Mehr Gründungen, drei Viertel weniger Kapital: Kölns Startup-Halbjahr
76 Neugründungen in sechs Monaten sind ein Kölner Spitzenwert. Zugleich sank das eingesammelte Kapital von 186 auf 47,3 Millionen Euro. Am Standort sind derzeit 894 Startups aktiv.
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76 Neugründungen bei 47,3 Millionen Euro Kapital: In dieser Kombination steckt der gesamte Befund der Kölner Startup-Bilanz für das erste Halbjahr 2026, die die städtische Wirtschaftsförderung KölnBusiness am 9. Juli vorgelegt hat. Die Zahl der Gründungen ist gegenüber dem Vorjahreszeitraum von 47 auf 76 gestiegen, ein Plus von gut 60 Prozent. Das öffentlich bekannt gewordene Kapital sank im selben Zeitraum von 186 auf 47,3 Millionen Euro, ein Minus von rund drei Vierteln. Es wird also gegründet wie selten, und es wird finanziert wie lange nicht.
Die Zahl der Finanzierungsrunden ging dabei weniger stark zurück als das Volumen: 28 Runden im ersten Halbjahr 2026 gegenüber 37 im Vorjahreszeitraum. Rechnerisch sank das Durchschnittsvolumen je Runde damit von rund 5,0 auf 1,7 Millionen Euro. Nicht die Zahl der Abschlüsse ist eingebrochen, sondern deren Größe. Das ist die Signatur eines Marktes, in dem Frühphasenkapital noch fließt und Wachstumskapital fehlt.
Vier Runden machen knapp drei Viertel des Halbjahresvolumens aus
Die größten Abschlüsse entfielen auf JUPUS mit 13 Millionen Euro, Foodforecast und eternal.ag mit je 8 Millionen Euro sowie UMH System mit 5 Millionen Euro. Zusammen sind das 34 Millionen Euro und damit knapp drei Viertel des gesamten Halbjahresvolumens. Für die übrigen 24 bekannt gewordenen Runden bleiben rechnerisch 13,3 Millionen Euro, im Schnitt also gut eine halbe Million je Abschluss.
- JUPUS: 13 Millionen Euro
- Foodforecast: 8 Millionen Euro
- eternal.ag: 8 Millionen Euro
- UMH System: 5 Millionen Euro
- 24 weitere bekannt gewordene Runden: zusammen rund 13,3 Millionen Euro
Eine Konzentration dieser Art ist in kleinen Ökosystemen normal, sie macht die Bilanz aber anfällig für Einzelereignisse: Fällt eine große Runde aus oder verschiebt sie sich über den Stichtag hinaus, bricht die Halbjahresstatistik ein. Der Vergleich über zwei Jahre zeigt die Größenordnung. 2024 flossen nach Angaben von deutsche-startups.de 381 Millionen Euro in Kölner Startups, 2025 waren es in 73 Runden rund 380 Millionen Euro. Bliebe das zweite Halbjahr auf dem Niveau des ersten, landete Köln bei etwa einem Viertel dieses Werts.
894 aktive Startups, aber nur vier mehr als im Vorjahr
Am Standort sind derzeit 894 Startups aktiv, im Vorjahr waren es 890. Der Bestand wächst also kaum, obwohl deutlich mehr gegründet wird als im Vorjahreszeitraum. Das bedeutet, dass am anderen Ende ähnlich viele Unternehmen aus der Statistik verschwinden – durch Aufgabe, Verkauf oder Wegzug. KölnBusiness weist diese Abgänge nicht gesondert aus. Die Bruttozahl der Gründungen ist deshalb die freundlichere Kennziffer; die Nettoentwicklung des Bestands ist die aussagekräftigere.
Gemessen an der eigenen Zeitreihe sind die 76 Neugründungen dennoch ein Spitzenwert: Im gesamten Jahr 2025 hatte KölnBusiness 112 Gründungen gezählt, und das war bereits ein Rekord. Nach sechs Monaten sind davon rund zwei Drittel erreicht. Hielte das Tempo an, dürfte Köln 2026 die Marke von 150 überschreiten – bei einem Kapitalzufluss, der auf ein Viertel des Vorjahresniveaus zusteuert.
Bei 18 Prozent der Neugründungen gehörte mindestens eine Gründerin zum Team. Die meisten neuen Unternehmen entstanden in den Bereichen Software, Werbung und Bildung, E-Commerce, Rechtsberatung und Medizin. Das Branchenprofil passt zum Standort: Köln zählte Mitte 2025 56.706 sozialversicherungspflichtig Beschäftigte im Bereich Information und Kommunikation und 16.454 in Rechts- und Steuerberatung sowie Wirtschaftsprüfung – Reservoirs an Fachpersonal in genau diesen Feldern.
Der Gründerinnenanteil lässt sich schwer einordnen, weil KölnBusiness keine Vergleichszahl für das Vorjahr nennt. Festhalten lässt sich lediglich: In vier von fünf neuen Kölner Startups gründen ausschließlich Männer. Für einen Standort, an dem Mitte 2025 295.086 Frauen sozialversicherungspflichtig beschäftigt waren, ist das eine bemerkenswerte Quote.
„Startups sind ein zentraler Motor für Innovation und wirtschaftliche Dynamik in Köln.“
Dr. Manfred Janssen, Geschäftsführer von KölnBusiness
Janssen räumt zugleich ein, dass es beim Zugang zu Kapital herausfordernd bleibe. Das ist die zurückhaltende Formulierung für einen Rückgang um rund 75 Prozent. Eine Aufschlüsselung nach Finanzierungsphasen enthält die Bilanz nicht; das gesunkene Durchschnittsvolumen je Runde legt aber nahe, dass vor allem die größeren Anschlussrunden fehlen – jene also, die ein Unternehmen zwei bis drei Jahre nach der ersten Finanzierung braucht.
Ein Kölner Fonds sammelt gegen den Trend ein
Eine Gegenbewegung gibt es. Der Frühphasen-Investor neoteq ventures hat im Mai 2026 das First Closing seines zweiten Fonds vermeldet und dabei über 25 Millionen Euro eingesammelt; das Zielvolumen liegt bei 50 Millionen Euro. Gemessen am gesamten Halbjahresvolumen von 47,3 Millionen Euro ist allein dieses First Closing mehr als die Hälfte – was zeigt, wie klein die Beträge sind, über die hier gesprochen wird. Ein einziger regionaler Fonds kann in Köln den Unterschied zwischen einem guten und einem schlechten Jahr ausmachen.
Regionale Fonds sind für ein Ökosystem dieser Größe deshalb mehr als eine Kapitalquelle: Sie sind einer der Gründe, aus denen ein Unternehmen nach der ersten Runde am Standort bleibt. Ob neoteq ventures sein Zielvolumen von 50 Millionen Euro erreicht, ist für Köln damit relevanter als jede einzelne Finanzierungsrunde dieses Halbjahres.
Zum Vergleich, weil Größenordnungen in dieser Debatte gern verrutschen: Die Stadt Köln erwartet für 2026 einen Gewerbesteuerertrag von 1.684,9 Millionen Euro und damit 118,2 Millionen Euro weniger als geplant. Das gesamte im ersten Halbjahr bekannt gewordene Startup-Kapital entspricht knapp 3 Prozent des erwarteten Gewerbesteuerertrags und 40 Prozent des Betrags, der der Stadt bei dieser Steuer gegenüber ihrer eigenen Planung fehlt.
Land und Stadt betonen die Rolle Kölns im NRW-Ökosystem
Aus der Politik kamen zur Bilanz die üblichen Einordnungen, immerhin mit Zahlen unterlegt. NRW-Wirtschaftsministerin Mona Neubaur verwies darauf, dass das Rheinland 75 Prozent des NRW-Ökosystemwertes erwirtschafte und Köln bei grünen Gründungen den dritten Platz im bundesweiten Ranking der Regierungsbezirke belege. Oberbürgermeister Torsten Burmester nannte als Bedingung für Wachstum verlässliche Rahmenbedingungen und schnelle Wege.
„Damit aus guten Ideen erfolgreiche Unternehmen werden, braucht es verlässliche Rahmenbedingungen und schnelle Wege.“
Torsten Burmester, Oberbürgermeister von Köln
Der Verweis auf schnelle Wege ist konkreter, als er klingt. Für ein Unternehmen mit sechs Monaten Liquiditätsreserve ist die Bearbeitungsdauer eines Antrags oder einer Genehmigung keine Verwaltungsfrage, sondern eine Existenzfrage. Welche Verfahren die Stadt beschleunigen will und bis wann, teilte sie zur Halbjahresbilanz allerdings nicht mit.
Was in der Bilanz fehlt, ist der Vergleich mit anderen Standorten. Ob Berlin, München oder Hamburg im ersten Halbjahr 2026 ähnliche Einbrüche verzeichneten, geht aus den Kölner Zahlen nicht hervor – und ohne diesen Vergleich lässt sich nicht beurteilen, ob Köln ein Kapitalproblem hat oder ob der gesamte deutsche Wagniskapitalmarkt eines hat. Für die betroffenen Unternehmen macht das im Einzelfall keinen Unterschied. Für die Standortpolitik macht es den ganzen.
Absehbar ist zweierlei. Erstens wird sich am zweiten Halbjahr zeigen, ob 47,3 Millionen Euro ein Ausreißer waren oder das neue Niveau. Zweitens entscheidet sich die Frage, ob 76 Neugründungen ein guter Wert sind, erst in zwei bis drei Jahren – dann nämlich, wenn diese Unternehmen ihre erste größere Anschlussfinanzierung brauchen. Bleibt es beim heutigen Kapitalangebot, dürfte ein erheblicher Teil von ihnen sie nicht bekommen.




