Vegan, vietnamesisch, Vermut: Kölns neue Gastro-Adressen
Fine Dining ohne Fleisch, Mittagstisch für 10,50 Euro, Drinks für vier: In Köln eröffnen reihenweise kleine Lokale. Ein Rundgang von der Südstadt bis nach Chorweiler.
Lesezeit 8 Min.
Handgezogene Nudeln machen ein Geräusch, das man nicht mehr vergisst. Der Teigstrang klatscht auf die Arbeitsplatte, einmal, zweimal, dann zieht er sich in die Länge, bis er in den Topf fällt. Es ist ein lautes, unelegantes Handwerk, und es dauert Jahre, bis es sitzt. In der Flandrischen Straße 2 gibt es dieses Geräusch jetzt auch in Köln: Die Berliner Nudelbar Wen Cheng hat im Belgischen Viertel aufgemacht und serviert dort chinesische Biang-Biang-Nudeln. Sie ist nur eine von vielen Adressen, die in diesem Jahr neu dazugekommen sind.
Das ist bemerkenswert, weil die Zahlen etwas anderes nahelegen. Das Gastgewerbe in Deutschland setzte im Mai 2026 real 6,0 Prozent weniger um als im Mai 2025, in der Gastronomie allein waren es 7,1 Prozent. So steht es in der Konjunkturmeldung des Statistischen Bundesamtes vom 21. Juli. Wer in dieser Lage einen Mietvertrag unterschreibt, eine Küche baut und Personal sucht, tut das nicht aus Übermut. Er tut es, weil er ein Konzept hat, das mit kleinen Flächen und schmalen Karten funktioniert. Genau das ist das Muster dieses Sommers.
Eine amtliche Liste der Neueröffnungen gibt es nicht. Wer sie zusammentragen will, ist auf die Stadtmagazine angewiesen: Mit Vergnügen Köln hat allein für den März elf Neuentdeckungen aufgeschrieben, Rausgegangen führt seit Ende Juni eine laufende Übersicht. Beide Listen überschneiden sich nur teilweise, beide sind unvollständig, und beide sagen nichts darüber, wie viele Betriebe im selben Zeitraum aufgegeben haben. Eine öffentliche Kölner Statistik zu Schließungen in der Gastronomie existiert nicht. Man sieht also die Zugänge deutlich besser als die Abgänge.
Wo das Maki-Maki-Team aufgehört hat, macht das Cotell weiter
Am Mauritiussteinweg 2 kocht seit dem Frühjahr das Cotell. Dahinter steht die Crew des Maki Maki, das Ende 2025 seine Schließung bekannt gegeben hatte – statt veganem Sushi gibt es jetzt saisonale Drei- und Vier-Gänge-Menüs, komplett pflanzlich und auf Fine-Dining-Niveau. Auf der Karte standen zuletzt ein Pilz-Seitan-Spieß und eine mit Tempeh gefüllte Wirsingroulade, dazu wahlweise eine Weinbegleitung oder ein alkoholfreies Pairing. Reserviert wird in zwei Zeitfenstern, ab 17.30 und ab 20 Uhr. Ohne Reservierung braucht man dort gar nicht erst anzurufen.
Veganes Fine Dining war in Köln lange ein Nischenversprechen, das sich meist an der Weinkarte entschied. Dass ein Team, das mit veganem Sushi bekannt geworden ist, nun ein Menühaus aufmacht, ist auch eine Aussage über die Kostenseite: Wer ohne Fisch und Fleisch kalkuliert, hat beim Wareneinsatz Luft, die andere längst nicht mehr haben. Bezahlt wird das mit Arbeitszeit, denn pflanzliche Menüs sind aufwendig. Die offene Küche macht diesen Aufwand immerhin sichtbar.
Zehn Euro fünfzig für den Mittagstisch sind das eigentliche Signal
Wer wissen will, wohin sich die Kölner Gastronomie bewegt, schaut nicht auf die Menükarten, sondern auf die Mittagspreise. Bei Mr. Shiba in der Wolfsstraße 14 kostet der Mittagstisch 10,50 Euro, dafür gibt es große Portionen asiatischer Fusionsküche, etwa Sesam-Chicken oder Lemongrass-Tofu, dazu Wok- und Currygerichte, Sushi und Bao Buns. In der Innenstadt, zwischen Büros und Kaufhäusern, ist das eine kalkulierte Ansage. Es ist auch eine Rechnung, die nur mit hohem Durchlauf aufgeht.
Ähnlich funktionieren die neuen Bars. Zino's Spritz, aus Frankfurt ins Belgische Viertel gekommen, schenkt den Aperitivo für 4,50 Euro aus. In der Kleinen Freiheit an der Luxemburger Straße 156 kosten Aperol Spritz, Gin Tonic oder Espresso Martini jeweils vier Euro, dazu gibt es vegane Snacks, Salate und hausgemachte Kuchen; betrieben wird der Laden vom Team des Moselstübchens in Neuehrenfeld, das für seine vegane Brauhausküche bekannt ist. Vier Euro sind in dieser Stadt eine Kampfansage.
Man kann diese Preise feiern. Man sollte sie aber auch verstehen. Ein Getränk für vier Euro trägt sich nur, wenn die Fläche klein, die Karte kurz und die Besetzung schlank ist – und wenn genug Leute kommen. Konzepte dieser Art sind schnell aufgebaut und ebenso schnell wieder weg, wenn ein verregneter Monat dazwischenkommt. Wer sie mag, sollte hingehen, solange es sie gibt. Das ist keine Ironie, sondern der ehrlichste Ratschlag, den ich für Neueröffnungen habe.
Vietnamesisch, süditalienisch, glutenfrei: die Karte wird spezieller
Auffällig ist, wie eng die neuen Küchen zugeschnitten sind. Bei Xop in der Merowingerstraße 29 in der Südstadt dreht sich fast alles um Bánh Mì; Brot, Mayo und Pâté werden dort selbst gemacht, die Pâté wahlweise aus Fleisch oder auf Pilzbasis, dazu kommen Reisgerichte, hausgemachte Limonaden und vietnamesischer Kaffee. Flo Salento an der Poller Hauptstraße 55 kocht süditalienisch und dabei konsequent vegetarisch bis vegan – keine Ersatzprodukte, sondern Gerichte, die von jeher ohne Fleisch auskamen.
Das Aushängeschild dort sind hausgemachte Orecchiette, entweder mit Tomatensauce oder als Ciceri e Tria mit Kichererbsen und knusprig frittierter Pasta. Wer die Technik lernen will, kann das: Rebecca, die dort kocht, bietet regelmäßig Workshops an, in denen die Orecchiette selbst geformt werden. Poll ist für ein solches Lokal keine naheliegende Adresse, sondern ein Wohngebiet. Genau da liegt der Reiz – und das unternehmerische Risiko, weil Laufkundschaft in einer Siedlungsstraße nun einmal nicht vorbeikommt.
Wer diese Läden ausprobieren will, sollte vorher auf die Öffnungszeiten schauen, und zwar wirklich vorher. Xop öffnet nach den Angaben der Stadtmagazine montags bis donnerstags von 12 bis 15 Uhr, freitags von 18 bis 20 Uhr und samstags von 17 bis 21 Uhr; wer dort spontan zu Abend essen möchte, steht an vier von sieben Tagen vor einer verschlossenen Tür. Kleine Küchen mit wenig Personal schließen früh und unregelmäßig. Das ist kein schlechter Service, das ist Arbeitszeitschutz.
Ein Neuzugang in Chorweiler fällt aus dem Rahmen. Bei Zorro Döner in der Baptiststraße 44 gibt es Döner für Menschen mit Zöliakie: Das Fladenbrot ist glutenfrei, Inhaber Aydin bezieht es vom LilleHus Café; zubereitet wird in einem abgetrennten Bereich, damit es nicht zu einer Kontamination kommt. 15 Euro sind für einen Döner ein stolzer Preis. Für jemanden, der seit Jahren an jedem Imbiss vorbeigehen muss, ist es trotzdem ein kleines Ereignis.
Kaffee ist in Köln längst kein Nebengeschäft mehr
Zwei neue Specialty-Coffee-Adressen sind dazugekommen. Underdog Espresso in der Lothringer Straße 2a röstet selbst und sitzt in einem Laden, in dem früher eine Apotheke und später das Mi Tienda war; Teile der alten Apothekeneinrichtung dienen heute als Tresen. Dazu gibt es Sandwiches, hausgemachte Kuchen und ein kleines Frühstück, Wein und Snacks am Abend sind angekündigt. Im Agnesviertel hat der Frohnatur Coffeeshop in der Neusser Straße 34 eröffnet, mit dänischem Frühstück, Grilled-Cheese-Sandwich und Naturwein zum Mitnehmen.
Umgezogen statt neu eröffnet ist das Miss Päpki. Nach fast 15 Jahren am Brüsseler Platz steht das Café jetzt am Rudolfplatz 2, direkt am Hahnentor, mit der alten Einrichtung und den bekannten Puppenstuben-Vibes. Serviert wird auf Blümchenporzellan, in der Vitrine liegen Kuchen und herzhafte Kleinigkeiten wie Quiche. Ein Umzug ist in dieser Branche selten ein Wunsch und meistens eine Mietfrage; dass die Einrichtung mitgekommen ist, spricht für die Sturheit der Betreiberinnen.
In der Altstadt hat mit dem Carls in der Straße Unter Käster 9 ein Café und eine Tagesbar aufgemacht, mit Blick auf das historische Rathaus. Auf der Frühstückskarte stehen Shakshuka im Croissant, belegte Bagels, Eggs Benedict und French Toast, abends wird aus dem Café eine Bar. Frühstück in der Altstadt war jahrelang eine touristische Restgröße zwischen Brauhaus und Souvenirladen. Dass sich das ändert, ist eine der besseren Nachrichten dieses Sommers.
Auch am Brüsseler Platz und an der Aachener Straße wird wieder aufgeschlossen
Rund um den Brüsseler Platz hat sich gleich zweimal etwas bewegt. Die Bar Brio in der Brüsseler Straße 68 kombiniert Pasta zum Lunch mit Barbetrieb am Abend, und das ROSA KÖLN am Brüsseler Platz 1 hat nach einer Pause mit neuem Konzept wieder geöffnet. Ein paar Straßen weiter, an der Aachener Straße, betreibt die Kasalla GbR gemeinsam mit Johann Schäfer das Brauhaus Marie & Johann – Kölsch und ausdrücklich auch veganes Essen, was für ein Brauhaus in dieser Stadt noch immer eine Ansage ist.
In Sülz wiederum steht die A Ver Bar im Weyertal 15 für die spanische Variante des Abends: Vermut in vielen Spielarten, auf Eis, gemischt, fruchtig oder rauchig, dazu kleine Teller mit Gildas, Pan con Tomate oder Salsa. Vermut, das ist aufgespriteter und gewürzter Wein, in Spanien traditionell ein Aperitif vor dem Essen, in Köln bislang eine Randnotiz. Die Terrasse dürfte an dieser Adresse das halbe Geschäft ausmachen.
Zusammengenommen ergibt sich ein Bild, das nicht zur Klage über das Gastrosterben passt und sie doch nicht widerlegt. Die neuen Läden sind klein, pflanzenbetont und preislich klar positioniert. Sie kommen von Teams, die schon einen Laden hatten, oder aus anderen Städten. Was fehlt, sind die großen Formate: In den Listen dieses Jahres taucht kein Restaurant mit 120 Plätzen und weißer Tischdecke auf. Das ist die eigentliche Nachricht dieser Neueröffnungswelle.
- Cotell, Mauritiussteinweg 2: veganes Fine Dining mit Drei- und Vier-Gänge-Menüs
- Wen Cheng, Flandrische Straße 2: handgezogene chinesische Nudeln, aus Berlin gekommen
- Mr. Shiba, Wolfsstraße 14: asiatische Fusionsküche, Mittagstisch für 10,50 Euro
- Xop, Merowingerstraße 29: hausgemachte Bánh Mì und vietnamesischer Kaffee
- Flo Salento, Poller Hauptstraße 55: süditalienisch, vegetarisch, hausgemachte Orecchiette
- Kleine Freiheit, Luxemburger Straße 156: vegane Snacks, Drinks für vier Euro
- Underdog Espresso, Lothringer Straße 2a, und Frohnatur Coffeeshop, Neusser Straße 34: Specialty Coffee
- A Ver, Weyertal 15: Vermut-Drinks und spanische Snacks
- Zorro Döner, Baptiststraße 44: glutenfreier Döner für 15 Euro
Eine Empfehlung zum Schluss, und zwar eine mit Vorbehalt. Wer nur einen Abend hat, geht ins Cotell, weil dort am meisten Handwerk auf dem Teller liegt – aber bitte mit Reservierung und mit dem Wissen, dass ein Menü in zwei Zeitfenstern kein spontaner Absacker ist. Wer zwei Stunden hat, nimmt Xop oder Flo Salento. Und wer wissen will, wie die Kölner Gastronomie in fünf Jahren aussieht, setzt sich für vier Euro in die Kleine Freiheit und schaut sich in Ruhe um.




