Luxemburger Straße: Stadt prüft den Wegfall einer Autospur
Tempo 30 reicht nicht: Ein Lärmgutachten zeigt, dass die Richtwerte weiter gerissen werden. Am 22. September entscheidet der Mobilitätsausschuss über eine 270.000 Euro teure Untersuchung.
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Die Stadt Köln will den Verkehr auf der Luxemburger Straße neu ordnen und legt dem Mobilitätsausschuss dazu in seiner Sitzung am Dienstag, 22. September 2026, einen Beschluss vor. Beschlossen werden soll eine detail- und variantenreiche Verkehrsuntersuchung einschließlich einer Mikrosimulation sowie eine Verkehrszählung. Das teilte die Verwaltung am Montag, 27. Juli 2026, mit. Geprüft wird unter anderem, ob je Fahrtrichtung eine Autospur in einen Radfahrstreifen umgewandelt werden kann. Ziel ist es nach Angaben der Verwaltung, nachhaltige Lösungen zu entwickeln, um die Lärmbelastung zu senken und die Verkehrssituation zu verbessern.
Der Anlass ist der Lärm, und die Verwaltung beschreibt ihn ungewöhnlich deutlich. Im August 2025 war auf der Luxemburger Straße zwischen Barbarossaplatz und Militärringstraße bereits Tempo 30 eingerichtet worden, um die Belastung zu senken. Ein vorab erstelltes Lärmgutachten zeigt jedoch, dass diese kurzfristige Maßnahme nicht ausreicht, um die gesetzlichen Richtwerte einzuhalten. Vorausgegangen waren nach Darstellung des Portals t-online Beschwerden von Anwohnenden über unzureichenden Lärmschutz. Die Straße bleibt damit ein Fall für die Lärmaktionsplanung – und die Verwaltung sucht nach einer Maßnahme, die weiter reicht als ein Tempolimit.
„Auf der Luxemburger Straße besteht eine außergewöhnlich hohe Belastung durch Verkehrslärm. Die dauerhaft erhöhte Geräuschkulisse stellt eine erhebliche Beeinträchtigung für die Gesundheit der Anwohnenden dar.“
Stadt Köln, Mitteilung vom 27. Juli 2026
Den Prüfauftrag hat sich die Verwaltung nicht selbst erteilt. Er geht auf Anregungen aus den Bezirksvertretungen Innenstadt und Lindenthal zurück; geprüft werden soll, ob verkehrliche Maßnahmen umgesetzt werden können, die die Verkehrsbelastung an den Belastungsschwerpunkten reduzieren und so die Lärmbelastung verringern. Beide Bezirke liegen an der Strecke zwischen Barbarossaplatz und Militärringstraße. Hinter dem Vorhaben steht damit nicht allein die Fachverwaltung, sondern auch die politische Ebene vor Ort. Wie sich die beiden Bezirksvertretungen zu einem konkreten Spurabbau stellen, ist damit allerdings noch nicht gesagt.
Tempo 30 allein hält die Richtwerte nicht ein
Ein ergänzendes Lärmgutachten hat deshalb eine zweite Variante durchgerechnet: eine einspurige Luxemburger Straße mit Fahrradstreifen nach Kölner Standard. Das Ergebnis fällt eindeutig aus. Der Verkehrslärm würde sowohl bei Tempo 50 als auch bei Tempo 30 sinken. Das Verkehrsaufkommen könnte je nach Abschnitt um zehn bis 20 Prozent zurückgehen, bei Tempo 30 im Schnitt um 25 Prozent. Erste Berechnungen sprechen nach Darstellung der Verwaltung dafür, dass die Umgestaltung möglich ist. Einspurig hieße dabei: je Fahrtrichtung ein Fahrstreifen für den Kfz-Verkehr, daneben ein eigener Streifen für das Rad.
Die Rechnung setzt damit nicht am Tempo allein an, sondern an der Zahl der Fahrzeuge. Weniger Spuren bedeuten in dieser Logik weniger Autos, und weniger Autos bedeuten weniger Lärm. Angelegt ist dieser Ansatz bereits im Lärmaktionsplan der Stadt: Er führt Verkehrsvermeidung und Parkraummanagement, lärmoptimierte Fahrbahnbeläge, Lkw-Führungskonzepte, Geschwindigkeitsregelungen, die Optimierung des Verkehrsflusses an Lichtsignalanlagen sowie Straßenraumgestaltung und Begrünung als Handlungsfelder auf. Die Luxemburger Straße wäre nach den nun vorgelegten Prüfaufträgen ein Fall für gleich mehrere davon. Externe Maßnahmen – etwa an den Bahnstrecken des Bundes oder am Flughafen – kann die Stadt in diesem Plan nur anregen, nicht anordnen.
Zwei Angaben fehlen in der Mitteilung. Was der Begriff Kölner Standard für Breite und Ausführung des Radfahrstreifens im Einzelnen bedeutet, führt die Stadt in ihrer Mitteilung vom 27. Juli nicht aus. Und die Dezibelwerte, um die es geht, nennt sie ebenfalls nicht – weder den heutigen Pegel an der Straße noch den, der nach einem Umbau zu erwarten wäre. Wer diese Zahlen sehen will, ist auf die Gutachten angewiesen, die der Ausschussvorlage beiliegen.
Die Straße steht seit Jahren in der Lärmaktionsplanung
Neu ist das Problem nicht. Die geltende Lärmaktionsplanung der Stufe 4 hat der Rat am 12. Dezember 2024 beschlossen; ihr gingen die Stufe 2 aus dem Jahr 2017 und die Stufe 3 aus dem Jahr 2019 voraus. Grundlage ist die EU-Umgebungslärmrichtlinie 2002/49/EG, die in den Paragrafen 47a bis 47f des Bundes-Immissionsschutzgesetzes in deutsches Recht umgesetzt ist. Der Plan muss spätestens alle fünf Jahre überarbeitet werden, die zugrunde liegenden Lärmkarten werden etwa im selben Rhythmus aktualisiert. Bezugsjahr der Eingangsdaten für die vorliegende Kartierung ist das Jahr 2020.
Die Schwellen, um die es geht, sind darin benannt. Als potenziell gesundheitsgefährdend gilt eine Belastung von mehr als 65 dB(A) im Tag-Abend-Nacht-Pegel LDEN und von mehr als 55 dB(A) im Nachtpegel LNight; als sehr hohe Belastung gelten 70 beziehungsweise 60 dB(A). Über dem Tagwert leben in Köln nach der Kartierung 92.400 Menschen oder 9,25 Prozent der Bevölkerung, 23.000 davon wegen des Straßenverkehrs. Nachts sind es 105.900 Menschen oder 10,6 Prozent, davon 55.110 wegen des Straßenverkehrs. Der Straßenlärm ist damit die Quelle, die nachts die meisten Menschen erreicht.
Die Luxemburger Straße taucht im Aktionsplan namentlich auf, als Bereich mit Mehrfachbelastungen – also mit Lärm aus mehr als einer Quelle. Genannt wird sie dort auch im Abschnitt zum sonstigen Schienenverkehr, unter den die Stadtbahn fällt. Beteiligt wurde die Öffentlichkeit an der Planung mehrfach: Bei einer Befragung vom 1. Oktober bis 2. November 2018 gingen 2.190 Fragebögen ein, Schwerpunkte waren der Straßenverkehrslärm sowie die Identifizierung und Stärkung ruhiger Gebiete. Für die Stufe 4 lief eine erste Beteiligung vom 23. Oktober bis 19. November 2023, eine zweite vom 17. Juni bis 7. Juli 2024. Der Beschluss über die Verkehrsuntersuchung setzt dieses Verfahren mit anderen Mitteln fort.
Was die Werte im Alltag bedeuten, beschreibt die Stadt auf ihren Lärmseiten: Lästiger Lärm wirke auf die Psyche und den gesamten Organismus, indem er körperliche Stressreaktionen auslöse; genannt werden Konzentrationsstörungen, Schlafstörungen und hoher Blutdruck. Zur Einordnung der Größenordnungen führt dieselbe Übersicht einen Pkw im Stadtverkehr mit 70 bis 88 dB und einen Lkw mit 80 bis 92 dB. Ein einzelnes Fahrzeug erklärt den Dauerpegel an einer Hauptverkehrsstraße also nicht; erst die Menge tut es. Genau dort setzt die geprüfte Variante an.
Freie Rechtsabbieger und zehn Kreuzungen stehen zur Disposition
Mit dem Spurabbau hängen weitere Eingriffe zusammen. Die freien Rechtsabbiegerspuren an den Kreuzungen mit der Universitätsstraße, der Arnulfstraße und der Geisbergstraße sollen gegebenenfalls zurückgebaut werden. Solche Abbieger erlauben es Autos, ohne Halt und ohne Ampel nach rechts zu fahren – und kreuzen dabei die Wege von Radfahrenden und zu Fuß Gehenden. Für den Kfz-Verkehr sind sie ein Kapazitätsgewinn, an den Konfliktpunkten ein Risiko. Ob sie tatsächlich entfallen, soll die Untersuchung klären.
An zehn Kreuzungen sind zudem getrennte Ampelschaltungen geplant. Abbiegende Autos und querende Radfahrende sowie Fußgängerinnen und Fußgänger sollen dort nicht mehr gleichzeitig Grün bekommen. Das soll nach Angaben der Verwaltung die Sicherheit erhöhen und die Verkehrsführung verständlicher machen. Es kostet allerdings Kapazität, weil sich die Grünzeiten auf mehr Phasen verteilen. Wie viele Sekunden je Umlauf das ausmacht, hängt von der einzelnen Anlage ab; auch diese Rechnung soll die Simulation liefern. Die Stadtbahn behält an den Ampeln ihren Vorrang.
- Umwandlung je einer Autospur pro Fahrtrichtung in einen Radfahrstreifen nach Kölner Standard
- Möglicher Rückbau der freien Rechtsabbieger an Universitätsstraße, Arnulfstraße und Geisbergstraße
- Getrennte Ampelschaltungen an zehn Kreuzungen für Abbieger und Querende
- Beibehaltung des Vorrangs der Stadtbahn an den Lichtsignalanlagen
- Prüfung der Geschwindigkeit: Tempo 30 oder Rückkehr zu Tempo 50 bei einspuriger Führung
270.000 Euro kostet allein die Untersuchung
Die Verwaltung kalkuliert die Kosten der Mikrosimulation mit rund 250.000 Euro und die der Verkehrszählung mit rund 20.000 Euro; sie stützt sich dabei nach eigener Angabe auf Erfahrungswerte und den Umfang des Auftrags. Zusammen sind das rund 270.000 Euro – für die Untersuchung, nicht für den Umbau. Eine Mikrosimulation bildet den Verkehr rechnerisch Fahrzeug für Fahrzeug ab und erlaubt es, verschiedene Varianten gegeneinander zu stellen, bevor gebaut wird. Die Verkehrszählung liefert die aktuellen Ausgangsdaten dafür. Ob und wie die beiden Aufträge vergeben werden, teilt die Verwaltung nicht mit.
Untersucht werden soll auf dieser Grundlage, wie sich weitere verkehrliche Maßnahmen auf Verkehrsabläufe, Stauentwicklungen, Verkehrsfluss und Verkehrssicherheit auswirken. Das ist die eigentliche Streitfrage: Ob eine Fahrspur je Richtung ausreicht, um den heutigen Verkehr abzuwickeln, oder ob sich der Rückstau in die Nebenstraßen verlagert. Antworten darauf liegen bislang nicht öffentlich vor. Die Zählung soll zugleich Daten für weitere Simulationen liefern, also über den jetzigen Auftrag hinaus nutzbar sein. Ob dabei auch die Belastung der Parallelstraßen erhoben wird, geht aus der Mitteilung nicht hervor.
Wichtig für die Einordnung: Am 22. September fällt keine Entscheidung über den Umbau. Beschlossen werden soll zunächst nur die Untersuchung. Erst deren Ergebnisse würden die Grundlage für eine spätere Entscheidung über Spuren, Ampeln und Rechtsabbieger bilden. Einen Zeitplan dafür hat die Verwaltung nicht genannt, auch nicht, wann die Ergebnisse der Untersuchung vorliegen sollen. Der Ausschuss kann die Vorlage an diesem Tag beschließen, ändern oder zurückstellen.
Ein Detail der Vorlage verdient dabei besondere Aufmerksamkeit: Auf einer einspurigen Luxemburger Straße käme auch eine Rückkehr zu Tempo 50 in Betracht, weil das ergänzende Gutachten für beide Geschwindigkeiten eine Lärmminderung ausweist. Für den Kfz-Verkehr wäre das ein Ausgleich für die verlorene Spur, für die Anwohnerschaft ein anderer Zuschnitt der Entlastung: weniger Fahrzeuge, aber schnellere. Welche der beiden Varianten am Ende vorgeschlagen wird, ist offen. Auch das Portal t-online verweist auf diese Option.
Was die Untersuchung nicht beantwortet
Nicht beziffert ist bislang, was ein Umbau kosten würde. Die 270.000 Euro decken Simulation und Zählung, nicht Markierung, Signaltechnik oder Rückbau. Auch zur Frage, wohin der verdrängte Verkehr ausweichen würde, liegt öffentlich nichts vor; genau das soll die Mikrosimulation zeigen. Die Luxemburger Straße ist eine der Hauptachsen aus dem Süden in die Innenstadt und wird zugleich von der Stadtbahn genutzt. Ein Rückgang um zehn bis 25 Prozent bedeutet rechnerisch nicht, dass diese Fahrten entfallen. Wann ein Umbau frühestens beginnen könnte, ist damit ebenfalls offen.
Für die Betroffenen sieht die Rechnung unterschiedlich aus. Für die Anwohnerschaft entlang der Strecke geht es um Pegel, die nach der städtischen Kartierung im gesundheitsrelevanten Bereich liegen. Für Radfahrende geht es um einen durchgehenden Streifen statt einer Mischung aus Schutzstreifen, Nebenanlagen und Lücken. Für Autofahrende und Lieferverkehr geht es um eine Spur weniger auf einer Strecke, die morgens und abends heute schon steht. Und für die Stadtbahn ändert sich nach den Plänen nichts: Sie behält an den Ampeln Vorrang.
Offen ist ebenso, ob der Mobilitätsausschuss dem Vorschlag der Verwaltung folgt. Ein Beschluss über eine Untersuchung ist politisch weniger heikel als ein Beschluss über den Wegfall von Fahrspuren; das eine ist jedoch die Vorstufe des anderen. Die Verwaltung selbst hat sich in ihrer Mitteilung auf die Beschreibung der Prüfaufträge beschränkt und keine Empfehlung ausgesprochen. Stellungnahmen von Fraktionen oder Verbänden lagen am Tag der Mitteilung nicht vor. Bis zur Sitzung im September bleiben knapp zwei Monate, in denen sich das ändern kann.
Klar ist damit vor allem der Ausgangspunkt: Tempo 30 seit August 2025, ein Gutachten, das die Wirkung für unzureichend hält, ein zweites, das die einspurige Variante durchrechnet, und ein Aktionsplan, der die Straße als Belastungsschwerpunkt führt. Der nächste Schritt ist eine Beschlussvorlage, kein Bagger. Ob am Ende Tempo 30 gilt, Tempo 50 zurückkehrt oder alles bleibt, wie es ist, entscheidet sich frühestens nach der Untersuchung. Der Mobilitätsausschuss tagt am Dienstag, 22. September 2026. Bis dahin bleibt die Luxemburger Straße vierspurig.
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