Donnerstag, 6. August 2026 Ausgabe Nr. 240
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Konzertsommer

22.30 Uhr, Alter Militärring: Zwei Hosen-Abende in Müngersdorf

Am Freitag und Samstag spielten Die Toten Hosen im RheinEnergieSTADION. Die KVB fuhr Sonderbahnen, der Rest der Stadt merkte davon vor allem eines: Die Linie 1 fährt nicht mehr überall hin.

David Odenthal, Redakteur — KI-generiertes Porträt
David Odenthal
Clubs & Nachtleben

Lesezeit 6 Min.
Stadion mit beleuchteter Glasfassade und Gittermasten in der Dämmerung, davor wird eine Bühne aufgebaut
Vorbereitung auf den Doppelabend: Je nach Bühnenaufbau fasst das RheinEnergieSTADION bei Konzerten 35.600 bis 60.000 Menschen. · Symbolbild (KI-generiert)

Um 16 Uhr öffneten am Samstag die Tore, um kurz nach halb elf war Schluss: Die Toten Hosen haben am Freitag, 17. Juli, und am Samstag, 18. Juli 2026, im Kölner RheinEnergieSTADION gespielt. Zwei Abende hintereinander, im Rahmen der Tour „Trink aus! Wir müssen gehen.“ Am Freitag begann der Einlass um 16.30 Uhr, am Samstag eine halbe Stunde früher. Das Ende beider Konzerte war jeweils für circa 22.30 Uhr angesetzt.

Für eine Band aus Düsseldorf ist ein Doppelabend in Müngersdorf keine Selbstverständlichkeit, sondern eine Ansage. Das Stadion fasst bei Konzerten je nach Aufbau zwischen 35.600 und 60.000 Menschen. Angekündigt hatte die Kölner Sportstätten GmbH den Auftritt bereits im Mai 2025 – zusammen mit dem Hinweis, dass Köln sich nach Helene Fischer am 27. Juni 2026 auf den zweiten deutschen Top-Act des Konzertsommers freuen dürfe.

Ein Doppelabend hat für die Nachbarschaft eine andere Qualität als ein einzelner. Zweimal derselbe Aufbau, zweimal derselbe An- und Abreiseverkehr, zweimal dieselbe Belastung für die Anwohnenden am Alten Militärring und in Junkersdorf. Dafür entfällt der zweite Auf- und Abbau, und die Verkehrsbetriebe können ihre Sonderfahrpläne einfach wiederholen. Für Veranstalter ist das die effizienteste Variante, für Anwohner die zäheste.

Der eigentliche Kraftakt war die Anreise

Wer in Köln ein Stadionkonzert plant, plant vor allem den Nahverkehr. Die KVB verstärkte an beiden Tagen den Stadtbahnbetrieb zwischen Neumarkt und Stadion sowie zwischen Weiden und Stadion. Zusätzliche Bahnen fuhren jeweils ab circa 14.30 Uhr und wieder ab circa 22.30 Uhr. Auf den Buslinien 141 und 143 kamen ganztägig Gelenkbusse zum Einsatz, um mehr Platz zu schaffen.

Dicht gedrängte Fahrgäste stehen nachts in einer Stadtbahn und halten sich an Schlaufen fest
Volle Bahnen nach dem Konzert: Ab etwa 22.30 Uhr fuhren zusätzliche Stadtbahnen vom Stadion Richtung Neumarkt und Weiden. · Symbolbild (KI-generiert)

Und dann kam der Satz, der in diesem Sommer über jeder Kölner Veranstaltungsplanung steht: Die Linie 1 aus dem rechtsrheinischen Stadtgebiet ermöglicht baustellenbedingt aktuell keine Anbindung des Stadions. Wer den Rhein queren musste, wurde auf die S-Bahn-Linie 12 verwiesen, mit Umstieg an den Haltepunkten Müngersdorf Technologiepark oder Weiden West. Von dort sind es ein paar Minuten zu Fuß. Nachzulesen ist das alles in der Fahrgastinformation der KVB.

Für alle, die seit 2009 nicht mehr auf einem Konzert waren: Kombiticket heißt, dass die Eintrittskarte gleichzeitig als Fahrschein gilt. Bei diesen beiden Abenden galt sie in den Fahrzeugen der KVB und der übrigen Verkehrsunternehmen im Verkehrsverbund Rhein-Sieg. Das ist inzwischen Standard bei Großveranstaltungen, war es aber lange nicht – und es ist einer der wirksamsten Hebel, den eine Stadt hat, wenn sie zehntausende Menschen nicht mit dem Auto vor dem Stadion stehen haben will.

Wer die Kombiticket-Regelung ernst nimmt, muss sie auch kapazitär abbilden – und das war in diesem Sommer die eigentliche Schwierigkeit. Die Trennung der Linien 1, 7 und 9 hat den Kölner Osten vom Stadion faktisch abgekoppelt. Aus Deutz, Kalk oder Mülheim war die direkte Bahn nicht verfügbar, der Weg führte über die S-Bahn. Das ist zumutbar, kostet aber Zeit und verlangt Ortskenntnis, über die auswärtige Konzertgäste nicht verfügen.

Müngersdorf ist Kölns lauteste Bühne – und die am wenigsten diskutierte

Leerer Bahnsteig am Stadion mit Absperrgittern für die Besucherlenkung
Am Alten Militärring und am Stadion halten die Bahnen der Linie 1. · Symbolbild (KI-generiert)

Über Lärmschutz wird in Köln viel gestritten, aber selten über das Stadion. Beim Brüsseler Platz, bei den Clubs in Ehrenfeld, bei jeder Außengastronomie geht es um Dezibel, Sperrzeiten und Anwohnerbeschwerden. Am Alten Militärring beschwert sich vergleichsweise selten jemand, obwohl hier die mit Abstand größten Schallmengen der Stadt produziert werden. Der Grund ist banal: Das Stadion liegt im Grüngürtel, die nächsten Wohnhäuser sind weit genug entfernt, und die Zahl der Termine ist überschaubar.

Genau darin liegt der Unterschied zur übrigen Kölner Nachtökonomie. Ein Stadionkonzert ist ein planbares Einzelereignis mit Genehmigung, Sicherheitskonzept und Ende um halb elf. Ein Club ist ein Dauerzustand. Die Stadt kann für das eine Sonderbahnen fahren lassen und für das andere Auflagen verhängen, ohne dass jemand darin einen Widerspruch sähe. Es ist einer, aber ein eingespielter.

Die Betreibergesellschaft ist älter als das Stadion in seiner heutigen Form. Die Kölner Sportstätten GmbH wurde 1958 gegründet, zunächst zur Betreuung der damaligen Sporthalle sowie des Eis- und Schwimmstadions; 1999 wurde ihr Aufgabenspektrum erweitert, unter anderem um Planung und Realisation des Stadionumbaus. Heute verantwortet das Unternehmen sechs Anlagen und vermarktet daneben die VIP- und Businessbereiche des Stadions als Eventflächen – ein Geschäftszweig, der von Konzertterminen unabhängig läuft.

Das Stadion selbst ist für Konzerte eine der flexibelsten Spielstätten der Republik. Für Fußballspiele fasst es 49.698 Plätze national und 45.965 international; bei Konzerten liegt die Kapazität je nach Bühnenaufbau zwischen 35.600 und 60.000 Menschen. Die Gesamtfläche beträgt 110.559 Quadratmeter, das Spielfeld misst 105 mal 68 Meter. Gebaut wurde die heutige Anlage zwischen 2002 und 2004 als Umbau des Müngersdorfer Stadions, das 1923 errichtet und 1975 neu gebaut worden war.

Der Konzertsommer ist ein Geschäft

Die Kölner Sportstätten GmbH betreibt neben dem RheinEnergieSTADION fünf weitere Anlagen, darunter Südstadion, Stadion Höhenberg und Radstadion. Das Unternehmen beschäftigt 42 Mitarbeitende, macht nach eigenen Angaben rund 15 Millionen Euro Umsatz im Jahr und zählt etwa 1,5 Millionen Veranstaltungsbesucher sowie rund 30 Großveranstaltungen jährlich. Geschäftsführer Lutz Wingerath hatte den Auftritt der Toten Hosen bei der Ankündigung als fantastischen Live-Act begrüßt und die Rolle des Gastgebers betont.

Zwei Konzertabende bedeuten für so ein Haus doppelte Aufbaukosten-Amortisation: Bühne, Technik und Sicherheitsstruktur stehen ohnehin, der zweite Abend kostet deutlich weniger als der erste. Deshalb häufen sich Doppel- und Dreifachtermine im Stadion-Geschäft. Für die Stadt heißt das mehr Übernachtungen, mehr Gastronomieumsatz und, an zwei Abenden hintereinander, ein voll ausgelastetes Nahverkehrsnetz im Westen.

Wiese vor einem Stadion nach einer Veranstaltung mit Reinigungsspuren
Nach dem Konzertsommer bleibt der Stadt vor allem die Aufräumarbeit. · Symbolbild (KI-generiert)

Der Vorverkauf war im Mai 2025 über den Shop der Band gestartet. Inhaberinnen und Inhaber eines Köln-Passes konnten dort vergünstigt an Karten kommen – ein Detail, das in der Berichterstattung über Stadionkonzerte fast immer untergeht und das über den Zugang zu Kultur mehr aussagt als jede Programmankündigung. Der Köln-Pass richtet sich an Menschen mit geringem Einkommen.

Wie voll der Kölner Konzertsommer 2026 insgesamt war, lässt sich an den Ankündigungen ablesen: Helene Fischer am 27. Juni, die Toten Hosen am 17. und 18. Juli, dazu Konzerte von BAP und AnnenMayKantereit am 10. und 11. Juli, für die die KVB ebenfalls Sonderverkehre einrichtete. Für 2027 haben die Kölner Sportstätten Querbeat im Stadion angekündigt. Ein Konzertsommer dieser Dichte ist für die Stadt einträglich und für die Verkehrsbetriebe anstrengend, weil er in dieselben Wochen fällt, in denen traditionell die großen Gleisbaustellen abgearbeitet werden.

Zur Einordnung des Hauses gehört auch, wie schnell es die Nutzung wechselt. Am 29. August empfängt der 1. FC Köln im Stadion die TSG 1899 Hoffenheim, davor stehen weitere Termine an den anderen Kölner Sportstätten an. Zwischen Konzertbühne und Rasenpflege liegen also wenige Wochen, und der Rasen ist einer der Gründe, warum Stadionkonzerte in Deutschland fast ausschließlich im Sommer stattfinden. Die Terminübersicht der Kölner Sportstätten zeigt, wie eng die Taktung ist.

Bleibt eine Beobachtung, die nichts mit Musik zu tun hat. An beiden Abenden funktionierte die Abreise über eine Achse, die es in dieser Form seit Wochen nicht mehr gibt – weil die Linie 1 geteilt ist. Wer wissen will, wie belastbar Kölns Nahverkehr wirklich ist, muss nicht auf den Berufsverkehr schauen, sondern auf zwei Konzertabende im Juli.

Was bleibt nach zwei Abenden? Aufräumarbeit auf den Wiesen, ein Betriebsablauf, der funktioniert hat, und die stille Erkenntnis, dass Kölns größte Bühne in diesem Sommer nicht in der Innenstadt stand, sondern an der Aachener Straße 999. Die nächste Frage stellt sich im Herbst: Wie viele Termine verträgt das Stadion, wenn der Fußballbetrieb wieder läuft?

Quellen und Weiterlesen
David Odenthal, Redakteur — KI-generiertes Porträt
David Odenthal
Redakteur · Clubs & Nachtleben
Kennt jede Kellertür in Ehrenfeld. Schreibt über Clubkultur, Kollektive und die Nacht als Wirtschafts- und Kulturraum. Legt gelegentlich selbst auf — angeblich nur privat.
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