Vierzig Jahre Philharmonie: die Saison unter dem gesperrten Platz
Am 14. September 1986 wurde die Kölner Philharmonie eröffnet. Zum Jubiläum kommen Chicago, Wien und das Concertgebouw – und die Intendantin öffnet die Türen zum Museum Ludwig.
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Es gibt in Köln einen öffentlichen Platz, der regelmäßig abgesperrt wird, damit ein paar hundert Quadratmeter Schrittgeräusche nicht zu hören sind. Der Heinrich-Böll-Platz liegt auf dem Dach der Kölner Philharmonie, und weil sich Trittschall nicht an Hausordnungen hält, muss die Fläche bei Proben und Konzerten bewacht werden. Wer wissen will, warum dieses Haus so gebaut ist, wie es gebaut ist, fängt am besten hier an: bei einem Konzertsaal, der unter einem Platz liegt, weil er tief genug im Boden sitzen sollte, um gut zu klingen. Am 14. September wird dieser Saal 40 Jahre alt, und er feiert das mit einer ganzen Spielzeit.
Eröffnet wurde die Philharmonie am 14. September 1986, als Teil eines Gebäudekomplexes, in dem auch das Museum Ludwig untergebracht ist. Den Wettbewerb dafür hatte Anfang der achtziger Jahre das Kölner Büro Busmann + Haberer gewonnen; Peter Busmann und Godfried Haberer legten den Saal in der Form eines antiken Amphitheaters an, mit ringsum ansteigenden Rängen um ein tiefliegendes Podium. Auf dem Programm des Eröffnungsabends stand Robert Schumanns „Rheinische“ Sinfonie – ein Stück, das für ein Haus, dessen Konzertebene auf Höhe des Rheingrunds liegt, schwerlich zufällig ausgesucht war.
Diese Tieflage war ein akustisches Argument. Von jedem der rund 2.000 Plätze sollte der Klang gleich gut wahrnehmbar sein; deshalb stehen sich in diesem Saal keine zwei Wände parallel gegenüber, und deshalb sind die Sitze so gepolstert, dass sie leer ungefähr so viel Schall schlucken wie besetzt. Ein Konzerthaus, das seine Akustik vorsorglich gegen die eigene Auslastung absichert, ist eine ziemlich nüchterne Konstruktion. Von außen sieht man ihr davon nichts an, weil der Baukörper weitgehend unter dem Platz verschwindet. Wer über den Heinrich-Böll-Platz geht, steht auf dem Dach eines Saals, den er nirgends erkennen kann.
Die Amphitheaterform hat Folgen für alles, was in diesem Saal stattfindet. Wer auf ansteigenden Rängen rund um ein tiefliegendes Podium sitzt, sieht nicht nur die Musikerinnen und Musiker, sondern auch die Hälfte des übrigen Publikums; ein Konzert wird dadurch zu einer Veranstaltung, bei der man sich beim Zuhören zusieht. Für die Akustik ist die Bauweise ein Gewinn, für die Konzentration eine Zumutung – und beides gehört seit 40 Jahren zu der Erfahrung, die dieses Haus verkauft. Von außen bleibt davon nichts sichtbar: Wer über den Platz geht, ahnt nicht, dass unter ihm 2.000 Menschen sitzen.
Die Akustik ist gelungen, der Platz darüber kostet 100.000 Euro im Jahr
Der Preis dieser Konstruktion steht seit vier Jahrzehnten im Haushalt. Die Decke des Saals ist zugleich der Boden des Heinrich-Böll-Platzes, und sie ist fugenlos ausgeführt, damit keine Feuchtigkeit eindringt – womit sie funktioniert wie ein Trommelfell. Schrittgeräusche von Fußgängerinnen in Pumps, das Fahren von Skateboards und das Rattern von Rollkoffern werden über die frei schwingenden Träger direkt in den Konzertsaal übertragen. Der Platz muss deshalb überwacht werden, sobald drinnen geprobt oder gespielt wird; ein anderes Mittel dagegen hat sich in 40 Jahren nicht gefunden.
Was das kostet, lässt sich beziffern: Die Bewachung schlägt mit rund 100.000 Euro im Jahr zu Buche, zwischen 1999 und 2021 summierte sie sich auf etwa 3,1 Millionen Euro. Das ist Geld für eine Dienstleistung, die kein Publikum je zu sehen bekommt. Und es ist ein stadtpolitischer Dauerkonflikt im Kleinformat: Ein zentraler öffentlicher Platz zwischen Dom, Museum und Rheinufer ist an vielen Abenden im Jahr nur eingeschränkt zu betreten, weil unter ihm musiziert wird. Wer den Platz nutzen will, hat gute Argumente; wer den Saal betreibt, hat ebenfalls welche.
Betrieben wird das Haus von der KölnMusik GmbH, deren Gesellschafter die Stadt Köln und der Westdeutsche Rundfunk sind; die Stadt hält 90 Prozent, der Sender zehn. Rund 400 Konzerte pro Spielzeit finden hier statt, die Stadt beziffert die Zahl der Besucherinnen und Besucher auf rund 650.000 im Jahr. Der Etat lag 2016 bei etwa 15,3 Millionen Euro, davon 33,2 Prozent städtischer Zuschuss – umgerechnet gut 8 Euro je verkaufter Karte. Rechnerisch trägt der Betrieb damit zwei Drittel seiner Kosten selbst; aktuellere Zahlen dieser Art nennt die Saisonvorschau nicht.
Die neue Intendantin hat diese Spielzeit als erste ganz selbst geplant
Seit dem 1. August 2025 führt Ewa Bogusz-Moore die KölnMusik; sie ist die vierte Person in dieser Funktion seit der Gründungsphase. Vor ihr amtierten Franz Xaver Ohnesorg von 1983 bis 1999, also schon während des Baus, danach Albin Hänseroth bis 2004 und von 2005 bis 2025 Louwrens Langevoort. 20 Jahre Langevoort sind eine lange Handschrift; die Spielzeit 2026/27 ist die erste, die seine Nachfolgerin vollständig selbst verantwortet – und sie fällt ausgerechnet auf das Jubiläum. Für ein Haus, das in 40 Jahren erst drei Wechsel an der Spitze erlebt hat, ist das ein seltener Moment.
„Meine Vision kreist um die Idee eines offenen Hauses.“
Ewa Bogusz-Moore, Intendantin der Kölner Philharmonie
Was das praktisch heißt, lässt sich am Auftakt ablesen. Gefeiert wird nicht ein Abend, sondern ein Wochenende vom 12. bis zum 14. September 2026. Den Anfang macht das Mahler Academy Orchestra unter Philipp von Steinaecker mit Gustav Mahlers Sinfonie Nr. 9; am 13. September folgt das Pablo Held Trio. Ein spätromantisches Abschiedswerk und ein Jazztrio an zwei aufeinanderfolgenden Abenden – das ist keine Verlegenheitslösung, sondern eine Ansage darüber, was in diesem Saal als zugehörig gilt. Mahlers Neunte stand 1986 übrigens nicht auf dem Eröffnungsprogramm; damals spielte man Schumann.
Das eigentliche Jubiläumskonzert findet am 14. September statt, auf den Tag genau 40 Jahre nach der Eröffnung. Es bestreiten das Gürzenich-Orchester Köln unter Andrés Orozco-Estrada, das WDR Sinfonieorchester unter Jörg Widmann und ein Projektchor des Netzwerks Kölner Chöre unter Paul Krämer. Gespielt werden Werke von Felix Mendelssohn Bartholdy, Johannes Brahms, Richard Strauss und Widmann selbst. Dass beide großen Kölner Klangkörper an einem Abend auftreten, kommt selten vor; dass ein Projektchor aus der Kölner Chorlandschaft dazukommt, ist die eigentliche Pointe dieser Besetzung.
Organisatorisch ist das aufwendiger, als es klingt: Zwei Orchester bedeuten zwei Probenpläne, zwei Verwaltungen, zwei Tarifwerke und ein Podium, das dazwischen umgebaut werden muss. Der Chor kommt hinzu – Sängerinnen und Sänger, die diesen Saal sonst von den Rängen kennen und an diesem Abend darin stehen. Jörg Widmann wiederum ist doppelt im Programm, als Dirigent und als Komponist eines der gespielten Werke; neue Musik wird hier nicht zwischen Mendelssohn und Brahms geduldet, sondern von jemandem geleitet, der sie selbst schreibt. Für ein Jubiläum, das sich auch rein aus Repertoire hätte bestreiten lassen, ist das eine Entscheidung.
Chicago, Wien und Amsterdam kommen an den Rhein
Die Gastspielliste ist der repräsentative Teil der Saison. Das Chicago Symphony Orchestra tritt am 7. Januar 2027 unter seinem künftigen Chefdirigenten Klaus Mäkelä auf; erwartet werden außerdem die Wiener Philharmoniker, das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks und das Royal Concertgebouw Orchestra, dazu Sir Simon Rattle, Yannick Nézet-Séguin und Lorenzo Viotti. Beim Wort „künftig“ lohnt das Innehalten: Ein solches Gastspiel ist für beide Seiten eine Vorabinvestition – das Orchester zeigt, mit wem es weitergeht, das Haus sichert sich einen Abend, dessen Wert in einigen Jahren höher liegen dürfte als heute.
Solistisch angekündigt sind unter anderem Isabelle Faust, Bomsori, Patricia Kopatchinskaja, Eric Lu, Alice Sara Ott und Jan Lisiecki; im sinfonischen Repertoire liegen die Schwerpunkte bei Mahler, Tschaikowsky, Beethoven und Olivier Messiaen. Am 19. Oktober 2026 spielt Igor Levit im Rahmen seines Beethoven-Zyklus, der alle 32 Klaviersonaten umfasst. Ein Zyklus dieser Größe ist für ein Konzerthaus eine Wette auf Bindung: Er funktioniert nur, wenn dasselbe Publikum mehrfach wiederkommt – und genau diese Größe lässt sich derzeit am schwersten planen. Der Kölner Abend ist eine Station in diesem Zyklus, nicht sein Anfang und nicht sein Ende.
Vier neue Reihen zielen auf dasselbe Publikum
Interessanter als die Gästeliste ist, was sich im Aufbau der Spielzeit ändert. An die Stelle des Festivals FEL!X tritt das Wahlabonnement „Original.Klang“ für historische Aufführungspraxis; angekündigt sind dafür Il Pomo d’Oro, Jakub Józef Orliński, die Accademia Bizantina, Andreas Scholl, Jeanine De Bique und das Concerto Köln. Aus einem Festival mit festen Tagen wird damit eine Reihe, die sich über die Saison verteilt: weniger spektakulär, vermutlich verlässlicher. Vier neue Formate hat das Haus für die Jubiläumssaison angesetzt, und alle vier zielen auf dieselbe Stelle – auf ein Publikum, das sich nicht mehr von selbst einstellt.
- „Original.Klang“: Wahlabonnement für historische Aufführungspraxis, an der Stelle des bisherigen Festivals FEL!X
- „Sonntags um vier“: fünf moderierte Kurzkonzerte für Publikum ab zehn Jahren
- „Come closer“: Wahlgutschein für ein fünftes Konzert in den Reihen Kammermusik, Lied und Quartetto
- „In Motion“: Tanzfestival vom 28. bis zum 31. Oktober 2026
Neu sind die moderierten Kurzkonzerte „Sonntags um vier“ an fünf Terminen, ausdrücklich für Publikum ab zehn Jahren und moderiert von der NDR-Journalistin Charlotte Oelschlegel. Ein moderiertes Kurzkonzert am Sonntagnachmittag ist in der Musikvermittlung nichts Neues; in einem Haus mit rund 400 Konzerten pro Spielzeit ist es trotzdem eine Entscheidung. Es bindet Saalzeit, die sonst an ein Abendkonzert ginge, und es setzt jemanden voraus, der die Musik erklärt, ohne sie zu verkleinern. Wer mit zehn zum ersten Mal in diesem Saal sitzt, gehört zu dem Jahrgang, der das nächste runde Jubiläum füllen soll.
Auch die Kammermusik ordnet das Haus neu: Die drei Reihen Kammermusik, Lied und Quartetto umfassen künftig je vier fest programmierte Konzerte, ein fünftes lässt sich über den Wahlgutschein „Come closer“ aus den anderen Abonnements dazubuchen. Zu Gast sind unter anderem das Cuarteto Casals sowie Mark Padmore und Sabine Devieilhe; der Name der Reihe meint zugleich die räumliche Nähe zur Musik im Saal. Wahlabonnement und Wahlgutschein sind dasselbe Signal: Ein Haus, das sein Publikum halten will, lässt es künftig später entscheiden, wann es kommt.
Das vierte neue Format ist ein Tanzfestival. „In Motion“ läuft vom 28. bis zum 31. Oktober und bringt Musikformationen mit Tanzcompagnien zusammen; angekündigt sind unter anderem Structure Rualité, die Cappella Mediterranea, das Scottish Ensemble, das treppenhausorchester, Die 12 Cellisten der Berliner Philharmoniker, die Compagnie Käfig und Le Concert de la Loge. Tanz in einem Saal mit ringsum ansteigenden Rängen ist räumlich anspruchsvoll: Der Blick von oben auf ein tiefliegendes Podium ist ein anderer als der aus dem Parkett eines Theaters. Für einmal wird die Bauform von 1986 zur Aufgabe für die Choreografie.
Der Vorverkauf hat längst begonnen: am 19. März für Abonnentinnen und Abonnenten, am 23. April für alle übrigen. Ausgenommen sind nach Angaben des Hauses das PhilharmonieVeedel, die Familienworkshops und das Programm Singen mit Klasse. Diese drei Ausnahmen sind aufschlussreicher als manche Programmzeile: Es sind genau die Angebote, die sich nicht über den regulären Kartenverkauf steuern lassen, weil sie sich an Menschen richten, die im März nicht wissen, was sie im Februar tun. Das PhilharmonieVeedel gibt es inzwischen seit 20 Jahren – die Idee vom offenen Haus ist älter als ihre jetzige Formulierung.
Was in der Vorschau nicht steht, ist der bauliche Zustand nach 40 Jahren. Einen Hinweis liefert die Orgel, die im ursprünglichen Entwurf gar nicht vorgesehen war und nachträglich von der Bonner Werkstatt Klais gebaut wurde: sieben runde Türme, rund 5.394 Pfeifen, seit 2002 betreut von Titularorganist Thierry Mechler. 2009 und 2010 wurde sie umgebaut und dabei von 70 auf 67 Register verkleinert – das Instrument wurde also der Aufführungspraxis angepasst und nicht umgekehrt. Zu Technik, Bestuhlung und Barrierefreiheit des Saals liegen dagegen keine Angaben vor.
Eine Jubiläumssaison ist für ein Konzerthaus immer zweierlei: nach außen ein Schaufenster, in dem sich zeigen lässt, wer alles kommt, nach innen die seltene Erlaubnis, Neues zu versuchen, ohne es sofort begründen zu müssen. Ob die vier neuen Reihen die Spielzeit überdauern, wird sich erst 2027/28 zeigen. Bleibt der Platz auf dem Dach. Er wird auch in der Jubiläumssaison abgesperrt, sobald drinnen gespielt wird, und er ist damit das ehrlichste Bild für das, was dieses Haus vorhat: Ein Saal, der sich öffnen will, liegt ausgerechnet unter einer Fläche, die er schließen lassen muss.




