Ein Mai ohne Acht Brücken: Wie Köln bei der Kultur spart
Der Rat hat die Förderung des Festivals für zeitgenössische Musik zum Jahr 2026 gestrichen. Nach 15 Jahren und rund 150 Uraufführungen ist offen, ob Köln je wieder eines bekommt.
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Zehn Tage im Mai, und das 15 Jahre lang: Das ist ein Rhythmus, an den sich eine Stadt gewöhnt, ohne ihn zu bemerken – auffällig wird er erst in dem Jahr, in dem er aussetzt. Von 2011 bis 2025 machte das Festival ACHT BRÜCKEN aus Köln für jeweils zehn Tage im Mai einen Resonanzraum für zeitgenössische Musik; so beschreibt es die Kölner Philharmonie auf ihrer eigenen Seite, und übertrieben ist das nicht. In diesem Frühjahr ist der Mai vergangen, ohne dass etwas abgesagt worden wäre. Es gab nichts mehr abzusagen.
Der Rat der Stadt Köln hat beschlossen, die Förderung des Festivals zum Jahr 2026 vollständig einzustellen. Bekannt wurde die Entscheidung im Februar 2025, mitten in den Vorbereitungen der damals letzten Ausgabe; wer wissen wollte, wie ein Abschied klingt, konnte drei Monate später hingehen. Vom 9. bis zum 18. Mai 2025 standen 31 Konzerte auf dem Programm, darunter 16 Uraufführungen, das Motto lautete „Licht!“, und im Zentrum stand die finnische Komponistin Kaija Saariaho. Es war die 15. Ausgabe, und sie war zugleich die letzte.
Wie weit dieses Festival in die Stadt reichte, zeigte schon jene letzte Ausgabe. Zu den 31 Konzerten kamen weitere innerstädtische Kooperationen, die das Programm über den Konzertsaal hinaustrugen; ein Festival für zeitgenössische Musik lebt davon, dass es Räume bespielt, die sonst niemand für Musik dieser Art benutzt. Das ist kein Beiwerk, sondern die Grundidee: Neue Musik hat kein eingebautes Publikum, sie muss es sich jedes Mal neu suchen. Zehn Tage am Stück sind dafür der Mindestaufwand, den ein einzelner Konzertabend nie leisten kann.
Das Festival gehörte nie der Stadt allein
Wer ACHT BRÜCKEN getragen hat, lässt sich an einer Namensliste ablesen, die für sich genommen ein Stück Kölner Musikgeschichte ist. Die künstlerische Leitung lag bei einem Kollektiv: Louwrens Langevoort, Intendant der Kölner Philharmonie und Gesamtleiter des Festivals, Andrea Zschunke und Werner Wittersheim für den WDR, Hermann-Christoph Müller als Musikreferent des Kölner Kulturamts für die Stadt, dazu Daniel Mennicken und Thomas Oesterdiekhoff für das Netzwerk ON Neue Musik Köln, Oesterdiekhoff zugleich als künstlerischer Leiter des Ensemble Musikfabrik. Für Planung und Dramaturgie war in allen 15 Jahren Nicolette Schäfer verantwortlich.
Bezahlt wurde das Ganze aus mehreren Töpfen. Neben der Stadt Köln nennt die Philharmonie das Land Nordrhein-Westfalen, die Kunststiftung NRW und das Kuratorium KölnMusik e. V. als jene Förderer, deren jährliche Beiträge den Erfolg wesentlich sicherten. Kommunale Kulturförderung sieht in der Praxis selten so aus, wie sie in Haushaltsdebatten beschrieben wird: Die Stadt zahlt nicht alles, aber sie zahlt oft den Anteil, der die übrigen Beiträge überhaupt erst auslöst. Fällt er weg, steht die ganze Konstruktion zur Disposition.
Die Veranstalter haben die Folgen nüchtern formuliert, und gerade darin liegt die Schärfe der Aussage. Sie beschreibt nicht das Ende einer Veranstaltungsreihe, sondern das mögliche Ende einer ganzen Gattung an einem bestimmten Ort. In dieser Klarheit stünde der Satz in keiner Ratsvorlage, und man sollte ihn deshalb ganz lesen.
„Ohne die Unterstützung der Stadt ist derzeit fraglich, ob es weiterhin ein Festival für zeitgenössische Musik in Köln geben kann und welchen Umfang es haben wird.“
Mitteilung des Festivals ACHT BRÜCKEN, wiedergegeben vom Deutschen Musikinformationszentrum
In 15 Jahren hat ACHT BRÜCKEN rund 150 Uraufführungen angestoßen und produziert; viele der in Auftrag gegebenen Werke sind, so das Deutsche Musikinformationszentrum, in den Kanon des zeitgenössischen Repertoires eingegangen. Das sind im Schnitt zehn Uraufführungen pro Jahr, über anderthalb Jahrzehnte hinweg. Man sollte sich diese Zahl in Ruhe ansehen, denn sie beschreibt keine Programmpolitik, sondern eine Produktionsstelle. Ein Kanon entsteht nicht in der Partitur, sondern im Konzertsaal; ein Werk, das niemand aufführt, existiert praktisch nicht.
Bemerkenswert ist außerdem, wie eng das Festival institutionell verflochten war. Zwei der sechs Personen in der künstlerischen Leitung vertraten den WDR, zwei weitere das Netzwerk ON Neue Musik Köln, eine die Stadt selbst. ACHT BRÜCKEN fand also nicht neben der Kölner Musiklandschaft statt, sondern wurde aus ihr heraus gebaut – aus dem Konzerthaus, dem Rundfunk, der freien Szene und der Verwaltung. Wer eine solche Konstruktion streicht, streicht mehr als einen Programmzettel.
Der Kulturrat sieht keinen Einzelfall, sondern ein Muster
Der Kölner Kulturrat hat den Vorgang von Beginn an nicht isoliert betrachtet. In seinem Statement zum Doppelhaushalt 2025/2026 stellt er die eingestellte Festivalförderung in eine Reihe mit anderen Vorhaben: der geplanten Abwicklung der Akademie der Künste der Welt, dem geplanten Umzug des Römisch-Germanischen Museums, den fehlenden Förderperspektiven für die Kunst- und Museumsbibliothek. Die Kultur in Köln, heißt es dort, sei substanziell bedroht. Den Punkt, an dem es für die freie Szene existenziell wird, benennt das Papier ausdrücklich.
„Es ist nicht hinnehmbar, dass die Förderung der Freien Szene auf den Stand von 2022 zurückgeführt werden soll – trotz der hohen Inflation, der stark gestiegenen Energie- und Lebenshaltungskosten und der gestiegenen Gehälter.“
Kölner Kulturrat, Statement zum Doppelhaushalt 2025/2026, unterzeichnet von Bruno Wenn, Vorsitzender
Der Satz klingt technisch, meint aber etwas sehr Konkretes. Wer 2026 dieselbe Summe erhält wie 2022, erhält real weniger: Die Miete für den Probenraum, der Strom für den Scheinwerfer und das Honorar für die Musikerin sind seither gestiegen, die Fördersumme nicht. Der Kulturrat hält dazu fest: „Bereits heute leben viele Künstler*innen und Kulturschaffenden in finanziell prekären Verhältnissen.“ Unterzeichnet ist das Papier vom Vorsitzenden Bruno Wenn.
Wer von der freien Szene spricht, meint in Köln keine Randerscheinung. Gemeint sind Ensembles, Kollektive und einzelne Künstlerinnen ohne festes Haus und ohne Tarifvertrag, die von Projektförderung zu Projektförderung arbeiten und deren Kalkulation an einem einzigen Bescheid hängt. Für ein städtisches Haus bedeutet eine Kürzung ein enger geschnürtes Programm; für ein freies Ensemble bedeutet sie, dass eine Produktion nicht stattfindet und die beteiligten Musikerinnen und Musiker in diesem Jahr ein Honorar weniger bekommen. Der Unterschied ist kein gradueller.
Die im Statement genannten Häuser stehen dabei für sehr unterschiedliche Vorgänge. Eine Akademie abzuwickeln heißt, eine Institution zu beenden; ein Museum umzuziehen heißt, es für Jahre aus dem Betrieb zu nehmen; einer Bibliothek die Förderperspektive zu verweigern heißt, ihre Bestände zwar zu behalten, aber nicht mehr zu erschließen. Gemeinsam ist den Fällen, dass sich die Ersparnis sofort beziffern lässt und der Verlust erst Jahre später. Genau das macht Kulturkürzungen haushaltspolitisch so attraktiv.
Ein Dreivierteljahr nach dem Ratsbeschluss kam die Haushaltssperre. Am 11. November 2025 meldeten sich Kölner Kulturrat und KulturNetzKöln gemeinsam zu Wort und warnten, damit werde den Kölner Kultureinrichtungen und den Akteurinnen und Akteuren der freien Szene erneut die Planungssicherheit für das Jahr 2026 entzogen. Das Wort „erneut“ trägt in diesem Satz das Gewicht. Planung im Kulturbetrieb bedeutet Vorlauf von zwei, drei Jahren; wer im November nicht weiß, was im Mai gilt, kann keine Uraufführung in Auftrag geben.
Die beiden Verbände belassen es nicht bei der Klage. Sie fordern eine strukturelle Weichenstellung für eine nachhaltige Finanzierung der Kulturlandschaft, eine bessere Vernetzung zwischen städtischen Einrichtungen und freier Szene, eine zentrale Serviceeinheit, die Künstlerinnen und Künstler bei Förderanträgen unterstützt, und eine professionelle Stelle für die Einwerbung von Drittmitteln. Kultur sei ein unverzichtbarer Baustein des gesellschaftlichen Zusammenhalts und der demokratischen Willensbildung, heißt es zur Begründung.
Die weitreichendste Forderung steht am Schluss: Kulturförderung solle in den Gemeinde- und Haushaltsordnungen auf Landes- und Bundesebene verbindlich als kommunale Pflichtaufgabe festgeschrieben werden. Was das hieße, versteht man am besten über das Gegenteil. Kultur ist für eine Kommune bislang eine freiwillige Leistung und steht deshalb in jeder Haushaltskrise zuerst zur Disposition, während Pflichtaufgaben erfüllt werden müssen. Die Forderung zielt also nicht auf mehr Geld in einem einzelnen Jahr, sondern auf die Reihenfolge, in der gestrichen wird.
Ob Land oder Bund das aufgreifen, ist offen; entschieden ist bislang nichts. Der Doppelhaushalt, um den gestritten wurde, umfasst die Jahre 2025 und 2026 – die nächste Aufstellung betrifft damit bereits das Jahr 2027. Der Ratsbeschluss selbst wiederum betrifft ausschließlich die städtische Förderung; er verbietet niemandem, in Köln ein Festival für zeitgenössische Musik zu veranstalten. Wer an die Stelle der Stadt treten könnte, geht aus ihm allerdings nicht hervor.
Was als Nächstes ansteht, ist keine Kultur-, sondern eine Haushaltsfrage, und sie wird am Ende im Rat entschieden, nicht im Kulturausschuss. Solange eine Sperre gilt, sind Zusagen Vorbehalte; solange der Etat nicht steht, sind Vorbehalte die Regel. Die Verbände haben deshalb nicht mehr Geld gefordert, sondern eine andere Systematik – ein Eingeständnis, dass sich im laufenden Verfahren wenig gewinnen lässt. Ob ein künftiger Haushalt die Festivalförderung wieder aufnimmt, hat bislang niemand angekündigt.
Auch die Philharmonie nennt das Umfeld herausfordernd
Ungewöhnlich offen liest sich, was das städtisch getragene Konzerthaus selbst über sein Festival schreibt. Kein Rückblick in Feierlaune, sondern eine Bilanz, die den Widerspruch benennt, in dem ACHT BRÜCKEN von Anfang an stand: international beachtet, lokal nie gesichert.
„Trotz seiner internationalen Bedeutung bewegte sich ACHT BRÜCKEN stets in einem herausfordernden finanziellen und kulturpolitischen Umfeld.“
Kölner Philharmonie, Rückblick auf das Festival ACHT BRÜCKEN
Weiter heißt es dort: „Die Festivalausgabe 2025 markierte den Abschluss jener Form, in der ACHT BRÜCKEN über viele Jahre hinweg Gestalt angenommen hatte.“ Das Wort „Form“ ist mit Bedacht gewählt, denn es lässt eine andere offen. Für 2026 kündigt die Philharmonie an, man blicke zurück, aber auch nach vorn auf neue Wege für das Festival. Wie diese Wege aussehen, wer sie finanziert und ob am Ende wieder zehn Tage im Mai daraus werden, steht nicht dabei.
Für die freie Szene ist der Ausfall unmittelbar spürbar. ACHT BRÜCKEN war für Kölner Ensembles nicht nur Bühne, sondern Auftraggeber: 16 Uraufführungen allein im Mai 2025 bedeuten 16 Kompositionsaufträge, dazu Probenzeiten, Honorare und Aufnahmen. Die Ensembles gibt es weiter, das Ensemble Musikfabrik ebenso wie das Netzwerk ON Neue Musik Köln. Was fehlt, ist der Ort, an dem ihre Arbeit gebündelt sichtbar wurde – und der Rahmen, der Aufmerksamkeit über die Stadtgrenze hinaus erzeugte.
Was bleibt, ist ein Kalender mit einer Lücke
Der Mai 2026 war der erste seit 2011, in dem ACHT BRÜCKEN nicht stattfand, und niemand hat das laut bemerkt. Das gehört zur Natur solcher Streichungen: Ein gestrichenes Festival macht keinen Lärm, es ist ja gerade die Abwesenheit von Klang. Zehn Tage im Mai sind kein Naturgesetz, sie waren eine Verabredung, und Verabredungen kann man kündigen. Der nächste Mai kommt trotzdem; ob in ihm wieder etwas ausfallen kann, entscheidet ein Haushaltsplan.




