Marie & Johann: Kasallas Brauhaus bricht mit dem dunklen Holz
Im Belgischen Viertel schenken Mitglieder der Band Kasalla seit Juni Kölsch aus. Marie & Johann setzt auf helle Räume, veganes Steak neben Schweinebäckchen und eine Bühne für Lesungen und Konzerte.
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Kurz nach halb sieben klirrt es an der Aachener Straße anders als vor einem Jahr. Zwischen den Gründerzeithäusern des Belgischen Viertels, wo sonst Espressomaschinen zischen und Weingläser klingen, steht jetzt der trockene Ton von Kölschstangen auf einem Tablett. Die schmalen 0,2-Liter-Gläser, die in Köln jeder kennt und die anderswo für Übermut gehalten werden, gehören seit Juni auch zu diesem Straßenzug. Draußen sitzen Leute an einfachen Holztischen, drinnen ist es heller, als man es aus einem Brauhaus kennt. Das ist kein Zufall, sondern die eigentliche Ansage dieses Hauses.
Am 18. Juni 2026 hat das Brauhaus Marie & Johann an der Aachener Straße 78 eröffnet, im Postleitzahlbereich 50674 und damit mitten im Belgischen Viertel. Betrieben wird es von Mitgliedern der Kölner Band Kasalla gemeinsam mit Kim Gerstenberg aus dem Management der Band und Till Riekenbrauk vom Brauhaus Johann Schäfer. Als Betreibergesellschaft firmiert die Kasalla GbR zusammen mit Johann Schäfer. Unterstützt wird das Projekt von der Privatbrauerei Gaffel. Nachzulesen ist das in der Eröffnungsmitteilung der Brauerei.
Das Haus ist hell, und darin steckt das ganze Programm
Wer in Köln Brauhaus sagt, meint normalerweise dunkles Holz, geschwärzte Balken, Messing und ein Licht, bei dem man die Karte eher errät als liest. Marie & Johann macht das Gegenteil. Die Räume sind bewusst hell gehalten, mit freundlichen Farben an den Wänden, und setzen sich damit von der Holzgemütlichkeit der Altstadthäuser ab. Man kann das für Mut halten oder für Marketing. Aus der Küche betrachtet ist es vor allem eine Entscheidung, die Konsequenzen hat: In hellen Räumen sieht man alles, auch den nicht abgewischten Tisch und den fettigen Tellerrand.
Ausgeschenkt wird Kölsch, dazu Pils und Helles aus dem Brauhaus Johann Schäfer in der Südstadt. Das ist bemerkenswerter, als es klingt. Ein Pils in einem Kölner Brauhaus war jahrzehntelang ungefähr so vorgesehen wie ein Alt, und dass hier zwei untergärige Biere selbstverständlich neben dem Kölsch stehen, ist ein kleiner Bruch mit der Hausordnung der Branche. Das Kölsch selbst kommt aus dem Hause Gaffel. Wer den Unterschied zwischen den Sorten nicht kennt: Kölsch ist obergärig und wird kalt vergoren, Helles und Pils sind untergärig und brauchen länger.
In der Eröffnungsmitteilung beschreiben die Betreiber ihr Publikum in einem einzigen Satz: „Hier kommen Menschen zusammen, die gut essen, Kölsch trinken und sich einfach wohlfühlen möchten.“ Das ist keine besonders originelle Formel, aber sie ist ehrlich. Betont wird zugleich, das Haus sei ausdrücklich kein Kasalla-Museum, sondern ein Brauhaus für alle. Diesen Satz wird man in den kommenden Monaten überprüfen können: Ein Lokal, das von Musikern betrieben wird, zieht zwangsläufig zuerst deren Publikum an.
Auf der Karte stehen Schweinebäckchen neben veganem Steak
Die Speisekarte ist der zweite Bruch mit der Gattung. Deftige Fleischgerichte wie Schweinebäckchen und Rinderrippe stehen dort gleichberechtigt neben pflanzlichen Alternativen, darunter ein veganes Steak und ein Melonentatar. Die Salate sind laut dem Brauhausverzeichnis von koeln.de grundsätzlich vegan; Beilagen werden separat bestellt. Wer schon einmal versucht hat, in einem Altstadtbrauhaus etwas ohne Fleisch zu bekommen, das nicht Kartoffelsalat heißt, weiß, wie groß dieser Unterschied ist.
Schweinebäckchen sind eine gute Wahl für ein Haus, das erst anfängt. Der Muskel ist durchzogen und wird erst nach Stunden im Schmortopf zart; man kann ihn vorbereiten, portionieren und am Abend in Ruhe fertigstellen. Das entlastet die Küche im Ansturm und ist trotzdem kein Convenience-Produkt. Rinderrippen funktionieren nach demselben Prinzip, nur mit noch mehr Geduld. Beide Gerichte verzeihen viel, wenn die Sauce stimmt, und rächen sich sofort, wenn sie zu früh vom Feuer kommen.
Beim veganen Steak bin ich zurückhaltender, und zwar aus Prinzip, nicht aus Prinzipienreiterei. Ein pflanzliches Produkt, das sich Steak nennt, tritt in einen Vergleich ein, den es selten gewinnt; interessanter sind Gerichte, die gar nicht erst so tun. Das Melonentatar gehört in diese zweite Kategorie und ist damit der ehrlichere Vorschlag auf der Karte. Ob beides trägt, entscheidet sich nicht in der Eröffnungswoche, sondern im November, wenn niemand mehr aus Neugier kommt.
Der Veranstaltungsraum ist der Teil, der dieses Haus trägt
Neben dem Gastraum gibt es einen eigenen Eventbereich mit kleiner Bühne. Vorgesehen sind dort Lesungen, Comedy-Abende, unplugged Konzerte, Talkformate und weiteres Kulturprogramm. Dazu kommen Plätze im Freien. Diese Kombination ist der eigentliche betriebswirtschaftliche Kern: Ein Brauhaus lebt vom Getränkeumsatz pro Quadratmeter und Abend, und ein Raum, der an einem Dienstag ein Publikum bindet, ist bares Geld. Wer schon einmal versucht hat, in Köln eine bezahlbare Bühne für 80 Leute zu finden, weiß außerdem, wie knapp dieses Format in der Stadt ist.
Geöffnet ist mittwochs bis sonntags ab 17 Uhr; ein Verzeichnis nennt 22 Uhr als Ende, die Brauerei selbst macht dazu keine Angabe. Das heißt für Gäste zweierlei. Erstens: Montag und Dienstag ist zu, Spontanbesuche zu Wochenbeginn fallen aus. Zweitens: Es gibt kein Mittagsgeschäft. Damit verzichtet das Haus auf die Bürotische der Aachener Straße und setzt vollständig auf den Abend – eine Entscheidung, die Personal spart und Risiko erhöht.
Das Belgische Viertel ist für dieses Konzept naheliegend und trotzdem nicht ohne Tücke. Die Gegend ist seit Jahren die dichteste Ausgehlage außerhalb der Altstadt, mit entsprechend hohen Gewerbemieten und einem Publikum, das schnell weiterzieht. Ein Brauhaus tritt hier nicht gegen andere Brauhäuser an, sondern gegen Weinbars, Pizzerien und Cocktailtresen. Der Vorteil: Wer Kölsch trinken will, muss von hier aus nicht mehr in die Altstadt fahren. Der Nachteil: Wer Kölsch trinken will, war ohnehin nie das Kernpublikum dieses Viertels.
Ein Brauhaus jenseits der Altstadt ist eine Wette auf das Viertel
Die klassische Kölner Brauhauslandschaft ist historisch um Alter Markt, Heumarkt und die Gassen dazwischen gewachsen, dorthin, wo Touristen und Sitzungspublikum ohnehin laufen. Ein Haus an der Aachener Straße muss sein Publikum selbst mitbringen. Genau das ist die Idee hinter der Konstruktion: eine bekannte Band, ein erfahrener Gastronom aus der Südstadt und eine Brauerei im Rücken. Ob das reicht, ist offen. Die Liste der Kölner Neueröffnungen 2026 ist lang – Rausgegangen führte Ende Juni allein für dieses Jahr mehr als ein Dutzend neue Adressen auf.
Auffällig ist, wie wenig das Haus mit der Band im Namen arbeitet. Marie & Johann klingt nach zwei Menschen, nicht nach einem Bandprojekt, und der Verweis auf das Brauhaus Johann Schäfer ist für Eingeweihte leicht zu lesen. Das ist geschickt. Ein Lokal, das nach einer Band heißt, hat ein Ablaufdatum; ein Lokal, das nach zwei Vornamen heißt, kann auch dann noch bestehen, wenn niemand mehr weiß, wer dahintersteckt.
Was man an einem neuen Brauhaus wirklich erkennt, sieht man nicht am Eröffnungsabend. Es zeigt sich daran, ob das Kölsch am dritten Glas noch dieselbe Temperatur hat, ob die Küche um 21.30 Uhr noch dieselbe Sauce macht wie um 18 Uhr, und ob jemand nachschenkt, ohne dass man winken muss. In Häusern mit Köbes-Tradition ist das ein eingeübtes Handwerk. In neuen Häusern muss es erst entstehen, und das dauert erfahrungsgemäß ein halbes Jahr.
Für Gäste ist die praktische Lage einfach. Die Adresse liegt an einer Hauptachse mit guter Anbindung, die Küche startet erst am Nachmittag, reserviert wird nach Hausregeln, die Website nennt sich marie-johann.de. Wer den Veranstaltungsraum nutzen will, sollte früh fragen: Bühnenabende sind erfahrungsgemäß der Teil eines solchen Hauses, der zuerst ausgebucht ist. Und wer nur ein Kölsch trinken möchte, ohne Programm, findet an den frühen Abenden vermutlich am ehesten Platz.
Meine Empfehlung: Gehen Sie wegen der Schweinebäckchen hin und bleiben Sie wegen der Bühne. Ein helles Brauhaus mit einer ernst gemeinten pflanzlichen Karte ist in dieser Stadt selten genug, um es auszuprobieren, und die Kombination aus Gastraum und Veranstaltungsteil ist der überzeugendste Teil des Konzepts. Mein Vorbehalt gilt dem Versprechen, kein Kasalla-Museum zu sein. Das ist leicht gesagt und schwer durchzuhalten. Nachprüfen lässt es sich am besten an einem Mittwoch im Winter, wenn kein Konzert läuft und trotzdem jemand am Tresen steht.




