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Literaturfestival

121.000 Gäste bei der lit.COLOGNE – und 95 Prozent Auslastung

Die 26. Ausgabe war die publikumsstärkste der Festivalgeschichte. Der Vergleich mit dem Vorjahr zeigt aber: Der Rekord ist vor allem einer der Länge, nicht der Dichte.

Friederike Wolters, Redakteurin — KI-generiertes Porträt
Friederike Wolters
Kultur & Karneval

Lesezeit 8 Min.
Blick von hinten über ein volles Publikum auf zwei Sessel und einen Tisch auf der Bühne
121.000 Menschen besuchten die 26. lit.COLOGNE; die Auslastung lag bei 95 Prozent. · Symbolbild (KI-generiert)

95 Prozent. Es ist eine Kennziffer, die man aus den Quartalsberichten von Fluggesellschaften kennt, nicht aus dem Literaturbetrieb, und doch steht sie an prominenter Stelle in der Abschlussbilanz der 26. lit.COLOGNE. Ein Festival, das Lesungen veranstaltet, misst seine Säle wie eine Airline ihre Kabinen. Warum eigentlich? Weil die lit.COLOGNE längst kein Nischenformat mehr ist, sondern ein Veranstaltungsbetrieb, der Häuser mietet, Personal bezahlt und Risiken trägt – und weil eine Auslastungsquote die einzige Zahl ist, die beides zugleich beschreibt: das künstlerische Interesse und das kaufmännische Ergebnis.

Am 22. März 2026 ging die 26. Ausgabe zu Ende, nach 17 Festivaltagen und knapp 200 Veranstaltungen, wie das Festival in seiner Abschlussbilanz mitteilte. 121.000 Menschen kamen, die Auslastung lag bei 95 Prozent. Das Festival bezeichnet den Jahrgang als seine bislang längste und publikumsstärkste Ausgabe, und beides stimmt. Allein die integrierte lit.kid.COLOGNE erreichte 30.000 Kinder und Jugendliche – ein Programmteil, der in der öffentlichen Wahrnehmung meist hinter den prominenten Abendveranstaltungen verschwindet, obwohl er ein Viertel des gesamten Publikums stellt.

Bei der lit.kid.COLOGNE lohnt ein zweiter Blick auf die Zahl. 30.000 Kinder und Jugendliche nennt das Festival für 2026 – und exakt dieselbe Zahl stand schon in der Bilanz von 2025, damals mit dem Zusatz, der eigene Vorjahresrekord sei erneut übertroffen worden. Gerundete Werte dieser Art lassen keinen Vergleich zu; sie markieren eine Größenordnung, keine Entwicklung. Festhalten lässt sich nur: Rund ein Viertel des Gesamtpublikums der lit.COLOGNE ist noch nicht erwachsen, und dieser Anteil ist über zwei Jahrgänge hinweg stabil geblieben.

Der Rekord ist einer der Länge, nicht der Dichte

Ein Blick auf die Vorjahresbilanz macht die Zahlen erst lesbar. Die 25. Ausgabe endete am 30. März 2025 nach 15 Festivaltagen mit 118.000 Besucherinnen und Besuchern, über 200 Veranstaltungen und einer Auslastung von 96 Prozent; über 150 Säle waren damals ausverkauft. Gegenüber diesem Jahrgang hat die lit.COLOGNE 2026 also 3.000 Gäste mehr gezählt, dafür zwei Festivaltage mehr gebraucht und einen Prozentpunkt Auslastung verloren.

Rechnet man auf den Festivaltag herunter, kehrt sich der Rekord sogar um: 2026 kamen im Schnitt rund 7.100 Menschen pro Tag, 2025 waren es knapp 7.900. Das ist kein Einbruch, sondern eine Streckung – das Festival wächst in die Dauer, nicht in die Dichte. Für die Veranstalter ist das die vernünftigere Richtung, weil Köln nicht beliebig viele große Säle hat und ein Abend nur einmal stattfinden kann. Für das Publikum heißt es: mehr Auswahl, weniger Gedränge.

Wartende Schlange vor einem beleuchteten Veranstaltungseingang am Abend
Knapp 200 Veranstaltungen an 17 Tagen: Das Festival verteilt sich über viele Häuser der Stadt. · Symbolbild (KI-generiert)

Die knapp 200 Veranstaltungen gegenüber über 200 im Vorjahr sind dabei die interessantere Zahl. Das Programm ist also nicht größer geworden, sondern liegt weiter auseinander, und die einzelnen Abende sind offenbar stärker besetzt. Wie sich die 121.000 Gäste auf Häuser und Formate verteilen, teilt das Festival nicht mit; ebenso wenig, wie viele Säle im Jahr 2026 ausverkauft waren. Der Vorjahreswert von über 150 steht damit als einzige Vergleichsgröße im Raum, ohne Gegenstück.

Was die 95 Prozent genau messen, teilt das Festival nicht mit. Eine Auslastungsquote setzt verkaufte Plätze ins Verhältnis zu angebotenen; wie die angebotene Kapazität bei knapp 200 Veranstaltungen in Häusern sehr unterschiedlicher Größe berechnet wird, ob Freikarten und Presseplätze mitzählen, ob ausverkaufte kleine Säle gegen halbvolle große aufgerechnet werden – all das bleibt offen. Für eine Erfolgsmeldung reicht die Zahl; für den Vergleich zweier Jahrgänge ist sie schwächer, als sie aussieht.

Ein Schriftsteller nahm in Köln Abschied vom Schreiben

Die Eröffnung bestritten Robert Habeck und Julian Barnes. Der britische Autor verabschiedete sich an diesem Abend nach Darstellung des Festivals vor seinem deutschen Publikum vom Schriftstellerdasein – ein Satz, den man zweimal lesen muss. Wer Barnes' Bücher kennt, weiß, dass in ihnen das Aufhören, das Erinnern und das Bilanzieren seit Jahrzehnten die eigentlichen Gegenstände sind; dass er ausgerechnet in einem Kölner Saal den Schlusspunkt setzt, ist für das Festival ein Ereignis, das sich nicht wiederholen lässt.

Der frühere Bundeskanzler Olaf Scholz sprach bei seinem Besuch nach Angaben des Festivals nicht nur über die Bücher seines Lebens, sondern kündigte auch seine politischen Memoiren an. Wann diese erscheinen sollen, in welchem Verlag und unter welchem Titel, wurde in Köln nicht mitgeteilt. Angekündigte Kanzlermemoiren sind im deutschen Buchmarkt eine eigene Gattung; dass die Ankündigung auf einer Literaturbühne fällt und nicht in einer Verlagsvorschau, sagt einiges über die Rolle, die dieses Festival inzwischen einnimmt.

Dazu kamen Debattenabende, etwa mit Eva Umlauf und Florence Gaub, und die Schlussveranstaltung, die die amerikanische Autorin Siri Hustvedt moderierte. Es ist diese Mischung aus Weltliteratur, Zeitgeschichte und Politik, die die Säle füllt, und sie ist keine Erfindung des Jahrgangs 2026 – sie ist das Grundmodell des Festivals, seit es sich vom Lesungsprogramm zum Diskursformat entwickelt hat.

Auffällig ist die Besetzung der Ränder. Am Anfang stand mit Robert Habeck ein Politiker, in der Mitte mit Olaf Scholz ein früherer Bundeskanzler, am Ende mit Siri Hustvedt eine Autorin von internationalem Rang. Ein Literaturfestival, das seine Eröffnung an die Politik vergibt, trifft damit eine Entscheidung über sich selbst: Es versteht sich als Ort der öffentlichen Rede und nicht allein als Ort des Buches. Ob das der Literatur nützt, lässt sich in Auslastungsquoten nicht beantworten.

„Wir sind überglücklich über den Verlauf der 26. lit.COLOGNE und danken unserem Publikum, allen Mitwirkenden, unseren treuen Förderern und Sponsoren sowie dem gesamten Team für diese außergewöhnliche Festivalausgabe.“

Rainer Osnowski, Gründer und Geschäftsführer der lit.COLOGNE

Osnowski führte seine Bilanz an den Höhepunkten des Programms entlang: von der Eröffnung mit Habeck und Barnes über den Besuch von Scholz bis zu den Debattenabenden mit Umlauf und Gaub, die nach seiner Darstellung Diskussionen weit über die Lesungen hinaus angestoßen haben. Es ist die Erzählung eines Veranstalters über die eigene Veranstaltung, und als solche zu lesen. Überprüfbar ist an ihr der harte Teil: Die Namen stimmen, die Abende haben stattgefunden, die Säle waren zu 95 Prozent belegt.

Ein Festival, das seine Ausgaben durchnummeriert, lädt zum Rückrechnen ein: Die 26. Ausgabe fand 2026 statt, die 25. im Jahr 2025, und die Zählung führt damit in die ersten Jahre dieses Jahrhunderts zurück. Einzelne Bausteine lassen sich genau datieren – der Debütpreis wird seit 2011 vergeben, die Arbeit an barrierefreien Veranstaltungen läuft nach Angaben des Festivals seit mehr als zehn Jahren. Was heute wie ein selbstverständlicher Betrieb wirkt, ist über zweieinhalb Jahrzehnte gewachsen, und zwar in einer Stadt, die für ihre Karnevalssitzungen bekannter ist als für ihre Lesungen.

Zwei Preise gehen an zwei Debütantinnen

Der lit.COLOGNE Debütpreis ging an Clara Leinemann für „Gelbe Monster“, erschienen bei Suhrkamp. Gestiftet wird der Preis von der RheinEnergie, und zwar seit 2011 – er ist damit selbst schon 15 Jahre alt und länger etabliert als mancher Literaturpreis mit größerem Namen. Den OffSpring Award, der Autorinnen und Autoren zwischen 16 und 26 Jahren auszeichnet und von Flossbach von Storch gestiftet wird, gewann Marie Rüscher.

Zur Einordnung lohnt der Blick auf den Vorjahrgang: 2025 erhielt Kurt Prödel den Debütpreis für „Klapper“ (park x ullstein), den OffSpring Award bekam Carla Moschner für ihre Erzählung „Apfelpüree“. Zwei Debüts, zwei Verlage, zwei Namen, die vorher kaum jemand kannte – genau das ist die Funktion dieser Preise. Ein Festival, das Julian Barnes und Olaf Scholz auf die Bühne bittet, verschafft mit demselben Apparat auch Erstlingen ein Publikum, das sie sonst nicht hätten.

Kinder sitzen auf Kissen vor einer kleinen Bühne in einer Aula
Die lit.kid.COLOGNE erreichte 30.000 Kinder und Jugendliche – rund ein Viertel des Gesamtpublikums. · Symbolbild (KI-generiert)

Das Literaturfestival zeigt jetzt auch Dokumentarfilme

Neu im Programm war die DOK.COLOGNE, eine Dokumentarfilminitiative, die die lit.COLOGNE gemeinsam mit der Film- und Medienstiftung NRW erstmals ausgerichtet hat. Damit verlässt ein Literaturfestival den Text als alleinigen Gegenstand – ein Schritt, den man begrüßen oder bezweifeln kann. Er ist jedenfalls konsequent: Wer Debattenabende zu Zeitfragen programmiert, kommt am Dokumentarfilm als der zweiten großen Recherche-Kunstform schwer vorbei.

Parallel dazu war die lit.COLOGNE POP zum vierten Mal ausverkauft. Auch das ist eine Erweiterung des Begriffs, und auch sie funktioniert offenbar. Wie sich die neuen Reihen finanziell tragen, wie hoch der Anteil der öffentlichen Förderung ist und was die Kooperation mit der Film- und Medienstiftung NRW konkret umfasst, geht aus der Bilanz nicht hervor. Es sind die Fragen, die man einem gewachsenen Betrieb dieser Größe stellen darf.

Nicht mitgeteilt wurden die wirtschaftlichen Eckdaten. Weder Umsatz noch Etat, weder die Höhe öffentlicher Zuschüsse noch die Zahl der Beschäftigten stehen in der Abschlussmeldung, und auch der durchschnittliche Ticketpreis fehlt. Bei 121.000 Besucherinnen und Besuchern wäre das keine Nebensache, sondern die zweite Hälfte der Bilanz. Ein Festival, das seine Auslastung auf den Prozentpunkt genau angibt, könnte auch sagen, was ein Abend kostet.

Ein Punkt, der in den Rekordmeldungen regelmäßig untergeht: Die lit.COLOGNE setzt sich nach eigenen Angaben seit mehr als zehn Jahren aktiv für die Teilhabe von Menschen mit Behinderung ein und bietet jährlich barrierefreie beziehungsweise barrierereduzierte Veranstaltungen an. Eine Auslastung von 95 Prozent sagt nichts darüber, wer in diesen Sälen sitzt; die Zahl der barrierefreien Veranstaltungen wäre die interessantere Kennziffer, und sie wird nicht genannt.

Bücherstapel, Programmheft und Anstecker auf einem Tisch am Fenster
Wie viele Bücher nach den Abenden gekauft werden, steht in keiner Festivalbilanz. · Symbolbild (KI-generiert)

Veranstalterin ist die lit.COLOGNE GmbH mit Sitz in der Maria-Hilf-Straße 15–17 in Köln. Gründer und Geschäftsführer Rainer Osnowski bezeichnete das Festival in seiner Bilanz als führendes Forum für die Themen unserer Zeit und verwies auf die Kraft gemeinsam erlebter Live-Kultur. Man darf diesen Anspruch für groß halten; belegt wird er in erster Linie durch die Bereitschaft von 121.000 Menschen, für eine Veranstaltung mit zwei Sesseln und einem Tisch Eintritt zu zahlen.

Der nächste Termin steht bereits. Die 27. lit.COLOGNE wird vom 26. Februar bis zum 14. März 2027 stattfinden – erneut 17 Tage, die Streckung des Jahrgangs 2026 bleibt also erhalten. Zuvor tritt am 15. November 2026 der Koch und Autor Yotam Ottolenghi als lit.COLOGNE spezial auf, um 20 Uhr, mit seinem Programm „SIMPLE TOO live“. Ob das Festival seinen Publikumsrekord 2027 halten kann, wird auch davon abhängen, ob Köln genügend bespielbare Säle bereithält.

Die Grenze des Wachstums ist in Köln eine räumliche. Ein Festival, das an 17 Tagen knapp 200 Veranstaltungen unterbringen muss, konkurriert mit dem laufenden Betrieb der Konzerthäuser, Theater und Bürgerzentren; hinter jedem ausverkauften Abend steht ein Saal, den jemand freigemacht hat. Das erklärt, warum die Veranstalter das Programm eher in die Länge ziehen als in die Breite. Warum die 27. Ausgabe schon im Februar beginnt, teilt das Festival nicht mit; der Terminkalender der Kölner Häuser dürfte dabei eine Rolle spielen.

Bleiben die 95 Prozent. Sie sind, genau besehen, kein Erfolgsausweis, sondern eine Warnung: Wer im vergangenen Jahr bei 96 Prozent lag und in diesem bei 95, hat seinen Spielraum nach oben weitgehend ausgeschöpft. Ein Festival, das noch größer werden will, muss dann entweder länger dauern, was es gerade getan hat, oder größere Häuser finden, die es in dieser Stadt kaum gibt. Die schönste aller Auslastungsquoten wäre ohnehin eine andere: die Zahl derer, die nach dem Abend ein Buch gekauft haben. Sie steht in keiner Bilanz.

Quellen und Weiterlesen
Friederike Wolters, Redakteurin — KI-generiertes Porträt
Friederike Wolters
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Kunsthistorikerin mit Sitzungskarnevals-Abo. Schreibt über Museen, Bühnen und die fünfte Jahreszeit — und darüber, warum beides in Köln dasselbe ist.
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