Leading City mit der dünnsten Mehrheit: Köln wartet auf den DOSB
Beim Ratsbürgerentscheid stimmten in der Region 66 Prozent für Olympia. In Köln waren es 57,39 Prozent – weniger als in jeder anderen erfolgreichen Kommune. Am 26. September entscheidet der DOSB.
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Die Jahnwiese im Sportpark Müngersdorf ist an einem Morgen im Juli ein ausgesprochen ruhiger Ort. Zwei Läufer auf der Bahn, ein Mann mit Hund, dahinter die Baumreihen des Grüngürtels. Genau hier soll nach den Plänen der Stadt Köln einmal olympisches Bogenschießen stattfinden, dazu das Para-Bogenschießen, gemeinsam mit den Poller Wiesen auf der anderen Rheinseite. In zehn Jahren, in 14 oder in 18. Man braucht an diesem Morgen ein wenig Fantasie.
Die Grundlage für diese Fantasie ist ein Abstimmungsergebnis vom 19. April. An jenem Sonntag stimmten 17 nordrhein-westfälische Kommunen zeitgleich darüber ab, ob sie sich an einer Bewerbung um Olympische und Paralympische Spiele beteiligen wollen – für 2036, 2040 oder 2044. Rund 1,4 Millionen der etwa vier Millionen Abstimmungsberechtigten gaben ihre Stimme ab. Über alle beteiligten Städte hinweg lag die Zustimmung bei 66 Prozent. In 16 der 17 Kommunen reichte es.
In der Leading City fiel die Zustimmung am dünnsten aus
Köln ist in dieser Bewerbung die Leading City, der Anker des Konzepts. In Köln stimmten 57,39 Prozent mit Ja, 42,61 Prozent mit Nein. Das ist eine Mehrheit. Unter den Kommunen, in denen die Abstimmung erfolgreich war, ist es zugleich die knappste. Aachen kam auf 76,29 Prozent, also auf fast 19 Punkte mehr.
Man kann das auf zwei Arten lesen, und beide Lesarten wird man in den nächsten Wochen hören. Wer für die Bewerbung ist, verweist auf die absolute Mehrheit und darauf, dass eine Millionenstadt nun einmal streitbarer abstimmt als eine mittelgroße Kommune. Wer dagegen ist, verweist darauf, dass gut vier von zehn Kölnerinnen und Kölnern Nein gesagt haben – und zwar dort, wo die Spiele ihr Zentrum hätten. Beides stimmt. Sportlich betrachtet ist ein Sieg allerdings ein Sieg, auch mit einem Tor Unterschied.
In Herten scheiterte die Abstimmung nicht an der Meinung, sondern an der Beteiligung
Der lehrreichste Wert dieses Abends stand nicht in Köln. In Herten stimmten 73,79 Prozent der abgegebenen Stimmen mit Ja – ein Ergebnis, von dem andernorts geträumt wird. Trotzdem war die Abstimmung dort gescheitert. Beim Ratsbürgerentscheid zählt nämlich nicht nur die Mehrheit, sondern auch ein Quorum: Mindestens 15 Prozent aller Abstimmungsberechtigten müssen mit Ja stimmen. In Herten waren es 12,55 Prozent.
Das ist kein Detail für Statistiker. Es bedeutet, dass eine solche Bewerbung nicht an Gegnerschaft scheitert, sondern an Gleichgültigkeit. Wer zu Hause bleibt, stimmt in diesem Verfahren faktisch mit Nein. In Köln war die Beteiligung hoch genug; die Zustimmung war eng, aber sie war gültig.
Der größte Teil der Kölner Wettkampfstätten steht schon
Was in Köln stattfinden soll, hat die Stadt inzwischen aufgeschrieben. Neun Orte sind es, und das Bemerkenswerte daran ist, wie wenig davon neu wäre. Die meisten Spielstätten existieren, sie werden seit Jahrzehnten benutzt, und wer in dieser Stadt Sport treibt oder Sport anschaut, kennt sie alle. Die Liste liest sich weniger nach Olympia als nach einem Spaziergang durch den Kölner Sportalltag.
- LANXESS arena: Turnen an Boden und Geräten, Rhythmische Sportgymnastik und Trampolin; paralympisch Sitzvolleyball, Rollstuhlbasketball und Rollstuhlrugby
- RheinEnergieSTADION: Fußball und Rugby
- Jahnwiesen im Sportpark Müngersdorf und Poller Wiesen: Bogenschießen und Para-Bogenschießen
- Sportpark Müngersdorf: Tennis und Rollstuhltennis
- Albert-Richter-Velodrom: Bahnrad und Para-Bahnrad
- Strecke „Rund um Köln“: Straßenradrennen und Para-Straßenradrennen
- Fühlinger See: Marathonschwimmen
- Temporäres Olympiastadion in Köln-Kreuzfeld: Leichtathletik und Para-Leichtathletik
- Koelnmesse: Internationales Presse- und Medienzentrum
Der Sportpark Müngersdorf allein umfasst rund 200 Hektar. Wer dort seit Jahrzehnten hingeht, weiß, wie viel davon Alltag ist: Vereinssport, Schulsport, Laufgruppen, eine Radrennbahn aus Holz, dazu ein Stadion für 50.000 Zuschauer. Olympia würde diesen Bestand für ein paar Wochen anders beschriften. Das ist der sympathischste Teil des Konzepts, und es ist der Teil, der am wenigsten kostet.
Auffällig ist die Rolle der Koelnmesse. Sie soll das Internationale Presse- und Medienzentrum aufnehmen, also den Ort, an dem während der Spiele mehrere Tausend Journalistinnen und Journalisten arbeiten. Auffällig ist außerdem, wie selbstverständlich die paralympischen Wettbewerbe in der Aufstellung mitlaufen: Sitzvolleyball, Rollstuhlbasketball und Rollstuhlrugby in der Arena, Rollstuhltennis im Sportpark, Para-Bahnrad im Velodrom. Sie stehen nicht im Anhang, sondern gleichberechtigt daneben.
Das teuerste Kölner Stück wäre ein Stadion, das wieder verschwinden soll
Eine Ausnahme gibt es, und sie liegt im Norden. Die Leichtathletik – das Herzstück jeder Sommerspiele – soll in einem temporären Olympiastadion mit rund 50.000 Plätzen stattfinden, im geplanten Stadtteil Köln-Kreuzfeld. Temporär heißt hier nicht abgebaut und vergessen: Nach den Spielen soll das Stadion zu einem urbanen Zentrum des neuen Stadtteils umgebaut werden. Rund 10.000 Menschen sollen dort einmal wohnen.
Im selben Quartier ist das gemeinsame Olympische und Paralympische Dorf vorgesehen. Rund 95 Prozent der Athletinnen und Athleten würden dort untergebracht, in Gebäuden, die anschließend Wohnraum werden sollen. Das ist die Rechnung, mit der Olympische Spiele inzwischen überall begründet werden: Sportstätten, die hinterher etwas anderes sind. Ob sie aufgeht, weiß man erfahrungsgemäß erst hinterher.
Die Zahlen dazu stehen im Fragen-und-Antworten-Teil der Stadt. Die Durchführungskosten der Spiele werden dort mit 4,8 bis 4,9 Milliarden Euro angegeben, die erwarteten Einnahmen aus Sponsoring, Ticketverkäufen und IOC-Beiträgen mit rund 5,2 Milliarden Euro. Unter dem Strich stünde ein Überschuss von mehreren Hundert Millionen Euro. Für die Bewerbung selbst trägt die Stadt Köln nach eigenen Angaben rund 274.000 Euro.
274.000 Euro sind, gemessen an einem städtischen Haushalt, eine sehr kleine Zahl. Sie deckt den Kölner Anteil an den Bewerbungskosten, mehr nicht. Und Durchführungskosten sind nicht Gesamtkosten: Straßen, Bahnsteige, Hallendächer, Sicherheitspersonal – was eine Region ohnehin baut oder wegen der Spiele früher baut, taucht in dieser Rechnung nicht auf. Das ist bei allen Bewerbungen so, und es ist der Punkt, an dem Befürworter und Kritiker regelmäßig aneinander vorbeireden.
Am 26. September entscheidet eine außerordentliche Mitgliederversammlung
Bis dahin ist das alles Papier. Der Deutsche Olympische Sportbund prüft die eingereichten Konzepte von Juni bis September dieses Jahres. Am 26. September 2026 soll eine außerordentliche Mitgliederversammlung des DOSB entscheiden, welche Region für Deutschland ins internationale Rennen geht. Gewählt wird damit nicht der Austragungsort, sondern nur der deutsche Kandidat. Alles Weitere liegt beim Internationalen Olympischen Komitee.
Das Konzept, das dort bewertet wird, heißt in der Beschreibung der Stadt „Ein Land, 15 Städte, eine Vision“. Es setzt auf kurze Wege: Die meisten Sportstätten liegen demnach innerhalb von 40 Kilometern beziehungsweise höchstens 60 Minuten Fahrzeit zueinander. Gerechnet wird mit rund 14 Millionen Tickets, davon 11,4 Millionen für die Olympischen und 2,6 Millionen für die Paralympischen Spiele. Das wäre mehr, als für Los Angeles 2028 vorgesehen ist.
Ein weiteres Argument der Bewerbung gilt nicht dem Sport, sondern der Geografie. In einem Radius von 500 Kilometern leben nach Angaben der Stadt rund 160 Millionen Menschen; London, Paris und Amsterdam sind mit dem Zug erreichbar. Für ein Ticketkonzept ist das eine hervorragende Ausgangslage. Für die Bahnstrecken, die diese Menschen dann tatsächlich benutzen müssten, ist es eine Ansage.
Die Ticketzahl ist die einzige Angabe in diesem Konzept, bei der ich sofort weiß, was sie bedeutet. 14 Millionen verkaufte Karten sind 14 Millionen Menschen, die irgendwo sitzen, stehen, anstehen und anschließend nach Hause müssen. Wer in Müngersdorf wohnt und nach einem Heimspiel des 1. FC Köln schon einmal lange auf dem Bahnsteig gestanden hat, hat dazu eine sehr konkrete Meinung. Sie fällt nicht euphorisch aus.
Genau dort wird die Bewerbung für Köln praktisch. Die KVB-Haltestelle am Stadion soll für einen zweistelligen Millionenbetrag umgebaut werden, weil künftige 90 Meter lange Stadtbahnen sonst nicht an die Bahnsteige passen. Die Beschlussvorlage dazu lag im Januar im Mobilitätsausschuss, drei Monate vor der Abstimmung, und sie hat mit Olympia nichts zu tun. Sie zeigt aber, in welchen Zeiträumen Infrastruktur in dieser Stadt entsteht.
Für den Sport in der Stadt hätte auch eine gescheiterte Bewerbung Folgen. Wer sich um Spiele bewirbt, muss Hallen, Bäder und Bahnen vorzeigen, und wer sie vorzeigt, muss sie in Ordnung halten. Ob daraus ein Sanierungsprogramm für den Breitensport wird oder nur eine gut gestaltete Präsentationsmappe, entscheidet sich nicht am 26. September.
Zwischen dem 19. April und diesem Termin liegen gut fünf Monate. Nach außen passiert in dieser Zeit wenig: Unterlagen werden geprüft, Gespräche geführt, Präsentationen vorbereitet. Für einen Sportredakteur ist das die undankbarste Phase überhaupt, weil es nichts zu sehen gibt und trotzdem täglich jemand etwas dazu sagt. Auf der Jahnwiese wird bis dahin weiter gejoggt.
Der Rest ist warten.
- Olympia und Paralympics KölnRheinRuhr – Antworten auf häufige Fragen (Stadt Köln)
- Kölner Wettkampfstätten für Olympische und Paralympische Spiele (Stadt Köln)
- Das Konzept: Ein Land, 15 Städte, eine Vision (Stadt Köln)
- Olympia-Bewerbung von NRW: Deutliche Zustimmung für Rhein-Ruhr (ZDFheute)
- Olympiabewerbung KölnRheinRuhr (Landessportbund Nordrhein-Westfalen)




