Rund um Köln: Nach einer Woche ist die Hälfte der Plätze weg
8.675 Starter im Mai, 4.780 Anmeldungen für 2027 in nur sieben Tagen: Deutschlands ältester Radklassiker wächst schneller, als seine Kontingente zulassen. Seit dem 23. Juli hat er einen Brauereipartner.
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Wer am 17. Mai in Köln mit dem Auto irgendwohin wollte, brauchte Geduld. Rund um Köln fährt auf gesperrten Straßen, und in diesem Jahr saßen darauf so viele Menschen wie noch nie: 8.675 Starterinnen und Starter bei den Jedermannrennen. Drei Jahre zuvor waren es knapp 4.700 gewesen. Deutschlands ältestes Profirennen ist inzwischen vor allem ein sehr großes Volksradfahren, an dessen Rand auch noch ein Profirennen stattfindet. Das ist keine Kritik, sondern eine Bestandsaufnahme.
Angefangen hat die Sache 1908. Die Auflage im Mai war die 108., und in dieser Zahl steckt mehr Stadtgeschichte als in den meisten Kölner Jubiläen: zwei Weltkriege, mehrere Streckenführungen und die komplette Entwicklung des Radsports vom Schauwettbewerb zum Freizeitmassenphänomen. Von der Ergebnisliste des Eliterennens spricht am Montag danach kaum jemand. Von der Anmeldeliste inzwischen sehr viele.
Die eigentliche Nachricht steht in einer Mitteilung vom Juli
Am 7. Juli öffnete die Anmeldung für die 109. Auflage, die am 23. Mai 2027 gefahren werden soll. Ausgeschrieben sind zwei Jedermanndistanzen: der Velodom 120 mit 5.000 Startplätzen und der Velodom 60 mit 4.500. Im Frühbuchertarif kostet der Start beim Velodom 120 90 Euro und beim Velodom 60 70 Euro. Beide Strecken führen über gesperrte Straßen durch Köln und das Bergische Land, beide enthalten die Kopfsteinpflasterpassage hinauf zum Schloss Bensberg.
Zu den Preisen gehört eine Einschränkung, die der Veranstalter nicht ausführt. Genannt werden Frühbuchertarife, was in der Logik solcher Veranstaltungen bedeutet, dass es später teurer wird. Bis wann diese Tarife gelten und wie die Staffelung danach aussieht, stand in der Meldung vom 7. Juli nicht. Wer also rechnet, sollte die 90 beziehungsweise 70 Euro als Untergrenze lesen, nicht als Endpreis.
Acht Tage später meldete der Veranstalter, wie der Verkauf angelaufen ist, und diese Meldung ist der Anlass dieses Beitrags. Nach einer Woche lagen 4.780 Anmeldungen vor, 2.600 für den Velodom 120 und 2.180 für den Velodom 60. Zum gleichen Zeitpunkt des Vorjahres waren es rund 1.800 gewesen. Das ist ein Plus von mehr als 165 Prozent, und es betrifft eine Veranstaltung, die im Mai bereits ausverkauft war.
„Dieses enorme Interesse begeistert uns und zeigt, wie stark sich Rund um Köln in den vergangenen Jahren entwickelt hat. Nach der bereits Monate im Voraus ausverkauften Veranstaltung 2026 erleben wir nun erneut einen außergewöhnlichen Anmeldestart. Wer am 23. Mai 2027 dabei sein möchte, sollte nicht mehr allzu lange warten.“
Markus Frisch, Geschäftsführer der Kölner AusdauerSport GmbH
Rechnen hilft an dieser Stelle mehr als jedes Adjektiv. 9.500 Startplätze stehen insgesamt zur Verfügung, 4.780 waren nach sieben Tagen weg. Beim Velodom 120 sind das 52 Prozent des Kontingents, beim Velodom 60 knapp 48 Prozent. Es bleiben also gut 4.700 Plätze für die verbleibenden rund zehn Monate bis zum Renntag. Wer den Verlauf des Vorjahres kennt, rechnet nicht damit, dass diese Plätze zehn Monate halten.
Denn die Veranstaltung 2026 war schon seit Anfang des Jahres ausgebucht, also mehr als vier Monate vor dem Start. Für ein Jedermannrennen ist das ungewöhnlich; viele Volksradveranstaltungen kämpfen um Teilnehmende, nicht um Kapazität. In Köln ist die Anmeldung zu einer eigenen Disziplin geworden. Wer im Frühjahr aufwacht und mitfahren will, fährt nicht mit.
Das Feld ist nicht nur größer, es ist auch anders zusammengesetzt
Interessanter als die Gesamtzahl ist ihre Aufteilung. Die Aufstellung zum Renntag zeigt ein Feld, das von zwei fast gleich starken Distanzen getragen wird. Der lange Kurs liegt knapp vorn, der mittlere unmittelbar dahinter, alles andere ist im Vergleich klein. So verteilten sich die Starts im Mai:
- Velodom 120: 4.075 Teilnehmende
- Velodom 60: 4.023 Teilnehmende
- Velodom 30: 446 Teilnehmende
- KSK Schülertour: 171 Jugendliche
- Pänz Tour: 60 Kinder
Wer nachaddiert, kommt auf eine leicht abweichende Summe als die vom Veranstalter genannten 8.675; welche Wertung der Gesamtzahl zugrunde liegt, geht aus den Mitteilungen nicht hervor. An der Aussage ändert das nichts. Die beiden langen Distanzen tragen die Veranstaltung, und das Verhältnis zwischen ihnen ist nahezu ausgeglichen. Für 2027 sind die Kontingente entsprechend zugeschnitten: 5.000 Plätze auf der langen, 4.500 auf der mittleren Distanz.
Der aufschlussreichste Wert steckt in der kürzesten Distanz. Beim Velodom 30, gestartet in Bergisch Gladbach, lag der Frauenanteil bei 31 Prozent, das Durchschnittsalter der Fahrerinnen bei 34 Jahren. Das ist deutlich jünger und deutlich weiblicher als das, was man auf den langen Strecken sieht. Wer den Radsport in Köln über die üblichen Mittvierziger hinaus verbreitern will, findet hier den Ansatzpunkt. Er ist nur mit 446 Startplätzen ziemlich klein geraten.
Am unteren Ende der Altersskala steht das, was in Köln Pänz Tour heißt. 60 Kinder zwischen zwei und fünf Jahren fuhren dort mit, gestartet wurde am frühen Nachmittag. Die KSK Schülertour für die Sechs- bis 13-Jährigen lief bereits am Samstag zuvor, mit über 170 Teilnehmenden. Beide Wettbewerbe erscheinen in keiner Ergebnisliste, die jemanden außerhalb der Familie interessiert. Sie sind trotzdem der Grund, warum man in zehn Jahren wieder über Anmelderekorde reden wird.
Der Renntag selbst ist eine logistische Kette. Der Velodom 60 startete um 9 Uhr, der Velodom 120 um 9.30 Uhr, die ersten dieser Felder kamen im Laufe des Vormittags zurück an den Rheinauhafen. Um 12.30 Uhr ging in Bergisch Gladbach der Velodom 30 auf die Strecke, am Nachmittag folgten die Kinder. Dazwischen fuhren die Profis. Alles das auf denselben gesperrten Straßen, an einem Tag.
Das Profirennen fährt weiterhin die schwerste Strecke
Das Eliterennen wurde am 17. Mai um 11.30 Uhr neutralisiert gestartet und ging über 194 Kilometer mit 2.060 Höhenmetern. Auf der Strecke liegt die Kopfsteinpflasterpassage hinauf zum Schloss Bensberg, die im Kölner Radsport denselben Status hat wie anderswo ein Berg mit Namen. Start und Ziel lagen am Rheinauhafen, die Ankunft der Spitze wurde für den späten Nachmittag erwartet. Übertragen wurde das Rennen kostenlos im Livestream, unter anderem über sportschau.de.
Eine Zahl aus dem Mai gehört neben die 8.675 gestellt: 1.200 ehrenamtliche Helferinnen und Helfer waren im Einsatz. Das ist ungefähr eine Person auf sieben Startende, und es ist die Zahl, an der so eine Veranstaltung hängt. Absperrungen, Verpflegung, Zeitmessung, Streckenposten – nichts davon läuft ohne Menschen, die morgens früh an der Straße stehen und dafür ein Käsebrötchen bekommen. Wer über Wachstum bei Jedermannrennen redet, redet zuerst über sie.
1.200 Ehrenamtliche sind die eigentliche Grenze des Wachstums
Genau hier liegt der Grund, warum der Veranstalter die Startplätze deckelt. 9.500 Plätze sind keine Marktentscheidung, sondern eine Frage von Streckenkapazität, Sperrzeiten und verfügbaren Helferinnen und Helfern. Eine Straßensperrung im Bergischen Land lässt sich nicht beliebig verlängern, und ein Fahrerfeld, das zu dicht wird, ist schlicht gefährlich. Der Boom hat also eine Obergrenze, und sie ist erreichbar, ohne dass jemand etwas falsch macht.
Was sich daraus für 2027 ergibt, lässt sich nur als Erwartung formulieren. Wenn die Anmeldungen im bisherigen Tempo weiterlaufen, dürfte die Veranstaltung erneut Monate vor dem Renntag ausgebucht sein. Sicher ist das nicht: Anmeldezahlen der ersten Woche sind traditionell hoch, weil die Entschlossenen zuerst kommen. Verlässlich beobachten lässt sich das erst im Herbst.
Seit dem 23. Juli hat der Klassiker einen Brauereipartner
Vier Tage vor Erscheinen dieses Beitrags kam eine zweite Meldung aus dem Veranstalterbüro, und sie ist auf ihre Art typisch kölsch. Rund um Köln und die Privatbrauerei Reissdorf haben eine Zusammenarbeit vereinbart. Die Brauerei wird Partner von drei Ausdauerveranstaltungen in der Stadt: Rund um Köln, dem Generali Köln Marathon und dem Köln Triathlon. Verbunden werden soll die Partnerschaft mit einem alkoholfreien Radler, das die Brauerei neu im Programm hat.
Zur Laufzeit und zum finanziellen Umfang teilten die Beteiligten nichts mit. Namentliche Zitate enthält die Mitteilung ebenfalls nicht, was bei Sponsorenmeldungen ungewöhnlich ist. Man darf die Überschrift „Zwei Kölner Originale fahren künftig gemeinsam“ für Marketing halten. Man darf aber auch festhalten, dass ein Rennen von 1908 und eine Kölner Brauerei sich nicht groß erklären müssen, wenn sie zusammenarbeiten. Ob das dem Rennen hilft, entscheidet sich nicht an der Überschrift, sondern am Etat.
Bemerkenswert an der Meldung ist die Aufzählung. Rund um Köln, der Generali Köln Marathon und der Köln Triathlon werden in einem Atemzug genannt – drei große Ausdauerveranstaltungen, die in dieser Stadt binnen eines Jahres stattfinden. Als Geschäftsführer der Kölner AusdauerSport GmbH tritt bei Rund um Köln Markus Frisch auf. Wie eng die drei Veranstaltungen organisatorisch zusammenhängen, geht aus der Mitteilung nicht hervor.
Für die Stadt ist das alles eine erfreuliche Entwicklung mit einem Nebeneffekt, der jedes Jahr diskutiert wird. Ein Renntag auf gesperrten Straßen bedeutet, dass Köln und Teile des Bergischen Landes einen Sonntag lang anders funktionieren. Bei knapp 4.700 Teilnehmenden vor drei Jahren war das eine überschaubare Angelegenheit. Bei 8.675 ist es das nicht mehr. Wer eine Veranstaltung dieser Größe will, muss die Sperrungen mitwollen.
Bemerkenswert bleibt, wie unspektakulär dieser Boom zustande gekommen ist. Kein neues Format, keine Weltmeisterschaft, kein Stadtmarketing-Coup: dieselben Strecken, dasselbe Datum im Mai, dasselbe Kopfsteinpflaster in Bensberg. Gewachsen ist die Zahl der Menschen, die an einem Sonntagmorgen 60 oder 120 Kilometer fahren wollen, ohne dass jemand dafür ein Ergebnis notiert. Das ist im Grunde die beste Nachricht des Kölner Sportjahres. Anmelden sollte man sich trotzdem lieber jetzt.
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