Ausverkauft bis zum Schluss: Kusamas letzte Tage in Köln
Die Retrospektive im Museum Ludwig endet am 2. August. Karten gibt es keine mehr – wohl aber zwei Nächte, in denen das Haus bis 2 Uhr öffnet. Über 300 Werke, knapp die Hälfte erstmals in Europa.
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Das älteste Blatt dieser Ausstellung ist eine Zeichnung von einem Kind. Sie entstand um 1934, und wer nachrechnet, kommt darauf, dass Yayoi Kusama damals vier oder fünf Jahre alt gewesen sein muss; geboren wurde sie 1929 in Matsumoto, in eine wohlhabende Familie, die ihr Vermögen einer Samengärtnerei verdankte. Von diesem Blatt bis zu den Installationen, die eigens für Köln entstanden sind, spannt sich eine Arbeitsbiografie von über sieben Jahrzehnten. Es ist selten, dass eine Retrospektive so früh anfangen kann.
Am Sonntag, dem 2. August 2026, ist damit Schluss. Die Retrospektive „Yayoi Kusama“ im Museum Ludwig, seit dem 14. März zu sehen, geht zu Ende – und sie ist nach Angaben des Hauses bis zum letzten Tag ausverkauft. Online sind keine Tickets mehr zu bekommen, vor Ort im Museum werden keine verkauft. Für eine Ausstellung, die viereinhalb Monate lief, ist das eine bemerkenswerte Bilanz, und für alle, die noch hinwollten, eine schlechte Nachricht.
Es gibt allerdings eine Hintertür, genauer: einen Nordeingang. Für den 1. und den 2. August kündigt das Museum zusätzliche Öffnungszeiten an, von 20 Uhr abends bis 2 Uhr morgens. Der Einlass erfolgt ab 20 Uhr über den Nordeingang nach dem Prinzip first come, first served, letzter Einlass ist um 1 Uhr. Wie sich das mit dem ausverkauften Vorverkauf verträgt, ob also für diese Nachtstunden ein Ticket nötig ist, geht aus der Ankündigung nicht eindeutig hervor. Wer hingeht, sollte vorher beim Museum nachfragen.
Über 300 Werke, knapp die Hälfte davon zuvor nie in Europa
Der Umfang erklärt einiges am Andrang. Gezeigt werden über 300 Werke aus sieben Jahrzehnten, von der frühen Zeichnung bis zu neu in Auftrag gegebenen Installationen. Knapp die Hälfte der Arbeiten war zuvor nie in Europa zu sehen. Das ist die Art von Zahl, die man bei Retrospektiven lebender Künstlerinnen selten liest, weil die großen Häuser einander die Bestände seit Jahrzehnten durchreichen. Hier war offenbar mehr zu holen, weil das Studio der Künstlerin mitgearbeitet hat.
Die Ausstellung ist der Höhepunkt eines Jubiläumsjahres: Das Museum Ludwig besteht 2026 seit 50 Jahren. Man kann darüber streiten, ob ein Haus, das seinen Ruf mit Pop Art und Picasso gemacht hat, sich ausgerechnet mit einer japanischen Künstlerin feiern sollte, die inzwischen als Selfie-Kulisse durch die Weltmuseen gereicht wird. Man kann es aber auch andersherum sehen. Ein Jubiläum, das sich nur selbst bestätigt, wäre die langweiligere Variante gewesen.
Bemerkenswert ist, wie selbstverständlich das immersive Format inzwischen zum Museum gehört. Vor 20 Jahren hätte ein Spiegelraum, in dem man sich fotografiert, als Jahrmarkt gegolten; heute ist er die Hauptattraktion einer Retrospektive, die ansonsten mit Zeichnungen, Gemälden und Filmen sehr klassisch gebaut ist. Kusama hat diese Räume gebaut, lange bevor es Instagram gab, und sie meinte sie ernst. Dass sie heute anders benutzt werden, ist nicht ihr Problem, sondern das der Häuser, die den Andrang organisieren müssen.
Kuratiert hat die Kölner Fassung Stephan Diederich, in enger Zusammenarbeit mit der 1929 geborenen Künstlerin und ihrem Studio. Die größte Halle des Hauses füllt eine eigens für Köln entstandene immersive Installation mit integriertem Infinity Mirror Room – jener Raumtypus aus Spiegeln und Lichtpunkten, mit dem Kusama die Unendlichkeit als Erfahrung und nicht als Behauptung vorführt. Daneben stehen historische Schlüsselwerke, an denen sich ablesen lässt, wie früh diese Formensprache fertig war.
Zu ihnen gehört „Aggregation: One Thousand Boats Show“ von 1963, nach Darstellung des Museums Kusamas erste Installationsarbeit, sowie „I'm Here but Nothing“ von 2000, das für Köln in einer Fassung von 2026 aufgebaut wurde: ein Wohnraum unter Schwarzlicht, in dem fluoreszierende Punkte über Möbeln, Wänden und Alltagsgegenständen liegen. Auf der Dachterrasse steht eine monumentale Blütenskulptur aus Bronze mit dem Titel „Flowers That Speak All about My Heart Given to the Sky“. Der Titel ist so lang, wie die Skulptur groß ist.
„In my more than seventy years as an artist, I have always been in awe of the wonder of life.“
Yayoi Kusama, Künstlerin, auf der Ausstellungsseite des Museum Ludwig
Der Satz steht auf der Ausstellungsseite des Museums, und er beschreibt ganz gut, warum diese Kunst so leicht zugänglich und so schwer zu fassen ist. Kusama arbeitet seit über sieben Jahrzehnten an denselben Motiven – Punkte, Netze, Wiederholung, Wucherung – und behandelt sie nicht als Marke, sondern als Verfahren. Dass daraus eine der erfolgreichsten Bildmarken der Gegenwartskunst geworden ist, hat mit dieser Beharrlichkeit zu tun; das Museum Ludwig hat sie nicht erfunden, es zeigt sie nur ausführlicher als andere.
Wer nur die Punkte kennt, unterschätzt den Rest. Kusama hat in Malerei, Skulptur, Installation, Performance und Literatur gearbeitet; die Kölner Schau führt Gemälde, Skulpturen, Installationen, Filme und Mode zusammen, also Gattungen, die in Museen sonst getrennte Abteilungen bewohnen. Genau darin liegt der Reiz einer Retrospektive dieser Länge: Man sieht nicht ein Werk, sondern ein Verfahren, das sich über sieben Jahrzehnte durch alle verfügbaren Materialien gefressen hat. Die Punkte sind dabei nicht das Thema, sondern das Werkzeug.
Basel hatte die Schau zuerst, Amsterdam bekommt sie im September
Köln ist die zweite Station einer Kooperation. Vorher war die Ausstellung in der Fondation Beyeler in Riehen bei Basel zu sehen, vom 12. Oktober 2025 bis zum 25. Januar 2026; anschließend geht sie ins Stedelijk Museum nach Amsterdam, wo sie vom 12. September 2026 bis zum 17. Januar 2027 laufen wird. Die Kölner Fassung zeigt nach Angaben des Museums mehrere großformatige Installationen, die in Basel nicht dabei waren. Wer die Kölner Wochen verpasst, kann sich also nach Amsterdam orientieren – allerdings nicht auf dasselbe Ensemble.
Solche Kooperationen sind der übliche Weg, wie Häuser wie das Museum Ludwig Ausstellungen dieser Größe überhaupt noch stemmen. Transporte, Versicherungen und Leihgebühren verteilen sich auf drei Institutionen statt auf eine, dafür teilt man sich die Exklusivität. Für das Publikum heißt das: Eine Schau, die in Köln ausverkauft ist, war ein halbes Jahr zuvor in der Schweiz zu sehen und wird es sechs Wochen nach dem Kölner Ende in den Niederlanden wieder sein. Für den Katalog gilt das ohnehin.
Für das Museum Ludwig ist die Schau zugleich ein Argument in eigener Sache. Das Haus feiert 2026 sein 50-jähriges Bestehen, es gehört damit zu den jüngeren der großen deutschen Sammlungen und hat sich seinen Rang über Gegenwartskunst erarbeitet, nicht über Erbmasse. Eine Ausstellung, die ausverkauft ist, bevor der letzte Monat begonnen hat, ist in dieser Logik kein Zufallserfolg, sondern eine Bestätigung des Programms – und ein Argument, das in Haushaltsberatungen erfahrungsgemäß besser wirkt als jedes Feuilleton.
Der Katalog erscheint bei Hatje Cantz, hat 268 Seiten und 280 Abbildungen und kostet in der Museumsausgabe 38 Euro, in der Verlagsausgabe 48 Euro; herausgegeben haben ihn Leontine Coelewij, Stephan Diederich und Mouna Mekouar. Für ein Buch dieses Umfangs ist das ein zurückhaltender Preis, und er ist im Moment der einzige verlässliche Weg, sich die Ausstellung nach Hause zu holen. Karten für den Rest der Laufzeit, um es noch einmal zu sagen, gibt es nicht mehr.
Der reguläre Eintritt ins Museum Ludwig kostet 13,50 Euro, ermäßigt 9,50 Euro; Kinder und Jugendliche bis 18 Jahre zahlen nichts. Geöffnet ist dienstags bis sonntags von 10 bis 18 Uhr, an jedem ersten Donnerstag im Monat bis 22 Uhr; montags bleibt das Haus zu, außer an Feiertagen. Diese Angaben gelten für das Haus, nicht für die ausverkaufte Sonderausstellung – ein Unterschied, der an der Kasse regelmäßig zu Diskussionen führt und der in diesen letzten Julitagen besonders unangenehm sein dürfte.
Ausverkauft heißt auch: Nicht alle kommen hinein
Der Erfolg hat eine Kehrseite, über die Museen ungern sprechen. Wo mit Zeitfenstern gearbeitet wird, entscheidet nicht mehr, wer Lust hat, sondern wer sechs Wochen im Voraus plant – und das können nicht alle gleich gut. Spontane Besuche, der klassische verregnete Samstagnachmittag, fallen aus. Der freie Eintritt für unter 18-Jährige nützt wenig, wenn es keine Karten mehr gibt. Ein Haus, das ausverkauft meldet, meldet immer auch, wen es an der Tür stehen lässt.
Das Haus hat auch nach dem 2. August etwas zu zeigen
Es wäre allerdings ein Missverständnis, das Museum Ludwig auf die Punkte zu reduzieren. Parallel läuft „HIER UND JETZT im Museum Ludwig. De/Collecting Memories from Turtle Island“ noch bis zum 8. November 2026, eine Auseinandersetzung mit dem Sammeln selbst. Die Fotografie-Präsentation „Zweimal Deutschland um 1980“ ist bis zum 11. Oktober 2026 zu sehen. Und seit dem 18. Juli ist „Schultze Projects #5: Jana Euler“ zu sehen, eine Arbeit, die bis Juli 2028 im Haus bleiben wird – zwei Jahre lang dieselbe Position, was in einem Betrieb der Halbjahrestakte fast schon ein Statement ist.
Bemerkenswert ist auch, was in der Nachbarschaft passiert. Am selben 2. August schließt das Wallraf-Richartz-Museum ein paar hundert Meter weiter für zwei Jahre seine Türen, wegen einer Generalinstandsetzung. Köln verliert an einem einzigen Sonntag eine ausverkaufte Sonderausstellung und, für die absehbare Zeit, seine Alten Meister. Das ist Zufall, aber ein Zufall mit Aussagekraft über den Zustand der Kölner Museumslandschaft in diesem Sommer.
Was die Ausstellung an Zahlen hinterlässt, ist noch offen. Wie viele Menschen die Retrospektive tatsächlich gesehen haben, hat das Museum Ludwig bis zum Ende der Laufzeit nicht mitgeteilt; solche Bilanzen kommen erfahrungsgemäß in den Wochen danach. Auch, ob das Jubiläumsjahr die Besucherzahlen des Hauses insgesamt gehoben hat, wird sich erst in der Jahresstatistik zeigen. Bis dahin bleibt die einzige belastbare Kennziffer die schlichteste: Es ist nichts mehr zu haben.
Für das Museum ist das ein Erfolg mit Nebenwirkung. Ausverkaufte Häuser produzieren Menschen, die vor der Tür stehen und nicht hineinkommen, und die kommen selten in besserer Stimmung wieder. Die beiden Nächte am 1. und 2. August sind der Versuch, davon etwas aufzufangen – sechs zusätzliche Stunden pro Nacht, bei einer Ausstellung, deren Spiegelräume ohnehin am besten funktionieren, wenn draußen nichts mehr los ist. Das ist zumindest ein passender Rahmen für den Abschied.
Am Ende steht wieder das Blatt von 1934. Ein Kind zeichnet, und über neunzig Jahre später füllt dieselbe Person die größte Halle eines Kölner Museums mit einem Raum, in dem sich Lichtpunkte ins Unendliche fortsetzen. Zwischen beidem liegt keine Verwandlung, sondern eine sehr lange Konsequenz. Wer in den kommenden zehn Tagen noch hineinkommt, sollte deshalb nicht bei den Spiegeln anfangen, sondern bei der Zeichnung. Sie ist der kleinste Punkt in dieser Ausstellung und der erste.




