88 Euro Aufschlag pro Nacht: Köln ist die teuerste Hochburg
Der IW-Kurzbericht zur Session 2025/26 rechnet mit mindestens 1,96 Milliarden Euro bundesweit. Rund 850 Millionen davon fallen in Köln an – und bei den Hotelpreisen liegt die Stadt einsam vorn.
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Ein wirtschaftswissenschaftliches Institut, das seinen Bericht „Trink doch ene met“ nennt, hat sich etwas vorgenommen. Der IW-Kurzbericht 8/2026 trägt genau diesen Titel, erschienen ist er am 9. Februar 2026, verfasst von Marc Scheufen und Armin Mertens, und er rechnet 100 Tage närrischen Konsums so nüchtern ab, wie es zum Gegenstand eigentlich nicht passt. Warum ein Institut der deutschen Wirtschaft seine Kurzberichte nach Karnevalsliedern benennt, erklärt es nicht. Wer die Zahlen darin liest, versteht es trotzdem: Es geht um sehr viel Geld.
Der Gesamtumsatz der Karnevalssession 2025/26 lässt sich nach dieser Rechnung bundesweit auf mindestens 1,96 Milliarden Euro schätzen. Die Session begann am 11. November 2025 und endete am Aschermittwoch, dem 18. Februar 2026; mit 100 Tagen fiel sie spürbar kürzer aus als die vorangegangene mit 115 Tagen. Grundlage der Schätzung sind der Verbraucherpreisindex des Statistischen Bundesamts und die Extrapolation von Umsatzzahlen aus Studien der Boston Consulting Group und der Rheinischen Hochschule. Es ist also eine Fortschreibung, keine Kassenauswertung – wer mit der Zahl argumentiert, sollte das mitsagen.
Der Grund für die kurze Session steht nicht in der Statistik, sondern im Kirchenjahr. Weil Ostern 2026 früh liegt, fällt der Aschermittwoch auf den 18. Februar; weil die Session unverrückbar am 11. November beginnt, schrumpft alles dazwischen. Der Kurzbericht hält das in einem einzigen Nebensatz fest und geht dann zu den Zahlen über. Dass ein beweglicher kirchlicher Feiertag die Umsätze deutscher Hotels, Brauhäuser und Verkehrsbetriebe verschiebt, gehört zu den schöneren Kuriositäten dieser Rechnung – und es erklärt, warum sich Karnevalsjahre schlecht miteinander vergleichen lassen.
Die Aufteilung ist eindeutig. Auf die Gastronomie entfallen knapp 898 Millionen Euro, also fast die Hälfte des Gesamtbetrags. Es folgen der Einzelhandel mit 400 Millionen Euro, der Transport mit 286 Millionen Euro, die Hotelübernachtungen mit 210 Millionen Euro und ein Rest von 162 Millionen Euro, den der Bericht als Sonstiges führt: Tickets, Medien, Wagenbau. Dass der Wagenbau, die eigentliche Kunstform dieses Festes, in derselben Zeile steht wie der Ticketverkauf, ist ein Detail, an dem man die Perspektive der Studie erkennt.
Zwei Posten verdienen einen zweiten Blick. Die 286 Millionen Euro für Transport belegen, dass Karneval vor allem Bewegung ist: Menschen, die aus dem Umland und aus anderen Bundesländern in die Hochburgen fahren und irgendwann auch wieder zurück. Und beim Einzelhandel mit 400 Millionen Euro bleibt offen, was genau gekauft wird – ob darin überwiegend Kostüme, Schminke und Perücken stecken oder Getränke für die private Feier, schlüsselt der Kurzbericht nicht auf. Es ist eine Summe ohne Warenkorb.
Der Sitzungskarneval wiederum steckt in der Restkategorie. Die 162 Millionen Euro für Sonstiges umfassen Tickets, Medien und Wagenbau – also fast alles, wofür dieses Fest überhaupt berühmt ist: den Saal, die Bütt, das Kostüm auf der Bühne, den Persiflagewagen. Es ist die kleinste Position der ganzen Rechnung und zugleich diejenige, an der alles andere hängt. Ohne Sitzungen und ohne Zug gäbe es keine 898 Millionen Euro Gastronomieumsatz, weil dann niemand einen Anlass hätte, im Februar in einer Karnevalshochburg zu sein.
Vier von zehn Karnevalseuros werden in Köln ausgegeben
Für Köln nennt der Bericht rund 850 Millionen Euro, also über 40 Prozent der bundesweiten Gesamtumsätze. Diese Zahl stammt nicht aus der eigenen Erhebung des IW, sondern aus der aktualisierten Studie der Rheinischen Hochschule und der Boston Consulting Group, die der Kurzbericht in seinem Literaturverzeichnis als Ergebnispräsentation „Kölner Karneval: Wirtschaftskraft und Wahrnehmung“ von 2025 ausweist. Eine im Netz abrufbare Fundstelle nennt er dafür nicht. Die 850 Millionen Euro sind damit die am häufigsten zitierte und am schwersten nachprüfbare Zahl des Kölner Karnevals.
Auf die 100 Sessionstage verteilt sind das 8,5 Millionen Euro pro Tag in einer einzigen Stadt, und der weitaus größte Teil davon fällt nicht im November an, sondern in den sechs Tagen zwischen Weiberfastnacht und Aschermittwoch. Der Kurzbericht spricht ausdrücklich von einer komprimierten Dauer, die den Konsum auf wenige Wochen bündelt. Genau diese Bündelung ist der Grund, warum Köln in der zweiten Hälfte des Berichts so weit vor allen anderen liegt.
Über 40 Prozent aus einer einzigen Stadt heißt im Umkehrschluss, dass sich die zehn übrigen Hochburgen und die restlichen 399 Landkreise zusammen knapp 60 Prozent teilen. Diese Konzentration erklärt den zweiten Teil des Berichts gleich mit. Wo die Nachfrage eines ganzen Landes an sechs Tagen an einem Ort zusammenläuft, trifft sie auf ein Bettenangebot, das für gewöhnliche Wochen gebaut wurde; den Rest erledigt der Preis.
Der Vergleich mit dem Vorjahr wird gern als Einbruch gelesen: 1,96 statt mindestens 2,1 Milliarden Euro, ein Minus von etwa 140 Millionen Euro oder knapp 7 Prozent. Rechnet man aber auf den Sessionstag herunter, dreht sich das Bild – 19,6 Millionen Euro pro Tag in dieser Session gegenüber gut 18 Millionen im Vorjahr. Der Karneval 2025/26 war nicht schwächer, er war kürzer. Beide Werte sind ausdrücklich Mindestschätzungen, was jeden Prozentvergleich zwischen ihnen zu einer vorsichtigen Angelegenheit macht.
Die Hotelrechnung ist der eigentliche Kölner Rekord
Im zweiten Teil verlässt der Kurzbericht die Hochrechnung und wird eigene Erhebung. Über das Vergleichsportal Check24 wurden automatisiert die Preise für ein Standard-Doppelzimmer für zwei Erwachsene aus knapp 16.000 Hotels in Deutschland erfasst, und zwar für alle 400 Landkreise und kreisfreien Städte. Verglichen wurden die Hauptkarnevalstage vom 12. bis 17. Februar mit der Woche davor, dem 5. bis 10. Februar, und der Woche danach, dem 19. bis 24. Februar. Auf dieser Basis liegt Köln vorn, wie schon im Jahr zuvor.
Eine Hotelnacht kostete in Köln an den Hauptkarnevalstagen im Schnitt 88 Euro mehr als im Vergleichszeitraum. Das entspricht einem Aufschlag von knapp 66 Prozent und bedeutet Platz eins unter elf untersuchten Karnevalshochburgen. Auf Rang zwei folgt Bremen mit einem mittleren Mehrpreis von 14 Euro oder 14 Prozent, dahinter Rottweil mit 13 Euro (plus 12 Prozent) und Berlin mit 8 Euro (plus 7 Prozent). Der Abstand zwischen Platz eins und Platz zwei ist damit deutlich größer als der Abstand zwischen Platz zwei und Platz elf.
Rechnet man den Aufschlag zurück, ergibt sich der eigentlich interessante Wert: Wenn eine Nacht an den Hauptkarnevalstagen 221 Euro kostet und 88 Euro davon Aufschlag sind, dann liegt der Kölner Vergleichspreis bei rund 133 Euro. Zwei Zimmer, dieselbe Etage, dieselbe Bettwäsche – zwischen dem 10. und dem 12. Februar liegt für den Gast der Unterschied eines gehobenen Abendessens. Hotellerie nennt das dynamische Preisgestaltung; wer sein Zimmer bucht, nennt es anders.
Nach unten geht es dann schnell. Aachen verzeichnet 1 Euro mehr, Marne in Schleswig-Holstein und Nürnberg jeweils keine Veränderung; in München sank der Preis um 2 Euro, in Mainz um 3 Euro, in Düsseldorf um 4 Euro und in Köthen um 5 Euro. Für Düsseldorf setzt der Bericht eine Fußnote: Wegen der Messe EuroShop vom 22. bis 26. Februar wurde dort nur mit der Woche vor Karneval verglichen. Ohne diese Korrektur hätten die Karnevalstage in Düsseldorf günstig ausgesehen – was dort womöglich niemanden gestört hätte.
Ein Rekordaufschlag auf leicht gesunkenem Niveau: Im Schnitt kostete eine Hotelübernachtung in Köln in dieser Session 221 Euro, im Jahr davor 226 Euro, also knapp 2 Prozent weniger. Wer daraus schließt, Köln sei billiger geworden, verwechselt zwei Rechnungen. Der Aufschlag beschreibt den Abstand zur gewöhnlichen Woche, der Durchschnittspreis das Niveau. Beides kann sich gegenläufig bewegen, und in diesem Februar tat es das.
„Karneval schafft für ein paar Tage Abstand von den schlechten Nachrichten und rückt das Gemeinsame in den Mittelpunkt.“
Marc Scheufen, Ökonom am Institut der deutschen Wirtschaft und Mitautor des Kurzberichts
Dass die Gastronomie den größten Posten stellt, überrascht in einer Stadt mit Brauhauskultur niemanden. Wie ZDFheute die Studie zusammenfasst, geben die Feiernden besonders viel für Getränke aus: für Kölsch, für Alt, für den Meenzer Schobbe, je nachdem, in welcher Hochburg sie stehen. Knapp 898 Millionen Euro bundesweit heißt nichts anderes, als dass der Karneval für die Gastronomie kein Zusatzgeschäft ist, sondern ein eigenes Quartal in stark komprimierter Form.
Die elf Hochburgen stammen aus dem Nationalatlas
Die elf Hochburgen, die der Bericht vergleicht, folgen keiner touristischen Rangliste, sondern einer wissenschaftlichen: Der Kurzbericht verweist auf Torsten Widmanns Beitrag „Fasnet – Fasching – Karneval“ im Nationalatlas Bundesrepublik Deutschland von 2000. Deshalb stehen neben Köln, Düsseldorf und Mainz auch Marne in Schleswig-Holstein und Köthen in Sachsen-Anhalt in der Tabelle. Wer den Karneval für eine rheinische Angelegenheit hält, findet in dieser Liste den Gegenbeweis – und in den Preisen den Beleg dafür, dass Köln darin trotzdem ein Sonderfall ist.
Die Reihe hat Vorläufer. Der Kurzbericht Nr. 19 desselben Autorenpaars trug 2025 den Titel „Die jecke Zick als Wirtschaftsfaktor. Bes der Nubbel brennt“; die Kölner Grundlagenstudie der Boston Consulting Group und der damaligen Rheinischen Fachhochschule von 2019 hieß „Kölner Karneval: Wirtschaftskraft, Image, Zukunft“. Der Karneval wird in Köln also seit mindestens sieben Jahren regelmäßig durchgerechnet, und die Titel werden dabei immer kölscher. Für ein Fest, das seine Selbstbeschreibung sonst selbst besorgt, ist das ein bemerkenswerter Vorgang.
Was in keiner dieser Rechnungen steht, ist der Gewinn. Umsatz ist die Summe dessen, was über die Theke geht, nicht das, was hängen bleibt: Miete, Personal, Wareneinsatz, Energie und Steuern sind darin nicht abgezogen. Der Kurzbericht nennt auch keine Beschäftigungszahlen, keine Kosten für Sicherheit und Reinigung, keine Ausgaben der Kommune. Wer die 850 Millionen Euro als kommunalen Ertrag liest, liest die Zahl falsch – sie beschreibt Umsätze in der Stadt, nicht Geld in der Stadtkasse.
In den fünf Kategorien des Berichts kommt außerdem die unbezahlte Arbeit nicht vor. Wer in einer Gesellschaft die Kasse führt, wer Kostüme näht, wer im Wagenbau Pappmaché anrührt oder am Rosenmontag den Zug begleitet, taucht in keiner Umsatzzeile auf. Das ist kein Vorwurf an die Autoren – Ehrenamt hat keinen Preis, den ein Vergleichsportal ausliest. Es heißt nur, dass die 1,96 Milliarden Euro den zählbaren Teil dieses Festes beschreiben und nicht den ganzen Aufwand, der dahintersteckt.
Aus der Erhebung folgt für Kölnerinnen und Kölner eine schlichte Konsequenz. Wer Gäste über Weiberfastnacht einlädt und sie im Hotel unterbringen will, zahlt für dieselbe Nacht rund zwei Drittel mehr als eine Woche vorher. Wer umgekehrt im Februar verreisen möchte, findet nach dieser Erhebung in Düsseldorf, Mainz und München eher niedrigere Preise als sonst. Es ist die einzige Karnevalsstatistik, die man unmittelbar in eine Buchungsentscheidung übersetzen kann.
Bleibt der Titel. „Trink doch ene met“ ist eine Einladung, keine Rechnung; wer den Satz ausspricht, will teilen und nicht kalkulieren. Dass ein Wirtschaftsforschungsinstitut ihn über eine Tabelle mit elf Hochburgen und 400 Landkreisen setzt, ist am Ende die genaueste Beschreibung des Kölner Karnevals, die dieser Bericht liefert: ein Fest, das seine Gastfreundschaft ernst meint und sie sich, spätestens an der Hotelrezeption, bezahlen lässt.




