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Handwerk

Neun Prozent des Umsatzes für Energie: Kölns Handwerk stagniert

Der Geschäftsklimaindex im Kammerbezirk Köln fällt auf 105 Punkte, fast jeder vierte Betrieb hat Personal abgebaut. Der Energiekostenanteil am Umsatz stieg seit 2020 von 5,7 auf 9,0 Prozent.

Katharina Esser, Chefredakteurin — KI-generiertes Porträt
Katharina Esser
Business & Unternehmen

Lesezeit 7 Min.
Baugerüst mit Ziegelstapeln an der Fassade eines Kölner Altbaus im Morgenlicht
Bauhaupt- und Ausbaugewerbe ziehen im Kammerbezirk Köln noch eine zufriedenstellende Bilanz – bei fallendem Trend. · Symbolbild (KI-generiert)

105 Punkte, vier weniger als vor einem Jahr: Der Geschäftsklimaindex des Handwerks im Kammerbezirk Köln liegt weiterhin über der Marke von 100, die im Handwerk positive von negativer Konjunkturlage trennt – und er sinkt trotzdem. Die Handwerkskammer zu Köln hat ihren Konjunkturbericht für das Frühjahr 2026 am 23. April vorgelegt, gemeinsam mit einer Sonderumfrage zu den Energiekosten. Rund 1.150 Betriebe hatten sich zwischen dem 16. und dem 31. März daran beteiligt. Was die Kammer beschreibt, ist kein Absturz, sondern etwas Zäheres: eine Seitwärtsbewegung mit leichtem Negativtrend. Der Befund ist für einen Wirtschaftsraum mit 189.100 Beschäftigten unangenehmer als ein kurzer Einbruch, weil er sich nicht auswächst.

Die Betriebe bewerten ihre eigene Lage entsprechend gespalten: 32 Prozent nennen sie gut, 47 Prozent befriedigend, 21 Prozent schlecht. Im Vorjahresvergleich hat sich das Bild verschlechtert, auch gegenüber dem Herbstwert 2025 zeigt der Trend nach unten. Der Index ist ein geometrischer Mittelwert aus der Bewertung der aktuellen Lage und den Erwartungen für das kommende Halbjahr; er reagiert deshalb träge. Genau das ist sein Problem als Frühindikator: Er verdeckt, wie weit einzelne Gewerke inzwischen auseinanderliegen. Wer nur auf die 105 Punkte schaut, übersieht, dass das Nahrungsmittelgewerbe die Lage bereits negativ bewertet.

Die Kammer selbst ordnet den Wert in eine längere Reihe ein: Der Trend des Geschäftsklimas ist über die vergangenen fünf Jahre moderat fallend. Das ist der eigentliche Befund dieses Berichts. Eine Konjunkturdelle wäre in fünf Jahren durchlaufen; hier steht dagegen eine Kurve, die in kleinen Schritten nachgibt und dabei nie so weit fällt, dass sie eine politische Reaktion erzwingt. Die Betriebe, die dahinterstehen, sind im Schnitt klein. Sie können ein schwaches Halbjahr aussitzen, aber keine fünf.

Die Aufträge gehen schneller zurück als die Umsätze

38 Prozent der Betriebe melden für das zurückliegende Halbjahr sinkende Umsätze, 42 Prozent unveränderte und 20 Prozent steigende. Bei den Auftragseingängen ist das Verhältnis noch ungünstiger: 41 Prozent verzeichnen Rückgänge, 40 Prozent keine Veränderung, nur 19 Prozent ein Plus. Über alle Gewerke hinweg liegt die durchschnittliche Auftragsreichweite bei 5,8 Wochen je Betrieb – rund eine Woche weniger als ein Jahr zuvor. Das ist die Kennziffer, die im Handwerk zuerst kippt, denn sie sagt, wie lange ein Betrieb ohne einen einzigen neuen Auftrag weiterarbeiten könnte. Eine Woche weniger Reichweite bedeutet für einen Malerbetrieb mit fünf Beschäftigten rechnerisch eine Woche Lohn ohne Deckung.

Stromzähler und Sicherungskasten an einer weiss gestrichenen Kellerwand einer Werkstatt
Der Anteil der Energiekosten am Umsatz der Betriebe ist seit 2020 von 5,7 auf 9,0 Prozent gestiegen. · Symbolbild (KI-generiert)

Am Arbeitsmarkt schlägt sich das bereits nieder, wenn auch anders als in der Industrie. Zwei von drei Betrieben (64 Prozent) melden eine unveränderte Personalsituation, 13 Prozent haben aufgestockt, 23 Prozent abgebaut; fast jeder vierte Betrieb hat also im vergangenen halben Jahr Stellen verloren. Als Ursache nennt die Kammer vor allem die Renteneintritte der geburtenstarken Jahrgänge sowie den Fachkräftemangel – nicht in erster Linie Entlassungen. Gleichzeitig meldet rund jeder dritte Betrieb (31 Prozent) offene Stellen. Der Beschäftigungsrückgang ist damit weniger eine Folge fehlender Arbeit als fehlender Leute, und er wird sich durch keine Konjunkturerholung umkehren lassen.

Die Ausbildungszahlen zeigen dasselbe Muster in Zeitlupe. Zum Stichtag 31. Dezember 2024 bildeten 4.652 Betriebe im Kammerbezirk 12.295 Auszubildende aus, gegenüber dem Vorjahr ein Minus von 0,3 Prozent. Die Zahl der männlichen Auszubildenden ging um 0,9 Prozent auf 10.360 zurück, die der weiblichen stieg um 2,6 Prozent auf knapp 1.935. Mehr als die Hälfte aller Auszubildenden – 58,5 Prozent – arbeitet im Bereich Metall und Elektro, also in jenen Gewerken, die für Wärmepumpen, Ladeinfrastruktur und Netzanschlüsse gebraucht werden. Rechnerisch kommen auf einen Betrieb im Kammerbezirk 0,36 Auszubildende, landesweit sind es 0,38.

„Eine rückläufige Nachfrage trifft auf weiter steigende Kosten in den Bereichen Energie, Lohnnebenkosten und Material. In Anbetracht dieser Gemengelage zeigen die Betriebe eine bemerkenswerte Stabilität, sind jedoch dringend auf positive Impulse aus der Politik angewiesen. Denn die aktuelle Lage ist auch keine vorübergehende Konjunkturdelle, sondern das Ergebnis einer strukturellen Krise.“

Thomas Radermacher, Präsident der Handwerkskammer zu Köln

Für Energie geht fast jeder zehnte eingenommene Euro weg

Die Sonderumfrage liefert die Zahl, an der sich diese These messen lässt. Der durchschnittliche Anteil der Energiekosten am Umsatz der Betriebe stieg von 5,7 Prozent im Jahr 2020 auf 9,0 Prozent im Jahr 2025 – ein Zuwachs um 3,3 Prozentpunkte binnen fünf Jahren. Ein Betrieb muss heute also gut anderthalbmal so viel vom Umsatz für Strom, Wärme und Kraftstoff abzweigen wie vor der Energiepreiskrise. Für Gewerke mit eigener Produktion, mit Kühlung oder mit größerem Fuhrpark liegt der Wert entsprechend darüber. Der Anteil ist eine Bruttogröße: Er wächst auch dann, wenn die Umsätze fallen und die Energierechnung gleich bleibt.

  • 59 Prozent der Betriebe geben gestiegene Energiekosten an ihre Kundinnen und Kunden weiter – handwerkliche Leistungen werden dadurch unmittelbar teurer.
  • 61 Prozent haben Maßnahmen zur Senkung der Energiekosten umgesetzt oder geplant, vor allem effizientere Anlagen und Maschinen, Eigenerzeugung von Strom und Speichertechnik.
  • 52 Prozent haben zuletzt ihre Verkaufspreise erhöht, knapp 37 Prozent hielten sie konstant, 11 Prozent mussten sie senken.
  • 26 Prozent haben ihre Investitionen im vergangenen Halbjahr erhöht, 29 Prozent sie verringert.

Was das in Summe bedeutet, lässt sich überschlagen. Die Betriebe im Kammerbezirk setzten nach der Hochrechnung der Kammer zuletzt 28,04 Milliarden Euro im Jahr um. Verschiebt sich der Energiekostenanteil um 3,3 Prozentpunkte, entspricht das rechnerisch rund 925 Millionen Euro, die Jahr für Jahr an Versorger und Tankstellen gehen statt in Löhne, Maschinen oder Ausbildung. Die Rechnung ist grob und unterstellt eine gleichmäßige Belastung über alle Gewerke, die es so nicht gibt. Die Größenordnung bleibt trotzdem bemerkenswert: Es geht um einen hohen dreistelligen Millionenbetrag pro Jahr, allein zwischen Bonn und dem Oberbergischen.

Werkbank einer Schreinerei mit Schraubstock, Stechbeiteln und Hobelspaenen, nur Haende im Bild
Rund jeder dritte Betrieb im Kammerbezirk meldet trotz Konjunkturflaute offene Stellen. · Symbolbild (KI-generiert)

„Unsere Betriebe geben fast 10 Cent von jedem verdienten Euro für Energiekosten aus. Eine kurzfristige Senkung der Mineralölsteuer ist insofern vielleicht gut gemeint, löst das Problem hoher Energiekosten aber nicht ansatzweise und überdeckt notwendige Preiseffekte.“

Thomas Radermacher, Präsident der Handwerkskammer zu Köln

Bonn hält den Wert, das Oberbergische verliert am deutlichsten

Der Kammerbezirk ist kein einheitlicher Wirtschaftsraum. Er umfasst die kreisfreien Städte Köln, Bonn und Leverkusen sowie den Rhein-Erft-Kreis, den Rhein-Sieg-Kreis, den Rheinisch-Bergischen und den Oberbergischen Kreis. In allen sieben Gebietskörperschaften liegt das Geschäftsklima weiterhin über 100 Punkten. In sechs von sieben ist es im Halbjahresvergleich jedoch gefallen, besonders deutlich im Oberbergischen Kreis und im Rhein-Sieg-Kreis. Nur Bonn verbesserte sich. Warum ausgerechnet dort, erklärt der Bericht nicht.

Auch zwischen den Gewerkegruppen läuft die Konjunktur auseinander. Das Kfz-Gewerbe, das Gesundheitsgewerbe sowie das Bauhaupt- und Ausbaugewerbe ziehen laut Bericht noch eine zufriedenstellende Bilanz, zeichnen über die vergangenen Jahre aber einen eindeutigen Abwärtstrend. Das Nahrungsmittelgewerbe bewertet die Lage bereits negativ und stagniert nach Darstellung der Kammer auf niedrigem Niveau. Beim Handwerk für den gewerblichen Bedarf und bei den personenbezogenen Dienstleistungen hält sich das Stimmungsbild die Waage. Und ausgerechnet die personenbezogenen Dienstleistungen sind die einzige Gruppe mit spürbarem Optimismus: 31 Prozent erwarten dort eine bessere Geschäftslage, 58 Prozent keine Veränderung, nur 11 Prozent eine schlechtere.

Sandsteinfassade eines Institutsgebäudes am Kölner Heumarkt im Abendlicht
Am Heumarkt hat die Handwerkskammer zu Köln ihren Sitz; sie vertritt rund 34.400 Betriebe. · Symbolbild (KI-generiert)

Der Kammerbezirk trägt ein Sechstel des nordrhein-westfälischen Handwerks

Um die Prozentzahlen einzuordnen, hilft die Größe des Bezirks. Zum 31. Dezember 2024 zählte die Kammer 34.396 Mitgliedsbetriebe mit rund 189.100 tätigen Personen und einem hochgerechneten Umsatz von 28,04 Milliarden Euro. In Nordrhein-Westfalen waren es 199.474 Betriebe und 162,6 Milliarden Euro; die Region Köln/Bonn steht damit für gut ein Sechstel des Handwerks im Land. Die Zahl der Betriebe ging binnen eines Jahres allerdings um 1,3 Prozent zurück, landesweit nur um 0,05 Prozent. Das ist der einzige Wert in dieser Statistik, bei dem Köln deutlich schlechter abschneidet als das Land – und er beschreibt keine Stimmung, sondern Abmeldungen.

Für das laufende Halbjahr erwartet rund ein Fünftel der Betriebe eine Verbesserung, 59 Prozent keine Veränderung, ein weiteres Fünftel eine Verschlechterung. Konjunkturbericht und Medieninformation der Kammer weisen die beiden Fünftel-Werte gegenläufig aus; belastbar ist deshalb nur, dass sich Optimisten und Pessimisten in etwa die Waage halten und die große Mehrheit mit Stillstand rechnet. Ein Aufschwung ist in diesen Zahlen nicht angelegt. Das Investitionsverhalten bestätigt den Befund: Mehr Betriebe haben ihre Investitionen zurückgefahren als erhöht, negative Tendenzen sieht die Kammer vor allem im Bauhaupt- und Ausbaugewerbe.

Die Kammer verlangt strukturelle Reformen bei Sozialabgaben, Energiepreisen und Bürokratie und verweist auf die im Koalitionsvertrag vereinbarte dauerhafte Senkung der Stromsteuer, die nach ihrer Einschätzung allen Betrieben zugutekäme. Ob sie kommt und wann, entscheidet der Bund, nicht die Region. Für das Rheinland hängt daran mehr als eine Stimmungslage: Bei 28 Milliarden Euro Branchenumsatz entspricht ein Prozentpunkt Energiekostenanteil rechnerisch rund 280 Millionen Euro im Jahr. Die nächste Konjunkturumfrage der Handwerkskammer folgt turnusgemäß im Herbst. Sie wird zeigen, ob die Seitwärtsbewegung eine Bodenbildung war – oder nur eine Zwischenstation. Weitere Zahlen finden sich im Konjunkturbericht der Handwerkskammer zu Köln, in den Medieninformationen der Kammer und in der Broschüre Das Handwerk in Zahlen 2025.

Quellen und Weiterlesen
Katharina Esser, Chefredakteurin — KI-generiertes Porträt
Katharina Esser
Chefredakteurin · Business & Unternehmen
Leitet die Kölner Zeit seit der Gründung 2022. Zuvor zehn Jahre Wirtschaftsredakteurin in Düsseldorf und Frankfurt. Schreibt über Mittelstand, Startups und Strukturwandel im Rheinland.
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