9,1 Millionen Passanten: Was die Fußgängerzone Ehrenstraße dem Handel gebracht hat
Seit April 2022 ist die Ehrenstraße Fußgängerzone. Die Passantenfrequenz ist seither um mehr als 20 Prozent gestiegen, über 20 Betriebe haben sich neu angesiedelt. Die Wirtschaftsförderung warnt trotzdem davor, das Modell als Blaupause zu verstehen.
Lesezeit 6 Min.
Vier Jahre nach dem Ende des Autoverkehrs legt die städtische Wirtschaftsförderung KölnBusiness eine Bilanz zur Ehrenstraße vor: Seit der Umwandlung in eine Fußgängerzone im April 2022 ist die Passantenfrequenz um mehr als 20 Prozent gestiegen, im Jahr 2025 zählte das Kölner Unternehmen hystreet.com im östlichen Abschnitt der Einkaufsstraße rund 9,1 Millionen Menschen. Mehr als 20 Betriebe haben sich seit der Verkehrsberuhigung neu angesiedelt, je etwa zur Hälfte Gastronomie und Einzelhandel. Veröffentlicht hat KölnBusiness die Zahlen am 14. Juli 2026 in einem Magazinbeitrag; sie knüpfen an das achte Innenstadtforum an, mit dem das Team City und Veedel der Wirtschaftsförderung die Entwicklung der zentralen Lagen Kölns begleitet – neben der Ehrenstraße etwa die Hohe Straße und die Schildergasse.
Gemessen wird die Frequenz mit Lasersensoren, die hystreet.com über Einkaufsstraßen anbringt; die Technik zählt Passantinnen und Passanten anonym und liefert eine Kennziffer, an der Handel und Stadtplanung die Attraktivität von Lagen ablesen. Rechnerisch entsprechen 9,1 Millionen Menschen im Jahr knapp 25.000 am Tag. Was die Sensoren nicht erfassen, ist der Umsatz: Ob aus Frequenz auch Kaufkraft wird, entscheidet sich in den Läden. Und die Bilanz bezieht sich auf den östlichen Abschnitt der Straße; für die übrigen Abschnitte nennt der Beitrag keine Zahlen.
Fußgängerzone seit April 2022 – Räder und Lieferverkehr bleiben zugelassen
Die heutige Regelung gilt seit dem Frühjahr 2022. Nach vorbereitenden Arbeiten ab dem 11. April stellte die Stadt die Verkehrsführung zum 18. April 2022 um; seither sind die Ehrenstraße und die Breite Straße zwischen Willy-Millowitsch-Platz und Richmodstraße als Fußgängerzone ausgewiesen. Grundlage war ein Beschluss der Bezirksvertretung Innenstadt vom 10. Juni 2021 zur neuen Verkehrsführung im Apostelnviertel. Vorausgegangen war eine Öffentlichkeitsbeteiligung im Mai und Juni 2021, bei der 246 Meinungsbeiträge, 1.721 Bewertungen und 105 Kommentare eingingen; schon im November 2020 hatte die Stadt Kurzzeitparkplätze auf der südlichen Ehrenstraße abgebaut. Nach der Einrichtung der Zone ließ die Verwaltung Poller in den autofreien Bereichen entfernen und stellte erste Sitzgelegenheiten auf.
- Radverkehr bleibt erlaubt (Zusatz „Radfahrer frei“)
- Lieferverkehr darf werktags zwischen 6 und 11 Uhr einfahren; im Umfeld wurden zusätzliche Ladezonen ausgewiesen
- Wer einen privaten Tiefgaragenstellplatz innerhalb der Zone besitzt, darf weiterhin zufahren
- Die Tiefgaragen Bazaar de Cologne, Wolfsstraße und Karstadt sind nur noch über den Neumarkt erreichbar
Zur Umstellung gehörte eine neue Verkehrsführung im gesamten Umfeld. Die Durchfahrt über den Willy-Millowitsch-Platz in Süd-Nord-Richtung wurde gesperrt, in der Gertrudenstraße und der Großen Brinkgasse drehte die Verwaltung die Einbahnrichtung um, die Wolfsstraße wurde für den Verkehr in beide Richtungen geöffnet. Die Querungen über Friesenwall, Pfeilstraße/Alte Wallgasse und Richmodstraße/Auf dem Berlich blieben für den Autoverkehr passierbar. Angekündigt hatte die Stadt das Paket am 8. April 2022; die Arbeiten sollten nach damaliger Planung bis zum 6. Mai desselben Jahres abgeschlossen sein.
Reibungslos verlief der Umstieg nicht. Das Magazin „Die Wirtschaft Köln“ berichtete im Januar 2023, die Stadt habe seit Einrichtung der Zone mehr als 1.000 Verwarnungen gegen Autofahrer ausgesprochen, die verbotswidrig eingefahren waren; zeitweise sicherte die Verwaltung die Zufahrten mit Absperrungen. Zugleich erhielt Köln für das Verfahren eine Anerkennung beim Deutschen Verkehrsplanungspreis, gewürdigt wurden der Beteiligungsprozess, die Fußgängerzone und das Grünkonzept. Der Beigeordnete für Mobilität, Ascan Egerer, sprach damals davon, die Ehrenstraße werde zu einer „Wohlfühlstraße“; er hatte angekündigt, der Ehrenstraße und der Breite Straße ein neues Gesicht mit mehr Platz für Fuß- und Radverkehr zu geben.
Mey & Edlich nennt die Verkehrsberuhigung als Grund für den Standort
Für den Handel fällt die Bilanz der Wirtschaftsförderung eindeutig aus. Von den mehr als 20 Neuansiedlungen seit der Umwandlung entfällt etwa die Hälfte auf die Gastronomie, die andere Hälfte auf den Einzelhandel. Zu den Neuzugängen zählt die Duftmarke Le Labo Fragrances, die auf der Ehrenstraße ihren zweiten deutschen Store eröffnet hat, ebenso der Herrenausstatter Mey & Edlich, dessen Rückkehr in den stationären Handel KölnBusiness eigens hervorhebt: Das Unternehmen nennt die Verkehrsberuhigung ausdrücklich als Grund für die Wahl des Standorts.
Als Blaupause für andere Straßen will die Wirtschaftsförderung das Modell dennoch nicht verstanden wissen. „Verkehrsberuhigung alleine genügt nicht. Was wirklich zählt, ist ein Bündel von Maßnahmen“, sagt Benjamin Ruchser, Citymanager bei KölnBusiness, in einem parallel veröffentlichten Interview. Nötig sei eine nachhaltige bauliche und funktionale Umgestaltung – Stadtgrün, Sitzflächen und Schatten ebenso wie gesicherte Rettungswege und Zufahrten für Lieferanten und ein passendes Angebot aus Handel und Gastronomie. Mehr Grün in der City sei ein zentraler Wunsch der Bürgerinnen und Bürger, sagt Ruchser, und die Rechnung dahinter formuliert er in drei Worten: „Wer verweilt, kauft.“ Zugleich mahnt er: „Bei der Umsetzung ist Augenmaß gefragt. Nicht jede Lage profitiert gleichermaßen.“ Verkehrsberuhigung sei „weder pauschal förderlich noch pauschal schädlich“.
Ruchser verweist zudem auf den Strukturwandel im Einzelhandel, den auch eine Fußgängerzone nicht aufhält. „Wir werden vermutlich ein paar Handelsstraßen verlieren“, sagt er; entscheidend sei ein intelligenter Umgang damit, etwa durch eine flexiblere Nutzung von Erdgeschossflächen bis hin zum Wohnen. Damit benennt die Wirtschaftsförderung selbst die offene Frage hinter den guten Zahlen: Welche Lagen künftig noch reine Einkaufsstraßen sein können – und welche nicht –, ist nicht entschieden.
Ab Ende des Jahres sollen 63 neue Bäume gepflanzt werden
Die nächste Etappe auf der Ehrenstraße ist der Umbau – und hier ist der Zeitplan mehrfach verschoben worden. Ursprünglich hatte die Stadt den Baubeginn für 2024 angekündigt, nach Abschluss der Bauplanung im Jahr 2023. Nach Angaben von KölnBusiness soll die Straße nun ab Ende des Jahres schrittweise durch insgesamt 63 neue Bäume zu einem grünen Boulevard werden, dazu kommen dauerhafte Sitzmöbel und mehr Raum zum Flanieren. Auf der Projektseite der Stadt ist ein Baubeginn allerdings noch nicht festgesetzt; die Beschlussvorlage für den Umbau wird dort als in Vorbereitung geführt. Als Zwischenlösung hatte die Verwaltung bereits ab Frühjahr 2023 mobile Sitzelemente und Pflanzkübel aufgestellt.
Die Planung selbst ist detailliert ausgearbeitet. Elf Bestandsbäume bleiben erhalten, hinzu kommen die 63 Neupflanzungen, darunter Blütenbäume verschiedener Arten. Versorgt werden sie über Baumrigolen – unterirdische Speicher, die Regenwasser von der Straße sammeln und in Trockenzeiten gezielt an die Wurzeln abgeben. Vorgesehen ist ein einheitlicher Pflasterbelag über die gesamte Straßenbreite: Der Mittelteil bleibt eiligen Fußgängern und dem Radverkehr vorbehalten, an den Seiten sind Bänke, Fahrradständer, Warenauslagen und Außengastronomie geplant. An den Kreuzungen mit Pfeilstraße/Alte Wallgasse und Friesenstraße entstehen kleine Plätze mit grünen Inseln und Sitzbänken, auf dem Willy-Millowitsch-Platz ein Pocket-Park, eine kleine Grünfläche in der Platzmitte. Gebaut werden soll in zwei Abschnitten: zunächst zwischen Hohenzollernring und Friesenwall, danach vom Friesenwall bis zum Willy-Millowitsch-Platz. Dazu kommen Nahmobilitätszonen mit Fahrradabstellanlagen sowie Stellflächen für Leihräder und E-Scooter.
Parallel will Köln das Prinzip der Verkehrsberuhigung in die Quartiere tragen: Nach Angaben der Wirtschaftsförderung plant die Stadt im Winzerveedel nahe dem Barbarossaplatz ihren ersten „Superblock“ nach dem Vorbild Barcelonas – dort werden mehrere Häuserblocks zu einem verkehrsarmen, begrünten Bereich zusammengefasst. Eine Testphase mit mobilen Sitzmöbeln und Bepflanzung hat in dem Viertel bereits stattgefunden, die Öffentlichkeitsbeteiligung läuft noch. Einen Termin für die dauerhafte Umsetzung nennt der Beitrag nicht; offen ist auch, welche Straßen im Einzelnen einbezogen werden.
Für die Ehrenstraße selbst ist der Fahrplan damit umrissen, wenn auch noch nicht beschlossen: Ab Ende des Jahres soll die Begrünung schrittweise beginnen. Ob die Frequenz danach weiter steigt, lässt sich anschließend wieder an den Lasersensoren ablesen – die Zähldaten für 2026 werden zeigen, ob die 9,1 Millionen des vergangenen Jahres ein Zwischenstand waren oder ein Höchststand.
- KölnBusiness-Magazin: Ehrenstraße Köln – Wie Verkehrsberuhigung den Standort stärkt (14. Juli 2026)
- KölnBusiness-Magazin: Interview mit Citymanager Benjamin Ruchser – Verkehrsberuhigung mit Augenmaß
- Stadt Köln, Presseservice: Ehrenstraße wird Fußgängerzone
- Die Wirtschaft Köln: „Wohlfühlstraße“ Ehrenstraße (11. Januar 2023)
- Stadt Köln: Neugestaltung der Ehrenstraße (Projektseite)




