Zehn Sterne für Köln – und beim Bib Gourmand geht die Stadt leer aus
Neun Häuser verteidigten ihren Stern, das NeoBiota holte ihn nach dem Umzug an den Pantaleonswall zurück. Bei der Preis-Leistungs-Auszeichnung des Guide Michelin kam dagegen kein Kölner Betrieb neu dazu.
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Halb sieben am Zollhafen. Das Licht liegt flach auf dem Wasser, die Kranhäuser werfen ihre Schatten bis auf das Pflaster, und hinter den Fenstern der Hafenzeile deckt jemand ein. Glas für Glas, Besteck für Besteck, immer dieselbe Handbewegung. Von der Straße aus sieht das aus wie die Vorbereitung auf einen normalen Abend in einem normalen Lokal. Es ist die Vorbereitung auf den Abend im einzigen Restaurant der Stadt, das zwei Michelin-Sterne trägt. Man sieht es dem Haus von außen nicht an, und das ist in Köln eher die Regel als die Ausnahme.
Vergeben wurden die Sterne des Guide Michelin Deutschland 2026 am Dienstagabend, dem 23. Juni, im Gesellschaftshaus Palmengarten in Frankfurt am Main. Köln kam auf zehn ausgezeichnete Häuser: neun mit einem Stern, eines mit zweien. Neun Betriebe verteidigten ihre Auszeichnung. Das NeoBiota holte sich seinen Stern nach dem Umzug an den Pantaleonswall zurück. Unterm Strich steht die Stadt damit genau dort, wo sie im Vorjahr schon stand – zehn Restaurants, dieselbe Verteilung auf ein Zwei-Sterne-Haus und neun Ein-Stern-Häuser.
Die Zahl steht still, die Namen darunter tun es nicht
Wer nur auf die Summe schaut, hält das für ein langweiliges Jahr. Es war keins. Hinter der gleichbleibenden Zehn steckt eine Rückkehr, ein Umzug und ein Haus, das sich in neuer Form neu behaupten musste. Das NeoBiota von Sonja Baumann und Erik Scheffler kocht seit dem Wechsel am Pantaleonswall 27 in der Südstadt. Die Kombination, die dieses Lokal trägt, ist selten: morgens ein feines Frühstück à la carte, abends ein Menü in vier bis acht Gängen. Pancakes und Shakshuka am Vormittag, Sterneteller am Abend, in derselben Küche.
Ich halte das für die interessanteste Bewegung dieses Jahrgangs, und zwar nicht wegen des Sterns, sondern wegen der Öffnungszeiten. Ein Sternehaus, das um zehn Uhr morgens aufschließt, widerspricht so ziemlich allem, was die Branche über Auslastung und Personalplanung erzählt. Dienstag bis Samstag von 10 bis 15 Uhr und von 19 bis 23 Uhr, das sind zwei Betriebe in einem Raum. Wer schon einmal eine Küche zweimal am Tag hoch- und wieder heruntergefahren hat, weiß, was das kostet. Dass es dafür einen Stern gibt, ist eine Nachricht über die Stadt und nicht nur über ein Lokal.
Das einzige Zwei-Sterne-Haus bleibt Ox & Klee von Daniel Gottschlich, Im Zollhafen 18 im Rheinauhafen. Gottschlich kocht nach einem Konzept, das er „The Art of Taste“ nennt und das sich an den Geschmacksrichtungen salzig, süß, bitter, fettig, sauer und umami entlanghangelt. Es gibt zwei Wege durch den Abend, einen mit Fisch, Fleisch und Meeresfrüchten, einen vegetarischen. Geöffnet ist von Mittwoch bis Samstag ab 18.30 Uhr. Die Weinbegleitung „Alpha-Omega“ steht auf der eigenen Seite mit 130 bis 299 Euro pro Person, die alkoholfreie Begleitung „Back to Zero“ mit 130 Euro.
Neun Ein-Stern-Häuser verteilen sich quer über das Stadtgebiet
Die übrigen ausgezeichneten Adressen liegen erstaunlich weit auseinander, und das ist der zweite Befund dieses Jahrgangs. Sterne sind in Köln kein Innenstadtphänomen. Das taku von Mirko Gaul sitzt im Excelsior Hotel Ernst an der Trankgasse und kocht asiatisch inspiriert; vier Gänge stehen dort mit 111 Euro auf der Karte, sechs mit 155 Euro. Das Le Moissonnier Bistro von Eric Menchon an der Krefelder Straße 25 arbeitet inzwischen als Bistro-Variante des Hauses, mit täglich wechselndem Plat du Jour und französischen Klassikern, dienstags bis freitags von 12 bis 15 Uhr und samstags bis 15.30 Uhr.
Julia Komp kocht im Sahila – The Restaurant an der Kämmergasse 18. Sie eröffnete das Haus im Januar 2022 gemeinsam mit ihrem Partner Yunus Özananar, im April 2023 kam der Stern. Auf den Tellern liegt, was sie von ihren Reisen mitgebracht hat: Falafel mit Grünkohl, Reh mit Rotkohl und Couscous. Geöffnet ist von Dienstag bis Freitag ab 17 Uhr, samstags zusätzlich mittags von 12.30 bis 15 Uhr. Wer diesen Mittagstisch will, sollte früh dran sein.
Maximilian Lorenz führt an der Johannisstraße 64 ein Haus unter seinem eigenen Namen und setzt konsequent auf heimische Produkte und deutsche Spitzenweine. Leon Hofmockel kocht im La Société an der Kyffhäuser Straße 53; das Degustationsmenü liegt dort bei 190 Euro. Marlon Rademacher verbindet in La Cuisine Rademacher an der Dellbrücker Hauptstraße 176 französische Technik mit internationalen Einflüssen und arbeitet mit regionalen Produkten. Drei Häuser, drei völlig verschiedene Handschriften, drei Stadtteile, die sonst selten nebeneinander auftauchen.
Am weitesten draußen liegt Zur Tant von Thomas Lösche an der Rheinbergstraße 49 in Porz-Langel, direkt am Wasser. Klassisch, saisonal, mit einer auffallend österreichisch geprägten Weinkarte. Geöffnet ist dort von Freitag bis Montag, mittags und abends – eine Struktur, die man in der Innenstadt kaum noch findet und die viel über das Einzugsgebiet verrät. Wer aus der Stadt kommt, plant für den Weg besser mehr Zeit ein als für den ersten Gang.
Das Pottkind in der Südstadt, Darmstädter Straße 9, hält seinen Stern seit 2021. Enrico Sablotny und Lukas Winkelmann werden für eine ambitionierte, locker-unprätentiöse Gastronomie gelobt, und genau so fühlt sich der Laden auch an: modern gekocht, saisonal eingekauft, ohne die Feierlichkeit, die anderswo zum Konzept gehört. Geöffnet ist von Dienstag bis Samstag ab 18 Uhr. Fünf Jahre Stern in einem Viertel, in dem die Mieten seither gestiegen sind, ist für sich genommen eine Leistung.
Das Umland liefert die Sterne, die Köln nicht hat
Wer die Karte weiter aufzieht, sieht, wie schief das Bild wird, wenn man nur die Stadtgrenze betrachtet. In Bergisch Gladbach steht mit dem Vendôme von Dennis Kuckuck ein zweites Zwei-Sterne-Haus der Region. Dazu kommen das Schote von Nelson Müller, Zur Post in Odenthal, wo Alejandro und Christopher Wilbrand kochen, und Gut Lärchenhof in Pulheim mit Torben Schuster. Für eine Kölnerin mit Auto oder Bahnticket sind das keine fernen Ziele, sondern eine halbe Stunde Fahrt.
Diese Randlage ist kein Zufall. Die Grundstücke sind günstiger, die Räume größer, die Parkplatzfrage löst sich von selbst, und Gäste, die ohnehin einen ganzen Abend einplanen, fahren die 20 Kilometer. In der Stadt dagegen konkurriert jedes Sternehaus mit Quadratmeterpreisen, die eher zu Ketten passen als zu einer Küche mit acht Leuten am Pass. Dass Köln seine Zehn hält, ist vor diesem Hintergrund kein Stillstand, sondern eine zähe Verteidigungsleistung.
Beim Bib Gourmand ging Köln in diesem Jahr leer aus
Eine Woche vor der Sternevergabe, am 17. Juni 2026, hatte der Guide seine Bib-Gourmand-Auswahl veröffentlicht. Der Bib geht an Häuser, die den Inspektoren durch ein besonders gutes Verhältnis von Preis und Leistung auffallen; es gibt ihn seit 1997. Bundesweit umfasst die Auswahl 147 Betriebe. Zehn Häuser kamen 2026 neu dazu – zwei in Berlin, drei in Hamburg, je eines in Frankfurt am Main, Freinsheim, München, Schluchsee und Spiegelau. Kein einziges davon steht in Köln.
Das ist die Zahl, über die in dieser Stadt geredet werden sollte, und nicht die Zehn ganz oben. Der Bib ist die Kategorie für das, was die meisten Menschen tatsächlich essen gehen: gutes Handwerk zu einem Preis, den man auch an einem Mittwoch zahlt. Wenn Köln in dieser Liste nicht nachwächst, während Hamburg gleich drei neue Adressen stellt, ist das kein Ruhmesblatt für eine Stadt, die sich gern über ihre Wirtshauskultur definiert.
Man kann das relativieren, und man sollte es auch. Der Bib Gourmand wird nicht neu erfunden, nur weil eine Stadt gerade dran wäre; die bestehenden Kölner Einträge verschwinden durch Neuaufnahmen anderswo nicht. Und der Guide Michelin ist ein Führer mit einem sehr bestimmten Blick, der viele Küchen, die diese Stadt prägen, gar nicht erst in den Blick nimmt. Trotzdem bleibt der Befund: Der Nachwuchs in der mittleren Preisklasse wird gerade woanders entdeckt.
Es gehört zu Köln, dass die Sterneliste und das, was die Stadt nach außen ausmacht, wenig miteinander zu tun haben. Wer Besuch aus Hamburg hat, geht mit ihm ins Brauhaus und bestellt Himmel un Ääd – Kartoffelpüree mit Apfelmus und gebratener Blutwurst, wörtlich Himmel und Erde. Das eine schließt das andere nicht aus. Aber es erklärt, warum eine Auszeichnung, die bundesweit als Gradmesser gilt, in der Kneipe nebenan niemanden interessiert. Gemessen wird Köln trotzdem daran, von Gästen, die für ein Wochenende anreisen und vorher eine Liste lesen.
Was zehn Sterne für den Abend eines normalen Gastes bedeuten
Praktisch heißt das alles: Wer in Köln auf Sterneniveau essen will, hat zehn Adressen zur Auswahl und muss sich auf sehr unterschiedliche Abende einstellen. Ein Menü im taku für 111 Euro in vier Gängen ist eine andere Entscheidung als 190 Euro Degustation im La Société oder eine Weinbegleitung, die bei Ox & Klee bis 299 Euro reicht. Die Spanne innerhalb derselben Auszeichnung ist größer, als die Sterne vermuten lassen. Das ist keine Kritik, sondern eine Einkaufsliste.
Auffällig ist auch, wie unterschiedlich die Häuser geöffnet haben. Vier Tage die Woche ist inzwischen normal, mittags kochen die wenigsten. Le Moissonnier Bistro und Zur Tant sind die Ausnahmen, das NeoBiota mit seinem Frühstück sowieso. Wer an einem Montag spontan losziehen will, findet in dieser Übersicht genau zwei offene Türen: Zur Tant in Porz-Langel und La Société im Kwartier Latäng. Reservieren sollte man in jedem Fall; bei Ox & Klee läuft die Anfrage auch über WhatsApp.
Was in der Liste fehlt, fällt einer gelernten Köchin sofort auf: Es gibt in Köln kein ausgezeichnetes Haus, das ausschließlich vegetarisch oder vegan kocht. Ox & Klee bietet einen fleischlosen Weg durch das Menü an, andere Küchen arbeiten saisonal mit Gemüse – aber ein Betrieb, der die Karte konsequent umdreht, steht nicht dabei. In anderen Städten gibt es diese Häuser längst. Hier wäre Platz für eines.
Der nächste Termin steht noch nicht fest. Die Sterne für den Jahrgang 2027 dürfte der Guide wieder im Frühsommer vergeben, die Bib-Gourmand-Auswahl traditionell einige Tage davor. Bis dahin bleibt die Liste, wie sie ist. Meine Empfehlung für die nächsten Monate: Wer noch nie in einem dieser Häuser war, fängt nicht beim teuersten an, sondern beim Mittagstisch im Le Moissonnier Bistro oder beim Frühstück im NeoBiota. Das kostet einen Bruchteil und erzählt trotzdem, warum diese zehn Adressen in dem roten Buch stehen.
Ein Vorbehalt zum Schluss, und er richtet sich nicht an die Küchen, sondern an die Leserinnen und Leser: Ein Stern ist die Momentaufnahme einer Inspektion, keine Garantie für den Dienstagabend, an dem Sie zufällig kommen. Küchenchefs wechseln, Teams wechseln, Konzepte wechseln – das NeoBiota ist in diesem Jahrgang das beste Beispiel dafür, dass so eine Auszeichnung verschwinden und wiederkommen kann. Wer sich davon den Abend abhängig macht, isst schlechter, als er könnte.
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