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Versicherungsstandort

Insurtech in Köln: 102 Mitglieder und eine Messe mit 3.500 Gästen

Im Mai kamen 3.500 Teilnehmende zur insureNXT nach Deutz. Der Verein InsurLab Germany zählt inzwischen 102 Mitglieder – und setzt 2026 alles auf ein Thema: künstliche Intelligenz.

Markus Schmitz, Redakteur — KI-generiertes Porträt
Markus Schmitz
Banken & Finanzen

Lesezeit 9 Min.
Glasfassade eines Kongress- und Messegebäudes in Köln-Deutz, Besucher auf dem Vorplatz
Zwei Tage lang war das Kongresszentrum in Deutz im Mai Treffpunkt der Versicherungsbranche. · Symbolbild (KI-generiert)

Eine Hausratversicherung kostet ein paar Euro im Monat, und niemand denkt über sie nach, bis der Keller vollläuft. Was dann passiert – wie schnell reguliert wird, wie viel Papier nötig ist, wer den Schaden überhaupt begutachtet –, ist das Geschäft, um das in Köln seit Jahren eine eigene kleine Industrie herumgebaut wird. In dieser Stadt sitzen große Versicherer, die DEVK in Riehl, die Gothaer im Süden. Seit 2017 versucht ein Verein, aus dieser Ballung mehr zu machen als Verwaltungsarbeit.

Der Verein heißt InsurLab Germany und ist ein eingetragener Verein mit Büro am Hohenzollernring 85-87. Gegründet wurde er 2017 in Köln – von der Stadt Köln, der IHK Köln, der Universität zu Köln und der TH Köln sowie etablierten Versicherern und Start-ups, unterstützt vom Bundeswirtschaftsministerium. Heute zählt er nach eigenen Angaben 102 Mitglieder, davon 29 Versicherungsunternehmen. Die übrigen sind Start-ups und Scale-ups, Technologieanbieter, Hochschulen und Dienstleister. Diese Mischung ist der Zweck der Konstruktion: Hier organisieren sich nicht Gründer gegen die Konzerne, sondern beide Seiten miteinander.

Auf seiner Seite stellt der Verein acht Kennzahlen nebeneinander. Neben den 102 Mitgliedern stehen dort 112 Kooperationen seit 2018, 109 Alumni des Collaborator-Programms, mehr als 250 vorqualifizierte Start-ups und Scale-ups sowie 93 nationale und internationale Partner. Für 2025 nennt der Verein zwölf neu gewonnene Mitglieder und zwölf initiierte Kooperationen. Die letzte Zahl ist die aufschlussreichste: Auf 102 Mitglieder kamen im vergangenen Jahr zwölf angebahnte Zusammenarbeiten. Was eine Kooperation umfasst und ab wann sie als initiiert gilt, definiert der Verein an dieser Stelle nicht.

Das Personal ist überschaubar: Auf der Teamseite stehen elf Personen, darunter eine duale Studentin und zwei Werkstudentinnen, dazu ein Hund mit dem Titel „Chief Woof Officer“. Geführt wird die Geschäftsstelle von Philipp Johannes Nolte, das Collaborator-Programm verantwortet Robert Richstein. An der Spitze steht ein neunköpfiger Vorstand, gewählt am 28. April 2026. Vorsitzender ist Peter Stockhorst, Vorstand Digital Business & Partnerships der Zurich Gruppe Deutschland; Kassierer ist Udo Wilcsek, Vorstand der ALH. Dazu kommen unter anderem Alina vom Bruck von der Kölner BarmeniaGothaer, Torsten Oletzky von der TH Köln und Anja Stolz von der R+V.

Der Bund hat Köln die Versicherung zugewiesen

Formal hat das eine Grundlage in Berlin. InsurLab Germany ist nach eigener Darstellung einer von 25 Hubs der de:hub-Initiative der Bundesregierung und offizielles Kompetenzzentrum für die InsurTech-Szene; angesiedelt ist die Initiative inzwischen beim Bundesministerium für Digitales und Staatsmodernisierung. Die de:hub-Initiative verteilt Digitalthemen auf Standorte – Köln bekam die Versicherung, so wie andere Städte die Logistik oder die Medizintechnik bekamen. Der Titel bringt kein Geld auf ein Konto, aber er bringt Sichtbarkeit, und in einem Markt, in dem Start-ups um die Aufmerksamkeit von Konzerneinkäufern konkurrieren, ist das eine handelbare Währung.

Voll besetzter Kongresssaal mit Bühne und LED-Wand, fotografiert aus der letzten Reihe
200 Rednerinnen und Redner traten nach Veranstalterangaben auf drei Bühnen auf. · Symbolbild (KI-generiert)

Den Anspruch formuliert der Vorsitzende in der Sprache der Branche. „Transformation im KI-Zeitalter verlangt, dass wir als Branche über uns hinauswachsen – mit Mut, mit Tempo und mit der Kraft der Gemeinschaft. Dafür steht das InsurLab Germany“, wird Stockhorst auf der Startseite des Vereins zitiert. Als Wertangebot an die Mitglieder nennt der Verein dort drei Begriffe: Orientierung, Befähigung, Wirkung. Das sind Absichten, keine Kennziffern. Messbar wird solche Arbeit erst dort, wo aus einem Kontakt ein bezahlter Auftrag wird – und diese Zahl steht auf keiner der Seiten.

Die Messezahlen auf der Startseite stammen aus dem Vorjahr

Das sichtbarste Ergebnis dieser Bemühungen ist eine Messe. Am 20. und 21. Mai 2026 fand in der Koelnmesse Confex in Deutz die insureNXT statt, veranstaltet von der Koelnmesse GmbH in Kooperation mit dem InsurLab Germany. Bei den Zahlen lohnt der genaue Blick. Die Startseite nennt 3.500 Teilnehmende, 150 Aussteller, Partner und Sponsoren sowie 200 Rednerinnen und Redner auf drei Bühnen – überschrieben sind diese Angaben allerdings mit „Numbers of insureNXT 2025“. Sie beschreiben die Vorjahresausgabe. Für 2024 weist die Koelnmesse rund 3.300 Teilnehmende aus; eine Teilnehmerzahl für 2026 stand zum Redaktionsschluss nicht auf der Seite.

Belegt ist für 2026 etwas anderes. In einer Mitteilung vom April 2026 meldete die Koelnmesse über 230 angemeldete Aussteller und Partner – 110 Aussteller und 123 Partner – und damit so viele wie nie zuvor in der Geschichte der Veranstaltung. „Der Rekord zeigt, dass die Branche nicht nur über Transformation spricht, sondern aktiv daran arbeitet. Die insureNXT ist der Ort, an dem genau das sichtbar wird“, wird darin Eva Rübhausen, Director der insureNXT, zitiert. Angemeldet ist nicht dasselbe wie erschienen. Gegenüber den 150 des Vorjahres ist der Sprung dennoch beträchtlich.

Wer hingeht, findet drei Bühnen mit unterschiedlichem Zuschnitt. Auf der Center Stage ordnen bekannte Namen der Branche die Fokusthemen strategisch ein, die Trend Zone zeigt internationale Entwicklungen und neue Produkte, in der Demo Arena führen Unternehmen und Start-ups ihre Lösungen vor und bekommen direktes Feedback. Dazu kommen thematische Rundgänge, Masterclasses als Workshops und moderierte Roundtables in kleiner Runde. Vier Sektoren gliedern das Ganze: Versicherung, Cross Industry, Technologie und Start-ups sowie Wissenschaft. Der nächste Termin steht bereits fest: der 12. und 13. Mai 2027, erneut im Confex.

Gasse mit kleinen Start-up-Ständen und Stehtischen in einer Messehalle
150 Aussteller, Partner und Sponsoren zählte die Koelnmesse für die insureNXT 2026. · Symbolbild (KI-generiert)

Cross Industry heißt, dass die Police im Kaufvertrag steckt

Der Sektor „Cross Industry“ ist dabei der aufschlussreichste. Er beschreibt jene Fälle, in denen eine Versicherung nicht mehr als eigenes Produkt verkauft wird, sondern als Bestandteil von etwas anderem: die Fahrradversicherung beim Kauf des Rades, die Reiseversicherung im Buchungsprozess, die Garantieverlängerung im Elektronikmarkt. Wer die Police nur als Häkchen im Warenkorb wahrnimmt, weiß im Schadenfall oft nicht, bei wem er versichert ist. Wer auf dieser Messe sitzt, hat damit beruflich zu tun: 2024 kamen 45 Prozent der Teilnehmenden aus der Versicherungswirtschaft, 24 Prozent von Technologie-, IT- und Softwareanbietern, 16 Prozent aus der Beratung; 19 Prozent gehörten einem Vorstand oder einer Geschäftsführung an.

Für 2026 setzt der Verein alles auf künstliche Intelligenz

Am 21. Januar 2026 legte der Verein seine Schwerpunkte für das laufende Jahr fest, und die Liste ist kurz: „Scaling AI in insurance“, „Venture Clienting for Insurance“ und ein Ausblick auf die Zukunft der Branche. Als Ziele nennt der Verein, Orientierung zu schaffen und die Versicherer zu befähigen. Auch die Messe wählte für 2026 drei Fokusthemen, von denen das erste „Winning with AI“ heißt. Bemerkenswert ist diese Verengung auf ein einziges Technologiethema: Wer 2026 in dieser Branche über Digitalisierung spricht, spricht über künstliche Intelligenz, oder er spricht über nichts.

Der zweite Schwerpunkt braucht eine Erklärung. Venture Clienting bedeutet, dass ein Konzern einem Start-up nicht Kapital gibt, sondern einen Auftrag – er kauft ein Produkt oder einen Dienst, statt sich zu beteiligen. Für das Start-up ist das wertvoller als eine Beteiligung, weil ein zahlender Referenzkunde die härteste Währung im Vertrieb ist. Für den Versicherer ist es billiger und schneller als eine Minderheitsbeteiligung, deren Wert er anschließend jahrelang in seiner Bilanz fortschreiben muss. Der Ansatz hat sich seit einigen Jahren in vielen deutschen Konzernen durchgesetzt.

Sichtbar wird das Thema auch in den Veröffentlichungen. Am 30. April 2026 legte der Verein seinen Jahresbericht 2025 vor, am 27. Mai 2026, wenige Tage nach der Messe, folgte der Sammelband „Scaling AI: Von Pilot zu Performance entlang der Versicherungswertschöpfung“, kostenlos zum Herunterladen. Angekündigt werden darin Anwendungsfälle entlang der Wertschöpfungskette, Einblicke in generative und agentische KI sowie Perspektiven von Versicherern, Technologieunternehmen, Wissenschaft und Start-ups. Der Titel benennt das Problem der Branche präzise: Pilotprojekte gibt es reichlich, der Schritt in den Regelbetrieb gelingt seltener.

Über die Grenzen entscheidet am Ende die Aufsicht. Julia Wiens, Exekutivdirektorin der Versicherungs- und Pensionsfondsaufsicht bei der BaFin, sagte in einem Interview mit der insureNXT: „Moderne und zukunftsfähige Unternehmen kommen an KI nicht mehr vorbei. Daher ermutigen wir die Versicherer dazu, KI einzusetzen und die Chancen von KI zu ergreifen – für sich selbst und insbesondere auch für die Verbraucherinnen und Verbraucher.“ Zugleich stellt die BaFin nach eigener Darstellung klare Anforderungen an Datenqualität, Fairness und Governance. Für Versicherte hängt daran mehr als für die Anbieter: Wer Anträge und Schäden automatisiert bewertet, entscheidet über Geld.

Menschen mit Laptops an langen Holztischen in einem Backsteinraum, durch hohe Fenster Blick auf Wasser und ein Schiff
Arbeitsplätze am Wasser: Zwischen Konzernzentrale und Gründerbüro liegen in Köln oft nur wenige Kilometer. · Symbolbild (KI-generiert)

Im eigenen Start-up-Programm widersprechen sich die Zahlen

Das operative Herzstück ist ein Programm mit dem sperrigen Namen Collaborator Batch. Am 6. Mai 2026 stellte der Verein den Batch #26 vor: europäische Start-ups und Scale-ups, die gemeinsam mit Versicherungsunternehmen an konkreten Fragestellungen arbeiten, nach Darstellung des Vereins mit einer neuen Qualität der Zusammenarbeit in der Explorationsphase. Wie viele es sind, bleibt offen. Im Fließtext der Mitteilung ist von 24 Unternehmen die Rede, in der Zwischenüberschrift darunter von 26 – und die anschließende Liste nennt 23 Namen. Drei Angaben für einen Jahrgang sind zwei zu viel.

Genannt werden 7Analytics, Alyza, Bliro, Deepslate, Durava, InputLab, Insaio, Nexoya, Nomain, ocumeda, Previsia, teamdecoder, TODAY, TrustNXT, viatolea, Yavio, Interloom, Mitigrate, NENNA.AI, Nebuly, Klaimy, Vectoryx und Optimeleon AI. Vorgestellt wurden sie am 20. Mai um 14.15 Uhr in der Demo Arena. Welche Versicherer beteiligt sind und wie lange ein Jahrgang läuft, teilt die Mitteilung nicht mit. 109 Alumni zählt der Verein für das Programm insgesamt; wie viele dieser Kontakte in bezahlte Verträge mündeten, steht nirgends. Solange diese Zahl fehlt, bleibt der Batch ein gut organisiertes Kennenlernen mit offenem Ausgang.

Zwei Fälle beschreibt der Verein selbst als Erfolgsgeschichten, und beide sind konkret genug, um sie nachzuprüfen. In einem Beitrag vom 22. Dezember 2025 schildert LoyJoy-Mitgründer Ulf Loetschert, wie aus einem Kontakt ein Produkt wurde: Über die Zusammenarbeit mit Genossenschaftsbanken, darunter die Volksbank Köln-Bonn, sei die R+V auf sein Unternehmen aufmerksam geworden, auf der insureNXT vertieften beide Seiten den Austausch, daraus entstand eine Pilotphase. Ergebnis ist die KI-Assistentin Emmie, die Fragen zur Tierversicherung direkt auf der Internetseite beantwortet und zum Zeitpunkt des Beitrags seit zwei Monaten im Regelbetrieb lief.

Der zweite Fall betrifft die Schadenprüfung. VAARHAFT und die LVM Versicherung setzen einen „Fraud Scanner“ ein, der eingereichte Schadenbilder in Formaten wie JPG, PNG oder PDF auf generierte Inhalte, Bildbearbeitungen und Dubletten prüft; Verdachtsfälle werden automatisch markiert, die Sachbearbeitung wird gezielt informiert. Für ehrliche Versicherte ist das die bessere Nachricht, denn Betrug zahlen am Ende alle über den Beitrag mit. Für alle anderen heißt es, dass das Foto vom Kotflügel künftig zweimal angesehen wird: einmal von der Software, einmal vom Menschen.

„Was ich persönlich ganz besonders geschätzt habe, ist die Vernetzung, die das InsurLab Germany ermöglicht hat. Wir haben Bühnen bekommen, aber vor allem wurden wir vernetzt. Und wir haben die Möglichkeit bekommen, in sehr kurzer Zeit mit sehr vielen Versicherern zusammenzukommen, sehr viel Feedback zu erhalten und auch wirklich einige Pilotprojekte daraus entwickeln zu lassen.“

Linus Kameni, CEO und Mitgründer von VAARHAFT, in einem Beitrag des InsurLab Germany vom 16. Dezember 2025

Die kommenden Monate sind bereits verplant. Am 7. August 2026 soll ein Webinar zum Thema „Scaling AI: Von Pilot zu Performance entlang der Versicherungswertschöpfung“ stattfinden, am 7. September folgt ein Update-Call, beides digital. Am 9. September lädt der Verein zum Insurance AI Hackathon in seine Räume am Hohenzollernring, am 10. September zu einem Zukunftsworkshop bei der Delvag Versicherungs-AG an der Venloer Straße. Zwei Termine liegen außerhalb Kölns: ein Treffen für Vorstandsassistentinnen und -assistenten am 27. und 28. August in Rostock, ein Meet-up am 1. Oktober in Düsseldorf.

Was von alldem beim Kunden ankommt, ist die eigentliche Frage, und sie lässt sich nur in Ausschnitten beantworten. Emmie und der Fraud Scanner zeigen, dass aus einem Messekontakt ein laufendes Produkt werden kann; beide Beispiele stammen allerdings aus der Selbstdarstellung der Beteiligten, und keiner nennt Zahlen zu Bearbeitungszeiten oder Kosten. Für das Portemonnaie gilt deshalb vorerst eine nüchterne Regel: Der Beitrag sinkt nicht, weil ein Versicherer mit einem Start-up spricht, sondern wenn Schadenaufwand und Verwaltungskosten sinken. Das steht in keiner Messebilanz, sondern in den Kostenquoten der Geschäftsberichte der kommenden Jahre. Wer wissen will, was die Kölner Insurtech-Szene wirklich wert ist, liest also besser eine Bilanz als ein Programmheft.

Quellen und Weiterlesen
Markus Schmitz, Redakteur — KI-generiertes Porträt
Markus Schmitz
Redakteur · Banken & Finanzen
Gelernter Bankkaufmann, dann Journalistenschule. Beobachtet den Finanzplatz Köln, Sparkassen, Volksbanken und die Fintech-Szene zwischen Mediapark und Rheinauhafen.
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