Von A wie Augenoptiker bis Z wie Zahntechniker: 2.292 junge Menschen starten im Kölner Handwerk
Zum 1. August haben 2.292 junge Menschen im Bezirk der Handwerkskammer zu Köln eine Ausbildung begonnen – und es dürften noch mehr werden. Mehr als 130 Berufe stehen zur Wahl; eine neue Bertelsmann-Studie bescheinigt der Lehre hohes Ansehen.
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„Von A wie Augenoptiker bis Z wie Zahntechniker“ – so buchstabiert die Handwerkskammer zu Köln in ihrer Mitteilung zum Ausbildungsstart die eigene Berufswelt durch, und dass sie dafür das komplette Alphabet braucht, ist keine rhetorische Koketterie, sondern schlichte Bestandsaufnahme: Mehr als 130 Ausbildungsberufe stehen im Handwerk zur Wahl. Zum 1. August haben im Kammerbezirk 2.292 junge Menschen eine solche Ausbildung begonnen; das teilte die Kammer am 4. August mit. In den kommenden Wochen rechnet sie mit weiteren Vertragsabschlüssen, zum 1. September wird erfahrungsgemäß ein zweiter Schwung erwartet. Und wer beide Termine verpasst, hat nichts endgültig verpasst – der Einstieg in eine Ausbildung ist das ganze Jahr über möglich.
Der Bezirk der Handwerkskammer zu Köln reicht dabei weit über die Stadtgrenzen hinaus: Er umfasst neben Köln auch Bonn und Leverkusen, den Oberbergischen und den Rheinisch-Bergischen Kreis sowie den Rhein-Erft- und den Rhein-Sieg-Kreis. Knapp 33.500 Mitgliedsbetriebe vertritt die Kammer; über 12.000 Menschen stehen im Bezirk derzeit in einer Handwerksausbildung. Die 2.292 Neuanfänge vom 1. August sind insofern kein Sondereffekt, sondern der jährliche Puls einer Ausbildungslandschaft, die vom Friseursalon in der Innenstadt bis zum Dachdeckerbetrieb im Oberbergischen reicht.
Kfz-Mechatroniker und Dachdecker gehören zu den gefragtesten Berufen
Besonders viele Anfängerinnen und Anfänger starten nach Angaben der Kammer unter anderem als Anlagenmechaniker für Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik, als Kraftfahrzeugmechatroniker, Elektroniker, Dachdecker, Friseur oder Tischler. Es ist eine aufschlussreiche Liste; sie versammelt just jene Gewerke, ohne die weder Wärmewende noch Wohnungsbau noch der werktägliche Weg zur Arbeit auskommen – wer heizt, verkabelt, deckt und repariert, wird gebraucht, Konjunktur hin oder her. Der Radiosender Antenne NRW, der über die Kölner Zahlen berichtete, nennt Kfz-Mechatroniker, Dachdecker und Friseur als die gefragtesten unter den mehr als 130 Berufen – und beschreibt Entwicklungswege, die vom Gesellenabschluss bis zur eigenen Firma reichen.
Dass sich junge Leute für diesen Weg entscheiden, ist längst nicht mehr die Verlegenheitslösung, als die die Lehre in akademisch geprägten Haushalten lange galt. Eine im Juli erschienene Studie der Bertelsmann Stiftung mit dem Titel „Ausbildungsperspektiven 2026“ bescheinigt der beruflichen Bildung hohes Ansehen: Die Ausbildung ist demnach die beliebteste nachschulische Bildungsoption, fast 90 Prozent der Befragten sehen in ihr eine gute Basis für die berufliche Karriere. Knapp ein Drittel der Schülerinnen und Schüler will auf jeden Fall direkt nach der Schule eine Ausbildung beginnen, weitere 44 Prozent können sich das zumindest vorstellen.
Für die Studie wurden zwischen dem 11. März und dem 20. April 2026 bundesweit 1.763 junge Menschen zwischen 14 und 25 Jahren repräsentativ befragt, darunter 1.325 Auszubildende in einer eigenen Stichprobe. Bemerkenswert ist die Zufriedenheit derer, die bereits in der Ausbildung stecken: Neun von zehn sind mit ihrer Ausbildung zufrieden und würden sich erneut für ihren Beruf entscheiden. Das Fachmagazin Personalwirtschaft zitiert den Bertelsmann-Experten für berufliche Bildung, Fabian Schaffer, mit den Worten, gerade in wirtschaftlich unsicheren Zeiten biete eine gute Ausbildung eine tragfähige Grundlage für den weiteren Berufsweg; nach dem Bericht des Magazins gewinnt das klassische Handwerk in der Berufswahlrangfolge zudem gegenüber der IT-Branche an Boden.
„Ich freue mich sehr darüber, dass eine Ausbildung im Handwerk so gefragt ist und sich viele junge Menschen bewusst für diesen Weg entscheiden. Der aktuelle Trend zeigt, dass für viele eine Ausbildung attraktiver ist als ein Studium. Das Handwerk bietet echte Perspektiven, sinnstiftende Arbeit und hervorragende Entwicklungsmöglichkeiten.“
Simone Marhenke, Geschäftsführerin Bildung der Handwerkskammer zu Köln
Marhenke dankt in der Mitteilung zugleich den Mitgliedsbetrieben, die mit ihrem Engagement die Nachwuchssicherung überhaupt erst möglich machten, und verweist auf die persönliche Beratung der Kammer. Hinter dieser Formel steht ein konkretes Team: Die Karrierewerkstatt unterstützt bei der Berufsorientierung in den über 130 Gewerken, hilft bei Bewerbungsunterlagen und vermittelt Praktikums- wie Ausbildungsplätze; erreichbar ist sie unter der Telefonnummer 0221 2022 144 und per E-Mail an [email protected]. Das Angebot richtet sich ausdrücklich nicht nur an Schulabgängerinnen und Schulabgänger; auch Studierende, die sich neu orientieren wollen, nennt die Kammer als Zielgruppe. Geleitet wird die Karrierewerkstatt von Ulrike Pütz; wer lieber schreibt als anruft, erreicht das Team auch per WhatsApp unter 01514 0152386. Das Beratungsspektrum reicht dabei weiter, als der Name vermuten lässt: von der Unterstützung Geflüchteter über das Programm „Willkommenslotsen“ bis zu Auslandsaufenthalten während der Ausbildung, dem trialen Studium und dem Kölner Bildungsmodell für Erwachsene ab 25 Jahren. Betriebe wiederum können dem Team ihre offenen Ausbildungsstellen melden.
Bundesweit bleibt der Ausbildungsmarkt unter Druck
Der Blick über den Kammerbezirk hinaus trübt das Bild allerdings. Die Bertelsmann-Studie referiert Zahlen des Bundesinstituts für Berufsbildung, wonach das Ausbildungsplatzangebot 2025 bundesweit rückläufig war: 530.300 Ausbildungsplätzen standen rund 560.300 Ausbildungsinteressierte gegenüber, die Zahl der neu abgeschlossenen Verträge sank gegenüber dem Vorjahr um 2,1 Prozent. 84.400 junge Menschen blieben bei der Suche erfolglos, ein Höchstwert; zugleich blieben 54.400 Plätze unbesetzt. Angebot und Nachfrage finden vielerorts schlicht nicht zueinander – die Studie spricht von einer anhaltenden Passungsproblematik, die sich nach Branchen und Regionen sehr unterschiedlich verteilt.
Auch deshalb betont die Kölner Kammer, ihr Matching zwischen Betrieben und Auszubildenden laufe weiter auf Hochtouren, um bis Jahresende möglichst viele Neuverträge abzuschließen. Ein weiterer Befund der Studie dürfte in den Betrieben aufmerksam gelesen werden: 23 Prozent der Auszubildenden haben schon einmal daran gedacht, ihre Ausbildung abzubrechen, die Vertragslösungsquote liegt bundesweit bei 29,7 Prozent. Bei der Wahl des Ausbildungsbetriebs zählt der Befragung zufolge vor allem das Betriebsklima, gefolgt von der Erreichbarkeit und den Übernahmechancen – Faktoren also, die keine Imagekampagne ersetzen kann.
Vom Azubi-Meetup in der Arena bis zum Tag des Handwerks im September
Um Jugendliche zu erreichen, setzt die Kammer das ganze Jahr über auf Formate, die eher nach Popkultur als nach Amtsstube klingen: das Azubi-Meetup Handwerk in der Lanxess Arena, eine Schulhoftournee, Azubibotschafterinnen und -botschafter, die in Schulklassen aus ihrem Alltag erzählen. Für Schulen hält die Kammer darüber hinaus das Lehr- und Lernportal „Handwerk macht Schule“ und den Handwerkswettbewerb „MACH WAS!“ bereit. Wie gut diese Nähe zur Praxis gewählt ist, lässt sich in der Bertelsmann-Studie nachlesen; dort bewerten über 90 Prozent der Schülerinnen und Schüler Praktika und Betriebsbesichtigungen als sehr oder eher wichtig für die Berufsorientierung, während Vorschläge von Chatbots und anderen KI-Tools auf dem letzten Platz der Rangliste landen. Die Berufswahl bleibt, allen digitalen Werkzeugen zum Trotz, offenbar ein Handwerk der persönlichen Begegnung.
- Pop-up-Handwerkswelt, in der Schülerinnen und Schüler ihr handwerkliches Geschick testen können
- Führungen durch ausgewählte Werkstätten (Anmeldung erforderlich)
- Ausflug in die digitale Handwerkswelt per VR-Brille
- Handwerkliches Battle mit Innungen aus dem Kammerbezirk und dem AusbildungsCampus
Dass das Handwerk in Köln um seinen Nachwuchs wirbt, hat im Übrigen eine sehr lange Vorgeschichte. Die Stadt war über Jahrhunderte eine Handwerksmetropole; 1396 setzten die in Gaffeln zusammengeschlossenen Handwerker und Kaufleute mit dem Verbundbrief eine neue Stadtverfassung durch und beendeten die Herrschaft der Patrizierfamilien. Das Handwerk war hier also nie bloß Kulisse, sondern lange Zeit politische Kraft; heute residiert seine Interessenvertretung am Heumarkt 12 und zählt zu ihren Aufgaben neben der Ausbildungsberatung auch Meister- und Weiterbildungslehrgänge sowie Meister- und Gesellenprüfungen.
Bleibt die Frage, was aus dem Jahrgang 2026 wird: wie viele der 2.292 den Gesellenbrief erreichen, wie viele den Meister anschließen, wie viele irgendwann einen eigenen Betrieb übernehmen. Die Kammer verspricht Begleitung auf allen Etappen, und die Statistik des kommenden Sommers wird zeigen, ob dem starken Start weitere folgen. Bis dahin gilt, was das Alphabet der Berufe schon andeutet: Zwischen A wie Augenoptiker und Z wie Zahntechniker ist Platz für erstaunlich viele Lebensentwürfe.
- Handwerkskammer zu Köln: Medieninformation zum Ausbildungsstart, 4. August 2026 (PDF)
- Handwerkskammer zu Köln: Das Handwerk bietet echte Perspektiven (Startseite/Aktuelles)
- Antenne NRW: Ausbildung im Handwerk boomt – fast 2.300 neue Azubis allein im August
- Bertelsmann Stiftung: Ausbildungsperspektiven 2026 (Studie, PDF)
- Personalwirtschaft: Ausbildung 2026 – Weniger Stellen, doch das Handwerk gewinnt
- Handwerkskammer zu Köln: Karrierewerkstatt




