Nach 175 Jahren: Warum Kölns Traditionshäuser reihenweise aufgeben
Das Café Eigel an der Brückenstraße hat nach fünf Generationen geschlossen, Bei d'r Tant macht monatelang zu. Bundesweit meldeten 2025 rund 2.900 Gastronomiebetriebe Insolvenz – so viele wie seit 2011 nicht.
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Die Brückenstraße riecht an diesem Vormittag nach warmem Asphalt und nach dem Staub, den die Innenstadt im Juli vor sich herschiebt. Menschen mit Einkaufstüten ziehen vorbei, die meisten schauen dabei aufs Handy. Vor den Hausnummern 1 bis 3 bleibt niemand stehen, und es gibt auch nichts mehr, wofür man stehen bleiben müsste. Hier hat 175 Jahre lang eine Konditorei gearbeitet, fünf Generationen lang, zuletzt geführt von Tina und Niko Eigel. Wer das nicht weiß, geht daran vorbei wie an jedem anderen Erdgeschoss dieser Stadt. Genau das ist das Unangenehme am Kneipen- und Cafésterben: Es hinterlässt keine Lücke, sondern nur Fläche.
Das Café Konditorei Eigel schloss zum 27. Juni 2026. Gegründet wurde das Haus um 1851; zwischen dem Gründungsjahr und dem letzten Öffnungstag liegen zwei Weltkriege, drei Währungen und der komplette Wiederaufbau der Kölner Innenstadt. Auf der Abschiedsseite des Betriebs steht bis heute die Telefonnummer 0221 2575858, als wäre noch etwas zu klären. Es ist nichts mehr zu klären. Die Hausspezialität war eine Pilztorte, und wer sie kannte, muss sich jetzt etwas anderes suchen. In der Adresszeile stand zuletzt Brückenstraße 1–3, 50667 Köln, mitten im Einzugsbereich der Hohe Straße, an einer der teuersten Lagen der Stadt.
Am Ende war die Handarbeit der teuerste Posten in der Kalkulation
Die Betreiber haben ihren Abschied selbst formuliert, nüchtern und ohne Larmoyanz. Sie nennen die wirtschaftliche Realität, die explodierenden Kosten für Energie, Rohstoffe und Personal und ein Konsumverhalten, das sich seit der Pandemie verschoben hat. Der eigene Qualitätsanspruch, schreiben sie, sei in einer Zeit schnelllebiger Massenproduktion zunehmend zum finanziellen Nachteil geworden. Das ist der Satz, an dem ich als gelernte Köchin hängen bleibe. Er beschreibt keine Pleite, sondern eine Entscheidung: lieber aufhören als billiger werden. Unter der Nachricht bedauerten Gäste vor allem, dass beste Rohstoffe und erlerntes Handwerk so wenig Wertschätzung fänden.
„Nach fünf Generationen, in denen wir mit Herzblut für Sie da sein durften, steht uns ein sehr schwerer Abschied bevor.“
Tina und Niko Eigel, Inhaber des Café Konditorei Eigel
Wer Buttercreme selbst aufschlägt, statt sie tiefgekühlt anzuliefern, zahlt zweimal: einmal für die Butter, einmal für die Stunden. Eine Torte, die zwei Tage Arbeit macht, lässt sich nicht zum Preis einer Torte verkaufen, die eine Maschine in Minuten ausstößt. Solange genug Menschen den Unterschied schmecken und ihn bezahlen wollen, geht die Rechnung auf. Wenn nicht, entscheidet die Kalkulation, und die kennt keine 175 Jahre. Dazu kommen Posten, die kein Gast sieht: Kühlung rund um die Uhr, Backöfen, die lange vor der Öffnung laufen, und Ausbildungsplätze, die sich frühestens im dritten Lehrjahr rechnen.
Ein paar Straßen weiter geht es vorerst nur um eine Pause
Nicht jede geschlossene Tür bedeutet dasselbe. Das Traditionslokal Bei d'r Tant nahe der Schildergasse stellte den Betrieb nach dem 4. Juli 2026 ein, aber nicht wegen der Zahlen. Das Gebäude wird umfassend saniert; der zeitliche Rahmen dafür stand nach Angaben des Wirts bereits fest, als die Nachricht öffentlich wurde. Inhaber Frank Hennes hat seinen Gästen deshalb gleich ein Datum mitgegeben, an dem sie wiederkommen sollen. Das ist mehr, als die meisten Betriebe in einer solchen Lage anbieten können, und es ist der einzige tröstliche Unterschied zwischen diesen beiden Kölner Fällen.
„Der Plan ist, dass wir Sie ab dem 1. September 2026 wieder in d'r Tant begrüßen dürfen.“
Frank Hennes, Inhaber des Traditionslokals Bei d'r Tant
Ein Plan ist kein Termin, und Hennes formuliert das selbst vorsichtig: Er blicke mit Zuversicht nach vorn und hoffe, dass die Schließung nur eine vorübergehende Pause sei. Wer schon einmal in einem Altbau eine Küche hat herausreißen lassen, weiß, wie belastbar solche Zeitpläne sind. Ob im September tatsächlich wieder gezapft wird, entscheidet die Baustelle und nicht der Wirt. Für das Personal bedeuten die angekündigten Wochen knapp zwei Monate Ungewissheit, für die Lieferanten zwei Monate ohne Bestellung. Beides steht in keiner Statistik.
Bei d'r Tant gibt es seit über 100 Jahren. Ursprünglich hieß das Haus Cäcilienschenke; den heutigen Namen bekam es vor knapp hundert Jahren nach einer früheren Wirtin, die Kindern Süßigkeiten schenkte und deshalb nur die Tant genannt wurde. Auf der Karte stehen kölsche Klassiker: der Halve Hahn, also ein Roggenbrötchen mit einer dicken Scheibe Käse, und Rievkooche, die geriebenen Kartoffelpuffer, über deren richtige Beilage in kölschen Familien seit Generationen gestritten wird. Solche Häuser sind keine Museen. Sie sind die letzten Orte in der Innenstadt, an denen man sich ohne Reservierung treffen kann.
Die Statistik gibt der Kölner Beobachtung recht
Was in der Brückenstraße zu sehen ist, lässt sich bundesweit zählen. 2025 meldeten rund 2.900 Gastronomiebetriebe Insolvenz an – der höchste Stand seit 2011 und fast 30 Prozent mehr als im Jahr davor. Es war das vierte Jahr in Folge mit steigenden Zahlen. Die Auswertung stammt von der Wirtschaftsauskunftei Creditreform, die Unternehmensdaten sammelt und daraus Ausfallrisiken berechnet. Nachzulesen sind die Werte in der Zusammenfassung von Hogapage vom 19. März 2026. Eine Branche, die sich nach der Pandemie erholen sollte, kommt seither nicht aus dem Minus heraus.
Der längere Blick fällt noch deutlicher aus. Zwischen 2020 und 2025 zählte die Branche mehr als 11.200 Insolvenzen und rund 69.000 Betriebsaufgaben. Die Aufgabe ist dabei der leisere Vorgang: kein Gericht, kein Insolvenzverwalter, kein Aktenzeichen. Die Wirtin schließt ab, gibt den Schlüssel zurück und meldet das Gewerbe ab. In keiner Schlagzeile steht das, im Stadtbild sieht man es trotzdem. Rechnerisch verschwanden in diesen sechs Jahren im Schnitt mehr als 11.000 Betriebe pro Jahr, also deutlich mehr, als in Köln insgesamt Gaststätten gemeldet sind.
- Rund 2.900 Insolvenzen in der Gastronomie im Jahr 2025 – der höchste Stand seit 2011
- Knapp 30 Prozent mehr Fälle als 2024, vierter Anstieg in Folge
- Mehr als 11.200 Insolvenzen und rund 69.000 Betriebsaufgaben zwischen 2020 und 2025
- Knapp 40 Prozent der Betriebe mit einer Eigenkapitalquote unter 10 Prozent
- Knapp ein Drittel der Betriebe arbeitet mit Verlust
Hinter den Fallzahlen steht eine dünne Kapitaldecke. Knapp 40 Prozent der Betriebe haben eine Eigenkapitalquote unter 10 Prozent; sie arbeiten also fast ausschließlich mit fremdem Geld. Knapp ein Drittel schreibt Verluste. Auf 10.000 Betriebe kamen zuletzt 108 Insolvenzen. Wer so aufgestellt ist, übersteht keinen verregneten Sommer, keine kaputte Spülmaschine und keine Nachzahlung vom Energieversorger. Die Rücklage, von der in Bilanzen die Rede ist, ist in dieser Branche oft schlicht das Privatkonto der Inhaber.
„Pandemie, Energiekrise und Inflation haben die Gastronomie hart getroffen. Viele Betriebe haben diese Abfolge von Krisen nicht überlebt.“
Patrik-Ludwig Hantzsch, Creditreform-Wirtschaftsforschung
Regional verteilt sich das ungleich. Nordrhein-Westfalen liegt beim Anteil insolvenzgefährdeter Gastronomiebetriebe mit 14,5 Prozent auf Platz zwei, knapp hinter Berlin mit 14,6 Prozent. Für Köln ist das keine gute Nachricht. In einer Stadt mit hohen Gewerbemieten und einer Innenstadt, die vom Publikumsverkehr lebt, schlägt jede Kaufzurückhaltung sofort auf die Tageskasse durch. Und anders als ein Einzelhändler kann eine Wirtin ihre Ware nicht ins nächste Quartal schieben: Was am Donnerstag nicht verkauft wird, ist am Montag Abfall.
Beim Sparen steht das Essengehen ganz oben auf der Liste
Die Gäste haben ihren Anteil daran, und sie wissen es. Nach einer YouGov-Umfrage vom Februar sparen 42 Prozent der Verbraucherinnen und Verbraucher am ehesten bei Kino, Theater, Konzerten und Restaurantbesuchen. Bei Möbeln sind es 32 Prozent, bei Kleidung 29 Prozent, bei Elektronik 28 Prozent. An Lebensmitteln sparen nur 14 Prozent. Der Braten für zu Hause bleibt also im Einkaufswagen, der Restaurantbesuch fällt aus. Das ist die exakte Umkehrung dessen, was die Branche nach der Pandemie erhofft hatte.
Ökonomisch ist das verständlich, gastronomisch ist es fatal. Der Restaurantbesuch ist die am leichtesten streichbare Ausgabe im Monat: Man muss nichts kündigen, nichts umbuchen, man geht einfach nicht hin. Für den Betrieb bedeutet derselbe Verzicht einen leeren Dienstagabend, an dem trotzdem zwei Leute in der Küche stehen, die Kühlung läuft und die Miete weiterzählt. Zwei schlechte Dienstage im Monat sind verkraftbar. Zwei schlechte Jahre sind es nicht, und genau die liegen hinter den meisten Häusern.
Was aus den Flächen wird, ist in beiden Fällen offen
Für die Brückenstraße ist nicht bekannt, wer dort künftig aufschließt; die Betreiber haben dazu nichts mitgeteilt. Nachlesen lässt sich der Abschied weiterhin auf der Seite des Café Eigel, und die Reaktionen der Gäste hat unter anderem t-online Köln gesammelt. Bei d'r Tant hat immerhin ein Ziel. Bis dahin fehlen der Innenstadt zwei Adressen, an denen man sich verabreden konnte, ohne vorher einen Tisch zu buchen.
Was helfen würde, ist unspektakulär und kostet nichts als Entschlossenheit. Der Wirtin, die morgens um sechs die Lieferung annimmt, hilft kein Beileidskommentar im Netz, sondern ein besetzter Tisch am Mittwoch. Wer ein Traditionshaus vermissen würde, sollte hingehen, solange es geöffnet hat – und zwar nicht nur zum runden Geburtstag der Schwiegermutter. Das klingt banal, weil es banal ist. Es ist trotzdem der einzige Hebel, den Gäste tatsächlich in der Hand halten.
Meine Empfehlung ist deshalb konkret und ein bisschen unbequem: Bestellen Sie im Traditionslokal das Gericht, das Arbeit macht. Die Rievkooche, den geschmorten Braten, die Torte mit der langen Herstellung. Genau daran hängen die Stunden, die den Unterschied ausmachen, und genau die werden zuerst gestrichen, wenn die Karte kleiner wird. Mein Vorbehalt gilt dem September: Ein angekündigtes Wiedereröffnungsdatum ist ein Plan, kein Versprechen. Ich würde bis dahin nicht darauf warten, sondern anderswo einkehren – am besten in einem Haus, das noch offen hat.




