Mehr als zehn Prozent verschollen: Die Depotlücken des RJM
Das Rautenstrauch-Joest-Museum nennt selbst eine Zahl, die es nicht aufschlüsselt: Mehr als zehn Prozent seiner Bestände gelten als verschollen. Ein Blick hinter die Vitrinen.
Lesezeit 6 Min.
Ein ethnologisches Museum ist zum weitaus größten Teil ein Lager. Was in den Vitrinen an der Cäcilienstraße steht, ist ein Ausschnitt; der Rest liegt in Kartons, in Regalen, in Seidenpapier, bei kontrollierter Temperatur und gedämpftem Licht. Über dieses Lager erfährt das Publikum wenig, und was es erfährt, ist selten beruhigend. Beim Rautenstrauch-Joest-Museum steht die unangenehmste Auskunft nicht im Depot, sondern im Netz – und sie handelt davon, dass ein erheblicher Teil des Bestands schlicht nicht auffindbar ist.
Auf der Portalseite der Museen der Stadt Köln steht der Satz ohne Umschweife: Mehr als zehn Prozent der Bestände des Rautenstrauch-Joest-Museums gelten als verschollen. Kein Zusatz, keine Aufschlüsselung, keine Jahreszahl. Für ein städtisches Haus ist das eine bemerkenswerte Selbstauskunft. Sie besagt nicht, dass etwas restituiert oder ausgelagert wurde. Sie besagt, dass die Inventare Einträge führen, zu denen sich im Depot nichts finden lässt.
„Mehr als zehn Prozent der Bestände des Rautenstrauch-Joest-Museums gelten als verschollen.“
Museen der Stadt Köln, Portalseite zum Rautenstrauch-Joest-Museum
Zwei Zahlen, die nicht zusammenpassen
Wie groß der Bestand überhaupt ist, beantwortet das Museum an zwei Stellen unterschiedlich. Die Sammlungsseite nennt etwa 60.000 materielle Kulturgüter und rund 100.000 Fotografien. Die Seite zur Geschichte des Hauses spricht von etwa 65.000 Objekten, dazu 100.000 historische Fotografien und 40.000 Fachbücher. Fünftausend Objekte Unterschied zwischen zwei Seiten derselben Website: Das ist keine Schlamperei, sondern ein Symptom. Wo gezählt wird, wird nach unterschiedlichen Kriterien gezählt.
Die regionale Aufteilung macht das anschaulich. Das Museum weist rund 18.500 Objekte aus Ozeanien aus, etwa 15.365 aus Afrika, je rund 8.000 aus den Amerikas und aus Asien – und für das insulare Südostasien nennt es nicht Objekte, sondern etwa 9.000 Inventarnummern. Der Wechsel der Einheit mitten in der Aufzählung ist der eigentliche Fachbegriff dieses Textes. Eine Inventarnummer kann ein Stück bezeichnen oder ein Konvolut. Wer Bestände zählt, zählt zunächst Akten.
Damit relativiert sich auch die Zehn-Prozent-Angabe, ohne kleiner zu werden. Bezogen auf 60.000 Objekte wären das mehr als 6.000 fehlende Stücke, bezogen auf 65.000 mehr als 6.500. Größenordnung: der gesamte asiatische Bestand des Hauses, oder fast die Hälfte des afrikanischen. Aus welchen Sammlungsbereichen die Verluste stammen, teilt das Museum nicht mit. Die Zahl steht als Summe da, und Summen sind in diesem Fall das Gegenteil einer Erklärung.
Krieg, Hochwasser, Umzug: drei Gelegenheiten, etwas zu verlieren
Die Depotgeschichte des Hauses liefert reichlich Anlässe. Gegründet 1901 und 1906 in der Kölner Südstadt eröffnet, ging das Museum aus der über 3.500 Objekte umfassenden Privatsammlung des Weltreisenden Wilhelm Joest hervor. Im Zweiten Weltkrieg wurde das Gebäude nach eigenen Angaben schwer beschädigt; der gesamte Nordflügel wurde bis zum Erdgeschoss hinab zerstört. Ein Haus, dem ein Flügel wegbricht, verliert nicht nur Mauerwerk, sondern auch die Ordnung, in der Dinge abgelegt waren.
Ein halbes Jahrhundert später traf es die Keller. Die Kölner Jahrhunderthochwasser von 1993 und 1995 machten nach Darstellung des Museums die unterirdischen Depotflächen unbrauchbar. Seit Herbst 2010 ist das Haus am Neumarkt, an der Cäcilienstraße 29–33, zu finden; 2012 erhielt es den Museumspreis des Europarates. Zwischen der ersten Aufstellung 1906 und dem heutigen Standort liegen also mindestens ein Kriegsschaden, zwei Überflutungen und ein kompletter Umzug. Das ist die Chronologie, die das Museum selbst erzählt.
Ob die verschollenen Objekte auf diese Ereignisse zurückgehen, ist damit ausdrücklich nicht gesagt. Kriegsverluste, unvollständige Inventare, Abgaben und Tauschgeschäfte kommen als Ursachen in Betracht, aber welchen Anteil sie in Köln haben, geht aus keiner der öffentlich zugänglichen Angaben hervor. Das Museum nennt die Zahl und schlüsselt sie nicht auf. Diese Lücke offen zu benennen ist redlicher, als sie mit einer plausiblen Geschichte zu füllen – und sie bleibt trotzdem eine Lücke.
Der eine Bestand, der durchgezählt wurde
Für einen Teil der Sammlung gibt es ein Gegenbeispiel, und es zeigt, was Depotarbeit leisten kann. 2017 wurde der gesamte fotografische Bestand des Hauses gereinigt, digitalisiert und archivgerecht neu verpackt – rund 100.000 Fotografien aus nahezu allen Weltregionen. Ein modernes Depot für diese Objekte befindet sich nach Angaben des Museums in Planung. Wer einen Bestand einmal Stück für Stück in die Hand genommen hat, weiß danach, was er besitzt. Genau das ist die Voraussetzung dafür, Fehlendes überhaupt als fehlend zu erkennen.
Diese Fotografien sind zugleich der Bestand mit der heikelsten Herkunft. Sie wurden dem Museum zufolge von Missionaren, Kolonialbeamten oder Reisenden angefertigt oder bei Fotostudios weltweit erworben; Bilder aus Afrika und Ozeanien bilden einen Schwerpunkt. Wer koloniale Aufnahmen digitalisiert, macht sie zugänglich und wiederholt zugleich den Blick, der sie hervorgebracht hat. Dass das Haus diesen Bestand als ersten vollständig erschlossen hat, ist deshalb weniger eine Erledigung als eine neue Aufgabe.
Der laufende Betrieb hinter der Depottür heißt präventive Konservierung: Klimaführung, Lichtsteuerung, Schädlingsbekämpfung, dazu die Untersuchung von Materialien, Herstellungstechniken und Schadensbildern. Zuständig ist die hauseigene Restaurierung, die mit Sammlungsfachleuten und externen wissenschaftlichen Einrichtungen zusammenarbeitet, darunter die TH Köln. Das ist unspektakuläre Arbeit an Holz, Textil, Metall und Keramik, und sie entscheidet darüber, ob ein Objekt in fünfzig Jahren noch existiert. Restitutionsdebatten setzen voraus, dass es das tut.
Provenienzforschung mit Anfang, Ende und einer Stelle
Die systematische Sichtung des Gesamtbestands ist in Köln ein benanntes Vorhaben. Das Museum beschreibt sie als Prüfung des vorhandenen Provenienzwissens und dessen Erweiterung um neue Informationen. Getragen wurde die Provenienzforschung von 2020 bis 2022 durch ein Forschungsvolontariat, gefördert vom Ministerium für Kultur und Wissenschaft des Landes Nordrhein-Westfalen im Rahmen des Programms für Kunstmuseen in NRW sowie von der Museumsgesellschaft RJM e.V. Die Koordination lag bei Yagmur Karakis.
Man muss diese Konstruktion einmal ausbuchstabieren. Ein Bestand von rund 60.000 Objekten, aufgebaut über mehr als ein Jahrhundert, wird in einem auf zwei Jahre befristeten Volontariat gesichtet. Das Museum formuliert das Ziel entsprechend bescheiden: Die Ergebnisse sollen die Grundlage für weitere Schritte bilden – für die Priorisierung von Beständen zur vertieften Forschung, für den Ausbau der Zusammenarbeit mit Herkunftsgesellschaften und für den Austausch mit anderen Museen. Es geht also um eine Landkarte, nicht um Antworten.
Dass daraus konkrete Vorgänge werden können, hat das Haus gezeigt. 2018 gab es einen Toi Moko nach Neuseeland zurück, einen tätowierten und präparierten Kopf; es war die erste Restitution seiner Geschichte. In der Forschung des Hauses steht außerdem der Kopf einer Vishnu-Skulptur, seit 1986 in der Sammlung, der einer Figur aus dem kambodschanischen Prasat Bakong zugeordnet werden konnte und dem Museum zufolge in den 1960er Jahren höchstwahrscheinlich illegal außer Landes gebracht wurde. Eine offizielle Rückgabeforderung liegt nicht vor; das Museum sucht nach eigener Darstellung dennoch nach Wegen der Rückgabe.
Eine Ausstellung, die das Fehlende zum Ausgangspunkt nimmt
In der Sonderausstellung „WE ARE WHAT WE ARE NOT“ macht der äthiopische Künstler Yohannes Mulat Mekonnen, Gerda-Henkel-Fellow am Haus, genau diese verschollenen Objekte zum Ausgangspunkt seiner künstlerischen Arbeit; sie läuft noch bis zum 30. August 2026. Was die Schau daraus formt und wie sie das Museum ohne eigene Sammlungsstücke bespielt, steht in unserem Beitrag über die [Ausstellung und das koloniale Erbe des Hauses](/artikel/rautenstrauch-joest-koloniales-erbe). Hier interessiert die Voraussetzung: dass es diese Leerstellen tatsächlich gibt, in Aktenform, mit Nummern.
Was offen bleibt
Offen bleibt fast alles, was man wissen möchte. Wie viele Objekte genau fehlen, seit wann sie fehlen, in welchen Sammlungsbereichen, auf welche Ereignisse die Verluste zurückgehen und ob es einen Zeitplan gibt, sie zu klären – zu keiner dieser Fragen liegen öffentliche Angaben vor. Auch die Differenz zwischen 60.000 und 65.000 Objekten auf den eigenen Seiten hat das Museum bislang nicht erläutert. Wir haben das Rautenstrauch-Joest-Museum dazu nicht befragt; die Angaben in diesem Text stammen ausschließlich aus öffentlich zugänglichen Quellen.
Die Dauerausstellung stammt aus dem Jahr 2010 und wird nach Angaben der Stadt schrittweise erneuert. Daran wird sich ablesen lassen, wie ernst das Haus die eigene Auskunft nimmt – ob die Lücke im Bestand zum Thema der Räume wird oder ein Satz auf einer Portalseite bleibt. Der Museumspreis des Europarates von 2012 ehrte ein Haus, das sich seiner Herkunft stellt. Die Depotfrage ist die unglamouröse Fortsetzung derselben Aufgabe.
Zu sehen ist von alldem an der Cäcilienstraße 29–33 zunächst nichts. Geöffnet ist dienstags bis sonntags von 10 bis 18 Uhr, donnerstags bis 20 Uhr; die Dauerausstellung kostet 7 Euro, ermäßigt 4,50 Euro, die Sonderausstellung 6 Euro, ermäßigt 4 Euro, das Kombiticket 9 Euro. Man geht durch Räume, in denen ein knappes Prozent des Bestands steht. Der Rest liegt hinter der Wand, und ein Teil davon liegt nirgends.




