Der Kölner Sport will im Doppelhaushalt endlich Zahlen sehen
Rund 650 Vereine mit weit mehr als 345.000 Mitgliedern verlangen konkrete Mittel für 2027/2028. Die Allianz Kölner Sport lobt erste Signale – und kündigt an, die Stadt künftig an Beschlüssen zu messen.
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Sportverbände schreiben selten Sätze, die man sich aufschreiben muss. „Zeit der Absichtserklärung ist vorbei“ ist so einer. Er steht seit dem 17. Juni über einer Mitteilung des Stadtsportbunds Köln, und er ist nicht an die Vereine gerichtet, sondern an das Rathaus. Wer die üblichen Grußadressen aus dem organisierten Sport kennt, merkt den Unterschied im ersten Absatz. Höflich ist der Text immer noch. Freundlich nicht mehr.
Hinter der Allianz Kölner Sport steht eine Zahl, die im Ratssaal selten vorkommt. Der Stadtsportbund vertritt nach eigenen Angaben rund 650 Sportvereine mit weit mehr als 345.000 Mitgliedern. Das sind Mitgliedschaften, keine Köpfe; wer in zwei Vereinen ist, zählt zweimal. Trotzdem ist es eine Größenordnung, die man in dieser Stadt schwer übersehen kann, und getragen wird sie nicht von Hauptamtlichen, sondern von Leuten, die nach Feierabend Bälle aufpumpen und Abrechnungen schreiben.
Die Forderung ist konkret und in einem Satz erzählt: Im Doppelhaushalt 2027/2028 müssen für den Sport Beträge stehen. Nicht Programme, nicht Bekenntnisse, nicht ein weiteres Papier mit dem Wort Sportstadt darin. Die Allianz kündigt an, dazu das Gespräch mit den Ratsfraktionen zu suchen. Und sie sagt vorher, woran sie die Ergebnisse messen wird.
Erst das Lob, dann die Bedingung
Bemerkenswert an der Mitteilung ist, dass sie nicht mit der Klage anfängt. Als positive Signale nennt die Allianz eingeworbene Fördergelder für das Waldbad Dünnwald und die Bezirkssportanlage Ehrenfeld, das Landesprogramm „Moderne Sportstätten NRW“ und die Olympiabewerbung Rhein-Ruhr, die aus ihrer Sicht an Kontur gewinnt. Auch die Zustimmung in den Bürgerbefragungen zu Olympischen und Paralympischen Spielen wird ausdrücklich begrüßt. Das ist die Vorlage. Danach kommt der Absatz, um den es geht.
„Wir sehen erstmals seit Jahren wieder Bewegung im System. Fördergelder wie für das Waldbad Dünnwald und die Bezirkssportanlage Ehrenfeld werden eingeworben, Olympia Rhein-Ruhr gewinnt an Kontur und der Sport verschafft sich Gehör. Das begrüßen wir ausdrücklich.“
Peter Pfeifer, Allianz Kölner Sport, in der Mitteilung vom 17. Juni 2026
Der zweite Satz von Peter Pfeifer ist der eigentliche Inhalt der Mitteilung, und er ist so knapp gehalten, dass er ohne Erläuterung auskommt. Er richtet sich an eine Verwaltung und an einen Rat, denen der Sport in den vergangenen Jahren mehr Zusagen als Überweisungen zutraut. Das ist keine Unterstellung des Verbands, sondern die Lesart, die sich aus dem Wort „dauerhaft“ ergibt.
„Wir werden sehr genau darauf achten, ob diesen Signalen auch dauerhaftes politisches Handeln folgt.“
Peter Pfeifer, Allianz Kölner Sport
Auffällig ist, was in dieser Aufzählung fehlt. Wie hoch die Fördergelder für das Waldbad Dünnwald und die Bezirkssportanlage Ehrenfeld ausfallen, steht in der Mitteilung nicht. Auch für das Landesprogramm „Moderne Sportstätten NRW“ wird kein Kölner Anteil genannt. Das ist verbandsüblich und trotzdem unbefriedigend: Ohne Beträge lässt sich nicht beurteilen, ob es sich um eine Trendwende handelt oder um zwei erfreuliche Einzelfälle in einem ansonsten unveränderten Bild.
Der Anlass steht in einem älteren Papier
Um zu verstehen, warum ein Verband so schreibt, muss man in eine zweite Mitteilung sehen. Sie steht auf der Seite der Sportjugend Köln, nennt als Absender die Allianz des Kölner Sports und trägt die Überschrift So wird die Sportstadt zur Sportwüste. Ein Veröffentlichungsdatum ist dort nicht angegeben; inhaltlich bezieht sie sich auf den Haushaltsplan 2025/2026. Sie ist also älter als der Vorgang, um den es jetzt geht. Falsch wird sie dadurch nicht, aber man sollte wissen, worüber sie spricht.
Die Zahlen in diesem Papier sind der Grund für den Ton im neueren. Von einem drohenden Kürzungsvolumen von rund 20 Millionen Euro für den Sport ist die Rede. Die Investitionssumme in die Sportinfrastruktur – Hallen, Plätze, Anlagen – sollte demnach um 96 Prozent zurückgefahren werden. Bei der Instandhaltung von Vereinsanlagen seien 24 von 32 Positionen komplett gestrichen worden. 96 Prozent sind keine Kürzung. Das ist ein Abschalten mit Restlicht.
Betroffen sind laut dieser Mitteilung Vereinsheime, Sportanlagen, Hallen, Sportplätze und Kunstrasenplätze, dazu der Sportentwicklungsplan „Kölle Aktiv“. Als Gegenbeispiele werden Hamburg und Düsseldorf genannt, allerdings ohne Zahlen für die dortigen Etats. Der Vergleich hinkt damit ein Stück weit. Er trifft aber die Wahrnehmung im Verein: Anderswo wird gebaut, hier wird verwaltet.
Auch hier gilt die Vorsicht, die man Prozentzahlen schuldet. Wie hoch die Investitionssumme in absoluten Beträgen war, bevor sie um 96 Prozent zurückgefahren werden sollte, steht in der Mitteilung nicht. Eine Kürzung um 96 Prozent kann von viel auf wenig führen oder von wenig auf fast nichts, und beides ist in der Wirkung nicht dasselbe. Nachprüfbar ist die zweite Angabe besser: 24 von 32 Positionen sind eine Aufzählung, keine Interpretation.
Genannt wird außerdem der Sportentwicklungsplan „Kölle Aktiv“, der sich nach Darstellung der Mitteilung an alle Kölner Bürgerinnen und Bürger richtet. Ein Entwicklungsplan ohne Investitionsmittel ist ein Dokument, kein Plan. Was von ihm übrig bleibt, wenn die dazugehörigen Positionen gestrichen werden, führt die Mitteilung nicht aus. Die Frage wäre im Rat zu stellen.
„Der Sport als Rückgrat der Gesellschaft in vielen Bereichen des städtischen Lebens gerät dadurch in eine gefährliche Schieflage.“
Aus der Mitteilung „So wird die Sportstadt zur Sportwüste“ der Allianz des Kölner Sports
Ein Kunstrasen wartet nicht auf den nächsten Haushalt
Wer nie einen Verein von innen gesehen hat, unterschätzt, was hinter dem Wort Instandhaltung steckt. Ein Kunstrasenplatz ist kein Belag, der einfach liegt, sondern ein Verschleißteil mit Ablaufdatum; ein Vereinsheim ist ein Gebäude mit Heizung, Dach und Duschen. Fällt die Instandhaltung aus, fällt sie nicht sofort auf. Sie fällt zwei oder drei Jahre später auf, dann aber teurer und meistens auf einmal. Genau deshalb ist eine gestrichene Position im Haushaltsplan kein Sparbeitrag, sondern eine verschobene Rechnung.
Der zweite Punkt ist der unangenehmere. Vereine planen mit ehrenamtlichen Vorständen, und Ehrenamt ist die einzige Ressource, die man nicht nachbestellen kann. Wer dreimal einen Antrag stellt und dreimal nichts hört, stellt beim vierten Mal keinen mehr. Der Verlust taucht in keiner Haushaltsposition auf. Er taucht in der Zahl der Mannschaften auf, die eine Saison später nicht mehr gemeldet werden.
Olympia und Kunstrasen stehen im selben Text
Zur Ehrlichkeit dieser Debatte gehört ein Widerspruch, den die beiden Mitteilungen selbst mitliefern. Die Allianz begrüßt die Olympiabewerbung ausdrücklich; im Januar hatten Allianz und Stadtsportbund sich geschlossen zu einer Bewerbung um Spiele in Nordrhein-Westfalen mit Köln als Leading City bekannt, als mögliche Jahre werden 2036, 2040 oder 2044 genannt. In der älteren Mitteilung fordert derselbe Zusammenschluss ein Moratorium für die – so wörtlich – hinlänglich bekannten Mammutprojekte der Stadt. Beides zugleich zu wollen, ist kein Fehler. Es ist nur erklärungsbedürftig.
„Wir fordern deshalb in diesen schwierigen Zeiten für die hinlänglich bekannten Mammutprojekte der Stadt ein Moratorium.“
Aus der Mitteilung „So wird die Sportstadt zur Sportwüste“ der Allianz des Kölner Sports
Aufgelöst wird der Widerspruch in den Bedingungen, die der Sport an die Bewerbung knüpft. Genannt werden ein offener Dialog, breite gesellschaftliche Beteiligung und ein langfristiger Nutzen für die Stadt sowie eine nachhaltige Stärkung des Sports in allen Bereichen, vom Ehrenamt bis zum Leistungssport. Übersetzt heißt das: Olympia ja, aber nicht als Ersatz für den Kunstrasen in Ehrenfeld. Ob diese Rechnung aufgeht, entscheidet sich nicht 2036, sondern im Doppelhaushalt 2027/2028.
Neu ist diese Haltung nicht. Schon am 3. Dezember 2025 hatte der Stadtsportbund seine Unterstützung für die Bewerbung Rhein-Ruhr bekräftigt, im Januar folgte das gemeinsame Bekenntnis mit der Allianz. Der Sport hat in dieser Frage also früh und deutlich geliefert. Genau daraus leitet er nun seinen Anspruch ab: Wer bei einem Großprojekt mitträgt, will bei den kleinen Anlagen nicht übergangen werden.
Die Allianz vergleicht sich mit dem Schauspielhaus
Ein Maßstab, den die Allianz selbst anlegt, ist der Umgang der Stadt mit ihren Kulturbauten. Sie verlangt, den Sport politisch auf gleiche Augenhöhe zu stellen, und verweist dabei auf die Finanzierung des Schauspielhauses. Der Vergleich ist unbequem und deshalb wirksam. Wie viel die Stadt für das Haus am Offenbachplatz aufgewendet hat, beziffert die Mitteilung nicht, und darum geht es ihr auch nicht. Es geht um die Reihenfolge, in der entschieden wird.
Ganz sauber ist der Vergleich ohnehin nicht. Ein Theaterbau ist ein einzelnes Bauwerk mit einem Bauherrn; rund 650 Vereine sind ebenso viele Verfahren mit eigenen Vorständen, Pachtverträgen und Eigentumsfragen. Kleine Beträge sind in der Verwaltung nicht automatisch einfacher als große. Der Punkt, den die Allianz macht, bleibt trotzdem stehen: Für das eine wurde ein Weg gefunden, für das andere wird auf die Haushaltslage verwiesen.
Den grundsätzlichen Satz stellt die Allianz bewusst breit auf. Er listet auf, was ein Sportverein neben dem Sport noch erledigt: Gesundheitsvorsorge, Inklusion, Integration, Bildung, Ehrenamt, gesellschaftlichen Zusammenhalt. Solche Aufzählungen liest man in Verbandstexten oft und überliest sie meistens. In einer Haushaltsdebatte sind sie trotzdem der Kern der Sache, weil jede dieser Leistungen anderswo teurer eingekauft werden müsste.
„Der Sport ist kein Randthema. Er ist Gesundheitsvorsorge, Inklusion, Integration, Bildung, Ehrenamt und gesellschaftlicher Zusammenhalt.“
Stadtsportbund Köln und Allianz Kölner Sport in der Mitteilung vom 17. Juni 2026
Die Mitteilung nennt kein Datum, an dem geliefert werden muss, und keinen Betrag, der gefordert wird. Das ist entweder Vorsicht oder Verhandlungstaktik, vermutlich beides. Was sie nennt, ist ein Verfahren: Gespräche mit den Ratsfraktionen, danach die Aufstellung des Doppelhaushalts 2027/2028. Wann dieser Haushalt beschlossen wird, teilte die Allianz nicht mit. Beobachten lässt sich der Vorgang trotzdem, und zwar an genau zwei Stellen: an der Investitionssumme für Sportinfrastruktur und an der Zahl der Positionen für die Instandhaltung von Vereinsanlagen.
Für den Stadtsportbund, dessen Vorstandsvorsitzender Helmut Schaefer als Ansprechpartner der Mitteilung firmiert, ist das ein ungewohnt offensiver Kurs. Verbände dieser Größe verhandeln normalerweise leise, weil sie auf die Verwaltung angewiesen bleiben, mit der sie streiten. Dass diesmal öffentlich angekündigt wird, man werde sehr genau hinsehen, ist deshalb selbst schon eine Nachricht.
Für die Leserin, die in keinem Verein ist, klingt das nach Verbandspolitik. Es ist aber die Frage, ob ihr Kind im Herbst noch eine Halle hat, ob der Platz nebenan im Winter bespielbar bleibt und ob der Verein, der die Schwimmkurse anbietet, das nächste Jahr durchhält. Sport ist in Köln zu großen Teilen ehrenamtlich organisierte Daseinsvorsorge. Er fällt nicht mit einem Knall aus, sondern in Trainingsgruppen, die eine nach der anderen aufgeben.
Ob daraus etwas folgt, wird man an Beschlüssen sehen, nicht an Pressemitteilungen. Der Doppelhaushalt 2027/2028 ist der einzige Ort, an dem sich das nachlesen lassen wird. Vorher gibt es Gespräche, Papiere und gute Absichten. Davon hatte der Kölner Sport in den vergangenen Jahren genug.
- Allianz Kölner Sport: Zeit der Absichtserklärung ist vorbei (Stadtsportbund Köln, 17.06.2026)
- Pressemitteilung: So wird die Sportstadt zur Sportwüste (Sportjugend Köln / Allianz des Kölner Sports)
- Allianz Kölner Sport und Stadtsportbund Köln bekennen sich geschlossen zur Olympiabewerbung mit Köln als Leading City (23.01.2026)
- Stadtsportbund Köln – Übersicht und aktuelle Meldungen




