Chronisch krank: Kölner Versicherer setzt Deutschland auf Rang 24
Die Zurich Gruppe Deutschland aus Köln-Deutz hat einen Index zu chronischen Erkrankungen vorgelegt. Deutschland liegt darin auf Rang 24 von 38 – trotz Rang 8 beim Gesundheitssystem.
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Deutschland liegt bei der Versorgung chronisch Kranker auf Rang 24 von 38 OECD-Ländern. Das ist das Ergebnis einer Auswertung, die die Zurich Gruppe Deutschland am Montag veröffentlicht hat; ihr Sitz ist die Deutzer Allee 1 in Köln-Deutz. Grundlage ist die Studie „The Value of Chronic Care“ der Zurich Insurance Group, die nach Angaben des Unternehmens mehr als 200 chronische Erkrankungen in allen 38 OECD-Ländern über den Zeitraum von 2014 bis 2023 untersucht hat.
Chronisch krank zu sein heißt in der Regel nicht, einmal behandelt zu werden. Es heißt, über Jahre Termine wahrzunehmen, Medikamente zu nehmen, Befunde zu sammeln – und irgendwann die Frage zu beantworten, ob der eigene Beruf noch geht. Genau an dieser Stelle wird aus einer medizinischen eine finanzielle Angelegenheit, und genau dort setzt die Studie an.
Als Beispiele nennt das Unternehmen Krebserkrankungen, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und psychische Erkrankungen. Es sind Diagnosen, die nach Darstellung des Unternehmens Erwerbsfähigkeit, Produktivität und finanzielle Sicherheit von Millionen Menschen über lange Zeiträume beeinflussen. Wie viele Menschen in Deutschland betroffen sind, beziffert die Mitteilung nicht.
Ein guter Teilwert, ein schlechter, und dazwischen der Index
Aufschlussreich ist weniger der Gesamtrang als die Spreizung dahinter. Bei der Leistungsfähigkeit des Gesundheitssystems steht Deutschland nach der Auswertung auf Rang 8 von 38. Bei der Krankheitslast dagegen auf Rang 34. Im sogenannten Chronic Care Index, der beide Perspektiven zusammenführt, belegt Deutschland Rang 24. Wie der Index aus den Teilwerten gebildet wird, geht aus der Mitteilung nicht hervor.
Diese Spreizung ist der eigentliche Befund. Ein Gesundheitssystem, das im internationalen Vergleich weit vorne steht, und eine Krankheitslast, die weit hinten liegt: Das passt nur zusammen, wenn man annimmt, dass gute Strukturen nicht automatisch gute Verläufe erzeugen. Genau das behauptet das Unternehmen – und genau das wäre die Frage, die eine Studie beantworten müsste.
Das Unternehmen leitet daraus ab, Deutschland verfüge über starke strukturelle Voraussetzungen, während die langfristige Wirksamkeit der Versorgung eine besondere Herausforderung darstelle. Übersetzt heißt das: Kliniken, Praxen und Kassen sind da, aber sie verhindern nicht, dass viele Menschen dauerhaft krank sind und bleiben. Das ist eine Aussage, über die sich streiten lässt – und die aus einem einzigen Indexwert nicht folgt.
An dieser Stelle ist Vorsicht angebracht. Rangplätze sagen nichts darüber aus, wie weit die Länder auseinanderliegen: Zwischen Rang 8 und Rang 12 können Nachkommastellen liegen, zwischen Rang 33 und Rang 34 ebenfalls. Welche Kennzahlen in den Index eingehen, wie sie gewichtet werden und welche absoluten Werte hinter den Plätzen stehen, teilt die Mitteilung nicht mit. Ohne diese Angaben ist der Rang eine Schlagzeile, keine Messung. Hinzu kommt der Zeitraum: Die Daten reichen bis 2023, sie enthalten also die Pandemiejahre, die in nahezu allen Gesundheitsstatistiken für Ausschläge gesorgt haben.
Der Absender verkauft, was die Studie empfiehlt
Dazu kommt ein zweiter Vorbehalt, den man offen benennen sollte. Die Studie stammt von einem Versicherungskonzern, und ihre Empfehlungen laufen unter anderem darauf hinaus, dass Menschen verlässliche Absicherungslösungen brauchen. Björn Bohnhoff, Vorstand Leben der Zurich Gruppe Deutschland, betont nach Angaben des Unternehmens, chronische Erkrankungen würden zunehmend zu einer Vorsorge- und Resilienzfrage; Betroffene stünden oft nicht nur vor medizinischen, sondern auch vor finanziellen Herausforderungen.
Das ist inhaltlich nicht falsch. Es ist aber auch das Geschäftsmodell des Absenders: Eine Berufsunfähigkeitsversicherung zahlt eine monatliche Rente, wenn der Versicherte seinen zuletzt ausgeübten Beruf zu einem vertraglich festgelegten Grad nicht mehr ausüben kann. Eine Studie, die den Bedarf an privater Vorsorge belegt und von einem Anbieter privater Vorsorge veröffentlicht wird, verdient deshalb eine kritische Lektüre – was nicht heißt, dass ihre Zahlen falsch sind. Interessengeleitet und zutreffend schließen sich nicht aus.
- Studie: „The Value of Chronic Care“ der Zurich Insurance Group
- Untersucht: über 200 chronische Erkrankungen in 38 OECD-Ländern, Zeitraum 2014 bis 2023
- Deutschland im Chronic Care Index: Rang 24 von 38
- Teilwert Leistungsfähigkeit des Gesundheitssystems: Rang 8
- Teilwert Krankheitslast: Rang 34
Was das für ein Kölner Haushaltsbudget bedeutet
Für Leserinnen und Leser ist die entscheidende Frage nicht der Rangplatz, sondern die Rechnung dahinter. Wer länger krank ist, bekommt zunächst Entgeltfortzahlung vom Arbeitgeber, danach Krankengeld von der gesetzlichen Krankenkasse. Beides ist zeitlich begrenzt und liegt unter dem bisherigen Nettoeinkommen. Was danach kommt, hängt davon ab, ob jemand wieder arbeiten kann – und ob privat vorgesorgt wurde.
Diese Reihenfolge kennt jeder, der sie einmal durchlaufen hat, und kaum jemand sonst. Sie ist der Grund, warum eine chronische Erkrankung für ein Haushaltsbudget gefährlicher sein kann als ein plötzlicher Unfall: Der Unfall führt zu einer Behandlung mit absehbarem Ende, die chronische Erkrankung zu einer Kette von Ausfällen, die sich über Jahre summieren. Mieten, Kredite und Versicherungsbeiträge laufen unterdessen unverändert weiter.
Die gesetzliche Erwerbsminderungsrente ersetzt in aller Regel nur einen Teil des früheren Einkommens. Private Absicherung schließt diese Lücke, kostet aber Beitrag, und die Gesundheitsprüfung beim Abschluss ist der Punkt, an dem viele chronisch Kranke scheitern: Wer eine Diagnose hat, bekommt entweder einen Zuschlag, einen Ausschluss oder gar keinen Vertrag. Wer erst dann an Vorsorge denkt, wenn die Diagnose vorliegt, denkt zu spät. Das gilt auch für Verträge, die aus dem Berufsleben stammen: Wer den Arbeitgeber wechselt, verliert unter Umständen den Zugang zu einer Gruppenlösung, die ohne Gesundheitsprüfung ausgekommen ist.
Das ist die unbequeme Pointe dieser Studie, und sie steht so nicht in der Mitteilung: Ein Instrument, das gegen die finanziellen Folgen chronischer Erkrankungen helfen soll, steht ausgerechnet jenen am schlechtesten offen, die bereits betroffen sind. Ein Index, der Prävention einfordert, sollte deshalb bei den Verträgen anfangen, nicht erst bei den Patientinnen und Patienten.
Empfehlungen an alle sind Empfehlungen an niemanden
Die Studie fordert einen stärkeren Fokus auf Prävention, eine bessere Koordination der Versorgung über den gesamten Krankheitsverlauf und eine gemeinsame Verantwortung von Politik, Gesundheitswesen, Arbeitgebern und Versicherern. Das ist ein Katalog, dem niemand widerspricht. Er benennt keinen Adressaten, der etwas zu entscheiden hätte, und keine Frist, bis wann. Prävention ist in Deutschland zwischen Krankenkassen, Arbeitgebern, Ärzteschaft und Ländern verteilt; wer alle gemeinsam in die Verantwortung nimmt, nimmt am Ende niemanden. Die Mitteilung ist im Presseportal des Unternehmens dokumentiert.
Für Köln ist die Veröffentlichung insofern relevant, als die Zurich Gruppe Deutschland zu den großen Versicherern mit Sitz in der Stadt gehört und ihre Studien regelmäßig von hier aus in die bundesweite Debatte gehen. Weitere Mitteilungen aus Deutz finden sich in der Übersicht des Unternehmens; allein in diesem Jahr sind es Dutzende, von der Berufsunfähigkeit bis zur Altersvorsorge.
Was bleibt für das Portemonnaie? Zwei nüchterne Punkte. Erstens: Wer gesund ist und über eine Absicherung der Arbeitskraft nachdenkt, hat den besten Zeitpunkt jetzt und nicht später. Zweitens: Ein Rangplatz 24 ändert an keiner einzigen Police etwas – Bedingungen, Ausschlüsse und Beitragshöhe stehen im Vertrag, nicht in der Studie. Wer prüfen will, ob seine Absicherung trägt, liest die Seiten mit den Ausschlüssen – und nicht die Pressemitteilung.




