85,2 Punkte: Kölns Wirtschaft meldet das sechste Minus in Folge
Der IHK-Konjunkturindikator fällt von 89,3 auf 85,2 Punkte, die Industrie im Kammerbezirk lastet nur noch 73,1 Prozent ihrer Kapazität aus, und jedes vierte Unternehmen will Personal abbauen.
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85,2 Punkte, und die Marke, ab der es aufwärtsgeht, liegt bei 100: Der Konjunkturklimaindikator der Industrie- und Handelskammer zu Köln ist im Frühjahr 2026 erneut gefallen, von 89,3 Punkten zu Jahresbeginn auf jetzt 85,2. Es ist der sechste Befund in Folge, der nach unten zeigt. Wer hier noch von einer Delle spricht, muss erklären, wie lang eine Delle sein darf, bevor man sie ein Tal nennt. 557 Unternehmen aus dem Kammerbezirk haben geantwortet, und ihr Bild vom Standort ist nicht das eines Marktes, der auf den Aufschwung wartet, sondern das eines Marktes, der sich auf dessen Ausbleiben einrichtet.
Erhoben wurde zwischen dem 23. März und dem 8. Mai: Rund 2.300 Betriebe hat die Kammer angeschrieben, 557 verwertbare Antworten kamen zurück, wie das Bürgerportal in Bergisch Gladbach aus dem Bericht zitiert. Der Indikator verrechnet die Beurteilung der laufenden Geschäfte mit den Erwartungen für die kommenden zwölf Monate; bei 100 Punkten halten sich Zuversicht und Sorge die Waage. 85,2 Punkte bedeuten deshalb nicht, dass die Wirtschaft im Bezirk um ein Sechstel schrumpft. Sie bedeuten, dass die Zahl der Unternehmen, die mit dem Schlimmeren rechnen, die der anderen deutlich übersteigt.
557 Antworten aus rund 2.300 angeschriebenen Betrieben sind eine Rücklaufquote von etwa 24 Prozent – für eine freiwillige Unternehmensbefragung ein ordentlicher Wert, für eine Stichprobe im strengen statistischen Sinn zu wenig. Konjunkturumfragen messen deshalb nicht die Wirtschaft, sondern die Selbstauskunft derjenigen, die antworten. Ihr Wert liegt im Zeitvergleich: dieselbe Frage, dasselbe Verfahren, sechs Erhebungen hintereinander in dieselbe Richtung. Das ist belastbarer als jeder Einzelwert.
Fast jedes dritte Unternehmen nennt die eigene Lage schlecht
29 Prozent der Befragten bezeichnen ihre Geschäftslage als schlecht, 21 Prozent als gut; knapp die Hälfte kommt über ein Befriedigend nicht hinaus. Das ist bemerkenswert, weil die Frage nach der Lage die harmloseste des ganzen Fragebogens ist: Sie beschreibt, was bereits eingetreten ist, nicht das, was befürchtet wird. Acht Prozentpunkte Übergewicht auf der schlechten Seite heißen deshalb nicht, dass die Stimmung schlecht ist. Sie heißen, dass die Erträge es sind.
Bei den Erwartungen fällt der Abstand drastisch aus: 33 Prozent rechnen für die kommenden zwölf Monate mit einer Verschlechterung, 11 Prozent mit einer Verbesserung. Auf jeden Betrieb, der auf bessere Geschäfte hofft, kommen damit drei, die sich auf schlechtere einstellen. Zu Jahresbeginn hatte das Verhältnis noch bei 12 zu gut 25 Prozent gelegen. Die Zuversicht ist seither nicht eingebrochen – sie ist nur nie zurückgekommen, während der Pessimismus zugelegt hat.
Die Industrie im Bezirk lässt mehr als ein Viertel ihrer Kapazität stehen
73,1 Prozent: So hoch ist die Kapazitätsauslastung der Industriebetriebe im Kammerbezirk. Anders als die Lagebeurteilung ist das keine Stimmungsgröße, sondern eine Messgröße – mehr als ein Viertel der vorhandenen Anlagen, Hallen und Schichten wird schlicht nicht gebraucht. 33 Prozent der Industriebetriebe nennen ihre Lage schlecht, 14 Prozent gut, 42 Prozent erwarten eine weitere Verschlechterung. Nicht ausgelastete Anlagen kosten Abschreibung, Instandhaltung und Personal, ohne einen Deckungsbeitrag zu erwirtschaften: Das ist die Vorstufe zur Stilllegung, kein Betriebszustand, den ein Unternehmen über Jahre hält.
Der Blick in die Auftragsbücher erklärt, warum die Quote nicht von allein steigen wird: 50 Prozent der Industriebetriebe erwarten rückläufige Auftragseingänge, 45 Prozent sinkende Exporte. Eine Auslastung lässt sich kurzfristig über verschobene Wartung und Kurzarbeit stabilisieren; ein wegbrechender Auftragseingang lässt sich nicht bewirtschaften, sondern nur abbilden. Wenn die Hälfte einer Branche mit weniger Aufträgen rechnet und fast ebenso viele mit weniger Auslandsgeschäft, ist die Frage nicht mehr, ob Kapazität abgebaut wird, sondern wo – und Standortentscheidungen dieser Art fallen selten zugunsten des teuersten Werks.
„Die Wirtschaft steckt in der Krise fest, der Iran-Konflikt hat die Lage noch weiter verschärft“
Dr. Uwe Vetterlein, Hauptgeschäftsführer der IHK Köln
Der Verweis auf die weltpolitische Lage ist bequem und trotzdem nicht falsch: Energie- und Rohstoffpreise gehören in der Umfrage zu den meistgenannten Belastungen, und beide reagieren unmittelbar auf geopolitische Störungen. Nur erklärt eine aktuelle Zuspitzung nicht, warum der Befund zum sechsten Mal in Folge negativ ausfällt. Die Gründe, die die Unternehmen selbst nennen, liegen näher, und sie liegen überwiegend im Inland.
Im Einzelhandel erwartet nur noch jeder elfte Betrieb eine Besserung
Im Einzelhandel sind die Aussichten am schmalsten: 9 Prozent blicken optimistisch nach vorn, 30 Prozent pessimistisch. Damit steht die Branche schlechter da als der Durchschnitt aller Befragten, obwohl sie weder eine Exportquote noch die Energieintensität einer Gießerei hat. Ihr Problem ist ein abgeleitetes: Wer damit rechnet, seine Stelle zu verlieren, kauft weniger. Für einen Standort, an dem der Einzelhandel zwischen Mitte 2024 und Mitte 2025 gerade einmal 114 zusätzliche sozialversicherungspflichtige Stellen aufgebaut hat, ist das eine dünne Ausgangslage.
Der Befund reicht über die Stadtgrenze hinaus, und das gilt in beide Richtungen. Von den rund 631.900 sozialversicherungspflichtig Beschäftigten am Arbeitsort Köln wohnten 2025 etwa 322.200 außerhalb der Stadt, also fast genau die Hälfte. Was im Kammerbezirk an Arbeitsplätzen wegfällt, trifft deshalb Haushalte im gesamten Umland ebenso wie Kölner. Umgekehrt schlägt jede Werkschließung im Umland auf Kölner Zulieferer und Dienstleister durch.
25 Prozent der befragten Unternehmen planen, Personal abzubauen. Jeder vierte Betrieb: Das ist die Zahl, die den Konjunkturbericht mit dem verbindet, was die städtische Statistik längst misst. Ende September 2025 ist die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in Köln nach den Kölner Statistischen Nachrichten 6/2026 erstmals seit Beginn der Corona-Pandemie gegenüber dem Vorjahresquartal gesunken, um rund 3.400 auf 630.500. Absichtserklärungen aus einer Umfrage sind keine Kündigungen – aber sie sind der Vorlauf, den Arbeitsmarktstatistiken erst mit Monaten Verzögerung abbilden.
Als größtes Risiko nennen die Unternehmen nicht den Markt, sondern die Politik
Auf die Frage nach den größten Standortrisiken nennt mehr als die Hälfte der Unternehmen die politischen Rahmenbedingungen. Dass eine Kammerumfrage zu diesem Ergebnis kommt, überrascht niemanden – Interessenvertretungen stellen ihre Fragen selten so, dass die Antwort für sie unbequem ausfällt. Interessanter ist, was die Betriebe daneben stellen, denn diese Posten sind messbar und lassen sich einzeln bepreisen.
- Politische Rahmenbedingungen: von mehr als der Hälfte der Unternehmen als eines der größten Standortrisiken genannt
- Energie- und Rohstoffpreise
- Transportkosten
- Arbeitskosten
- Bürokratie
- Schwache Nachfrage
„Wenn die Politik jetzt nicht in die Gänge kommt und die drängenden Reformen umsetzt – wann dann?“
Dr. Uwe Vetterlein, Hauptgeschäftsführer der IHK Köln
Die Folge dieser Kostenrechnung beschreibt die Kammer selbst: Investitionsentscheidungen werden verschoben, und zwar nicht nur Erweiterungen, sondern auch reine Ersatzbeschaffungen. Die Betriebe konzentrieren sich darauf, den Bestand zu sichern und Effizienz zu heben. Für den Standort ist das die teuerste Form des Abwartens – eine verschobene Erweiterung kann nachgeholt werden, eine über Jahre verschleppte Ersatzinvestition führt dazu, dass die nächste Produktgeneration anderswo anläuft.
Fünf Monate zuvor las sich der Befund fast wörtlich genauso
Im Februar hatte die Kammer für den Jahresbeginn 89,3 Punkte gemeldet: 41 Prozent der Industriebetriebe nannten ihre Lage damals schlecht, 14 Prozent gut, und nur 12 Prozent aller Befragten erwarteten eine Verbesserung. Der Hauptgeschäftsführer sagte damals, die Wirtschaft komme nicht vom Fleck; Aufträge blieben aus, die Auslastung sinke, Investitionen würden verschoben oder verlagert. Fünf Monate später sind gut vier Punkte weg, die Erwartungen sind schlechter, die Diagnose ist dieselbe geblieben.
Damit verschiebt sich die eigentliche Frage: nicht mehr, wann der Aufschwung kommt, sondern ob der Zustand davor der Normalzustand war. Der Unterschied ist nicht akademisch, er entscheidet über die Instrumente. Konjunkturelle Schwäche behandelt man mit Zeit, Zinsen und Nachfrageimpulsen; strukturelle Schwäche behandelt man mit Energiepreisen, Genehmigungsdauern und Arbeitskosten – also mit Entscheidungen, die Jahre brauchen und in Berlin, Brüssel und Düsseldorf fallen, nicht am Rhein.
Zur Einordnung: Die Bundesregierung erwartet für 2026 real nur noch 0,5 Prozent Wachstum und für die Jahre 2027 bis 2030 lediglich 0,9 Prozent; der Deutsche Städtetag rechnet bundesweit mit einem Rückgang der Gewerbesteuereinnahmen um 3,3 Prozent im laufenden Jahr. Die Kölner Zahlen sind also kein regionaler Sonderfall. Sie sind aber auch keine bloße Spiegelung des Bundestrends, denn die Rechnung fällt lokal an: Wer im Kammerbezirk Kapazität abbaut, zahlt in Köln weniger Gewerbesteuer, und die Stadt kalkuliert für 2026 bereits mit 1.684,9 statt der geplanten 1.803,1 Millionen Euro.
Ob 85,2 Punkte der Boden waren oder eine Zwischenstation, wird die nächste Erhebung der Kammer zeigen. Für die Beschäftigten im Bezirk ist die Antwort schon jetzt weniger offen, als der Indikator vermuten lässt: Ein Viertel der Unternehmen hat den Stellenabbau eingeplant, und eine Auslastung von 73,1 Prozent halten Industriebetriebe nicht dauerhaft durch. Zu beantworten bleibt, welcher der genannten Kostenblöcke – Energie, Arbeit, Bürokratie – sich politisch überhaupt schnell genug bewegen lässt, um im Ergebnis der nächsten Umfrage noch aufzutauchen.




