40 Nachbarn, eine Liste: Was das Winzerveedel jetzt von der Stadt fordert
Die erste Beteiligungsrunde im Modellprojekt „Lebenswertes Winzerveedel“ ist beendet. Gefordert werden Tempo 30, sichere Querungen und mehr Grün. Am 13. August verschwinden die geliehenen Stadtmöbel – im Spätherbst will die Stadt ihr Konzept vorlegen.
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An der Pfälzer Straße bleiben ein paar Pflanzkübel stehen – der Rest der geliehenen Stadtmöbel verschwindet an diesem Donnerstag wieder aus dem Winzerveedel. Seit Mitte Mai standen Bänke, Podeste und Kübel auf Parkstreifen im Viertel, als Vorgeschmack auf ein Quartier mit mehr Aufenthaltsqualität; am 13. August werden die Leihgaben des Zukunftsnetzes Mobilität NRW planmäßig abgebaut. Was nach drei Monaten bleibt, ist zunächst Papier. Die Stadt hat die ersten beiden Phasen der Öffentlichkeitsbeteiligung im Modellprojekt „Lebenswertes Winzerveedel – gut unterwegs, gerne da!“ abgeschlossen, wie sie am 6. August mitteilte – samt einer Forderungsliste aus der Nachbarschaft und der Zusage, im Spätherbst ein Konzept vorzulegen.
Das Projektgebiet umfasst Eifelstraße, Pfälzer Straße, Salierring, Luxemburger Straße und Moselstraße in der Neustadt-Süd. Winzerveedel heißt die Gegend südlich des Barbarossaplatzes, zwischen dem Ring und dem Eifelwall, wegen ihrer Straßennamen, die an Weinbaugebiete erinnern – Pfalz, Mosel, Burgund. Mit Wein hat das Quartier sonst wenig zu tun, mit Verkehr umso mehr: schmale Gehwege, zugeparkte Straßen, wenige Bäume, kaum Bänke. Genau daran setzt das Modellprojekt an. Die Stadt formuliert das Ziel knapp: Das Quartier soll ruhiger, grüner und verkehrssicherer werden. Die „Stadt-Terrassen“, wie die Verwaltung die temporären Möbelinseln nennt, sollten von Mitte Mai bis Mitte August vorführen, wie sich einzelne Parkstände als Sitz- und Grünflächen nutzen lassen – eine Demonstration auf Zeit, keine Vorentscheidung.
Rund 40 Teilnehmende haben konkrete Vorschläge erarbeitet
Die Verwaltung nennt den abgeschlossenen Abschnitt „erfolgreich“ – das ist zunächst ihre eigene Bewertung, aber der Ablauf lässt sich nachvollziehen. Die Beteiligung war in Stufen organisiert: eine Informationsphase ab dem 21. April, eine Ideensammlung im Frühsommer, dann die Konkretisierung. Kern der zweiten Beteiligungsphase war ein Gestaltungsworkshop am 11. Juli. Rund 40 Anwohnende, Gewerbetreibende und Vertreterinnen und Vertreter von Institutionen diskutierten dort in Kleingruppen, wie sich die fünf Straßenzüge umgestalten ließen. Getagt wurde im Richard-Riemerschmid-Berufskolleg; eine der Kleingruppen widmete sich der Gestaltung des öffentlichen Raums samt Sauberkeit und Ordnung. Die Stadt spricht von „rund 40“ – eine genauere Aufschlüsselung, wer da am Tisch saß, liefert sie nicht. Immerhin ist die Arbeit dokumentiert: Auf dem Beteiligungsportal der Stadt ist ein Kurzbericht zum Workshop abrufbar, die online eingereichten Beiträge sind dort unter den Schwerpunkten „Problemstellen im Verkehr“ und „Unsere Vorschläge“ einsehbar.
Das Bild, das sich aus den Rückmeldungen ergibt, ist erstaunlich einheitlich. Als Hauptbelastungen nennen die Anwohnenden Durchgangs- und Lieferverkehr, hohe Geschwindigkeiten, unsichere Querungsstellen, hohen Parkdruck sowie fehlende Grün- und Aufenthaltsflächen. Daraus haben die Teilnehmenden einen Katalog von Maßnahmen entwickelt, den die Stadt in ihrer Mitteilung zusammenfasst:
- Tempo 30 und weitere Verkehrsberuhigung im Gebiet
- sichere Querungen für Fußgängerinnen und Fußgänger
- eine übersichtlichere Verkehrsführung
- weniger Durchgangsverkehr
- eine Neuorganisation von Parken und Lieferverkehr
- mehr Bäume und entsiegelte Flächen
- zusätzliche Sitzgelegenheiten und Begegnungsorte
Einig ist sich das Viertel allerdings nicht in allem. Kontrovers diskutiert wurden laut Stadt die Lärmbelastung, die Sauberkeit und die Frage, wie erreichbar das Veedel mit dem Auto bleiben muss – Punkte, an denen sich später entscheiden dürfte, wie viel von der Liste tatsächlich umgesetzt wird.
„Die rege Beteiligung zeigt, wie wichtig den Menschen ihr unmittelbares Wohnumfeld ist. Die vielen konstruktiven Hinweise und Ideen helfen uns dabei, ein Konzept zu entwickeln, das sich an den tatsächlichen Bedürfnissen im Viertel orientiert und von den Anwohner*innen getragen wird.“
Thorsten Siggelkow, Leiter des Amtes für nachhaltige Mobilitätsentwicklung der Stadt Köln, laut Pressemitteilung vom 6. August 2026
Am Anfang stand eine Bürgereingabe nach Barcelona-Vorbild
Die Vorgeschichte reicht ins Jahr 2023 zurück. Damals brachten Anwohnende um die Initiative „Superblock Winzerveedel“ eine Bürgereingabe in die Bezirksvertretung Innenstadt ein – mit diesem Instrument kann sich jede und jeder mit einem Anliegen direkt an die Bezirkspolitik wenden. Das Vorbild war klar benannt und orientierte sich am Modell der Superblocks in Barcelona: Dort werden in zusammenhängenden Wohnblöcken Durchgangsverkehr und Parkplätze reduziert, um Platz für Grün und Aufenthalt zu schaffen. Die Initiative machte ihr Anliegen unter anderem mit einem Aktionstag unter dem Titel „Mehr Freiraum fürs Winzerveedel“ sichtbar, mit Musik, Diskussionen, Pflanzaktionen und historischen Führungen; der Filmemacher Johann von Mirbach argumentierte dort, es könne kein Grundrecht von Autofahrern geben, durch ein Viertel hindurchfahren zu dürfen. Für die Dauer des Fests verschwanden die parkenden Autos kurzerhand im Parkhaus des Justizzentrums, und Vera Wittek von der IG Winzerveedel warb dafür, Parkflächen künftig gemeinsam zu nutzen. 2024 beauftragte die Bezirksvertretung Innenstadt die Verwaltung, das Gebiet als Pilot zu entwickeln (Vorlage 2370/2024); im August 2025 stellte die Stadt das Projekt öffentlich vor.
Von einem Superblock spricht die Verwaltung seither übrigens nicht mehr. Offiziell heißt das Vorhaben Modellprojekt, das Ziel ist ein Mobilitätskonzept für das Viertel samt Aufwertung des öffentlichen Raums – wie nah das Ergebnis dem Barcelona-Vorbild am Ende kommt, ist offen. Für Öffentlichkeitsbeteiligung und Verkehrsuntersuchungen hat die Stadt rund 117.000 Euro eingeplant. Parallel zur Beteiligung laufen Erhebungen: Knotenstromzählungen, bei denen an Kreuzungen erfasst wird, aus welcher Richtung Fahrzeuge kommen und wohin sie abbiegen, dazu Untersuchungen zum Durchgangsverkehr, zur Stellplatznutzung und zu Lade- und Lieferzonen. Erst diese Zahlen werden zeigen, ob der Eindruck im Veedel stimmt, dass viele Autos gar nicht ins Viertel wollen, sondern nur hindurch.
Die Beteiligung selbst folgte einem gestuften Fahrplan. Ab dem 21. April informierte die Stadt per Postwurfsendung, am 28. Mai folgte die Auftaktveranstaltung, vom 28. Mai bis zum 28. Juni lief der Online-Dialog auf dem städtischen Beteiligungsportal; dazu kamen aufsuchende Formate auf der Straße, eine Stele für ausgefüllte Flyer und Gespräche mit Gewerbetreibenden. Wie viele Beiträge online eingingen, weist das Portal allerdings nicht aus – überprüfbar ist die Resonanz damit nur für den Workshop. Eingeflossen sind außerdem Erkenntnisse aus dem ersten Kölner Bürgerrat, der sich mit dem Thema „Mobil im lebenswerten Quartier“ befasst hatte; eingebettet ist das Ganze in den nachhaltigen Mobilitätsplan „Besser durch Köln“. Amtsleiter Siggelkow hatte schon zum Projektstart im Sommer 2025 erklärt, man wolle zuallererst diejenigen einbeziehen, die das Pilotprojekt direkt betrifft – die Menschen vor Ort.
Die Möbel gehen, das Konzept soll im Spätherbst kommen
In den kommenden drei Monaten will die Verwaltung aus den Rückmeldungen und den Verkehrsdaten einen Konzeptentwurf für das Viertel erarbeiten. Im Spätherbst 2026 soll er öffentlich vorgestellt werden; daran schließt eine dritte Beteiligungsphase an, in der die Menschen im Veedel den Entwurf erneut kommentieren können – ausdrücklich mit dem Ziel, ihn anhand der Rückmeldungen noch einmal nachzubessern. Offen ist, was danach kommt: Einen Zeitplan für politische Beschlüsse oder gar für einen Umbau nennt die Stadt bislang nicht. Auch welche Gremien am Ende entscheiden, lässt die Mitteilung offen – die Bürgereingabe lief über die Bezirksvertretung Innenstadt, größere Eingriffe an einer Hauptachse wie der Luxemburger Straße dürften darüber hinausreichen.
Parallel läuft eine zweite Schiene weiter. Gemeinsam mit dem Fußverkehrsverband FUSS e.V. beteiligt sich das Winzerveedel am Projekt „Besseres Klima in Kommunen geht gut“; dazu sind bis zum Jahresende weitere Aktivitäten geplant. Eingebunden werden dabei sogenannte Quartiersgeherinnen und Quartiersgeher, die das Viertel für einen „Geh-Klima-Check“ zu Fuß begutachten. Die Erkenntnisse aus dem Modellprojekt sollen zudem ausdrücklich für weitere Projekte nutzbar gemacht werden – das Winzerveedel ist als Testfall gedacht, nicht als Einzelfall. Wie viele andere Viertel danach an die Reihe kommen könnten, sagt die Stadt nicht.
Für den Alltag im Veedel ändert sich vorerst wenig. Der Verkehr rollt wie bisher, geparkt wird wie bisher, und wer draußen sitzen will, braucht wieder einen Cafétisch. Sichtbar bleiben nur die Pflanzkübel an der Pfälzer Straße – und die Frage, ob aus rund 40 Workshop-Stimmen und einer Forderungsliste bis zum Spätherbst ein Plan wird, der die fünf Straßenzüge tatsächlich verändert.
- Stadt Köln, Pressemitteilung vom 6.8.2026: „Lebenswertes Winzerveedel – gut unterwegs, gerne da!“
- Stadt Köln: Modellprojekt „Lebenswertes Winzerveedel“ (Projektseite)
- Stadt Köln, Beteiligungsportal: Lebenswertes Winzerveedel
- Stadt Köln, Pressemitteilung vom 20.8.2025: Pilotprojekt „Lebenswertes Winzerveedel – Gut unterwegs, gerne da!“
- Meine Südstadt: Superblock Winzerveedel




