Weniger Kölsch im Kranz: Der deutsche Bierabsatz bricht weiter ein
Der Bierabsatz sank 2025 so stark wie nie seit 1993, im Mai 2026 noch einmal um 7,5 Prozent. Für Kölsch nennt der Brauerei-Verband eine eigene Zahl, und eine Statistiklücke relativiert das Bild.
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Der Kranz steht auf der Theke, die Stangen im Metallring, der Schaum steht noch. Ein Köbes wischt mit dem Handrücken über das Blech, nimmt den Kranz auf, dreht sich, weg ist er. Auf dem Bierdeckel des Gastes am Ende der Bank stehen bereits sechs Striche. Das Geräusch, das dieses Lokal trägt, ist nicht Musik, sondern das Klacken von Glas auf Holz. Es klingt wie immer. Die Zahlen dahinter tun das nicht mehr.
Der Bierabsatz der deutschen Brauereien und Bierlager ist 2025 um 6,0 Prozent oder 497,1 Millionen Liter auf rund 7,8 Milliarden Liter gesunken. Das teilte das Statistische Bundesamt am 2. Februar 2026 mit. Es ist der stärkste Rückgang seit Beginn der Zeitreihe im Jahr 1993, und es ist das erste Jahr, in dem die Marke von 8 Milliarden Litern unterschritten wurde. Wer die Branche beobachtet, hat mit einem Minus gerechnet. Mit diesem nicht.
Zur Erklärung, weil in diesem Text kölsche Wörter vorkommen: Die Stange ist das schlanke Glas mit 0,2 Litern. Der Kranz ist der Metallring, in dem der Köbes sie trägt; Köbes heißt der Kellner im Brauhaus. Und der Deckel ist der Bierdeckel, auf dem mit Strichen gezählt wird, was Sie getrunken haben. Wer ihn nicht auf sein Glas legt, bekommt nachgeschenkt, ohne gefragt zu werden. Das ist keine Aufdringlichkeit, sondern das System.
Der Vergleich mit 2015 zeigt, wie tief der Einschnitt reicht
Ein einzelnes Jahr sagt wenig. Der Zehnjahresvergleich sagt mehr: Gegenüber 2015 setzten die Brauereien 18,9 Prozent oder 1,8 Milliarden Liter weniger ab. Das ist nicht die Delle eines verregneten Sommers, das ist eine Verschiebung im Konsum. Auf den Inlandsmarkt entfielen 2025 noch 82,5 Prozent des Absatzes, also rund 6,4 Milliarden Liter, ein Minus von 5,8 Prozent. Der Export samt Haustrunk ging um 7,0 Prozent zurück.
Beim Export lohnt der genauere Blick, weil er zwei gegenläufige Geschichten enthält. In EU-Staaten gingen 798,5 Millionen Liter, ein Minus von nur 1,3 Prozent. Außerhalb der EU waren es 552,8 Millionen Liter und damit 14,2 Prozent weniger. Der Haustrunk, also das Bier, das Brauereibeschäftigte mit nach Hause nehmen dürfen, lag bei 10,0 Millionen Litern und sank um 7,2 Prozent. Auch die Biermischgetränke halfen nicht: 402,0 Millionen Liter, minus 5,2 Prozent.
Um die 497,1 Millionen Liter einzuordnen: Das sind knapp 5 Millionen Hektoliter. Nordrhein-Westfalen, das zweitgrößte Absatzland, kam im Mai 2026 auf 1,81 Millionen Hektoliter. Der Rückgang eines einzigen Jahres entspricht damit rechnerisch dem, was in diesem Bundesland in gut zweieinhalb Monaten abgesetzt wird. Verschwunden ist also keine Nische, sondern ein Quartal.
Das laufende Jahr bringt keine Entwarnung, im Gegenteil
2026 setzt sich der Trend fort. Im Mai lag der Bierabsatz bei 6,96 Millionen Hektolitern und damit 7,5 Prozent unter dem Vorjahresmonat. Von Januar bis Mai kamen 30,56 Millionen Hektoliter zusammen, ein Minus von 3,9 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Versteuertes Bier ging im Mai um 8,4 Prozent zurück, der steuerfreie Absatz um 3,4 Prozent. Die Biermischungen brachen im selben Monat um 14,9 Prozent auf 412.464 Hektoliter ein.
Regional bleibt Nordrhein-Westfalen ein Schwergewicht. Im Mai 2026 wurden hier 1,81 Millionen Hektoliter abgesetzt, mehr als in jedem anderen Bundesland außer Bayern mit 2,07 Millionen Hektolitern. Das einzige Land mit einem Plus war Sachsen-Anhalt mit 4,9 Prozent. Den stärksten Rückgang meldete Hessen mit 31,4 Prozent. Solche Ausschläge hängen oft an einzelnen großen Betrieben und an Stichtagen; man sollte sie nicht überinterpretieren.
Eine Einschränkung gehört zu diesen Zahlen unbedingt dazu, und sie wird selten mitgeliefert: Alkoholfreie Biere und alkoholfreie Biermischungen sind in dieser Statistik nicht berücksichtigt. Genau das Segment, über das die Branche seit Jahren spricht, taucht in der Kurve gar nicht auf. Wer aus dem Absatzminus auf einen Zusammenbruch der Braubranche schließt, rechnet mit einer unvollständigen Rechnung. Das ändert die Richtung nicht, aber es ändert die Größenordnung.
In Köln lässt sich der Rückgang in Hektolitern beziffern
Für Kölsch gibt es eine eigene Zahl. Der Kölner Brauerei-Verband meldete für 2024 einen Rückgang des Kölsch-Absatzes um 50.000 Hektoliter gegenüber dem Vorjahr. Als Gründe nannte der Verband den demografischen Wandel, ein verändertes Konsumverhalten und eine gewisse Konsumzurückhaltung. Auch der verregnete Sommer 2024 habe gebremst: In Jahren mit sonnigen Sommermonaten kauften die Kölnerinnen und Kölner mehr Bier, teilte der Verband mit.
50.000 Hektoliter sind fünf Millionen Liter. Umgerechnet auf die Kölschstange mit ihren 0,2 Litern sind das 25 Millionen Gläser, die in einem Jahr nicht ausgeschenkt oder nicht verkauft wurden. Man kann sich das als Reihe vorstellen, oder man kann es sich als Arbeit vorstellen: als Schichten im Sudhaus, als Touren im Lieferverkehr, als Stunden hinter dem Zapfhahn. Beides ist richtig.
Der Verband selbst gibt sich in seiner Analyse nicht düster. Er verweist auf die Karnevalszeit, die den Absatz im Rheinland zu Jahresbeginn trägt, und auf den Trend zu regionalen Spezialitäten. Die Botschaft lautet: Der Heimatmarkt ist stabil, gewachsen werden soll außerhalb.
„Wir sehen jedoch im regionalen Markt Stabilität und im überregionalen Bereich Wachstumspotenzial, gerade durch den Trend zu regionalen Spezialitäten.“
Sprecher des Kölner Brauerei-Verbands gegenüber t-online
„Kölsch steht für Qualität und Authentizität, das überzeugt auch außerhalb Kölns.“
Sprecher des Kölner Brauerei-Verbands gegenüber t-online
Das ist die Position eines Verbands, und sie ist erwartbar. Belegen lässt sie sich aus den vorliegenden Zahlen nicht. Der bundesweite Absatz sinkt, der Export außerhalb der EU sinkt zweistellig, und eine eigene Zeitreihe für den überregionalen Kölsch-Absatz hat der Verband nicht veröffentlicht. Es kann sein, dass er recht hat. Nachprüfen kann man es derzeit nicht.
Was den Kölsch-Markt schützt, ist eine europäische Verordnung
Ein Vorteil, den andere Regionalbiere nicht haben, steht im europäischen Recht. Kölsch ist als geschützte geografische Angabe eingetragen, kurz g.g.A. Das heißt: Nicht jeder darf sein obergäriges Helles so nennen. Gebraut werden darf Kölsch nur an bestimmten Orten, dazu gehören Köln, Brühl und Wiehl. Diese Schranke hält den Markt klein und die Marken beieinander, und sie ist der Grund, warum in dieser Stadt ein gutes Dutzend Namen um dieselben Theken konkurriert, ohne dass ein Konzern von außen dazwischengeht.
Organisiert sind die Häuser im Kölner Brauerei-Verband e.V. mit Sitz in der Weißhausstraße 24 in 50939 Köln. Zu den vertretenen Marken gehören Bischoff, Dom, Früh, Gaffel, Gilden, Hellers, Mühlen, Päffgen, Peters, Reissdorf, Richmodis, Schreckenskammer, Sester, Sion, Sünner und Zunft. Manche davon füllen große Mengen ab, andere brauen im Wesentlichen für ein einziges Brauhaus. In der Statistik stehen sie in derselben Spalte, wirtschaftlich haben sie wenig gemein.
Die geschützte geografische Angabe schützt allerdings den Namen, nicht die Nachfrage. Wer im Rheinland weniger Bier trinkt, trinkt auch weniger geschütztes Bier. Für die Häuser bedeutet das eine unangenehme Konstellation: Der Markt ist zugleich abgeschottet und schrumpfend, Zukäufe von außen sind kaum möglich, Wachstum muss also entweder außerhalb Kölns oder aus anderen Produkten kommen. Genau das ist die Rechnung, die der Verband mit seinem Verweis auf den überregionalen Markt aufmacht.
Die Antwort des Verbands heißt Kampagne, nicht Preisnachlass
Gegen den Trend setzt der Verband auf gemeinsame Sichtbarkeit. Die Kampagne „Kölsch verbindet“ startete offiziell am 19. August 2024 mit 18 im Verband vertretenen Marken. Sie führt die Häuser unter einem Dach zusammen, statt sie gegeneinander antreten zu lassen – was für eine Branche, die sich seit Generationen über Deckel und Kranz definiert, keine Selbstverständlichkeit ist. Zur Kampagne gehört die „Lange Nacht der Kölschen Brauhäuser“, die auf der Kampagnenseite für den 25. Oktober angekündigt ist, mit Auftritten Kölner Bands, Mitsingabenden und DJ-Programm in den beteiligten Häusern.
Der zweite Baustein ist eine Probier-Box mit elf Kölsch-Sorten samt Kölschstange und einem Bewertungsbogen zum Vergleichen. Das ist, mit Verlaub, ein Weinkonzept für ein Getränk, dessen Marken jahrzehntelang vor allem über Nähe und Gewohnheit funktioniert haben. Ich finde den Gedanken trotzdem richtig. Wer Kölsch als Getränk mit Unterschieden begreift, trinkt vielleicht weniger davon, aber er zahlt dafür mehr und erzählt es weiter.
Ob eine Kampagne einen demografischen Trend aufhält, ist die entscheidende Frage, und die Antwort lautet nüchtern: eher nicht. Die Generation, die abends selbstverständlich vier Stangen trank, wird kleiner. Die nachwachsende trinkt weniger Alkohol und öfter alkoholfrei. Dagegen hilft kein Bewertungsbogen. Was hilft, sind Produkte für dieses Verhalten – und die stehen in der Statistik, die hier zitiert wird, wie gesagt gar nicht drin.
Auf dem Hof einer Brauerei im Kölner Süden stapeln sich die Leergutpaletten in der Vormittagssonne, Kästen verschiedener Marken durcheinander, wie sie aus den Läden zurückkommen. Ein Gabelstapler holt eine Reihe ab, die nächste rückt nach. Drinnen stehen die kupfernen Kessel des Sudhauses und spiegeln das Licht der Fenster. Von hier aus sieht die Branche aus wie immer: warm, schwer, verlässlich. Die Kurve, die sie beschreibt, sieht anders aus.
Für die Brauhäuser in der Altstadt heißt das etwas anderes als für die Abfüllanlagen. Ein Haus, das vom Tagesgeschäft mit Touristen und Betriebsfeiern lebt, spürt einen sinkenden Bundesabsatz kaum, solange die Busse kommen. Ein Betrieb, der Kästen in den Handel liefert, spürt ihn sofort. Deshalb fällt die Stimmung in dieser Stadt je nach Gesprächspartner völlig unterschiedlich aus. Beide reden über dasselbe Getränk und über zwei verschiedene Märkte.
Was als Nächstes ansteht, ist die Halbjahresbilanz. Das Statistische Bundesamt wird die Absatzzahlen für Juni und das erste Halbjahr 2026 im weiteren Verlauf des Sommers vorlegen; der Kölner Brauerei-Verband äußert sich üblicherweise zum Jahreswechsel. Erst dann lässt sich sagen, ob das Minus von 3,9 Prozent aus den ersten fünf Monaten das Jahr trägt oder ob ein warmer Sommer noch etwas geradezieht. Die Wetterabhängigkeit ist in dieser Branche kein Klischee, sondern ein Bilanzposten.
Meine Empfehlung für den Sommer ist deshalb keine Marktprognose, sondern eine Bitte: Gehen Sie in eines der kleinen Brauhäuser, die kein Leergut in den Handel fahren, sondern im Wesentlichen ausschenken, was sie selbst brauen. Bestellen Sie zwei Stangen und lassen Sie den Deckel offen. Diese Häuser hängen nicht an der Kurve einer Bundesstatistik, sondern an den Leuten, die abends hereinkommen. Das ist die einzige Zahl, die sie wirklich beeinflussen können, und Sie sind darin enthalten.




