Fernsehhauptstadt unter Druck: Kölns Plan für den Medienstandort
Rund 1 Milliarde Euro Umsatz im Jahr, eine zugezogene Landesfilmstiftung, ein Aktionsplan der Stadt – und drei Branchentreffen, die nach Hamburg abwandern. Eine Zwischenbilanz des Standorts.
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Fünfte Etage, Deichmannhaus, Bahnhofsvorplatz: Eine Adresse ist selten ein Argument, in diesem Fall aber schon. Seit Dezember 2024 sitzt die Film- und Medienstiftung NRW nicht mehr in der Kaistraße am Düsseldorfer Medienhafen, sondern in einem Bürohaus zwischen Hauptbahnhof und Dom, in dem auch der Verlag Kiepenheuer und Witsch untergebracht ist. Umzüge von Förderinstitutionen sind für gewöhnlich Verwaltungsvorgänge; dieser war eine Standortentscheidung. Die offizielle Feier folgte im September 2025, ein Dreivierteljahr nach dem Einzug.
Der Umzug steht nicht allein. 2022 richtete die Stadt einen Film- und Medienservice ein, am 8. August 2025 stellte sie einen Aktionsplan zur Stärkung Kölns als Medienstandort vor, und zum 1. Oktober 2025 übernahm Christian Schölzel die Leitung der Stabsstelle Events, Film und Medien. Drei Vorgänge in drei Jahren, die alle dasselbe Ziel verfolgen: dass Produktionen in Köln drehen und nicht anderswo. Wer daraus eine Erfolgsgeschichte machen will, muss allerdings erklären, warum gleichzeitig drei Branchentreffen die Stadt verlassen.
Der Aktionsplan verspricht vor allem kürzere Wege
Der Aktionsplan ist kein Förderprogramm, sondern ein Verwaltungsversprechen. Er sieht vor, die Produktionsbedingungen kontinuierlich zu evaluieren und zu verbessern, Verwaltungsabläufe zu optimieren und die Informationen rund um Drehgenehmigungen auf einer einheitlichen Plattform zu bündeln. Hinzu kommen Veranstaltungsformate zur Nachwuchsgewinnung, eine bessere Vernetzung mit Bildungseinrichtungen, die Unterstützung nachhaltiger Produktionen unter dem Stichwort Green Production, Hilfe für die Filmkulturszene und internationale Events sowie eine verbesserte Kommunikation mit Anwohnenden bei Dreharbeiten.
Der letzte Punkt klingt nebensächlich und ist es nicht. Wer je in der Südstadt aus dem Haus getreten ist und eine abgesperrte Straße, drei Lastwagen und einen Aufnahmeleiter vorgefunden hat, weiß, dass die Akzeptanz für Dreharbeiten an einer schlichten Frage hängt: ob vorher jemand Bescheid gesagt hat. Ein Standort, an dem Anwohnerinnen und Anwohner Produktionen als Zumutung erleben, verliert seine Drehorte langsam und unauffällig – Genehmigung für Genehmigung, Beschwerde für Beschwerde.
„Es ist mir ein besonderes Anliegen, Köln als Medienmetropole zu stärken.“
Henriette Reker, Oberbürgermeisterin der Stadt Köln
Die Größenordnung, um die es geht, nennt die Stadt selbst: Die Film- und Medienwirtschaft erwirtschaftet in Köln rund 1 Milliarde Euro Umsatz im Jahr. Köln gilt als Medienstadt Nordrhein-Westfalens und als Fernsehhauptstadt Deutschlands, ein Titel, den keine Behörde vergibt und der sich über Jahrzehnte aus WDR, RTL und einer dichten Produktionslandschaft ergeben hat. Titel dieser Art sind stabiler als Umsätze und deshalb trügerisch: Sie halten sich noch, wenn die Grundlage längst bröckelt.
Diese Milliarde ist eine Summe ohne Gesicht, und deshalb lohnt es sich, sie aufzuschlüsseln, soweit die Stadt das tut. Sie umfasst die vielen ansässigen Produktionsfirmen und Sender ebenso wie Freiberuflerinnen und Freiberufler, die von Projekt zu Projekt arbeiten – Menschen also, deren Beschäftigung sich nicht in Betriebsansiedlungen misst, sondern in Drehtagen. Genau darin liegt die Verletzlichkeit dieses Standorts: Eine Fabrik zieht nicht über Nacht um, ein Drehort schon.
Dass Köln überhaupt Fernsehhauptstadt heißt, hat mit zwei Adressen zu tun, die auch in der Gesellschafterliste der Film- und Medienstiftung NRW wiederkehren. Der WDR sitzt hier, RTL ebenso; nur das ZDF residiert in Mainz. Zwei von drei Sendergesellschaftern der Landesstiftung haben ihre Anschrift also in Köln, ein Umstand, der in Standortdebatten selten erwähnt wird, weil er als selbstverständlich gilt. Selbstverständlichkeiten sind erfahrungsgemäß das, was zuerst verschwindet.
Die Stiftung verteilt Millionen und sitzt jetzt in Köln
Die Film- und Medienstiftung NRW ist keine Kölner Einrichtung, sondern eine des Landes, das mit 40 Prozent größter Gesellschafter ist; hinzu kommen der WDR und RTL aus Köln sowie das ZDF aus Mainz. Geschäftsführer ist Walid Nakschbandi. Dass eine solche Konstruktion ihren Sitz von Düsseldorf nach Köln verlegt, ändert an den Förderkriterien nichts, wohl aber an der Alltagsgeografie einer Branche, in der Termine, Vorgespräche und zufällige Begegnungen einen erheblichen Teil der Arbeit ausmachen.
Wie viel Geld durch dieses Haus läuft, lässt sich an den Fördermeldungen dieses Jahres ablesen. In der ersten Runde am 11. Februar 2026 vergab die Stiftung 11,5 Millionen Euro an 30 Projekte, in der zweiten am 11. Mai 2026 waren es 11,8 Millionen Euro für 32 Projekte, in der dritten am 22. Juli 2026 dann 9,08 Millionen Euro für 37 Projekte. Zusammen sind das 32,38 Millionen Euro für 99 Projekte in gut fünf Monaten.
Interessant ist weniger die Summe als ihre Entwicklung. Die dritte Runde ist die kleinste des Jahres und zugleich die mit den meisten Projekten: Auf ein Vorhaben entfielen im Februar im Schnitt gut 383.000 Euro, im Juli noch rund 245.000 Euro. Das kann eine andere Projektstruktur bedeuten, es kann auch heißen, dass mehr Antragsteller sich einen kleiner gewordenen Topf teilen. Die Stiftung hat dazu nichts mitgeteilt; belegt ist nur die Rechnung.
Die kleineren Töpfe fallen in der Berichterstattung meist durch, im Alltag der Branche nicht. Am 1. April 2026 flossen rund 1,2 Millionen Euro an 16 Games- und XR-Projekte, am 14. Juli 2026 weitere 602.944,34 Euro an zehn Games-Vorhaben. 140.000 Euro gingen am 25. März an sechs Verleihprojekte, 100.000 Euro am 22. Mai an fünf Abschlussfilme, je 20.000 Euro, 517.400 Euro am 7. Juli an 15 kulturelle Filme und 300.000 Euro bereits am 18. Februar an zehn Projekte der vereinfachten Kulturfilmförderung. Selbst eine Audioförderung gibt es: 10.000 Euro für zwei Vorhaben am 21. Mai.
Die Förderstrategie 2026 setzt zusätzliche Schwerpunkte auf Development, serielle Inhalte, KI- und technologiegetriebene Innovationen sowie Distribution. Was das praktisch bedeutet, zeigt ein Projekt aus der Juli-Runde: Für Patrick Vollraths Antikriegsfilm „The Tale of Robin Hood“ soll ein großer Teil des Sherwood Forest nach Nordrhein-Westfalen verlegt werden, verantwortet von RO Co-Production, einer Tochter der Kölner Firma augenschein. Förderung heißt in solchen Fällen nicht Kunstsubvention, sondern Standortpolitik mit Kamera.
Drei Branchentreffen zieht es nach Hamburg
Der Zugewinn hat eine Kehrseite, und sie hat einen Namen: Hamburg. Drei Branchenveranstaltungen, die bislang zu Köln gehörten, wandern bis 2026 dorthin ab – European Work in Progress, kurz EWIP, der International Film Distribution Summit, kurz IFDS, und die Filmtage Köln. Künftig werden diese Formate mit dem Filmfest Hamburg verbunden. Was hier verloren geht, sind keine Drehtage, sondern Anlässe: Termine, zu denen Produzentinnen, Verleiher und Fördergeber ohnehin in die Stadt kommen.
Die Hamburger Seite spricht offen von einem Gewinn. Malika Rabahallah, Leiterin des Filmfests Hamburg, nannte die Erweiterung des eigenen Branchenprogramms einen echten Quantensprung für den Industry-Part; Torsten Frehse, Geschäftsführer des Verleihs Neue Visionen, verwies darauf, dass sich in der Zusammenarbeit mit dem Filmfest neue Anknüpfungspunkte ergäben, um das Format strategisch zu vernetzen. Aus Kölner Sicht liest sich beides wie eine sehr höfliche Übernahmemeldung.
Ob das ein Substanzverlust ist oder eine Bereinigung des Kalenders, hängt davon ab, wen man fragt. Ein Branchentreffen bringt keine Gewerbesteuer in nennenswertem Umfang, aber es bringt Sichtbarkeit, und Sichtbarkeit ist in der Standortkonkurrenz die Währung, in der abgerechnet wird. Der Aktionsplan der Stadt nennt die Unterstützung der Filmkulturszene und internationaler Events ausdrücklich als Handlungsfeld; zurückgeholt hat er damit bislang keinen einzigen Termin.
Für eine Produktionsfirma sind die abgewanderten Termine ein Posten in der Reisekostenabrechnung, für Berufseinsteiger etwas anderes. Wer in Köln ausgebildet wird und die eigenen Arbeiten zeigen will, hatte mit den Filmtagen und den beiden Branchentreffen drei Anlässe vor der Haustür; künftig sind es drei Anlässe mit Bahnfahrt und Übernachtung. Das klingt kleinlich und ist es nicht: Netzwerke entstehen dort, wo man ohne Budget hinkommt.
Ein Blick auf die Zeitachse ordnet den Vorgang ein. Mehr als drei Jahrzehnte lang hatte die Film- und Medienstiftung ihren Sitz am Düsseldorfer Medienhafen, einem Quartier, das für genau solche Ansiedlungen entwickelt worden ist. Der Umzug ins Deichmannhaus beendet diese Konstellation. Zugleich verlagert sich der Branchenkalender an die Elbe. Köln gewinnt also die Institution und verliert die Anlässe – eine Bilanz, die sich erst in einigen Jahren aufmachen lässt.
Am Ende zählen Drehtage, nicht Adressen
Für die Menschen, die von dieser Branche leben, entscheidet sich der Erfolg des Aktionsplans an unspektakulären Dingen. Daran, wie lange eine Drehgenehmigung braucht. Daran, ob eine Studiohalle frei ist, wenn eine Serie sie benötigt. Daran, ob eine Produktionsfirma ihre Nachbearbeitung in Köln beauftragen kann oder dafür in eine andere Stadt geht. Den ersten dieser Punkte adressiert der Aktionsplan ausdrücklich; die übrigen liegen außerhalb dessen, was eine Verwaltung beschließen kann.
Der Punkt Green Production ist dabei mehr als ein Etikett. Gemeint sind üblicherweise Produktionen, die Strom aus dem Netz statt aus Dieselaggregaten beziehen, Fahrten bündeln, Bauten wiederverwenden und ihren Verbrauch dokumentieren. Für eine Stadt ist das keine Gesinnungsfrage, sondern eine Infrastrukturaufgabe: Wer eine Straße sperrt, entscheidet mit darüber, ob am Kabel ein Generator hängt oder ein Anschluss. Der Aktionsplan verspricht hier gezielte Unterstützung, ohne sie zu beziffern.
Auch die Nachwuchsfrage steht im Plan, und sie ist die langfristigste von allen. Wer Kamerafrauen, Cutter und Produktionsleiterinnen ausbildet, bindet sie nicht automatisch an den Ort ihrer Ausbildung; das gelingt nur, wenn es Anschlussarbeit gibt. Die Stiftung fördert eigens Abschlussfilme, in diesem Jahr fünf Stück mit je 20.000 Euro. Das ist wenig Geld für einen Film und viel Geld für einen Berufseinstieg.
Die Plattform, die der Aktionsplan versprach, leitet inzwischen auf die Medienseiten der Stadt weiter. Dort finden sich der Drehantrag, die Kontakte des Film- und Medienservice, häufige Fragen sowie Verweise auf Filmhochschulen, die NRW Film Commission und die Wirtschaftsförderung. Es ist eine Verwaltungsseite, keine Standortkampagne – und genau das ist vermutlich die ehrlichere Lösung.
Offen bleibt vor allem, woran sich der Aktionsplan messen lassen will. Ein beziffertes Ziel – Drehtage, Genehmigungsfristen, Ansiedlungen – steht in der Mitteilung vom August 2025 nicht. Damit lässt sich der Plan weder widerlegen noch belegen, und beides ist für eine Verwaltung bequem. Wer Standortpolitik ernst meint, wird um Kennzahlen auf Dauer nicht herumkommen.
Zurück zur fünften Etage am Bahnhofsvorplatz. Von dort blickt man auf einen Platz, über den täglich sehr viele Menschen laufen, die von alldem nichts mitbekommen, und das ist, nüchtern betrachtet, das Wesen dieser Branche: sichtbar in der Stadt, solange gedreht wird, unsichtbar, sobald die Absperrbaken abgebaut sind. Ob Köln Fernsehhauptstadt bleibt, entscheidet sich nicht an einer Adresse, sondern daran, wer in fünf Jahren die Termine setzt.




