Fast zwölf Millionen Radfahrten: Kölns Halbjahresbilanz 2026
An 30 Tagen waren mehr Räder als Autos auf den Ringen unterwegs, im Vorjahr nur an 18. Die Zählstellen registrierten 11.774.538 Fahrten – ein Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum.
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An den städtischen Dauerzählstellen für den Radverkehr sind in Köln im ersten Halbjahr 2026 insgesamt 11.774.538 Fahrten registriert worden. Das teilte die Stadt am Freitag, 17. Juli 2026, mit. Der Wert liegt rund ein Prozent über dem Vorjahreszeitraum – nach einem Plus von elf Prozent im Rekordjahr 2025. Der Zuwachs flacht damit deutlich ab. In die Auswertung flossen nur jene Zählstellen ein, die im gesamten Auswertungszeitraum zuverlässig Daten geliefert haben.
Eine zweite Zahl fällt klarer aus. An 30 Tagen des ersten Halbjahres waren auf den Ringen mehr Fahrräder als Autos unterwegs; im ersten Halbjahr 2025 war das an 18 Tagen der Fall. Gemessen wird das an der Zählstelle Hohenzollernring, die Rad- und Kfz-Verkehr gleichzeitig erfasst. Das Verhältnis der beiden Verkehrsarten hat sich dort also nicht nur an einzelnen Spitzentagen verschoben, sondern an jedem sechsten Tag des Halbjahres. Ob es sich dabei überwiegend um Werktage oder um Wochenendtage handelte, teilt die Stadt nicht mit.
Die Stadt liest daraus eine Verschiebung im Alltag. Das Fahrrad werde längst nicht mehr nur für Freizeitfahrten genutzt, heißt es in der Mitteilung; es spiele eine immer größere Rolle im Alltag und insbesondere im Pendelverkehr. Als Erklärung nennt die Verwaltung die Infrastruktur: „Je besser und durchgängiger die Radinfrastruktur ist, desto stärker wird das Fahrrad im täglichen Verkehr genutzt.“ Welche einzelne Strecke welchen Zuwachs erklärt, geht aus der Auswertung allerdings nicht hervor; eine Aufschlüsselung der Halbjahreszahlen nach einzelnen Zählstellen enthält die Mitteilung nicht.
Der Rekordtag war ein Streiktag der KVB
Der höchste Einzelwert stammt vom 19. März 2026. An diesem Tag zählte die Station am Hohenzollernring 16.679 Radfahrende über die Ringe. Zum Vergleich registrierte die Stadt am selben Tag 13.524 Kraftfahrzeuge. Der 19. März war ein Streiktag der Kölner Verkehrs-Betriebe; der Abstand zwischen beiden Verkehrsarten betrug an diesem Tag 3.155 Fahrten. Der bisherige Kölner Höchstwert lag bei 13.457 Radfahrenden und stammte vom 4. Juni 2025, dem Tag der Bombenentschärfung in Köln-Deutz – ebenfalls ein Tag, an dem der gewohnte Verkehr nicht funktionierte.
Das Muster ist aus dem Vorjahr bekannt. Während der Streiks im öffentlichen Nahverkehr im ersten Quartal 2025 stieg die Zahl der Radfahrenden an den Pendlerstrecken Venloer Straße, Bonner Straße und Zülpicher Straße um rund 60 Prozent gegenüber dem Durchschnitt. In beiden Jahren fiel der Nahverkehr aus, und die Zählstellen schlugen aus. Wie viele dieser Fahrten ohne Streik ohnehin stattgefunden hätten, lässt sich aus den Daten nicht herauslösen. Nachweisen lässt sich mit den Zählstellen vor allem eines: wie schnell das Verkehrssystem reagiert, wenn einer seiner Träger ausfällt.
Solche Tage sind Ausnahmen, und die Stadt stellt sie auch als solche dar. Sie zeigen jedoch, wie schnell sich Wege verlagern, wenn ein Verkehrsmittel ausfällt. Ob die Menschen, die am 19. März auf das Rad gestiegen sind, dabei geblieben sind, lässt sich aus den Zähldaten nicht ablesen. Die Zählstellen erfassen Querschnitte, keine einzelnen Wege und keine Personen. Auch Wetter, Ferien und Feiertage schlagen in den Tageswerten durch, ohne dass die Auswertung sie gesondert ausweist.
Der Vergleich mit dem Vorjahr trägt nur bedingt
Wer die Halbjahreszahlen nebeneinanderlegt, stößt auf eine Unstimmigkeit. Für das erste Halbjahr 2025 hatte die Stadt 10,44 Millionen Radfahrende gemeldet, ein Plus von zwölf Prozent gegenüber 2024. Zwischen diesem Wert und den 11.774.538 des Jahres 2026 lägen rechnerisch fast 13 Prozent, angegeben wird aber rund ein Prozent. Ein direkter Vergleich der beiden absoluten Zahlen trägt deshalb nicht – die Stadt selbst stellt die beiden Summen in ihren Mitteilungen auch nicht nebeneinander.
Der Grund liegt in der Zählbasis. Die Stadt hat für das erste Halbjahr 2026 die Zählstellen an der Kalker Hauptstraße, am Auenweg und an der Alfred-Schütte-Allee wegen technischer Störungen oder Baustellen nicht in die Auswertung einbezogen. Zugleich sind in den vergangenen Jahren Zählstellen hinzugekommen, und an mehreren Standorten wurde die Technik ausgetauscht. Vergleichbar sind deshalb die Prozentangaben, die die Stadt selbst auf gleicher Basis bildet – nicht die Gesamtsummen zweier Halbjahre.
Wie jung die Entwicklung auf den Ringen ist, zeigt der Blick auf das Vorjahr. Am Hohenzollernring registrierte die Stadt im ersten Halbjahr 2025 an 42 Tagen mehr als 10.000 Radfahrende. Am 12. Mai 2025 übertraf die Zahl der Räder dort erstmals die der Kraftfahrzeuge – 11.300 gegenüber 10.600 an einem einzigen Tag. Bis zum Ende des Halbjahres folgten 17 weitere solche Tage. Was 2025 noch als Premiere gemeldet wurde, war im ersten Halbjahr 2026 an 30 Tagen der Normalfall.
Für den langen Trend nennt die Stadt eine eigene Zahl: Die Daten seit 2017 bestätigten einen stabilen jährlichen Zuwachs von drei Prozent. Gemessen daran ist das Plus von einem Prozent im ersten Halbjahr 2026 kein Einbruch, aber auch keine Fortschreibung. Eine Unschärfe bleibt zudem in den Angaben zum Hohenzollernring: Die Jahresauswertung 2025 nennt 13 Tage, an denen die Zahl der Radfahrenden die der Autofahrenden überstieg – für die ersten sechs Monate desselben Jahres weist die Stadt 18 solcher Tage aus. Erläutert hat sie die Differenz nicht.
Die Sperrung der Deutzer Brücke verschiebt Wege aufs Rad
Ein Effekt lässt sich in der Bilanz bereits ablesen, obwohl er erst am Ende des Auswertungszeitraums einsetzt. Seit der vollständigen Sperrung des Stadtbahnverkehrs über die Deutzer Brücke am 29. Juni 2026 ist der Radverkehr dort um rund 20 Prozent gestiegen: von durchschnittlich 4.700 Radfahrenden pro Werktag im Juni auf 6.800 in der Woche ab dem 29. Juni. Auf die Halbjahressumme wirkt sich das kaum aus, weil davon nur zwei Tage in den Auswertungszeitraum fallen. Für die zweite Jahreshälfte ist der Effekt dagegen von Bedeutung, denn die Sperrung dauert bis zum 2. September.
Die Zahlen ordnen ein, was Fahrgäste seit Ende Juni erleben: Wer rechtsrheinisch wohnt und linksrheinisch arbeitet, weicht auf Ersatzbusse, auf die Tunnellinien oder eben auf das Rad aus. Die Stadt will die Entwicklung während der weiteren Dauer der Sperrung fortlaufend auswerten, um die Auswirkungen auf den Radverkehr besser einordnen zu können. Wie viele der zusätzlichen 2.100 Fahrten pro Werktag dauerhaft auf dem Rad bleiben, wird sich erst nach dem Ende der Sperrung zeigen. Eine Prognose hat die Verwaltung dazu nicht abgegeben.
- Erstes Halbjahr 2026: 11.774.538 Radfahrende an den einbezogenen Dauerzählstellen
- Veränderung zum Vorjahreszeitraum: rund ein Prozent, nach elf Prozent im Jahr davor
- Tage mit mehr Rädern als Autos auf den Ringen: 30 (2025: 18)
- Rekordtag 19. März 2026: 16.679 Radfahrende gegenüber 13.524 Kraftfahrzeugen
- Deutzer Brücke ab 29. Juni: 6.800 statt 4.700 Radfahrende pro Werktag
Das Netz der Zählstellen wächst weiter
Zur Einordnung lohnt der Blick auf das Gesamtjahr 2025. An allen Kölner Dauerzählstellen wurden damals 25.299.187 Radfahrende gemessen, ein Plus von sechs Prozent gegenüber 2024 an den bereits zuvor betriebenen Stationen. Spitzenreiter war der Hohenzollernring, der erst seit April 2024 zählt, mit 2.838.584 Radfahrenden. Es folgten die Universitätsstraße mit 1.901.150 und die Venloer Straße mit 1.898.167 – ein Abstand von gerade einmal knapp 3.000 Fahrten zwischen den beiden. Auf diese drei Standorte entfiel damit gut ein Viertel aller im Jahr 2025 gezählten Fahrten.
Zwei Zählstellen gingen Anfang 2025 neu in Betrieb. An der Kalker Hauptstraße wurden im Schnitt rund 1.550 Radfahrende pro Tag gezählt, der Höchstwert lag bei 3.491 am 12. März 2025. An der Maybachstraße waren es im Schnitt rund 4.850 pro Tag, mit einem Spitzenwert von 8.994 am 30. April 2025. Zwischen den beiden Standorten liegt damit der Faktor drei – und ausgerechnet die schwächere Station an der Kalker Hauptstraße fiel für die Halbjahresauswertung 2026 aus.
„Diese Zahlen bestätigen den eingeschlagenen Weg: Die Verbesserung der Radinfrastruktur führt zu einer positiven Entwicklung des Radverkehrs. Zugleich ist die Vielzahl der erfassten Radfahrenden Ausdruck eines grundlegenden Wandels im Mobilitätsverhalten. Das Fahrrad gewinnt, nicht zuletzt durch E-Bikes, als gesunde, umweltfreundliche und staufreie Alternative massiv an Attraktivität.“
Jürgen Möllers, Fahrradbeauftragter der Stadt Köln, zur Jahresauswertung 2025
Der Satz beschreibt eine Deutung, keinen Nachweis. Die Dauerzählstellen registrieren Räder an einem Querschnitt; ob eine Fahrt dort stattfindet, weil ein Radweg neu gebaut wurde, weil die Bahn ausfiel oder weil die Sonne schien, unterscheiden sie nicht. Für die Halbjahresbilanz 2026 kommt hinzu, dass der Zuwachs bei einem Prozent liegt, während zugleich drei Zählstellen fehlen. Mit den E-Bikes nennt der Fahrradbeauftragte zudem einen Faktor, den keine Zählstelle erfassen kann. Die Zahlenreihe stützt die Aussage über den langen Zeitraum – für ein einzelnes Halbjahr ist sie ein schwaches Argument.
Das Netz soll weiter wachsen. Zu den 21 Standorten, die die Stadt für 2025 nennt, kamen die beiden neuen Stellen an Kalker Hauptstraße und Maybachstraße hinzu; die Zählstelle an der Deutzer Brücke wurde erweitert. Bis 2030 will die Stadt auf 35 Zählstellen kommen. Für 2026 ist eine weitere Dauerzählstelle am Niehler Gürtel geplant, bei der erstmals ein kamerabasiertes, datenschutzkonformes System zum Einsatz kommen soll, das Fuß- und Radverkehr dauerhaft erfasst. Damit würde erstmals systematisch auch der Fußverkehr in die Dauerzählung einbezogen; einen Termin für die Inbetriebnahme nennt die Stadt nicht.
Parallel läuft der Austausch der Technik. An drei Zählstellen wurde die Zähltechnik älterer Anlagen bereits 2025 durch neue ersetzt, weitere sollen 2026 folgen. Zugleich hat die Stadt die Datenausgabe umgestellt: Die Zähldaten sind über ein modernisiertes Dashboard abrufbar, das neben einem übersichtlicheren Layout nach Angaben der Verwaltung eine Vielzahl weiterer Daten zur Verfügung stellt. Auch die Adresse hat sich geändert; sie lautet nun stadtkoeln.eco-counter.com. Wer die Halbjahreszahlen selbst nachrechnen will, kann das dort tun.
Was die Zahlen nicht sagen
Die Dauerzählstellen messen, wie viele Räder an einem Punkt vorbeifahren. Sie sagen nichts darüber, wie viele Menschen dahinterstehen, wie lang die Wege sind oder wie sich der Anteil des Rades am gesamten Verkehr entwickelt. Für den Modal Split – also die Aufteilung aller Wege auf die Verkehrsmittel – braucht es Haushaltsbefragungen, nicht Zählschleifen. Solche Erhebungen liegen der Halbjahresauswertung nicht bei. Auch zur Zahl der Unfälle mit Radfahrenden enthält sie keine Angaben. Und sie beantwortet nicht, ob die zusätzlichen Fahrten vom Auto, vom Nahverkehr oder vom Zufußgehen kommen.
Auch die Ausfälle sind ein Befund für sich. Drei Stationen lieferten wegen technischer Störungen oder Baustellen keine verwertbaren Daten für das erste Halbjahr, darunter mit der Kalker Hauptstraße eine erst 2025 eröffnete. Bei einem Netz, das bis 2030 auf 35 Stellen wachsen soll, ist die Verfügbarkeit der Technik damit ebenso eine Frage wie ihr Ausbau. Wann die drei Zählstellen wieder in die Auswertung aufgenommen werden, hat die Stadt nicht mitgeteilt. Für die Halbjahresbilanz heißt das: Die Summe fällt kleiner aus, als sie bei vollständigem Netz ausgefallen wäre.
Der nächste belastbare Vergleichswert steht Anfang 2027 an, wenn die Jahresauswertung 2026 vorliegt. Bis dahin bleibt vor allem eine Frage offen: ob der Anstieg an der Deutzer Brücke die Linie in der zweiten Jahreshälfte nach oben zieht – und ob davon nach dem 2. September etwas bleibt. Die Sperrung endet an diesem Tag gegen 3 Uhr, dann fahren die Stadtbahnen wieder über den Rhein. Die Zählstellen laufen weiter.
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