noch erinnert, wenn längst wieder alles offen ist.

Wie viele Menschen den Ungers-Bau in seinen 25 Jahren gesehen haben, lässt sich übrigens nicht eindeutig sagen. Die Abschiedsseite des Museums nennt vier Millionen Besucherinnen und Besucher; das ebenfalls städtische Portal museen.koeln spricht im selben Zusammenhang von mehr als drei Millionen. Eine Million Unterschied ist für eine Bilanz, die eine Woche vor Toresschluss gezogen wird, eine erstaunliche Spanne. Unstrittig ist die zweite Zahl: mehr als 50 große Sonderausstellungen in einem Vierteljahrhundert, also im Schnitt zwei pro Jahr.

Baugrube mit Bagger und gelbem Kran zwischen Altbauten, im Hintergrund Arbeiter in Warnwesten
Während das Stammhaus für die Sanierung schließt, wächst nebenan bereits der Erweiterungsbau des Museums. · Symbolbild (KI-generiert)

Es lohnt sich, kurz beim Gebäude selbst zu bleiben. Ungers (1926–2007), den das Museumsportal den Kölner Stararchitekten nennt, hat dem Haus eine Konsequenz verordnet, die man mögen muss: Wer seine Quadrate schätzt, findet hier ein Gebäude ohne Ausrede; wer sie nicht schätzt, sieht einen sehr gut proportionierten Tresor. Der Name der Institution wiederum trägt drei Biografien: Ferdinand Franz Wallraf (1748–1824), Johann Heinrich Richartz (1795–1861) und, seit dem Zugang der Impressionisten, der Sammler Gérard J. Corboud (1925–2017). Ein Museum, das seine Stifter im Namen führt, verhandelt seine Geschichte jedes Mal mit, wenn es genannt wird.

Die letzte große Schau galt 850 Zeichnungen

Die letzte große Sonderausstellung vor der Schließung passte in ihrer Nüchternheit gut zu dem, was nun folgt. „Expedition Zeichnung – Niederländische Meister unter der Lupe“ zeigte bis zum 15. März 2026 rund 90 Werke aus einem Forschungsprojekt, das 850 Zeichnungen des Bestands untersucht hat. Es war eine Ausstellung über die Arbeit, die ein Museum leistet, wenn niemand zuschaut – und damit ein brauchbarer Hinweis darauf, dass ein geschlossenes Haus nicht automatisch ein untätiges Haus ist. Restaurierung, Inventarisierung und Forschung laufen weiter, nur eben ohne Publikum.

Für Besucherinnen und Besucher heißt die Schließung zunächst: umplanen. Wer eine Schulklasse ins Wallraf führen wollte, muss das Haus für zwei Schuljahre aus dem Kalender streichen; wer den Impressionisten-Saal als verlässlichen Sonntagnachmittag eingerichtet hatte, braucht bis Ende 2028 einen anderen. Der freie Eintritt für Kinder und Jugendliche bis 18 Jahre, eines der stillen Argumente für dieses Museum, läuft in dieser Zeit ins Leere. Ein Ersatzangebot in Köln hat das Museum nicht angekündigt.

Menschen warten in einer Reihe vor einem Museumseingang in der Kölner Altstadt
Kurz vor Schluss wird es voll: Wartende vor einem Museumseingang in der Innenstadt. · Symbolbild (KI-generiert)

Allein ist das Wallraf mit seiner Baustelle nicht. Das Römisch-Germanische Museum am Roncalliplatz ist seit Jahren geschlossen und zeigt seine Bestände im Belgischen Haus an der Cäcilienstraße; die Bühnen am Offenbachplatz kehren im September nach 14 Jahren Bauzeit an ihren Standort zurück. Köln hat sich in den vergangenen Jahren daran gewöhnt, seine Kultur in Ausweichquartieren zu besuchen und Wiedereröffnungstermine als vorläufig zu lesen. Beim Wallraf entfällt selbst die Ausweichmöglichkeit – es gibt schlicht keine zweite Adresse.

Offen ist derzeit einiges. Welche Werke genau nach Japan reisen, wie lange sie unterwegs sind und wo die übrigen Bestände während der Bauzeit lagern, hat das Museum nicht im Einzelnen mitgeteilt. Auch zu der Frage, ob die 29 Millionen Euro für den Hauptbau nach dem Öffnen der Wände Bestand haben, gibt es naturgemäß noch keine Antwort; Sanierungen im Bestand sind selten billiger geworden, seit man begonnen hat, sie zu planen. Der Rest ist Bauzeit.

Der nächste feste Termin für das Publikum liegt damit weit entfernt: Ende 2028. Bis dahin wird es Zwischenmeldungen geben, Baufortschritte, vielleicht ein Richtfest nebenan, womöglich Korrekturen am Zeitplan. Die Erfahrung mit Kölner Kulturbauten legt nahe, dass die erste Fassung eines Eröffnungstermins selten die letzte ist; beim Wallraf hat sie sich schon einmal geändert. Wer sich das Datum notiert, tut das also besser mit Bleistift und rechnet die Vorfreude in Jahresscheiben.

Am Sonntag, dem 2. August, um 18 Uhr wird die Tür zugehen. Die Quadrate an der Fassade bleiben stehen; sie sind das Unproblematische an diesem Haus, denn was ausgetauscht werden muss, liegt sämtlich dahinter. Man kann das Raster in den kommenden zwei Jahren weiter zählen, so oft man mag, und man wird dabei wie bisher auf dasselbe Ergebnis kommen. Es kostet dann nur nichts mehr.

Quellen und Weiterlesen
Friederike Wolters, Redakteurin — KI-generiertes Porträt
Friederike Wolters
Redakteurin · Kultur & Karneval
Kunsthistorikerin mit Sitzungskarnevals-Abo. Schreibt über Museen, Bühnen und die fünfte Jahreszeit — und darüber, warum beides in Köln dasselbe ist.
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