Römische Eichenpalisade verzögert den Wallraf-Erweiterungsbau
Vier Monate Verzug, aber kein Kostenaufschlag: In der Baugrube am Wallraf-Richartz-Museum steckte eine Uferbefestigung des römischen Hafens. Die Eröffnung rutscht ins vierte Quartal 2028.
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Bei den Aushubarbeiten für den Erweiterungsbau des Wallraf-Richartz-Museums & Fondation Corboud sind Archäologen auf eine Uferbefestigung des römischen Hafens gestoßen. Die Stadt Köln machte den Fund am 27. Januar 2026 öffentlich. Der Bau verzögert sich dadurch um mindestens vier Monate: Die bauliche Fertigstellung ist nun für das vierte Quartal 2027 vorgesehen, die Eröffnung des Neubaus für das vierte Quartal 2028. Die Kosten von 129,7 Millionen Euro brutto sollen nach Angaben der Stadt trotzdem halten, weil für Funde im Untergrund von Anfang an ein Risikobudget eingeplant war.
Zutage kam eine Pfahlwand aus angespitzten Eichenbalken, die dicht nebeneinander in den Boden gerammt wurden. Die Hölzer sind überwiegend vierkantig zugesägt und weisen Querschnitte von 25 mal 30 Zentimetern auf. Zusammen bilden sie eine geschlossene Wand – kein loses Pfahlfeld, sondern ein durchgehendes Bauwerk. Wie viele Balken freigelegt wurden und über welche Länge die Wand verläuft, geht aus der Mitteilung der Stadt nicht hervor. Auch eine dendrochronologische Datierung der Hölzer, mit der sich das Fälljahr der Eichen bestimmen ließe, ist darin nicht genannt.
Öffentlich geworden ist der Fund über eine Mitteilung der Stadt, die auch das Fachportal Archäologie Online am 30. Januar 2026 aufgriff. Die dort wiedergegebenen Angaben decken sich mit denen der Stadt: dieselben Querschnitte, dieselbe Bauzeitverlängerung, dasselbe Kostenbudget. Eine unabhängige zweite Einschätzung der wissenschaftlichen Bedeutung des Fundes liegt bislang nicht vor; die Bewertung stammt von den beteiligten Fachleuten selbst. Das ist bei Rettungsgrabungen der Normalfall, weil die Befunde nach der Dokumentation meist nicht mehr zugänglich sind.
Die Wand sicherte das Ufer und den Bauplatz der Stadtmauer
Nach Einschätzung der Fachleute erfüllte die Konstruktion zwei Aufgaben gleichzeitig. Sie schützte das Ufer an der römischen Hafenrinne, also an jenem Nebenarm des Rheins, der in römischer Zeit als Hafen diente. Und sie sicherte den Bauplatz für die rheinseitige Stadtmauer, die dort errichtet werden sollte – die Palisade war insofern eine vorbereitende Maßnahme, kein eigenständiges Hafenbauwerk. Wer heute vom Rathaus zum Museum geht, bewegt sich damit über der Uferzone eines antiken Hafens, von der oberirdisch nichts mehr zu sehen ist.
Überrascht hat die Archäologen weniger der Fund an sich als seine Lage. Die Pfahlwand kam weiter westlich zum Vorschein als erwartet, also näher an der römischen Stadtmauer. Für die Rekonstruktion des antiken Hafens ist das eine relevante Korrektur, denn sie verschiebt die angenommene Uferlinie. Für die Baustelle bedeutet sie schlicht, dass an einer Stelle gegraben werden musste, an der man mit ungestörtem Boden gerechnet hatte. Beides zusammen – wissenschaftlicher Gewinn und terminlicher Verlust – beschreibt die Lage in der Kölner Innenstadt ziemlich genau.
Was mit der Palisadenwand geschieht, ist in den Veröffentlichungen der Stadt nicht beantwortet. Bei Bodendenkmälern kommen grundsätzlich mehrere Wege infrage: vollständige Bergung mit anschließender Konservierung, teilweise Entnahme einzelner Hölzer als Belegstücke oder Verbleib im Boden unter dem künftigen Bauwerk. Welche Variante hier gewählt wurde, hat die Stadt ebenso wenig mitgeteilt wie den Verbleib der geborgenen Balken. Auch ob Teile des Fundes später im fertigen Museum gezeigt werden sollen, ist offen. Entschieden wird darüber zwischen der Bauherrin und der Denkmalfachbehörde.
Der Römerfund ist nicht die erste Störung dieser Baustelle. Bereits beim Abbruch der Vorgängerbebauung waren mittelalterliche Keller entdeckt worden, die dokumentiert werden mussten. Hinzu kam eine Quecksilberbelastung im Boden, die gesondert behandelt werden musste, bevor weitergearbeitet werden konnte. Der Erweiterungsbau des Wallraf-Richartz-Museums hat damit binnen weniger Jahre drei voneinander unabhängige Verzögerungsgründe angesammelt: Archäologie aus zwei Epochen und eine Altlast. Wie viele Monate auf die früheren Funde und auf die Sanierung des belasteten Bodens entfielen, hat die Stadt nicht einzeln aufgeschlüsselt.
Setzt man die Ereignisse in eine Reihe, ergibt sich der übliche Ablauf einer Innenstadtbaustelle in Köln, nur verdichtet. Zuerst der Abbruch mit den mittelalterlichen Kellern, dann die Altlast im Boden, dann der Aushub für den Neubau und in ihm die römische Pfahlwand. Jeder dieser Schritte hat den Terminplan bewegt, ohne dass sich das Projekt selbst verändert hätte. Der Rat der Stadt hatte den Baubeschluss für die Erweiterung bereits gefasst, als von alldem noch nichts bekannt war – ein Beschluss über ein Bauwerk, dessen Untergrund erst der Bagger offenlegen konnte.
Ein Risikobudget hält die Gesamtsumme bei 129,7 Millionen Euro
Kostenseitig bleibt es nach Darstellung der Stadt bei 129,7 Millionen Euro brutto. Möglich ist das, weil in dieser Summe ein Risikobudget steckt, das genau für solche Fälle gebildet wurde. Ein Risikobudget ist kein Nachtragshaushalt, sondern ein bereits beschlossener Anteil der Bausumme, der nur bei Eintritt bestimmter Ereignisse gezogen wird. Wie hoch dieser Puffer angesetzt war und wie viel davon nach dem Römerfund noch übrig ist, teilte die Stadt nicht mit – eine Angabe, die für die Beurteilung der restlichen Bauzeit erheblich wäre.
Baudezernent Markus Greitemann, in Köln Beigeordneter für Planen und Bauen, hat den Fund entsprechend eingeordnet. Seine Aussage ist weniger eine Entschuldigung als eine Feststellung über den Bauplatz: Wer in der Kölner Innenstadt gräbt, gräbt in einem archäologischen Depot. Die Stadt hat daraus die Konsequenz gezogen, das Risiko nicht wegzurechnen, sondern es zu bepreisen. Für die Bauzeit gilt diese Vorsorge allerdings nicht: Zeit lässt sich nicht wie Geld in einem Budget vorhalten. Ob der finanzielle Puffer bis zum Ende reicht, entscheidet sich erst in den kommenden Bauphasen.
„Wir wussten, dass der Untergrund in der Kölner Innenstadt, vor allem in diesem geschichtsträchtigen Bereich des Erweiterungsbaus, sehr risikobehaftet ist.“
Markus Greitemann, Beigeordneter für Planen und Bauen der Stadt Köln
Ausgeführt wurden die Grabungen von Mitarbeitenden des Römisch-Germanischen Museums, die nach dem Denkmalschutzgesetz Nordrhein-Westfalen zuständig sind. Die Regel dahinter ist einfach: Wer baut, muss Bodendenkmäler auf eigene Kosten fachgerecht untersuchen und dokumentieren lassen, bevor sie zerstört werden. Für die Bauherrin Stadt Köln heißt das, dass ihre eigene Fachbehörde auf ihrer eigenen Baustelle den Takt vorgibt. Begleitet wird das Projekt zusätzlich von einem externen Projektsteuerer, Prof. Jürgen M. Volm, der die Terminplanung verantwortet.
Volm hat die entscheidende Einschränkung öffentlich benannt: Der jetzt bekannte Verzug von vier Monaten ist eine Mindestangabe, keine Obergrenze. Weitere Erdarbeiten stehen noch bevor, und mit ihnen die Möglichkeit weiterer Funde. Der sogenannte Kellerkasten ist dabei kein Detail, sondern die tragende Konstruktion der Untergeschosse; für seine Herstellung muss weiter in die Tiefe gearbeitet werden. Genau das ist der Punkt, an dem der Terminplan dieses Projekts auch nach dem Römerfund unsicher bleibt.
„Im Rahmen der Herstellung des Kellerkastens sind weitere Erdbewegungen erforderlich, bei denen weitere Funde entdeckt werden können.“
Prof. Jürgen M. Volm, externer Projektsteuerer
Auffällig ist der Abstand zwischen den beiden genannten Terminen. Zwischen der baulichen Fertigstellung im vierten Quartal 2027 und der Eröffnung im vierten Quartal 2028 liegt rund ein Jahr. Was in dieser Zeit geschieht, führt die Mitteilung nicht aus; bei Museumsneubauten fallen in diese Phase üblicherweise technische Abnahmen, das Einregeln der Klimatechnik und der Aufbau der Ausstellung. Der Abstand ist insofern keine Reserve, die sich beliebig verkürzen ließe, sondern eingeplante Arbeitszeit. Eine Verschiebung der Fertigstellung schlägt deshalb in der Regel eins zu eins auf den Eröffnungstermin durch.
Der Neubau soll rund 3.800 Quadratmeter groß werden
Der Erweiterungsbau umfasst nach den Planungen rund 3.800 Quadratmeter einschließlich des Verbindungsbaus zum Bestand. Entworfen hat ihn das Schweizer Büro Christ & Gantenbein. Das bestehende Museumsgebäude stammt von Oswald Mathias Ungers, einem der prägenden deutschen Architekten der Nachkriegsmoderne, der aus Köln heraus arbeitete. Der Rat der Stadt hatte den Baubeschluss für die Erweiterung samt einer Blockrandbebauung an Martinstraße und Steinweg gefasst; damit wird nicht nur ein Anbau errichtet, sondern ein Stück Innenstadtblock geschlossen.
Die Kombination aus Ungers-Bau und Neubau ist der eigentliche Grund, warum sich der Zeitplan des Erweiterungsbaus nicht isoliert betrachten lässt. Beide Gebäude sollen am Ende als ein Haus funktionieren, mit einem gemeinsamen Rundgang und einer gemeinsamen Erschließung. Das setzt voraus, dass Erweiterung und Bestandssanierung terminlich ineinandergreifen. Verschiebt sich der eine Teil, verschiebt sich zwangsläufig auch der Zeitpunkt, zu dem das Gesamthaus wieder öffnen kann. Die Stadt hält bislang daran fest, dass beides Ende 2028 zusammenkommt.
Die Blockrandbebauung an Martinstraße und Steinweg ist dabei mehr als eine bauliche Nebenbestimmung. Sie bedeutet, dass die Museumserweiterung nicht als frei stehender Solitär in die Altstadt gesetzt wird, sondern die Straßenkanten wieder schließt – ein städtebauliches Prinzip, das in der Kölner Innenstadt seit Jahrzehnten diskutiert wird. Für die Anwohnerschaft heißt das zunächst Baustelle, später eine geschlossene Straßenfront statt einer Lücke. Welche Nutzungen neben dem Museum in den Blockrand einziehen sollen, ist in den vorliegenden Unterlagen nicht ausgeführt.
Das Wallraf ist zudem nicht die einzige Kölner Museumsbaustelle in Sichtweite. Wenige hundert Meter entfernt, am Rathausplatz, entsteht seit Jahren das MiQua, und auch dort haben archäologische Befunde den Ablauf mehrfach verändert. Beide Vorhaben zeigen dasselbe Grundproblem: In einer Stadt mit römischer und mittelalterlicher Schichtung ist der Untergrund keine Rechengröße, sondern ein eigener Verfahrensbeteiligter. Wer dort baut, kalkuliert Zeit und Geld gegen einen Gegner, der sich erst zeigt, wenn der Bagger da ist.
Ab August fehlt der Innenstadt eines ihrer großen Museen
Unabhängig von der Baugrube schließt das Museum ohnehin: Ab dem 3. August 2026 wird das Wallraf-Richartz-Museum für eine zweijährige Generalinstandsetzung geschlossen. Nach eigenen Angaben liegen dann 25 Jahre Betrieb im Ungers-Bau mit mehr als vier Millionen Besuchenden hinter dem Haus. Die Sammlung wird während der Schließzeit nach Auskunft des Museums auch nicht an anderen Orten gezeigt. Die Einzelheiten stehen auf der Seite des Museums zur Schließung.
Für Besucherinnen und Besucher heißt das: Wer die Sammlung des Wallraf noch sehen will, hat dafür nur noch bis Anfang August Gelegenheit. Danach fällt eines der großen Kölner Museen für zwei Jahre aus dem Angebot der Stadt – zu einem Zeitpunkt, zu dem auch das Römisch-Germanische Museum am Roncalliplatz saniert wird und seine Sammlung im Belgischen Haus an der Cäcilienstraße 46 zeigt. Das Kölner Museumsangebot in der Innenstadt ist damit mittelfristig ausgedünnt.
Wiedereröffnet werden sollen beide Teile gemeinsam. Nach der Darstellung des Museums werden Ende 2028 der instandgesetzte Ungers-Bau und der Erweiterungsbau als ein Wallraf-Richartz-Museum & Fondation Corboud wieder öffnen. Das ist der Zeitpunkt, auf den sich die vier Monate Verzug beziehen – sie sind bereits in diesen Termin eingerechnet. Ob er hält, hängt nach Volms Einschätzung davon ab, was der Boden bei den restlichen Erdarbeiten noch hergibt.
Der nächste feste Termin im Verfahren ist damit der 3. August 2026, an dem die Schließung des Bestandsgebäudes beginnt. Der nächste Termin auf der Baustelle ist die Herstellung des sogenannten Kellerkastens, jenes Bauteils, für das die weiteren Erdbewegungen anstehen. Ob dabei erneut römisches Holz auftaucht, ist offen; die Entscheidung über eine mögliche weitere Terminverschiebung träfe die Stadt als Bauherrin. Die Fundmeldung selbst steht in der Pressemitteilung der Stadt Köln.




