118 Millionen weniger: Was Kölns Gewerbesteuer über die Firmen sagt
Köln erwartet 2026 nur noch 1.684,9 statt 1.803,1 Millionen Euro Gewerbesteuer. Ein Teil des Minus stammt aus schwachen Erträgen, ein anderer aus einer Abschreibungsreform des Bundes.
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1.684,9 statt 1.803,1 Millionen Euro: Um diesen Betrag hat die Stadt Köln ihre Erwartung an die Gewerbesteuer für das laufende Jahr nach unten korrigiert, 118,2 Millionen Euro weniger als im Haushaltsplan angesetzt. Die Zahl steht in der Mitteilung 1306/2026, die die Verwaltung dem Finanzausschuss am 11. Mai vorgelegt hat. Die Gewerbesteuer ist die einzige große Einnahmeposition, die unmittelbar am Ertrag der ansässigen Unternehmen hängt: Sie sagt weniger über die Finanzpolitik einer Stadt aus als über die Bücher derer, die in ihr produzieren, handeln und beraten. Und die fallen schlechter aus als geplant.
Grundlage ist die 170. Sitzung des Arbeitskreises Steuerschätzung vom 5. bis 7. Mai 2026. Die Kölner Planwerte, mit denen die neuen Schätzwerte verglichen werden, stammen aus dem Haushaltsplan 2025/2026 einschließlich Mittelfristplanung und beruhen ihrerseits auf der Steuerschätzung vom Oktober 2024. Zwischen der Annahme und ihrer Korrektur liegen also anderthalb Jahre, in denen der erwartete Aufschwung nicht eingetreten ist.
Bis 2029 fehlen 556,3 Millionen Euro allein bei der Gewerbesteuer
Über die Mittelfristplanung summiert sich das Minus. Statt 7.565,7 Millionen Euro erwartet die Stadt zwischen 2026 und 2029 nur noch 7.009,4 Millionen Euro Gewerbesteuer, 556,3 Millionen weniger. Die größte Einzelabweichung liegt dabei nicht im laufenden Jahr.
- 2026: geplant 1.803,1 Millionen Euro, erwartet 1.684,9 Millionen Euro, Abweichung minus 118,2
- 2027: geplant 1.864,4 Millionen Euro, erwartet 1.718,6 Millionen Euro, Abweichung minus 145,8
- 2028: geplant 1.922,2 Millionen Euro, erwartet 1.753,0 Millionen Euro, Abweichung minus 169,2
- 2029: geplant 1.976,0 Millionen Euro, erwartet 1.852,9 Millionen Euro, Abweichung minus 123,1
Bemerkenswert an dieser Reihe ist weniger die Höhe als der Verlauf: Der Städtetag geht für die Folgejahre von Steigerungsraten des Gewerbesteueraufkommens von 2,0 Prozent in 2027 und 2028, 5,7 Prozent in 2029 und 6,2 Prozent in 2030 aus. Das Aufkommen wächst also wieder, nur eben von einem tieferen Ausgangspunkt aus und langsamer, als die Kölner Planung unterstellt hatte. Wer aus der Tabelle einen Einbruch herausliest, der sich in zwei guten Jahren zurückholen lässt, liest sie falsch.
Ein Teil des Rückgangs ist politisch gewollt und wird ausgeglichen
Nicht alles davon ist schwache Ertragslage. Ein Teil des Rückgangs ist Steuerrecht: Der Bund gleicht den Kommunen steuerrechtsbedingte Einbußen bei der Gewerbesteuer – in der Mitteilung ausdrücklich unter dem Stichwort Investitionsbooster geführt – vorübergehend bis 2028 über den Gemeindeanteil an der Umsatzsteuer aus. Dieser Anteil liegt für Köln über die Jahre 2026 bis 2029 zusammen bei 1.087,2 statt der geplanten 771,7 Millionen Euro, ein Plus von 315,5 Millionen Euro. Die jährlichen Wachstumsraten schwanken dabei zwischen minus 22,1 und plus 23,2 Prozent.
Für Unternehmen ist das die entscheidende Unterscheidung: Wer wegen verbesserter Abschreibungsmöglichkeiten weniger Gewerbesteuer zahlt, hat Liquidität gewonnen und investiert womöglich; wer weniger zahlt, weil der Gewinn fehlt, hat nichts gewonnen. Die Mitteilung trennt beides nicht auf, und die Stadt kann es auch gar nicht: Ein Gewerbesteuerbescheid weist keine Ursache aus. Was sich aus dem Papier ablesen lässt, ist die Summe beider Effekte, und die ist deutlich negativ.
Die Stadt fragt ihre größten Zahler direkt
Bemerkenswert an der Kölner Prognose ist ihre Methode. Die Verwaltung schreibt die Bundesschätzung nicht einfach fort, sondern bezieht regionale Parameter ein, darunter ausdrücklich eine Großzahlerumfrage des Kölner Steueramtes. Die Stadt fragt also jene Unternehmen, an denen der größte Teil ihres Gewerbesteueraufkommens hängt, nach deren eigenen Erwartungen und rechnet die Antworten in die Prognose ein. Das erhöht die Treffsicherheit und macht zugleich sichtbar, wie konzentriert das Aufkommen ist: In einer Stadt mit lauter kleinen Zahlern wäre eine solche Umfrage sinnlos.
Wie viele Unternehmen zu diesem Kreis gehören und aus welchen Branchen sie stammen, teilt die Verwaltung nicht mit. Bekannt ist nur das Ergebnis: Unter Einbeziehung aller regionalen Parameter und der Daten zum Anordnungssoll kommt die Stadt für 2026 auf 1.684,9 Millionen Euro. Das ist eine Prognose, die näher an den Büchern der Kölner Unternehmen sitzt als jede Konjunkturumfrage – und sie fällt schlechter aus als die eigene Planung.
Die Steuer reagiert träge, der Einbruch kommt erst noch an
Die Gewerbesteuer reagiert verzögert, und das macht die Reihe bis 2029 besonders unangenehm. Veranlagt wird der Gewerbeertrag eines abgelaufenen Jahres, die Vorauszahlungen richten sich nach der letzten Festsetzung. Was die Stadt in diesem Jahr vereinnahmt, spiegelt deshalb überwiegend die Ertragslage von 2024 und 2025. Die Folgen des laufenden Jahres schlagen erst in den Festsetzungen für 2027 und 2028 durch – und genau dort liegt in der Kölner Tabelle mit 169,2 Millionen Euro auch die größte Abweichung.
Welche Branchen den Rückgang verursachen, geht aus der Mitteilung nicht hervor. Ein Hinweis liegt aber in der Beschäftigtenstatistik der Stadt: Zwischen Mitte 2024 und Mitte 2025 verlor das verarbeitende Gewerbe in Köln 1.888 Arbeitsplätze oder 3,8 Prozent, der Maschinenbau 357 oder 5,0 Prozent, die Zeitarbeit 1.499 oder 12,3 Prozent und der Bereich Unternehmensverwaltung und Unternehmensberatung 897 oder 2,4 Prozent. Beschäftigung folgt dem Auftragseingang, der Gewerbeertrag folgt ihm ebenfalls – nur mit anderer zeitlicher Verzögerung.
Die Industrie- und Handelskammer zu Köln misst dasselbe von der anderen Seite: Die Kapazitätsauslastung der Industriebetriebe im Kammerbezirk lag im Frühjahr 2026 bei 73,1 Prozent, 50 Prozent der Betriebe erwarteten rückläufige Auftragseingänge, 42 Prozent eine Verschlechterung ihrer Lage. Eine Auslastung unterhalb von drei Vierteln bedeutet, dass Fixkosten auf zu wenig Stückzahl verteilt werden. Genau dort entsteht der Gewerbeertrag nicht mehr, den die Stadt eingeplant hatte.
Bundesweit sinkt das Gewerbesteueraufkommen um 3,3 Prozent
Köln ist damit kein Sonderfall, aber auch nicht Durchschnitt. Der Deutsche Städtetag erwartet für das laufende Jahr bundesweit einen Rückgang der Gewerbesteuereinnahmen brutto um 3,3 Prozent; die Gesamteinnahmen der Städte und Gemeinden sollen 2026 nur geringfügig um 0,6 Prozent auf 151,9 Milliarden Euro steigen. Gegenüber der Schätzung vom Oktober 2025 liegen die kommunalen Einnahmen 2026 um 4,3 Milliarden Euro niedriger, in den Folgejahren um jeweils rund 5 Milliarden Euro.
„Das unbefriedigende Ergebnis dieser Steuerschätzung ist die direkte Folge des enttäuschenden Verlaufs der wirtschaftlichen Entwicklung. Die Steuerschätzung macht offensichtlich, dass zumindest auf die mittlere Frist eine Linderung der kommunalen Finanzkrise nicht durch wachstumsbedingte Steuermehreinnahmen erfolgen wird.“
Deutscher Städtetag, zitiert in der Mitteilung 1306/2026 der Stadt Köln
Die gesamtwirtschaftlichen Annahmen dahinter sind ernüchternd. Die Bundesregierung erwartet für 2026 ein reales Wachstum von nur noch 0,5 Prozent und für die Jahre 2027 bis 2030 von 0,9 Prozent, gestützt durch das schuldenfinanzierte Sondervermögen für Infrastruktur und Klimaneutralität sowie die Bereichsausnahme Verteidigung. Für 2027 rechnet sie wegen gestiegener Energiepreise mit einer Inflationsrate von knapp 3 Prozent. Der Arbeitsmarkt entwickle sich schwach, bleibe aber grundsätzlich noch stabil, heißt es in der Mitteilung.
„Nach Einschätzung der Institute haben sich seit dem Jahr 2019 die Wachstumskräfte hierzulande – nicht zuletzt infolge des demografischen Wandels – auf eine Rate von zuletzt nur noch 0,3 Prozent mehr als halbiert. Bis zum Ende des Jahrzehnts dürften sie unter den derzeit bestehenden Rahmenbedingungen vollends versiegen.“
Projektion der Bundesregierung, zitiert in der Mitteilung 1306/2026 der Stadt Köln
Für Kölner Unternehmen ist das die eigentliche Nachricht dieser Steuerschätzung, und sie hat mit dem städtischen Haushalt zunächst nichts zu tun: Ein Potenzialwachstum von 0,3 Prozent besagt, dass der Markt, auf dem sie verkaufen, real kaum noch wächst. Wer unter dieser Annahme investiert, muss Marktanteile gewinnen, statt auf Marktwachstum zu setzen. Das ist eine andere Betriebswirtschaft als die, auf die die meisten Mehrjahresplanungen aufgebaut sind.
Die Verwaltung kündigt an, die Entwicklung der Gewerbesteuer engmaschig zu beobachten; die Prognose für die Jahre ab 2027 hängt vom Basiswert des laufenden Jahres ab, und ein Veränderungsnachweis zum kommenden Haushaltsentwurf ist ausdrücklich vorbehalten. Die nächste Steuerschätzung ist für Oktober 2026 angesetzt. Bis dahin bleibt offen, wie viel des Kölner Minus auf die Abschreibungsreform entfällt und wie viel auf ausbleibende Gewinne – eine Frage, die sich nur beantworten lässt, wenn die Stadt die Ergebnisse ihrer Großzahlerumfrage einmal aufgeschlüsselt vorlegt.




