Donnerstag, 6. August 2026 Ausgabe Nr. 240
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Machtwechsel im Karneval

Vier Monate Präsident: Lutz Schade und das Festkomitee

Seit dem 23. März führt der Jurist Lutz Schade das Festkomitee Kölner Karneval. Mit ihm kam ein weitgehend neuer Vorstand – und ein neuer Zugleiter. Die erste Bewährungsprobe kommt im November.

Friederike Wolters, Redakteurin — KI-generiertes Porträt
Friederike Wolters
Kultur & Karneval

Lesezeit 8 Min.
Kopfsteingepflasterte Gasse mit Altbaufassade, über einer dunklen Holztür hängt eine rot-weiße Fahne, davor Fahrräder
Zwischen März und November spielt sich Karneval vor allem in Büros und Gremien ab – seit dem 23. März führt der Jurist Lutz Schade das Festkomitee. · Symbolbild (KI-generiert)

Im Juli ist der Kölner Karneval vor allem eines: ein Verwaltungsvorgang. Keine Sitzung, kein Zug, keine Uniform auf der Straße; stattdessen Verträge, Gremien, Zugwege, Versicherungen und die Frage, wer im November wofür zuständig ist. Wer den Fastelovend nur von seinen drei tollen Tagen kennt, unterschätzt regelmäßig, wie viel Bürozeit in ihnen steckt. Und wer wissen will, wie eine Session wird, schaut deshalb besser jetzt hin als am Elften im Elften – gerade in einem Jahr, in dem an der Spitze fast alles ausgewechselt worden ist.

Seit dem 23. März 2026 hat das Festkomitee Kölner Karneval einen neuen Präsidenten. Auf einer außerordentlichen Mitgliederversammlung wählten die Gesellschaften an diesem Montag Lutz Schade mit überwiegender Mehrheit an die Spitze. Schade ist 50 Jahre alt, Jurist in Köln, verheiratet und hat eine Tochter. Von 2016 bis 2026 war er Senatspräsident der Blauen Funken, und dem Festkomitee gehörte er bereits als Vizepräsident an. Er kommt also nicht von außen – was in diesem Verband eine Voraussetzung ist und keine Auszeichnung.

Dass die Wahl auf Schade fiel, ist aus der Binnenlogik des Verbands heraus wenig überraschend. Zehn Jahre Senatspräsident der Blauen Funken, eines der Kölner Traditionskorps, dazu die Erfahrung als Vizepräsident des Festkomitees: Das ist genau die Laufbahn, die im Kölner Karneval Vertrauen schafft. Ämter werden hier über Jahre erarbeitet, nicht über Bewerbungen vergeben. Für Außenstehende wirkt das geschlossen, für die Gesellschaften ist es eine Garantie dafür, dass an der Spitze jemand steht, der weiß, wie eine Sitzung von innen aussieht.

Vier Monate ist das nun her, und sichtbar geworden ist von diesem Wechsel wenig. Das liegt am Kalender. Ein Festkomitee-Präsident wird im Saal wahrgenommen, auf der Bühne, im Zug, und nichts davon findet zwischen März und November statt. Schade hat sein Amt in der einzigen Phase des Jahres angetreten, in der ein Karnevalspräsident unsichtbar bleiben kann. Ob ihm das entgegenkam oder ob er lieber sofort vor Publikum angefangen hätte, ist eine Frage, die er sich vermutlich selbst gestellt hat.

Zur Form des Übergangs gehört auch ein Detail, das leicht übersehen wird: Gewählt wurde auf einer außerordentlichen Mitgliederversammlung, nicht auf der regulären. Das Festkomitee musste die Lücke schließen, die Kuckelkorns Rückzug nach Aschermittwoch hinterlassen hatte, und es tat das binnen fünf Wochen. Warum die Versammlung ausgerechnet auf den 23. März gelegt wurde und ob es Gegenkandidaturen gab, hat der Verband nicht mitgeteilt. Bekannt ist nur das Ergebnis.

Kuckelkorn kündigte seinen Rückzug am 1. Dezember an

Vorausgegangen war ein Rücktritt mit Ansage. Am 1. Dezember 2025, mitten in den Vorbereitungen der Session, erklärte Christoph Kuckelkorn, sein Amt nach Aschermittwoch niederzulegen; wirksam wurde das Mitte Februar 2026. Kuckelkorn, damals 61 Jahre alt, war seit 2017 Präsident und in dieser Funktion Nachfolger von Markus Ritterbach. Dem geschäftsführenden Vorstand gehörte er seit 2005 an, also 21 Jahre lang, und zwölf Jahre davon leitete er den Rosenmontagszug. Wer 21 Jahre in einem ehrenamtlichen Vorstand bleibt, prägt eine Institution unabhängig davon, welches Amt er gerade bekleidet.

„Nach 21 Jahren im geschäftsführenden Vorstand des Festkomitees ist es nun an der Zeit, meine Aufgaben in jüngere Hände zu legen.“

Christoph Kuckelkorn, damaliger Präsident des Festkomitees Kölner Karneval

Der zweite Grund war beruflicher Natur. Kuckelkorn führt ein Kölner Bestattungshaus und übernahm zusätzlich den Vorsitz im Beirat eines bundesweiten Verbunds mit über 100 angeschlossenen Bestattungshäusern; dazu kam wachsende Verantwortung im Tagesgeschäft des eigenen Betriebs. In seiner Mitteilung heißt es dazu: „Neue berufliche Entwicklungen haben diesen schon länger geplanten Prozess beschleunigt.“ Der Satz ist ehrlicher als das Übliche, weil er den Rücktritt nicht als Erleuchtung verkauft, sondern als Terminkonflikt.

Man sollte die Doppelrolle nicht als Kuriosität abtun, auch wenn Köln jahrelang seinen Spaß daran hatte, dass ausgerechnet ein Bestatter den Karneval anführt. Beide Berufe haben mit Ritual zu tun, mit Ablaufplänen, mit Menschen in Ausnahmezuständen und mit der Erfahrung, dass ein Termin nicht verschiebbar ist. Kuckelkorn hat das nie besonders betont, und genau das hat es glaubwürdig gemacht. Zum Ehrenpräsidenten wurde er im März ernannt – ein Titel, der in Kölner Karnevalsvereinen mal Auszeichnung, mal Abstellgleis bedeutet.

„Den Jeck im Herzen, den behalte ich und stehe als Ratgeber im Hintergrund bei Bedarf gerne auch weiterhin zur Verfügung.“

Christoph Kuckelkorn, heute Ehrenpräsident des Festkomitees Kölner Karneval
Leerer historischer Festsaal mit Kronleuchtern, Parkettboden und dunkler Bühne, an den Wänden Stuhlreihen
Bis zur Sessionseröffnung am Elften im Elften bleiben die Säle leer – dann kommt die erste Bewährungsprobe für den neuen Vorstand. · Symbolbild (KI-generiert)

Mit dem Präsidenten wechselte fast der ganze Vorstand

Bemerkenswerter als der Wechsel an der Spitze ist die Breite des Umbaus. Der geschäftsführende Vorstand, den die Mitgliederversammlung im März bestätigte, ist in weiten Teilen neu besetzt, und zwar quer durch alle Ressorts. Für einen Verband, der seine Stabilität traditionell über lange Amtszeiten herstellt, ist das ein erheblicher Eingriff. Er bedeutet, dass in der kommenden Session an fast jeder Stelle jemand zum ersten Mal entscheidet.

  • Präsident: Lutz Schade
  • Vizepräsidentin, Kinder- und Jugendkarneval: Christine Flock
  • Vizepräsident und Zugleiter: Marc Michelske
  • Kommunikation: Michael Kramp
  • Mitgliederservice und Finanzen: Udo Marx
  • Interne Organisation, Partner und Sponsoren: Gaby Gérard

In den erweiterten Vorstand rückten Britta Nassenstein und René Klöver nach, der 2025 als Prinz des Kölner Dreigestirns amtierte. Weiter dabei sind Marcus Gottschalk, Nadine Krahforst, Ralf Remmert, Ralf Schlegelmilch und Erich Ströbel. Gaby Gérard kam aus dem Mitgliederbeirat auf ihre neue Position. Wer diese Namensliste für Vereinsinterna hält, unterschätzt sie: In einem Verband, der über Zugplätze, Auftrittskontingente und Fördermittel entscheidet, ist Personalpolitik die eigentliche Programmpolitik.

Die folgenreichste Personalie steht an dritter Stelle der Liste. Marc Michelske ist neu als Zugleiter, und damit verantwortet er das größte und heikelste Einzelprojekt des Verbands. Kuckelkorn hatte diese Aufgabe zwölf Jahre lang; sie umfasst Zugweg, Sicherheitskonzept, Wagenbau, Absprachen mit Polizei und Ordnungsamt und, seit einigen Jahren, die Frage, wie man Hunderttausende Menschen an einem Februarmontag sicher durch eine Innenstadt bringt. Der Rosenmontagszug 2026 fiel nach Angaben des Festkomitees trotz Wetterkapriolen positiv aus. Der Zug 2027 wird der erste sein, den Michelske verantwortet.

Das Motto der neuen Session stand schon vor der Wahl fest

Unter welchem Titel Schades erste Session läuft, hat er nicht selbst entschieden. Das Motto wurde am 16. Februar 2026 verkündet, also noch vor dem Wechsel an der Spitze, und es lautet: „Morje es, wat do drus mähs!“ Sinngemäß: Morgen ist, was du daraus machst. Für einen Verband, der gerade seinen halben Vorstand ausgetauscht hat, ist das ein Motto mit unfreiwilliger Doppelbedeutung – und wer die Kölner Sessionsmottos der vergangenen Jahre verfolgt hat, weiß, dass sie selten so gut passen.

Dazu kommt ein Projekt, das über die einzelne Session hinausreicht. Unter dem Titel „Alaaf 2040“ hat das Festkomitee ein breit angelegtes, wissenschaftlich begleitetes Zukunftsprojekt gestartet, das die Schwerpunkte der Karnevalsarbeit von morgen bestimmen soll. Ein Brauchtum, das sich selbst erforschen lässt, ist ein Brauchtum, das um seine Nachwuchsprobleme weiß. Was dabei herauskommt und wann, ist bislang nicht im Einzelnen öffentlich; für den neuen Vorstand dürfte es die erste Gelegenheit sein, eine eigene Handschrift zu zeigen.

Der Nachwuchs ist das eigentliche Thema des Verbands

Auffällig ist, wie viel Aufmerksamkeit der Nachwuchs bekommt. Christine Flock führt als Vizepräsidentin das Ressort Kinder- und Jugendkarneval; im Februar starteten die Castings für das Kölner Kinderdreigestirn 2027, im Januar wurde das Kinderdreigestirn der laufenden Session vorgestellt. Ein Brauchtum, das seine Elfjährigen nicht erreicht, hat in 20 Jahren kein Publikum mehr – das ist die schlichte Rechnung hinter diesen Meldungen. Sie erklärt zugleich, warum ein Verband, der von außen als traditionsversessen gilt, ein Zukunftsprojekt mit der Jahreszahl 2040 im Namen führt.

Vitrine mit Ordensketten und Medaillen im Streiflicht, Detailaufnahme
Ämter und Insignien: Karnevalsvereine verwalten ihre Hierarchien auch über Ketten und Orden. · Symbolbild (KI-generiert)

Dass hinter alledem ein Betrieb steht, geht in der Wahrnehmung gern unter. Das Festkomitee ist ein mittelständisches Unternehmen mit rund 20 Beschäftigten, geführt von Geschäftsführer Dr. Philipp Hoffmann; der Präsident und sein Vorstand arbeiten daneben ehrenamtlich. Diese Konstruktion – hauptamtliche Geschäftsführung, ehrenamtliche Spitze – ist im deutschen Vereinswesen üblich und erzeugt zuverlässig dieselbe Frage: Wer entscheidet eigentlich, wenn die Ehrenamtlichen tagsüber im Büro sitzen? Im Karneval fällt die Antwort meistens pragmatisch aus.

Was das Festkomitee außerhalb der Session tut, lässt sich an seinen Mitteilungen der vergangenen Monate ablesen: Castings für das Kinderdreigestirn 2027, eine vertiefte Partnerschaft nach Rio de Janeiro, eine Kooperation zur Unterstützung des Veedelskarnevals, ein eigener Online-Shop. Am 28. Mai 2026 übergab das Dreigestirn der Session 2026 Spenden von mehr als 124.000 Euro. Karneval als Sozialarbeit, als Standortmarketing und als Handelsgeschäft – der Präsident eines solchen Verbands ist längst kein Sitzungspräsident mehr.

Der zweite Schwerpunkt liegt in den Veedeln und außerhalb der Stadt. Im Januar 2026 vereinbarte das Festkomitee gemeinsam mit einem Kölner Handelsunternehmen eine Unterstützung des Veedelskarnevals, im Februar wurde die Partnerschaft nach Rio de Janeiro vertieft. Beides zeigt, wie weit sich der Aufgabenkreis von der Bühne entfernt hat: Der Karneval in den Stadtteilen lebt von kleinen Vereinen mit dünner Kasse, und der Vergleich mit Rio ist weniger Folklore als Standortpolitik. Wer solche Fäden zieht, führt keinen Festausschuss, sondern eine Organisation.

Das Amt selbst hat sich damit verschoben. Ein Festkomitee-Präsident repräsentiert nicht mehr nur ein Brauchtum, er verhandelt mit Ordnungsbehörden über Sicherheitsauflagen, mit Partnern über Laufzeiten und mit der Stadtgesellschaft über Fragen, die mit Konfetti wenig zu tun haben. Schade selbst beschreibt die Arbeit mit den Gesellschaften, der Politik und der Stadtgesellschaft als vielfältig – das ist die höfliche Fassung. Sein Vorgänger hat diese Erweiterung über 21 Jahre mitgestaltet. Der Nachfolger übernimmt sie als Normalzustand, was die Sache nicht leichter macht.

Uniformierte Gardegruppe stellt sich auf einem Kölner Platz auf, Rückenansicht
Traditionskorps beim Aufstellen: Der sichtbare Teil des Karnevals beginnt erst wieder im November. · Symbolbild (KI-generiert)

Wie Lutz Schade dieses Amt ausfüllen will, hat er in den ersten vier Monaten nicht in Grundsatzreden erklärt, sondern eher beiläufig. In der Mitteilung zu seiner Wahl verweist er darauf, die Arbeit im Führungsgremium bereits als Vizepräsident intensiv kennengelernt zu haben, und beschreibt die Zusammenarbeit mit den Gesellschaften, der Politik und der Stadtgesellschaft als vielfältig. Das ist keine Programmatik, sondern eine Zustandsbeschreibung – und für einen Anfang im März vielleicht die klügere Variante.

Offen ist zurzeit das Wesentliche. Wie der neue Vorstand die Aufgaben untereinander tatsächlich verteilt, wird man erst sehen, wenn im Herbst die Sitzungen beginnen und im Februar der Zug rollt. Auch, ob der personelle Umbau eine inhaltliche Wende bedeutet oder nur einen Generationswechsel im selben Kurs, ist bislang nicht zu beantworten. Das Festkomitee hat dazu keine Programmpunkte veröffentlicht, und niemand sollte im Juli welche erwarten.

Die nächsten Termine stehen fest, auch wenn sie noch weit weg wirken: Am 11. November beginnt die Session, danach folgen Proklamation, Sitzungskarneval und, im Februar, der Rosenmontagszug. Bis dahin bleibt Karneval das, was er im Juli ist – ein Verwaltungsvorgang mit Aktenzeichen. Der Unterschied zu allen anderen Verwaltungsvorgängen dieser Stadt ist nur, dass am Ende Hunderttausende auf der Straße stehen und keiner von ihnen nach dem Protokoll fragt.

Quellen und Weiterlesen
Friederike Wolters, Redakteurin — KI-generiertes Porträt
Friederike Wolters
Redakteurin · Kultur & Karneval
Kunsthistorikerin mit Sitzungskarnevals-Abo. Schreibt über Museen, Bühnen und die fünfte Jahreszeit — und darüber, warum beides in Köln dasselbe ist.
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