Donnerstag, 6. August 2026 Ausgabe Nr. 240
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Bühnen

Vom Forschungslabor an den Offenbachplatz: Intendant Kay Voges

Kay Voges beginnt seine zweite Kölner Spielzeit mit vier Uraufführungen in zwei Wochen – und mit dem Umzug aus dem Mülheimer Depot zurück an den Offenbachplatz.

Friederike Wolters, Redakteurin — KI-generiertes Porträt
Friederike Wolters
Kultur & Karneval

Lesezeit 8 Min.
Regennasser Platz in der Abenddämmerung, links eine warm beleuchtete Glasfassade, Passanten mit Regenschirmen
Nach 14 Jahren im Mülheimer Depot kehrt das Schauspiel Köln im September 2026 an den Offenbachplatz zurück. · Symbolbild (KI-generiert)

Im Spielplan des Schauspiel Köln steht neben dem 25. September 2026 ein Wort, das dort im Juli selten schon auftaucht: ausverkauft. Es hängt an der Uraufführung „In bester Lage“, 19.30 Uhr, der ersten von vier Premieren, mit denen die Spielzeit 2026/27 beginnt. Über das Stück sagt dieser Vermerk nichts, denn gesehen hat es noch niemand. Über den Abend sagt er einiges: Es ist der erste, an dem das Schauspiel Köln wieder am Offenbachplatz spielt.

Vier Uraufführungen in gut zwei Wochen, das ist die Ansage. „In bester Lage“ am 25. September, „Moneyland“ am 26. September um 20 Uhr, „Tag und Nacht“ am 27. September, „Die Deutsche Bahn AG“ am 9. Oktober 2026 – nachzulesen im Spielplan des Hauses. Drei davon an drei aufeinanderfolgenden Abenden, alle vier Stücke, die es vorher nicht gab. Ein Haus, das so beginnt, will nicht eröffnen, sondern eine Position beziehen.

Die Titel selbst geben eine Richtung vor. „In bester Lage“ klingt nach Immobilie, „Moneyland“ nach Geld, „Die Deutsche Bahn AG“ nach einem Konzern, über den in diesem Land jeder eine Meinung hat. Nur „Tag und Nacht“ bleibt offen. Drei von vier Uraufführungen tragen also Titel, die auf ökonomische und gesellschaftliche Verhältnisse zeigen und nicht auf innere Zustände – ein Spielplan, der nach außen schaut.

Verantwortlich dafür ist Kay Voges, Jahrgang 1972, seit der Spielzeit 2025/26 Intendant des Schauspiel Köln. Er folgte auf Stefan Bachmann, der ans Wiener Burgtheater wechselte; die Zwischenspielzeit 2024/25 leitete der Hausregisseur Rafael Sanchez. Voges stammt aus dem Rheinland, hat die prägenden Jahre seiner Laufbahn aber anderswo verbracht: erst in Dortmund, dann in Wien. Nach Köln kommt er also als Rückkehrer und als Auswärtiger zugleich.

In Dortmund hat er das Theater als Labor betrieben

Von 2010 bis 2020 war Voges Intendant des Schauspiel Dortmund, also zehn Jahre – eine lange Zeit für ein Stadttheater und eine sehr lange für eines, dessen Ruf sich in dieser Zeit grundlegend verändert hat. Voges selbst hat das Haus in einem Interview mit der Zeitschrift DIE DEUTSCHE BÜHNE ein „Forschungslabor“ genannt. Das Wort ist präziser, als es klingt. Es beschreibt eine Institution, die Verfahren erprobt, statt Repertoire abzuarbeiten, und die Misserfolge einkalkuliert, weil ohne sie nichts zu lernen wäre.

Aus dieser Haltung entstand 2019 in Dortmund die Akademie für Theater und Digitalität, deren Gründungsdirektor Voges war. Der Name sagt bereits, worum es geht: um Theater und Digitalität, nicht um das eine oder das andere. Wer wissen will, warum Voges als Vertreter eines zeitgenössischen Theaters mit starken digitalen Akzenten gilt, findet hier den institutionellen Beleg. Eine Akademie ist etwas anderes als eine Vorliebe; sie überdauert den, der sie gegründet hat.

Ab der Spielzeit 2020/21 leitete Voges das Volkstheater Wien. Als im August 2023 bekannt wurde, dass er nach Köln kommt, meldete DIE DEUTSCHE BÜHNE das unter der Überschrift einer Perspektive für Köln – ein Wort, das in dieser Stadt nach Jahren des Bauens und Vertagens beinahe wie eine Zusage klang. Zwischen jener Ankündigung und dem ersten Spielplan, den Voges am Offenbachplatz verantwortet, liegen drei Jahre. Für Theaterverhältnisse ist das ein normaler Vorlauf, für Zuschauer ein sehr langer.

Industriehalle als Theaterraum, schwarze Bühnenfläche und leere Zuschauerreihen
14 Jahre lang war das Depot im Carlswerk die Interimsspielstätte des Schauspiel Köln. · Symbolbild (KI-generiert)

Was Voges aus Dortmund und Wien mitbringt, lässt sich an einem Detail ablesen: Er inszeniert selbst und steht deshalb auf der Regieliste seines eigenen Hauses. Intendanten müssen das nicht; viele führen den Betrieb und überlassen die Bühne anderen. Voges gehört zur anderen Sorte, und das hat Folgen für den Ton eines Hauses. Wer selbst probt, verhandelt Konflikte im Probenraum statt im Sitzungszimmer.

Die erste Kölner Spielzeit von Voges spielte sich im Depot ab, der Interimsspielstätte des Hauses im Carlswerk an der Schanzenstraße 6 bis 20 in Mülheim. 14 Jahre lang war das Schauspiel Köln dort zu Hause, länger als mancher Intendantenvertrag und lange genug, dass eine ganze Zuschauergeneration das Haus nur so kennt: Industriehalle statt Foyer, Backstein statt Glasfassade, Anfahrt statt Spaziergang. Das Depot hat dem Schauspiel eine Ästhetik aufgezwungen und ihm im selben Zug eine gegeben.

Streng genommen ist 2026/27 nicht die erste Spielzeit von Voges, sondern die zweite – und doch die erste, die man später als Beginn erinnern wird. Sein Debütjahr 2025/26 fand vollständig im Interim statt, unter Bedingungen, die niemand gewählt hat. Wer ein Haus übernimmt, das gerade nicht in seinem Haus spielt, führt die Truppe, aber noch nicht das Theater. Erst der Offenbachplatz macht aus einer Personalie eine Institution.

In der Spielzeit 2026/27 kehrt das Schauspiel dorthin zurück. Für einen Intendanten ist das ein seltener Glücksfall und eine seltene Zumutung zugleich. Er bekommt ein Haus, das niemand im Ensemble im laufenden Betrieb kennt, und muss es mit einem Programm eröffnen, das parallel dazu entsteht. Vier Uraufführungen binnen zweier Wochen sind unter diesen Umständen keine Programmentscheidung mehr, sondern eine logistische Behauptung.

Der erste Spielplan setzt fast ausschließlich auf Neues

Der bequeme Weg wäre ein Klassiker gewesen. Ein bekannter Titel, ein bekanntes Ensemblestück, ein Abend, bei dem das Publikum weiß, worauf es sich einlässt, und den Raum bestaunen kann, statt dem Text folgen zu müssen. Voges hat sich anders entschieden: An den Anfang stellt er vier Stücke, die noch nie gespielt wurden. Erst danach folgen zwei weitere Premieren, „Monster“ am 30. Oktober 2026 und „Kaspar“ am 31. Oktober 2026, wieder an zwei aufeinanderfolgenden Abenden.

Dazu kommen die Wiederaufnahmen, und die lesen sich wie eine Umzugsliste: „That Night follows Day“, „Hundert“, „#Motherfuckinghood“, „Requiem für eine marode Brücke“, „Downtown Paradise“, „Imagine“, „Unterweger“ und „Die Rechnung“ stehen weiter auf dem Spielplan. Ob eine Inszenierung den Wechsel des Raums unbeschadet übersteht, entscheidet sich erst im neuen Haus; Bühnenmaße, Nachhall und Sichtachsen sind keine Nebensachen, sondern Bestandteil der Arbeit.

Interessant ist auch, was das Haus nicht aufgibt. Auf der Liste seiner Spielstätten führt das Schauspiel Köln weiterhin drei Orte: Schauspielhaus, Kleines Haus und Depot. Der Mülheimer Standort verschwindet mit dem Umzug also nicht, jedenfalls nicht auf dem Papier. Das ist mehr als eine Fußnote, denn davon hängt ab, ob die Formate, die im Carlswerk entstanden sind, weiterhin einen passenden Raum haben oder in ein Haus gepresst werden, für das sie nie gedacht waren.

Probebühne mit Klebemarkierungen auf schwarzem Boden, darauf ein Holztisch, ein Stuhl und ein Scheinwerfer auf Stativ
Vier Uraufführungen in zwei Wochen: Zum Start der zweiten Spielzeit von Kay Voges ist Probenzeit die knappste Ressource. · Symbolbild (KI-generiert)

Wer inszeniert, verrät über eine Intendanz mehr als jedes Interview. Für 2026/27 führt das Schauspiel Köln unter anderem Claudia Bauer, Andreas Beck, Jorinde Dröse, Stephan Kimmig, Marco Layera, Sebastian Nübling, Markus Öhrn, Lies Pauwels, Lily Sykes, Itay Tiran und Wenzel Storch als Regisseurinnen und Regisseure auf – und Kay Voges selbst. Das ist keine Liste, die auf eine einzige Handschrift hinausläuft, sondern eine, die sehr verschiedene Theatersprachen nebeneinanderstellt.

Eine Intendanz beginnt nicht mit der Eröffnung, sondern mit den Verträgen

Der Vorlauf einer solchen Saison ist unsichtbar und lang. Im Theaterbetrieb gelten Planungszeiten von Jahren, Uraufführungen bedeuten Auftragswerke, und Auftragswerke bedeuten, dass jemand ein Stück schreibt, das es noch nicht gibt, für einen Raum, den er noch nicht betreten hat. Dass vier solcher Arbeiten gleichzeitig fertig werden mussten, ist die eigentliche Leistung hinter den vier Daten im Spielplan – und das größte Risiko dieses Herbstes.

Drei Premieren an drei Abenden sind technisch anspruchsvoller, als es aussieht. Jede Inszenierung braucht ihre Beleuchtungseinrichtung, ihre Tonproben, ihre Umbauten; wer sie in Serie schaltet, verlangt der Technik ab, binnen weniger Stunden vollständig umzudenken. Dass die erste Vorstellung um 19.30 Uhr beginnt und die zweite am Folgetag erst um 20 Uhr, ist deshalb kein kosmetischer Unterschied, sondern eine halbe Stunde mehr Luft. In einer Eröffnungswoche ist das viel.

Bemerkenswert ist auch, wie das Haus die Lücke zwischen zwei Intendanzen überbrückt hat. Bachmann verabschiedete sich nach Wien; die Spielzeit 2024/25 verantwortete Rafael Sanchez, der als Hausregisseur ohnehin da war. Solche Interimsjahre gelten in der Branche als undankbar, weil sie im Rückblick niemandem zugerechnet werden. Im Betrieb aber sind sie hart: ein Jahr, in dem Entscheidungen für eine Zukunft getroffen werden, die einem anderen gehört.

Für das Publikum ändert sich mit der Rückkehr zunächst die Anfahrt. Wer bisher nach Mülheim in die Schanzenstraße fuhr, geht künftig wieder zum Offenbachplatz, mitten in die Innenstadt. Ob die Zuschauerinnen und Zuschauer, die das Depot schätzen gelernt haben, mitkommen, ist eine der offenen Fragen dieser Spielzeit; ob jene zurückkehren, die den Weg nach Mülheim gescheut haben, ist die andere. Beide Antworten stehen im Kassenbericht des Frühjahrs 2027.

Für die Beschäftigten bedeutet der Umzug vor allem Arbeit, die im Programmheft nicht vorkommt. Werkstätten, Fundus, Technik und Verwaltung wechseln den Ort; Abläufe, die 14 Jahre lang eingespielt waren, gelten so nicht mehr. Erfahrungsgemäß dauert es eine Spielzeit, bis ein Haus nach einem solchen Wechsel wieder ruhig läuft. Wer im Herbst eine Panne erlebt, darf das im Kopf behalten.

Nicht nur die Bühne zieht um. Auch die theaterpädagogische Abteilung, die unter dem Titel Theater – Stadt – Schule arbeitet und von David Vogel geleitet wird, findet neue Räume; zum Team gehören Dana Khamis, Nina Mackenthun, Judith Niggehoff und Ronja Simon im Freiwilligen Sozialen Jahr Kultur. Judith Niggehoff steht zugleich auf der Regieliste der Spielzeit. Dass Vermittlung und Inszenierung im selben Haus nicht getrennt verhandelt werden, erkennt man an solchen Doppelnennungen.

Beleuchtete Foyerfenster eines Theaterbaus bei Nacht, Spiegelung auf nassem Pflaster
Der Umzug in die Innenstadt verändert für das Publikum zunächst vor allem die Anfahrt. · Symbolbild (KI-generiert)

Ansagen sind im Theater billig, Spielpläne nicht. Voges hat den maximal exponierten Einstieg gewählt: kein bewährter Text, keine Wiederaufnahme als Eröffnung, sondern vier Abende, an denen niemand weiß, was passiert – auch die Beteiligten nicht. Sollte es misslingen, wird es in aller Öffentlichkeit misslingen, und in Köln wird darüber lange geredet. Sollte es gelingen, ist es der Beginn einer Intendanz, die sich nichts geschenkt hat.

Am Ende steht ein Wort auf einer Website

Bleibt der Vermerk im Spielplan, der dort schon im Juli stand. Ausverkauft heißt an einem Theaterabend zunächst nur, dass alle Plätze vergeben sind. Am 25. September wird es etwas anderes heißen: dass eine Stadt neugierig ist auf ein Haus, in dem seit 14 Jahren nicht gespielt wurde, und auf einen Intendanten, der sein Theater einmal ein Forschungslabor genannt hat. Der Versuchsaufbau steht. Beginn ist um 19.30 Uhr.

Quellen und Weiterlesen
Friederike Wolters, Redakteurin — KI-generiertes Porträt
Friederike Wolters
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Kunsthistorikerin mit Sitzungskarnevals-Abo. Schreibt über Museen, Bühnen und die fünfte Jahreszeit — und darüber, warum beides in Köln dasselbe ist.
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