Pasta zum Lunch, Bar am Abend: das Bar Brio im Belgischen Viertel
Mittags hausgemachte Pasta, abends Mezze-Teller mit Fine-Dining-Anspruch: An der Brüsseler Straße 68 hat das Bar Brio eröffnet – und fügt sich in ein Viertel, das gastronomisch gerade kräftig in Bewegung ist.
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Brio ist, genau genommen, kein Wort aus der Gastronomie, sondern eines für das Notenpult; con brio, mit Schwung, mit Feuer, schrieben italienische Komponisten über ihre Sätze, wenn die bloße Tempoangabe nicht genug sagte. Dass sich nun ausgerechnet eine neue Adresse im Belgischen Viertel diese Vortragsbezeichnung ausleiht, wirkt zunächst wie eine hübsche Koketterie – und erweist sich beim zweiten Hinsehen als ziemlich genaue Selbstbeschreibung. Denn das Haus an der Brüsseler Straße 68 wechselt tatsächlich jeden Tag das Tempo, und zwar planvoll: von der Mittagsstunde in den späten Abend, vom Teller zur Bar.
Bar Brio heißt der Neuzugang, eröffnet im Mai 2026 in den früheren Räumen der Ouzeria, wenige Schritte vom Brüsseler Platz entfernt. Inzwischen, gut ein Vierteljahr nach dem Start, liegen die ersten ausführlichen Besprechungen vor – Zeit, das Konzept genauer anzusehen. Es ist zweigeteilt: Mittags gibt es frische, hausgemachte Pasta, abends verwandelt sich das Lokal in eine Bar mit Küchenanspruch – Casual Fine Dining, kreative Mezze-Teller, die zum Teilen gedacht sind. In der Küche steht Jakob Erdsiek, ein Koch mit Erfahrung aus der internationalen Fine-Dining- und Sternegastronomie, der sein Handwerk hier bewusst in ein zugängliches Format übersetzt.
Mittags Pasta, abends Teller, die über den Tisch wandern
Die Mittagskarte folgt einer alten italienischen Tugend: wenige Dinge, ordentlich gemacht. Die Pasta wird im Haus hergestellt, die Auswahl bleibt bewusst kompakt; insgesamt besteht die Karte aus kleinen Snacks, kalten und warmen Tellern sowie wenigen Desserts, wie der Gastro-Blog Essen in Köln nach einem Besuch im Frühsommer notierte. Es ist ein Angebot für die Mittagsstunde zwischen Büro und Platz – unprätentiöser als das, was nach Einbruch der Dunkelheit folgt, aber demselben Anspruch verpflichtet.
Abends wird es ambitionierter. Dann kommen Teller wie geräucherter Ricotta mit grünem Spargel und Olive auf den Tisch oder roh servierter Steinbeißer; die Karte spiegelt die Saison und ist auf das Teilen hin gedacht. Man bestellt mehrere Teller und reicht sie weiter – ein Prinzip, das aus den Mezze-Traditionen des östlichen Mittelmeerraums vertraut ist und das in der jüngeren Gastronomie seit Jahren Karriere macht, weil es die Steifheit des klassischen Menüs unterläuft, ohne auf dessen Sorgfalt zu verzichten.
Dazu gibt es Naturwein und Cocktails, die das Essen begleiten sollen, nicht übertönen. Auch das ist kein Zufall, sondern Teil einer größeren Bewegung: Kaum eine Getränkekategorie hat die neue Generation von Weinbars und Genussorten so geprägt wie der möglichst wenig behandelte Wein; er gehört inzwischen fast überall dort zum Repertoire, wo junge Küchenteams gehobene Ambition und lässige Form zusammenbringen wollen.
Jakob Erdsiek bringt für dieses Format die passende Biografie mit: internationale Fine-Dining-Erfahrung, wie es in der Vorstellung des Hauses beim offiziellen Portal KölnTourismus heißt, übersetzt in ein Konzept, das „bewusst zugänglich“ bleibt und zugleich feinen Aromen nachspürt. Wer als Betreiber hinter dem Bar Brio steht, verrät der Webauftritt übrigens nicht; dort heißt es lediglich knapp, das Essen sei von Jahreszeit und Menschen inspiriert – frische Pasta am Mittag, Dining und Bar am Abend. Der Rest, so scheint die Botschaft, soll auf dem Teller verhandelt werden.
Der Raum nimmt sich zurück, damit das Gespräch Platz hat
Auch der Raum erzählt von dieser Haltung. Die Gestaltung ist reduziert, Materialität und Lichtführung stehen im Vordergrund; nichts soll sich aufdrängen, alles Raum lassen für Gespräch und Begegnung, so beschreibt es die Vorstellung bei KölnTourismus. Wer sich an die Ouzeria erinnert, die hier zuvor ihre Gäste empfing, erlebt die Adresse verwandelt. Gastronomieräume haben eben Biografien wie Häuser; die an der Brüsseler Straße 68 hat gerade ein neues Kapitel aufgeschlagen.
Am genauesten hat bislang Essen in Köln hingeschaut; der Blog besuchte das Lokal am 20. Mai. Neben der Auswahl à la carte gibt es demnach ein Carte-Blanche-Menü, bei dem die Küche entscheidet, was auf den Tisch kommt. Die Weinkarte sei „spannend kuratiert, mit schönen Positionen und erfreulich mutiger Auswahl“, die Sommelière „ausgesprochen sympathisch, aufmerksam und sehr informativ“; preislich ordnet der Blog das Haus im gehobenen Segment ein. Ganz ohne Einwände kommt die Besprechung allerdings nicht aus: Im hinteren Raum sei der Geräuschpegel „so hoch, dass Gespräche am eigenen Tisch teilweise kaum möglich waren“ – für ein Haus, das ausdrücklich Raum für Gespräch und Begegnung lassen will, ist das eine Notiz, an der noch zu arbeiten wäre.
Die Kölner Gastro-Öffentlichkeit hat den Neuzugang jedenfalls registriert. Die Stadtrevue führte das Bar Brio am 25. Juni in ihrer Neueröffnungs-Rubrik als „Genuss-Bar im Belgischen Viertel“; das Stadtportal Rausgegangen verspricht „Schmacko Pasta zum Lunch, Geschmacksexplosionen zum Dinner“ – eine Formulierung, die man mögen muss, die aber die Zweiteilung des Konzepts exakt trifft. Der Blog Essen in Köln kürte das Lokal zur spannendsten Neueröffnung des Monats Mai und urteilte: „Vieles wirkt noch im Finden – aber das Potenzial ist unverkennbar groß.“
Das Belgische Viertel sortiert sich wieder einmal neu
Dass ein solches Konzept ausgerechnet hier andockt, hat eine gewisse Logik, denn das Belgische Viertel war schon immer ein Quartier der Verwandlungen. Ende des 19. Jahrhunderts als bürgerliches Wohnviertel angelegt – die Straßen tragen bis heute die Namen belgischer Städte und Provinzen, von der Brüsseler über die Antwerpener bis zur Lütticher Straße –, wurde es im Lauf der Jahrzehnte zum Viertel der Boutiquen, Galerien und Cafés, in dem die Stadt sich gern selbst betrachtet und ihre jeweils neueste Version von Urbanität probt.
Gerade ist wieder Bewegung drin. Mit Zino’s Spritz hat in der Bethmannstraße 13 eine Aperitivo-Bar nach Frankfurter Vorbild eröffnet, in der der Spritz 4,50 Euro kostet; am Brüsseler Platz ist die Bar ROSA KÖLN neu aufgelegt worden; in der Flandrischen Straße 2 zieht Wen Cheng handgezogene Nudeln nach dem Vorbild des Berliner Originals. Das Bar Brio reiht sich in diese Bewegung ein und unterscheidet sich zugleich von ihr: weniger Import einer fertigen Marke, mehr eigenes Küchenprofil.
Der Blick über den Rand des Viertels zeigt zudem, dass die ganze Stadt gastronomisch in Bewegung ist: Die Stadtrevue verzeichnete in denselben Wochen unter anderem das anatolische Mâide in Müngersdorf, das portugiesische Herr Fernando in Sülz, das Tolin mit italienischen Tapas im früheren „Haus Eichendorff“ in Neuehrenfeld und Ende Juli das Wallczka Bistro im Kwartier Latäng. Neueröffnungen sind in Köln also kein Privileg des Belgischen Viertels; die Dichte aber, in der sie hier derzeit aufeinanderfolgen, fällt auf.
Zum Bild gehört freilich auch die andere Seite des Viertels. Um den Brüsseler Platz mit seiner Kirche St. Michael wird seit Jahren darüber gestritten, wie viel nächtliches Leben ein Wohnquartier verträgt; die warmen Abende, an denen sich dort viele Menschen versammeln, sind ein Dauerthema zwischen Anwohnerschaft, Gastronomie und Stadt. Ein Konzept wie das des Bar Brio liest sich darauf fast wie eine Antwort: Es holt den Abend von der Straße an den Tisch – montags bis donnerstags bis Mitternacht, freitags und samstags bis 1 Uhr; sonntags bleibt die Tür geschlossen.
- Adresse: Brüsseler Straße 68, 50674 Köln (Belgisches Viertel)
- Öffnungszeiten: Montag bis Donnerstag 12 bis 24 Uhr, Freitag und Samstag 12 bis 1 Uhr, Sonntag geschlossen
- Konzept: mittags hausgemachte Pasta, abends Mezze-Teller zum Teilen, dazu Naturwein und Cocktails
- Reservierung: online über barbrio.de, Einblicke auf Instagram unter @barbrio_
Bleibt die Vortragsbezeichnung. Con brio heißt ja gerade nicht fortissimo – gemeint ist Schwung, nicht Lautstärke; Energie, die aus der Bewegung kommt, nicht aus der Kraft. Für ein Viertel, das über Lautstärke so erschöpfend streitet wie das Belgische, ist das womöglich die zeitgemäßeste Spielanweisung, die eine Neueröffnung mitbringen kann. Wie das Stück auf Dauer gespielt wird, muss sich zeigen; die ersten Takte jedenfalls haben die frühen Rezensenten aufhorchen lassen.




