798 Millionen, 14 Jahre: Oper und Schauspiel kehren an den Offenbachplatz zurück
Im September öffnen Oper, Schauspiel, Kleines Haus und Kinderoper wieder am Offenbachplatz. Aus drei geplanten Baujahren wurden 14, aus 230 Millionen Euro wurden 798 – Zinsen noch nicht eingerechnet.
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Am Offenbachplatz steht seit Jahren ein Bauzaun, und irgendwann hat man aufgehört, ihn zu bemerken; er gehört zum Stadtbild wie die Schienen davor. Wer 2012 in Köln eingeschult wurde, hat sein gesamtes Schulleben lang nie eine Vorstellung an diesem Ort gesehen. Das ist keine Anekdote, sondern der Kern der Sache: Eine Sanierung, die einmal auf drei Jahre angelegt war, hat einen kompletten Jahrgang Kölner Kulturbiografie überdauert. Im September ist damit Schluss – vorbehaltlich der Erfahrung, dass man Kölner Bühnentermine erst glaubt, wenn das Licht ausgeht.
Die Bühnen der Stadt Köln kehren in der Spielzeit 2026/27 an den Offenbachplatz zurück. Ein Bürgerfest mit Tagen der offenen Tür ist für Samstag und Sonntag, den 19. und 20. September 2026, angekündigt, der Festakt für Donnerstag, den 24. September. Vier Spielstätten nehmen dann gemeinsam den Betrieb auf: Opernhaus, Schauspielhaus, Kleines Haus und Kinderoper. Gemeinsam ist dabei keine Geste, sondern eine bautechnische Bedingung – warum, dazu später.
Die Zahl, die von diesem Projekt bleiben wird, ist eine andere. Im April 2007 beschloss der Rat der Stadt Köln ein Sanierungsbudget von 230 Millionen Euro. Im März 2011 waren es 253 Millionen. Der Kostenstand vom August 2024, der bis heute die Grundlage bildet, liegt bei 798 Millionen Euro. Gegenüber dem Ratsbeschluss von 2007 sind das 568 Millionen Euro mehr, gegenüber der Fassung von 2011 noch immer 545 Millionen. Erklären lässt sich das mit Baupreisen, Bauablauf und Planungsfehlern; kleiner wird die Differenz dadurch nicht.
Das Budget ist in 17 Jahren auf mehr als das Dreifache gewachsen
- April 2007: Ratsbeschluss über 230 Millionen Euro
- März 2011: 253 Millionen Euro
- 2015: 404 bis 460 Millionen Euro
- 2017: 545 bis 570 Millionen Euro
- 2021: 642,7 Millionen Euro
- 2023: 665 bis 674 Millionen Euro
- August 2024: 798 Millionen Euro
Die Reihe stammt aus der Zeitleiste, die die Bühnen selbst veröffentlichen, und sie ist bemerkenswert, weil sie niemand beschönigt hat. Zwischen 2015 und 2024 wurde das Budget in fast jeder Ratsperiode angehoben, meist nach Prüfberichten, meist in Spannen statt in festen Summen. Wer die Liste von oben nach unten liest, sieht keine einzelne Katastrophe, sondern eine Kette von Korrekturen. Genau das macht sie für die politische Aufarbeitung so unhandlich: Es gibt keinen Tag, an dem alles schiefging.
Ein Teil der Steigerung hat mit dem Denkmalschutz zu tun, und das ist keine Ausrede. Seit Juni 1989 stehen Opernhaus, Schauspielhaus und Opernterrassen unter Schutz. Saniert werden musste also nicht irgendein Zweckbau aus den Fünfzigerjahren, sondern ein geschütztes Ensemble, bei dem sich der Bestand nicht einfach herausreißen und ersetzen ließ. Gleichzeitig sollten Bühnen-, Brandschutz- und Klimatechnik eingebaut werden, für die diese Räume nie vorgesehen waren. Wer Denkmal und Hochtechnik im selben Gebäude unterbringen will, bezahlt beides doppelt: einmal in Euro, einmal in Bauzeit.
Die 798 Millionen Euro sind dabei nur Bau- und Baunebenkosten. Das Fachportal backstageclassical rechnete im Oktober 2025 vor, dass sich die Gesamtkosten einschließlich der Zinsen für die aufgenommenen Kredite und der Ausgaben für die Interimsspielstätten auf rund 1,5 Milliarden Euro summieren; die reinen Finanzierungskosten beziffert es auf etwa 371 Millionen Euro. Diese Summe taucht in keinem Ratsbeschluss auf, weil sie über Jahrzehnte anfällt und in keinem einzelnen Haushaltsjahr sichtbar wird. Bezahlt wird sie trotzdem.
Aus drei geplanten Baujahren sind 14 geworden
Mit der Zeitrechnung verhält es sich ähnlich. Im Juni 2012 lief die letzte Vorstellung im alten Opernhaus, Wagners „Die Meistersinger von Nürnberg“; danach begann der Umbau. Fertig sein sollte er im November 2015. Zwischen dem letzten Vorhang und der Wiedereröffnung im September 2026 liegen 14 Jahre und ein Vierteljahr. Die bauliche Fertigstellung wurde nach Angaben der Bühnen zum Jahreswechsel 2025/2026 erreicht; die Monate danach gingen für Technik, Einregulierung und Proben drauf, die im Frühjahr 2026 begannen.
Warum nicht wenigstens ein Haus früher öffnen konnte, erklären die Bühnen in ihren häufig gestellten Fragen mit der Haustechnik: Die Energiezentralen und die Klimazentralen aller vier Bühnen sind fast vollständig im Opernhaus untergebracht. Solange dort gearbeitet wurde, konnte nebenan niemand spielen. Das ist eine Festlegung aus der Planungszeit, die sich später nicht mehr korrigieren ließ, und sie erklärt einen guten Teil der Ermüdung dieser Jahre. Es gab nie die Gelegenheit, wenigstens einen Teilerfolg vorzuzeigen.
Verschoben wurde in diesen Jahren mehrfach. Der Termin November 2015 fiel als Erster, danach folgten weitere Anläufe; im August 2024 wurde die Fertigstellung auf die zweite Jahreshälfte 2025 gelegt, gemeinsam mit dem Kostenstand von 798 Millionen Euro. Erreicht wurde sie zum Jahreswechsel 2025/2026. Zwischen der ersten und der letzten Terminzusage liegen damit gut zehn Jahre. Für ein Publikum, das seine Planungen immer wieder anpassen musste, ist das die eigentliche Währung dieses Projekts: nicht Euro, sondern nicht stattgefundene Abende.
Was für das Geld entstanden ist, lässt sich beziffern. Vier Spielstätten mit zusammen 2.428 Sitzplätzen bei maximaler Bestuhlung; bis zu 2.870 Gäste pro Abend, wenn Foyers und Gastronomie mitgerechnet werden. Rund 7.000 Quadratmeter Fläche sind neu geschaffen worden, samt öffentlicher Gastronomie. Die Kinderoper ist nach Angaben der Oper Köln weltweit die einzige fest errichtete Spielstätte speziell für diese Sparte – eine Aussage, die sich schwer nachprüfen lässt, die aber immerhin beschreibt, worauf das Haus stolz ist.
„Der Offenbachplatz wird neuen Glanz in die Stadt bringen.“
Stefan Charles, Beigeordneter für Kunst und Kultur der Stadt Köln
Glanz ist ein Wort, das man einem Kulturdezernenten vier Wochen vor der Eröffnung nachsieht. Interessanter ist der zweite Teil des Versprechens: dass der Offenbachplatz nicht nur abends um halb acht, sondern auch nachmittags um vier ein Ort sein soll, an dem sich Menschen aufhalten. Die neue öffentliche Gastronomie ist genau darauf angelegt. Kulturbauten formulieren diesen Anspruch regelmäßig; eingelöst wird er selten, weil ein Theaterfoyer tagsüber vor allem eines ist: ein Theaterfoyer.
Riphahns Schauspielhaus stand 2008 vor dem Abriss
Ein Blick zurück ordnet die Summen ein. Das Opernhaus von Wilhelm Riphahn wurde am 18. Mai 1957 eröffnet, im Beisein von Bundespräsident Theodor Heuss und Bundeskanzler Konrad Adenauer; das Schauspielhaus folgte im Mai 1962 mit über 700 Plätzen, wobei Riphahn seinen Entwurf von 1954 auf Wunsch der Bühnen noch einmal überarbeitet hatte. Im Juni 1989 wurden Opernhaus, Schauspielhaus und Opernterrassen unter Denkmalschutz gestellt. Es ist die Nachkriegsmoderne, in der sich Köln nach 1945 selbst beschreiben wollte: hell, offen, ohne Pomp.
Auch 1957 war die Eröffnung eine Angelegenheit mit Staatsspitze: Ein Bundespräsident und ein Bundeskanzler reisten nach Köln, um ein Theater zu eröffnen. Das sagt weniger über die Stadt als über den Rang, den ein Opernhaus im Wiederaufbau hatte – es war ein Versprechen darüber, wie dieses Land nach 1945 aussehen wollte. 2026 gibt es einen Festakt am 24. September; wer daran teilnimmt, ist bislang nicht mitgeteilt. Der Vergleich ist unfair und trotzdem aufschlussreich. Aus einem nationalen Versprechen ist ein kommunales Kostenproblem geworden, über das bundesweit berichtet wird.
Selbstverständlich war der Erhalt nicht. 2008 stand der Abriss des Riphahn-Schauspielhauses zur Debatte; erst danach entschied sich die Stadt für die Sanierung. Den Architekturwettbewerb gewannen im Mai 2008 die Büros JSWD aus Köln und Atelier Chaix & Morel aus Paris, deren Entwurf auf der Ostseite einen Neubau vorsah, in dem die Kinderoper Platz finden sollte. Wer heute über 798 Millionen Euro spricht, sollte diesen Teil mitsprechen: Die billigere Variante hätte zwei denkmalgeschützte Bauten der Fünfziger- und Sechzigerjahre gekostet.
Gespielt wurde in der Zwischenzeit überall, nur nicht dort, wo es hingehörte. Die Oper zog ins StaatenHaus nach Köln-Deutz, das Schauspiel ins Carlswerk nach Köln-Mülheim; dazu kam eine Außenspielstätte am Offenbachplatz selbst, an der das Kleine Haus im September 2016 öffnete. In 14 Jahren verschieben sich dabei die Gewohnheiten eines ganzen Publikums. Wer die Kölner Oper mit einer Anfahrt nach Deutz verbindet, muss sich an die Innenstadt erst wieder gewöhnen – und die Innenstadt an ihn.
An den Bühnen der Stadt Köln arbeiten rund 800 Menschen, das Gürzenich-Orchester nicht mitgerechnet. Für sie bedeutet der September einen Umzug besonderer Art: aus dem eingespielten Provisorium zurück in ein Haus, das ein erheblicher Teil der Belegschaft nur als Baustelle kennt, weil er nach 2012 eingestellt wurde. Werkstätten, Bühnentechnik, Verwaltung und Ensembles müssen ihre Abläufe an einem Ort neu einrichten, an dem es 14 Jahre lang keine gab. Das ist der Teil der Wiedereröffnung, den niemand feiert.
Die politische Bilanz fällt entsprechend gedämpft aus. Henriette Reker, im Herbst 2025 noch Oberbürgermeisterin, sagte, der Weg dorthin sei sehr schwierig und oft enttäuschend gewesen. Für eine Wiedereröffnung ist das ein bemerkenswert vorsichtiger Satz, und er trifft die Stimmung: Der Kölner Bühnenbau ist über die Jahre zu einem Beispiel geworden, das in Debatten über kommunale Großprojekte regelmäßig zitiert wird – meist nicht als Vorbild.
Das Programm des Bürgerfests ist noch nicht veröffentlicht
Wie das Bürgerfest im Einzelnen aussehen wird, hat die Oper Köln bislang nicht mitgeteilt; angekündigt sind Tage der offenen Tür am 19. und 20. September und der Festakt am 24. September. Auch der Spielplan der ersten Wochen ist noch nicht in Gänze bekannt. Wer die Wiedereröffnung erleben möchte, wird die Ankündigungen der Häuser im August verfolgen müssen. Bei vier Spielstätten und einem Publikum, das 14 Jahre gewartet hat, dürften die ersten Vorstellungen schnell ausverkauft sein.
Offen ist zudem, was aus den Ausweichquartieren wird. Das StaatenHaus in Deutz und das Carlswerk in Mülheim haben 14 Jahre lang eine Aufgabe erfüllt, für die sie nicht errichtet worden waren, und beide liegen weit ab vom Offenbachplatz. Ob sich dort in dieser Zeit ein eigenes Publikum gebildet hat, dem die Innenstadt nun zu umständlich ist, wird sich in der neuen Spielzeit zeigen. Was mit den beiden Standorten künftig geschieht, haben die Bühnen nicht mitgeteilt. Für Deutz und Mülheim ist das keine kleine Frage.
Für das Publikum heißt die Rückkehr zunächst: umlernen. Vier Häuser an einem Platz bedeuten vier Spielpläne, die sich abends gegenseitig im Weg stehen können, dazu eine Garderobenlogistik für bis zu 2.870 Gäste. Wie die Bühnen die Auslastung über vier Spielstätten verteilen wollen, ohne sich selbst Konkurrenz zu machen, wird die erste Spielzeit zeigen. Es ist die angenehmere Sorte Problem – 14 Jahre lang hatte Köln das umgekehrte.
Offen bleibt, ob 798 Millionen Euro die letzte Fassung dieser Zahl sind. Endgültig lässt sich das erst nach der Schlussabrechnung sagen; Bauvorhaben dieser Größenordnung produzieren Nachträge, die noch Jahre nach der Eröffnung zwischen Stadt und Firmen verhandelt werden. Ebenso offen ist, ob das Publikum in der Zahl zurückkommt, in der es 2012 gegangen ist. Ein Haus, das 14 Jahre gefehlt hat, muss seine Zuschauer nicht nur einladen, sondern zurückgewinnen.
Der Bauzaun am Offenbachplatz wird in den kommenden Wochen verschwinden, und das dürfte der stillste Vorgang dieser ganzen Geschichte sein. Ein Jahrgang Kölner Schulkinder ist in der Zwischenzeit erwachsen geworden, ohne je in diesem Parkett gesessen zu haben. Am 19. und 20. September darf er beim Bürgerfest hinein, zusammen mit allen anderen, die sich das Warten abgewöhnt hatten. Was danach kommt, entscheidet sich nicht am Festakt, sondern an einem beliebigen Dienstagabend im Februar.




