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Koloniales Erbe

92 Werke aus Benin: Das Rautenstrauch-Joest-Museum zeigt Leerstellen

Alle 92 Benin-Werke des Museums stammen aus dem Raub von 1897. Eine Ausstellung bis Ende August zeigt bewusst nichts aus der eigenen Sammlung – im September folgt die nächste.

Friederike Wolters, Redakteurin — KI-generiertes Porträt
Friederike Wolters
Kultur & Karneval

Lesezeit 7 Min.
Moderner Bau mit dunkler Steinfassade und großem Eingangsportal, darüber ein leeres Banner, davor Passanten und Fahrräder
Alle 92 Benin-Werke im Bestand des Rautenstrauch-Joest-Museums stammen aus der Plünderung von 1897. Die aktuelle Ausstellung zeigt bewusst keines davon. · Symbolbild (KI-generiert)

Ein Katalogeintrag ohne Objekt ist eine merkwürdige Sache. Er nennt Maße, Material und Herkunft, er trägt eine Nummer, und dann ist da nichts. Genau daraus hat der Künstler Yohannes Mulat Mekonnen eine Ausstellung gebaut, die seit dem 7. Mai im Rautenstrauch-Joest-Museum an der Cäcilienstraße zu sehen ist und am 30. August 2026 endet. „WE ARE WHAT WE ARE NOT“ zeigt keine Objekte aus den Sammlungen des Hauses, sondern Inventarnummern und Katalogeinträge – also die Verwaltungsspur dessen, was verschwunden ist.

„Was fehlt, erzählt seine eigene Geschichte.“

Rautenstrauch-Joest-Museum, Ankündigungstext zur Ausstellung WE ARE WHAT WE ARE NOT

Der Satz steht im Ankündigungstext des Museums und ist als Programm zu lesen. Die kuratorische Leitung liegt bei Nanette Snoep, der künstlerischen Direktorin des Hauses; finanziert wird das Projekt über ein Fellowship der Gerda Henkel Stiftung. Mekonnen arbeitet nach Angaben des Museums zugleich analytisch und poetisch, theoretisch und sinnlich, ernst und humorvoll. Man könnte diese Aufzählung belächeln, wenn sie nicht ziemlich genau das Dilemma träfe, in dem ethnografische Museen stecken.

Wie das konkret aussieht, beschreibt das Haus ebenfalls. Mekonnens künstlerischer Prozess umfasst Träume, die in einer immersiven Installation erfahrbar werden, dazu eine Dinner-Performance auf der Grundlage von Archivrecherchen. Das klingt nach Kunstbetrieb und ist doch eine präzise Antwort auf ein Archivproblem: Wo die Akten schweigen, bleibt nur Rekonstruktion, und Rekonstruktion ist immer auch Erfindung. Mekonnen kaschiert das offenbar nicht, sondern macht es zum Verfahren.

92 Werke, ein Datum, eine Armee

Das Rautenstrauch-Joest-Museum bewahrt 92 höfische Kunstwerke aus dem Königtum Benin. Erworben hat es sie zwischen 1899 und 1967, in 15 Schenkungen und Ankäufen, also über fast sieben Jahrzehnte und von unterschiedlichen Vorbesitzern. Der Ursprung aber ist bei allen derselbe: Diese Werke wurden im Februar 1897 von der britischen Armee aus dem Königspalast von Benin geraubt. Bis zu 6.000 Hofkunstwerke wurden damals entwendet und anschließend über die Museen und Sammlungen der Welt verstreut.

Diese Erwerbsspanne verdient einen zweiten Blick. Zwischen dem Raub und dem letzten Kölner Ankauf liegen 70 Jahre; die Objekte kamen nicht als Kriegsbeute direkt an den Rhein, sondern über Zwischenhändler, Sammler und Erbengemeinschaften, in 15 einzelnen Vorgängen. Für die juristische Bewertung ist das kompliziert, für die historische nicht: Ein Gegenstand, der einmal geraubt wurde, wird durch keinen Kaufvertrag zu rechtmäßigem Eigentum. Genau an dieser Differenz arbeiten sich Museen seit Jahren ab.

Zahlen helfen, die Größenordnung einzuordnen. 92 Werke sind, gemessen an bis zu 6.000 geraubten Objekten, gut anderthalb Prozent dessen, was 1897 aus dem Königspalast verschwand; gemessen an den rund 65.000 Objekten der Kölner Sammlung sind es gut ein Tausendstel. Beides ist wahr, und beides führt in die Irre, wenn es allein steht. Restitutionsfragen entscheiden sich nicht an Mengen, sondern an einzelnen Objekten mit einzelnen Geschichten.

Leere Vitrine mit Sockel und unbeschriftetem Schild in einem abgedunkelten Ausstellungsraum
Eine Ausstellung ohne Objekte: Das Museum stellt in diesem Sommer die Abwesenheit aus. · Symbolbild (KI-generiert)

Das Jahr 1897 hat für dieses Haus noch eine zweite Bedeutung, und sie enthält eine Ironie, die niemand geplant hat. Im selben Jahr starb der Weltreisende Wilhelm Joest, dessen Privatsammlung von rund 3.500 Objekten den Grundstock des Museums bildet. Seine Schwester Adele erbte die Sammlung und finanzierte den Museumsbau zum Gedenken an ihren Bruder und ihren drei Jahre später ebenfalls verstorbenen Ehemann Eugen Rautenstrauch. Gegründet wurde das Museum 1901, eröffnet 1906 in der Kölner Südstadt am Ubierring.

Was danach kam, ist Kölner Baugeschichte in Kurzform: erhebliche Schäden im Zweiten Weltkrieg, ein Anbau in den 1960er Jahren, Hochwasser 1993 und 1995, schließlich 2010 der Umzug an den Neumarkt in die Cäcilienstraße 29 bis 33. Zwei Jahre später erhielt das Haus den Museumspreis des Europarates. Heute umfasst die Sammlung rund 65.000 Objekte aus verschiedenen Kontinenten, dazu 100.000 historische Fotografien und 40.000 Fachbücher.

Es lohnt sich, das Gebäude selbst als Argument zu lesen. Seit 2010 sitzt das Museum nicht mehr in der Südstadt am Ubierring, wo es 1906 eröffnet wurde, sondern an der Cäcilienstraße, zwischen Kaufhäusern und Bahnsteigen. Ein ethnografisches Museum, das man im Vorbeigehen betritt, muss sich anders erklären als eines am Rand der Stadt. Die Ausstellungen dieses Jahres sind auch eine Antwort auf diese Lage.

Der Provenienzbericht liegt öffentlich im Netz

Die 92 Benin-Werke sind in diesem Bestand ein winziger Anteil und zugleich der am gründlichsten dokumentierte. 2020 legte die Ethnologin Franziska Bedorf einen Forschungsbericht zur Herkunftsgeschichte der Sammlung vor; er ist ebenso über die Museumswebsite abrufbar wie eine Inventarliste der Objekte. Ein veröffentlichter Provenienzbericht ist eine Festlegung: Er macht überprüfbar, worüber sonst nur verhandelt wird, und er nimmt dem Haus die Möglichkeit, sich auf Unklarheit zu berufen.

Was die Veröffentlichung der Inventarliste praktisch bedeutet, unterschätzt man leicht. Jede und jeder kann nachsehen, was das Museum besitzt, in welchem Jahr es die Stücke bekam und über welchen Weg. Für die Forschung ist das die Grundlage, für Nachfahren und nigerianische Institutionen die Voraussetzung, um Ansprüche überhaupt formulieren zu können. Ein Museum, das seine Bestände offenlegt, gibt damit einen Teil der Deutungshoheit ab, freiwillig und vermutlich unumkehrbar.

Ende 2019 trat das Museum der Benin Dialogue Group bei, einem seit 2010 bestehenden Zusammenschluss. Beteiligt sind Museen aus Deutschland, Großbritannien, den Niederlanden, Österreich und Schweden sowie nigerianische Partner. Es geht in dieser Runde darum, gemeinsam zu klären, was mit den Beständen geschieht. Ein solches Verfahren arbeitet langsamer als jede Erklärung und ist dafür verbindlicher; wer sich an einen Tisch setzt, kann nicht mehr behaupten, es gebe kein Gegenüber.

Graue Archivkartons in Metallregalen eines Depots, an den Regalböden befestigte Zettel, aus einem Karton ragt Seidenpapier
Was das Haus besitzt, ist nachlesbar: Provenienzbericht und Inventarliste der Benin-Bestände sind über die Website des Museums öffentlich abrufbar. · Symbolbild (KI-generiert)

In Benin City soll das Edo Museum of West African Art entstehen, entworfen von dem Architekten David Adjaye. Vorgesehen ist, dass dort dauerhafte Ausstellungen mit europäischen Leihgaben möglich werden. Auf der Website des Kölner Museums ist der Bau für 2025 geplant – ein Satz, der im Sommer 2026 aus der Zeit gefallen ist und deshalb umso genauer beschreibt, woran solche Prozesse hängen: Der Bau eines Museums dauert, die Herkunftsfrage wartet nicht.

Rückgaben sind für das Haus dennoch kein Neuland. 2018 restituierte es einen Toi Moko, einen tätowierten und präparierten Kopf aus Neuseeland; es war die erste Restitution in der Geschichte des Museums. Ein einzelner Vorgang, der zeigt, dass der Weg gangbar ist, und zugleich, wie lang er ist. Zwischen der Gründung 1901 und der ersten Rückgabe liegen 117 Jahre.

Die Kölner Chronologie liest sich als Abfolge kleiner Schritte. 2018 die erste Restitution, Ende 2019 der Beitritt zur Benin Dialogue Group, 2020 der veröffentlichte Provenienzbericht, 2026 zwei Ausstellungen, die das Thema nicht illustrieren, sondern zum Gegenstand machen. Acht Jahre für vier Schritte – das ist, je nach Blickwinkel, ein solider Prozess oder ein sehr langsamer. Aus Sicht derer, die auf Rückgabe warten, dürfte die zweite Lesart näherliegen.

Die zweite Ausstellung des Jahres handelt von der unmöglichen Rückkehr

Vom 17. September bis zum 6. Dezember 2026 wird die Sonderausstellung „r e t u r n“ folgen. Sie soll sich mit der Erfahrung befassen, dass Rückkehr für Menschen mit Migrations- und Gewaltgeschichte oft unmöglich bleibt, und danach fragen, wie aus Erinnerung, Exil und Begegnung neue Zugehörigkeiten entstehen können. Die Verschiebung des Blicks ist bemerkenswert: Es geht nicht mehr um Objekte, die zurückgehen könnten, sondern um Menschen, die es nicht können.

Vorbereitet wurde dieser Blickwechsel im Sommerprogramm. Am 3. Juli 2026 fand im Yellow Room des Museums der Workshop „Beyond Return: Rematriation, Temporal Repair, and Living Heritage“ statt, am 18. Juli folgte ein Workshop unter dem Titel „Body and Memories“ für Frauen der afrikanischen Diaspora. Beides sind keine Publikumsformate im klassischen Sinn, sondern Arbeitsrunden – ein Museumsbetrieb, der sich weniger als Schaufenster versteht denn als Werkstatt.

Parallel läuft die künstlerische Intervention „DIE ZUKUNFT IST INDIGEN – Amazonische Visionen und Kämpfe“. Sie rückt indigene Stimmen in den Mittelpunkt, die in globalen Klimadebatten oft überhört werden; beteiligt sind Künstlerinnen, Aktivistinnen und Denkende aus den neun Ländern des Amazonasgebiets. Ein Enddatum nennt das Museum dafür nicht. Auch das ist eine Aussage über das Haus: Nicht alles, was hier gezeigt wird, ist als Ausstellung mit Anfang und Ende organisiert.

Abgedunkelter Ausstellungsraum mit unscharfer Lichtprojektion und leerer Sitzbank
Vom 17. September an folgt die Sonderausstellung über die unmögliche Rückkehr. · Symbolbild (KI-generiert)

Was das Museum nicht zeigt, gehört zum Programm

Zwei Einwände liegen nahe, und beide sind ernst zu nehmen. Der eine hält Ausstellungen ohne Objekte für eine Zumutung gegenüber einem Publikum, das ein Museum besucht, um etwas zu sehen. Der andere hält sie für zu wenig, weil Selbstbefragung keine Rückgabe ersetzt. Das Museum beantwortet beide nicht direkt; es verweist auf die Benin Dialogue Group, in der über die Bestände tatsächlich verhandelt wird, und auf die Ausstellungen, in denen davon erzählt wird.

Der zweite Einwand wiegt schwerer, greift aber zu kurz. Die Alternative – die 92 Werke weiterhin unkommentiert in Vitrinen zu zeigen – löst die Herkunftsfrage nicht, sondern verdeckt sie. Zwischen Zeigen und Zurückgeben liegt ein Feld, auf dem seit Jahren verhandelt wird, und ein Haus, das dieses Feld sichtbar macht, tut mehr, als es zunächst scheint. Ob das genügt, entscheidet allerdings nicht Köln, sondern Benin City.

Für Besucherinnen und Besucher ist die Lage in diesem Sommer übersichtlich. Das Museum öffnet dienstags bis sonntags von 10 bis 18 Uhr, donnerstags bis 20 Uhr und am ersten Donnerstag im Monat bis 22 Uhr; montags bleibt es geschlossen. „WE ARE WHAT WE ARE NOT“ läuft noch bis zum 30. August 2026. Der SPACE4KIDS, das Vermittlungsangebot für Kinder, macht im Sommer Pause und startet im Herbst 2026 wieder.

Bleibt der Katalogeintrag ohne Objekt. Er ist, genau besehen, das ehrlichste Ausstellungsstück, das ein solches Haus besitzt: ein Beleg dafür, dass etwas da war, und einer dafür, dass es nicht mehr da ist. Die 92 Werke aus Benin stehen weiter in Köln, in der Cäcilienstraße, mit Inventarnummern aus 15 Erwerbungsvorgängen und einem gemeinsamen Datum im Februar 1897. Das Museum lädt dazu ein, Abwesenheit nicht als Mangel zu lesen, sondern als Anfang. Der Satz gilt in beide Richtungen.

Quellen und Weiterlesen
Friederike Wolters, Redakteurin — KI-generiertes Porträt
Friederike Wolters
Redakteurin · Kultur & Karneval
Kunsthistorikerin mit Sitzungskarnevals-Abo. Schreibt über Museen, Bühnen und die fünfte Jahreszeit — und darüber, warum beides in Köln dasselbe ist.
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