Nach 35 Jahren: Der Goldene Vogel verlässt den Zeughausturm
In der Nacht zu Freitag holt ein Autokran HA Schults Flügelauto vom Turm des Zeughauses: Das Mauerwerk ist beschädigt, das Kunstwerk korrodiert. Nach der Restaurierung bei Ford in Niehl soll der Goldene Vogel 2027 auf dem Maritim am Heumarkt landen.
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22 Uhr, Donnerstagabend. Dann hängen die Seile eines Autokrans über der Kölner Altstadt, und der Goldene Vogel verlässt seinen Platz in 24 Metern Höhe. HA Schults 4 Tonnen schweres Flügelauto wird in der Nacht von Donnerstag auf Freitag, 13. auf 14. August, vom Turm des Zeughauses an der Zeughausstraße gehoben – nach gut 35 Jahren. Das Kunstwerk kommt zur Restaurierung zu den Ford-Werken nach Niehl. Und es soll zurückkehren, allerdings an anderer Stelle: im ersten Quartal 2027, auf das Dach des Maritim Hotels am Heumarkt.
Der Zeitplan für die Nacht ist eng getaktet. Ab 20 Uhr wird der Autokran vor dem Zeughaus aufgebaut; aus Gründen der Verkehrssicherheit ist das erst am Abend möglich. Gegen 22 Uhr soll die Skulptur abgehoben werden, gegen 23 Uhr setzt sich der Schwertransport Richtung Niehl in Bewegung. Wer den Moment miterleben will, muss also wach bleiben. Es dürfte ein seltenes Bild werden: ein goldenes Auto mit ausgebreiteten Flügeln, das im Scheinwerferlicht über den Dächern der Altstadt schwebt.
Der Anlass ist nüchtern. Untersuchungen haben Schäden am Mauerwerk des denkmalgeschützten Zeughauses ergeben; das Gewicht der Skulptur und die Windlasten, die über die 10 Meter breiten Flügel in den Turm drücken, haben dem historischen Bau über die Jahrzehnte zugesetzt. Statiker halten den Standort nicht mehr für dauerhaft tragfähig. Auch das Kunstwerk selbst ist angegriffen – Korrosion, dazu Alters- und Witterungsschäden nach 35 Jahren Wind, Regen und Sonne. Stadt und Eigentümer blieb damit kaum eine andere Wahl als der Abbau.
Ein entkernter Fiesta mit 1,2 Tonnen Schienen im Motorraum
Die Konstruktion hinter dem Wahrzeichen ist erstaunlich handfest. Basis des Vogels ist ein entkernter Ford Fiesta, Baujahr 1989. Im Motorraum liegen rund 1,2 Tonnen Eisenbahnschienen, die beiden Flügel aus Glasfaserverbundstoff wiegen je etwa 800 Kilogramm. Zusammen kommt die Skulptur auf rund 4 Tonnen – bei 6,20 Metern Länge, 10 Metern Spannweite und 3,50 Metern Höhe. Ein Auto, das nie einen Meter aus eigener Kraft gefahren ist und trotzdem seit Jahrzehnten fest im Kölner Stadtbild verankert war, ohne je ein Kennzeichen zu tragen.
Entstanden ist das Werk im April 1989 für Schults Kunstaktion „Fetisch Auto“, die der Aktionskünstler gemeinsam mit seiner damaligen Frau und Muse Elke Koska inszenierte – in dem Jahr, in dem die Kölner Ford-Werke ihr 60. Standortjubiläum feierten. Das Auto, von Schult zeitlebens als Fetisch und Umweltproblem zugleich verhandelt, wurde hier vergoldet und geflügelt: überhöht und stillgelegt in einem. Zunächst stand das Flügelauto unten am Rhein an der Frankenwerft; am 25. April 1991 hob ein Kran es schließlich auf den Turm des Zeughauses.
Gedacht war das als Provisorium, geblieben ist es 35 Jahre. Die Denkmalpflege hatte von Beginn an Bedenken, das Flügelauto stand offiziell immer nur auf Zeit – und wurde doch zur festen Größe über der Zeughausstraße. Zweimal, 2005 und 2012, musste es bereits für Reparaturen angehoben werden. Diesmal reicht Flicken nicht mehr: Der Vogel kommt ganz herunter, und der Turm bleibt vorerst leer.
Öffentlich gemacht wurde der Umzug am 10. August mit einer Mitteilung der Stadt – und vom Künstler selbst mit einem Video. Der neue Standort sei „viel schöner“, sagte Schult darin, an den alten aber werde man sich immer erinnern. Der 87-Jährige, geboren 1939 im mecklenburgischen Parchim, begleitet den Abschied also nicht wehmütig, sondern nach vorn gewandt. Gegenüber der Lokalpresse wurde er noch deutlicher.
„Ich bin sehr glücklich, dass wir hier mit der Stadt jetzt eine Lösung gefunden haben.“
HA Schult, Künstler, gegenüber t-online
Ab 2027 soll der Vogel auf dem Maritim am Heumarkt sitzen
Restauriert wird die Skulptur bei den Ford-Werken in Niehl – bei jenem Unternehmen also, zu dessen Jubiläum sie einst entstand und aus dessen Modellpalette ihr Trägerfahrzeug stammt. Im ersten Quartal 2027 soll der Vogel dann auf das Dach des Maritim Hotels am Heumarkt gehoben werden. Für die Standsicherheit am neuen Standort ist künftig das Immobilienunternehmen Art-Invest Real Estate verantwortlich; Eigentümer bleibt der Förderverein Freunde des Kölnischen Stadtmuseums, die inhaltliche Verantwortung liegt weiterhin beim Museumsdirektor.
Museumsdirektor Matthias Hamann erklärte in der Mitteilung der Stadt, mit dieser Lösung bleibe ein für die Stadt wichtiges und symbolhaftes Objekt weiterhin sichtbar. Ähnlich äußerte sich Konrad Adenauer, der Vorsitzende des Freundeskreises: Dem Verein sei es ein Anliegen, dass das Flügelauto öffentlich sichtbar bleibe. Dass ein Hoteldach zum Sockel für ein Museumsobjekt wird, ist auch für Köln eine ungewöhnliche Konstruktion – möglich wurde sie, weil mit Art-Invest ein privater Partner die Verantwortung für den neuen Standort übernimmt.
Für das Zeughaus ist der Abschied ein weiteres Kapitel in einer schwierigen Geschichte. Von 1958 bis 2017 beherbergte der Bau das Kölnische Stadtmuseum, dann machte ein Wasserschaden im Juni 2017 die Ausstellungsetagen unbenutzbar; die Bestände wurden ausgelagert. Seit dem 22. März 2024 zeigt das Museum seine Sammlung im früheren Modehaus Sauer an der Minoritenstraße – rund 750 Quadratmeter Ausstellungsfläche über fünf Halbetagen, angemietet für zehn Jahre. Was langfristig aus dem Zeughaus wird, ist offen; ein zeitweise verfolgtes gemeinsames Bauprojekt mit der katholischen Kirche am Roncalliplatz scheiterte an gestiegenen Kosten.
Mit dem Umzug an den Heumarkt kehrt der Vogel zugleich in die Nähe jenes Ortes zurück, an dem seine Kölner Geschichte begann: ans Rheinufer. Statt über eine vergleichsweise stille Altstadtstraße wird er künftig über einen der zentralen Plätze der Innenstadt blicken. Das Maritim liegt nur wenige Schritte vom Fluss entfernt – der Kreis, der 1989 an der Frankenwerft begann, schließt sich damit ein Stück weit.
Kunst im öffentlichen Raum ist ein Dauerauftrag
Schult arbeitet seit Jahrzehnten an der Schnittstelle von Aktionskunst, Öffentlichkeit und Umweltthemen. Seine „Trash People“, 1.000 lebensgroße Figuren aus gepresstem Müll, standen unter anderem in Paris, Moskau, Peking, Kairo und auf der Chinesischen Mauer. Seine rund 8 Meter große, beleuchtete „Weltkugel“ hing von 1996 bis 2000 an der Severinsbrücke und steht heute bei der DEVK; 2007 gründete er zudem den Umweltpreis ÖkoGlobe für nachhaltige Entwicklungen in der Autoindustrie. Der Vogel auf dem Zeughausturm aber war von all diesen Arbeiten die dauerhafteste – und die, die am selbstverständlichsten zum Kölner Stadtbild gehörte.
Der Vorgang führt nebenbei vor, was Kunst im öffentlichen Raum auf Dauer bedeutet: Wartung, Statik, Verantwortung, Abstimmung. An diesem einen Kunstwerk hängen künftig ein Verein als Eigentümer, ein Immobilienunternehmen, das für die Standsicherheit einsteht, ein Autokonzern, auf dessen Gelände restauriert wird, und eine Stadtverwaltung, die den Umzug begleitet hat. So viele Beteiligte für einen einzigen vergoldeten Fiesta – das sagt einiges über den Stellenwert, den der Vogel in dieser Stadt hat.
Am Freitagmorgen wird der Zeughausturm zum ersten Mal seit 1991 ohne seinen Vogel dastehen. Gut ein halbes Jahr, wenn der Zeitplan hält, bleibt die Silhouette leer – danach sitzt das Flügelauto ein paar Hundert Meter weiter südöstlich auf einem Hoteldach. Manche Lücken fallen erst auf, wenn man davorsteht.




