Donnerstag, 6. August 2026 Ausgabe Nr. 240
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Genehmigungsstreit

13 Tage ohne Genehmigung: Wie die Südbrücke ihren Sommer zurückbekam

Zwischen dem 10. und dem 23. Juli durfte auf der Südbrücke in Poll nichts stattfinden: Die Bauaufsicht hatte sämtliche Veranstaltungen per Ordnungsverfügung untersagt. Nach 5.403 Unterschriften und Druck aus zwei Ratsfraktionen darf wieder gespielt werden – die seit fünf Jahren erwartete Dauergenehmigung fehlt weiter.

David Odenthal, Redakteur — KI-generiertes Porträt
David Odenthal
Clubs & Nachtleben

Lesezeit 9 Min.
Stählerne Bogenbrücke über einem Fluss in der Abenddämmerung, davor Lichterketten zwischen Holzmasten
Feiern neben dem Bahnverkehr: Das Veranstaltungsgelände in Poll liegt unmittelbar an der Südbrücke – 13 Tage lang war dort alles untersagt. · Symbolbild (KI-generiert)

24 Uhr, Alfred-Schütte-Allee 34: Wer zwischen 16 und 18 Jahre alt ist und ohne Erziehungsberechtigten gekommen ist, muss das Gelände dann verlassen. So steht es in den Hausregeln der Südbrücke, jener Veranstaltungsfläche im Kölner Stadtteil Poll, die dort seit drei Jahren betrieben wird. In diesem Sommer sah es zwei Wochen lang danach aus, als müsste dort niemand mehr um Mitternacht nach Hause – weil überhaupt niemand mehr hätte kommen dürfen.

Am 10. Juli machte die Klubkomm den Fall öffentlich, der Interessenverband der Kölner Club- und Veranstaltungsbranche. Die Bauaufsicht der Stadt Köln hatte sämtliche geplanten Veranstaltungen auf dem Gelände per Ordnungsverfügung untersagt. 13 Tage später war die Untersagung wieder vom Tisch. Dazwischen lagen eine Petition mit mehreren tausend Unterschriften, Wortmeldungen aus zwei Ratsfraktionen und ein Streit darüber, wie ein Erlass des Landes zu lesen ist.

Ein Wort an alle, die mit Baurecht sonst nichts zu tun haben. Eine Ordnungsverfügung ist ein Verwaltungsakt: Eine Behörde ordnet etwas an oder untersagt es, und das gilt zunächst, auch wenn dagegen noch Rechtsmittel möglich sind. Die Bauaufsicht wiederum prüft, ob eine Fläche für das genutzt werden darf, was dort stattfinden soll. Bei einem Club mit festem Haus ist diese Frage einmal geklärt und dann jahrzehntelang beantwortet. Bei einer Fläche unter freiem Himmel ist sie es nie ganz.

Die Südbrücke, um die es hier geht, ist nicht die Brücke, sondern der Platz daneben. Rechtsrheinisch, in Poll, unmittelbar an der Eisenbahnbrücke gleichen Namens. Betreiberin ist die Events in Poll UG & Co. KG; als Geschäftsführer nennt das Impressum Thomas Füllengraben, Benjamin Schneider und Boris Witschke. Auf dem Gelände stehen eine Konzertfläche mit einer Bühne aus Containern, ein Biergarten mit Sandbereich, Felder für Volleyball und Badminton, ein Kräutergarten. Eröffnen wollten die Betreiber im Frühsommer 2023 – so steht es bis heute auf ihrer eigenen Seite.

Ein Erlass sollte das Verfahren vereinfachen – er hat den Streit ausgelöst

Der Kern des Konflikts ist ein Ministerialerlass des Landes Nordrhein-Westfalen aus dem Jahr 2024. Nach dem Bericht des Fachmagazins Faze, der sich auf die Klubkomm stützt, müssen seither bis zu 25 Veranstaltungen im Jahr mit jeweils weniger als 5.000 Besuchern nicht mehr einzeln von der Bauaufsicht genehmigt werden. Vorausgesetzt, es liegen vollständige Schall- und Umweltgutachten vor und ein Sicherheitskonzept. Auf dieser Grundlage hat die Südbrücke gearbeitet, und nach Darstellung des Verbands zahlreiche andere Veranstalter in Köln und in Nordrhein-Westfalen ebenfalls.

Unbeleuchtete Bühne aus gestapelten, verrosteten Containern auf einem Schotterplatz an einem Fluss
Herzstück des Geländes ist eine Bühne aus Containern. Zwischen dem 10. und dem 23. Juli durfte darauf nichts stattfinden. · Symbolbild (KI-generiert)

Im Wortlaut ist dieser Erlass in keiner der Veröffentlichungen zu finden, die für diesen Text geprüft wurden. Das Fachmagazin Groove verlinkt an der entsprechenden Stelle ein PDF des nordrhein-westfälischen Innenministeriums. Es trägt den Titel „Sicherheit von Großveranstaltungen im Freien – Orientierungsrahmen für die kommunale Planung, Genehmigung, Durchführung und Nachbereitung“ und hat den Stand 15. August 2012. Großveranstaltungen definiert dieses Papier über ganz andere Schwellen: mehr als 100.000 erwartete Besucher am Tag, oder mindestens 5.000 zeitgleich auf dem Gelände, sofern das zugleich mehr als ein Drittel der Einwohnerzahl der Kommune ist. Mit einer Regel über 25 genehmigungsfreie Termine im Jahr hat das nichts zu tun.

Das ist mehr als eine Fußnote. Wer nachvollziehen will, wer hier richtig liegt, findet die Grundlage nicht. Öffentlich verhandelt wird ein Papier, das öffentlich nicht vorliegt.

Die Position der Verwaltung gibt Groove so wieder: Die Stadt halte den Erlass im Fall der Südbrücke inzwischen für nicht anwendbar, er sei nur für Ausnahmefälle einer vorübergehenden und einmaligen Nutzung gedacht. Die Betreiber halten dagegen, ihre Aufbauten seien genau das – temporär. Eine eigene öffentliche Erklärung der Stadt Köln zu dem Vorgang war bis zum Redaktionsschluss nicht auffindbar.

Wie vorübergehend eine Nutzung ist, lässt sich auf dem Platz auch mit bloßem Auge prüfen. Die Betreiber setzen auf Komposttoiletten; der Kompost ruht nach eigenen Angaben ein Jahr, bevor er als Dünger zurückgeht. Bei ausverkauftem Gelände spare das gegenüber Spültoiletten über 40.000 Liter Wasser am Tag. Fast alle Baumaterialien sind gebraucht, aus alten Feuertonnen wurden Blumenkästen, aus ausrangierten Felgen Windspiele. Große Teile der Fläche bleiben unbetreten: Dort hat das Team gemeinsam mit einer Biologin Lebensräume für Mauer- und Zauneidechsen angelegt. Beim Strom aus Sonne oder Wind ist man noch nicht angekommen, das nennen die Betreiber selbst die größte Baustelle. Einmalig im Sinne des Erlasses sieht anders aus – ob das baurechtlich für oder gegen die Betreiber spricht, ist genau die strittige Frage.

Die Klubkomm sieht eine Praxis, die nur für ein einziges Gelände geändert wurde

Der Verband ist in diesem Verfahren kein Zaungast. Die Klubkomm versteht sich als Interessenvertretung der Kölner Clubs und Veranstalter, hält den Kontakt zu Politik und Verwaltung und richtet unter anderem die Cologne Club Days aus. An ihrer Spitze steht ein neunköpfiger Vorstand mit der Vorsitzenden Paulina Rduch und der stellvertretenden Vorsitzenden Sophia Legge. Dass ein Verband für eine einzelne Fläche derart deutlich auftritt, hat einen einfachen Grund: Wenn eine Behörde ihre Auslegung für ein Gelände ändern kann, kann sie es für jedes.

Der Verband wirft der Bauaufsicht vor, die bisherige Praxis ausschließlich für die Südbrücke für ungültig erklärt zu haben – ohne schlüssige juristische Begründung und ohne die Betreiber vorher anzuhören. Geschehen sei das nach Kenntnis der Klubkomm rund acht Wochen vor der Veröffentlichung am 10. Juli, also etwa Mitte Mai. Die Ordnungsverfügung kam später und traf dann das gesamte Programm auf einmal.

Fünf Forderungen hat der Verband daraus abgeleitet und veröffentlicht:

  • Rücknahme der Ordnungsverfügung
  • Erteilung einer Dauergenehmigung für die Südbrücke
  • einheitliche Anwendung des Ministerialerlasses
  • Gleichbehandlung aller Veranstalter
  • Kommunikation auf Augenhöhe und ein lösungsorientiertes statt problemorientiertes Vorgehen der Behörden

Zum Vergleich verweist der Verband auf Berlin: Im dortigen Gleisdreieckpark soll die erste offiziell ausgewiesene Fläche für nichtkommerzielle Open Airs entstehen. Eine Stadt weist eine Fläche aus, statt jede Nutzung einzeln zu prüfen. In Köln wird um die Nutzung einer Fläche gestritten, die es längst gibt.

Praktisch bedeutete die Ordnungsverfügung: alles. Nicht ein Termin, nicht eine Reihe, sondern sämtliche geplanten Veranstaltungen. Wer im Sommer Open Air macht, hat zu diesem Zeitpunkt Verträge mit Künstlerinnen und Künstlern, Technikfirmen, Sicherheitsdiensten und Cateringpartnern, und die laufen nicht ab Bescheid, sondern ab Unterschrift. Was der Ausfall die Betreiber gekostet hätte, haben sie öffentlich nicht beziffert.

Fünf Jahre Verfahren, und die Dauergenehmigung fehlt weiter

Das Genehmigungsverfahren für das Gelände läuft seit rund fünf Jahren. Die Betreiber mussten in dieser Zeit immer wieder neue Anforderungen erfüllen und dafür Geld und Zeit aufwenden, die sonst in Programm geflossen wären – so beschreibt es die Petition. Eine dauerhafte Genehmigung kam bis heute nicht zustande. Im vergangenen Jahr fanden auf dem Platz 22 Veranstaltungen statt, drei weniger, als der Erlass nach Lesart der Betreiber zulässt.

„Die Veranstaltungsfläche an der Kölner Südbrücke ist die größte nicht-städtische Open-Air-Fläche Kölns und seit Jahren ein wichtiger Ort für Kultur, Musik und Begegnung.“

Maria Hofmann, Initiatorin der Petition „Rettet den Veranstaltungsort an der Kölner Südbrücke“

Die Petition läuft seit dem 10. Juli und noch bis zum 9. Januar 2027. Beim Abruf für diesen Text standen 5.403 Unterschriften darunter, davon 3.944 aus der Region Köln, die allein für das Quorum zählen. Nötig sind 5.200; erreicht waren damit 76 Prozent. Adressat ist der Ausschuss Anregungen und Beschwerden, das Gremium, an das sich in Köln jede Bürgerin und jeder Bürger mit einer Eingabe wenden kann.

Leerer Biergarten mit Holzbänken und Sandfläche am Rheinufer im Morgenlicht
Biergarten mit Sandbereich: Das Gelände ist über Jahre gewachsen, das Baurecht behandelt es als vorübergehende Nutzung · Symbolbild (KI-generiert)

„Wir fordern die Stadt Köln auf, gemeinsam mit den Betreiber*innen schnell eine transparente, rechtssichere und dauerhafte Lösung zu schaffen, damit die Veranstaltungsfläche an der Südbrücke erhalten bleibt und dort wieder Kulturveranstaltungen stattfinden können.“

Maria Hofmann, Initiatorin der Petition „Rettet den Veranstaltungsort an der Kölner Südbrücke“

Aus dem Rat kam Unterstützung. Vertreterinnen und Vertreter von Grünen und SPD forderten nach Angaben von Groove eine schnelle Lösung und die Erteilung von Einzelgenehmigungen beziehungsweise einer Dauergenehmigung. Beides ist bemerkenswert: Die Politik verlangte von der eigenen Verwaltung, eine Entscheidung zu korrigieren, die keine politische war, sondern eine baurechtliche.

Ein Nebensatz in der Berichterstattung erklärt, warum die Szene so nervös reagiert hat. Das Gelände grenzt an das Entwicklungsgebiet Deutzer Hafen, in dem nach Angaben der Stadt Köln rund 6.900 Bewohnerinnen und Bewohner und rund 6.000 Arbeitsplätze entstehen sollen; der erste Teilplan umfasst etwa 3,1 Hektar, gebaut wird in den 2020er und 2030er Jahren. Wer in Köln seit Jahren über Verdrängung diskutiert, denkt bei dieser Nachbarschaft sofort weiter. Ein Zusammenhang zwischen Bauleitplanung und Ordnungsverfügung ist allerdings durch nichts belegt.

Open Air in Poll ist ohnehin keine Erfindung von 2023. Die Reihe PollerWiesen begann im Frühjahr 1993 auf den Poller Wiesen am Rheinufer, im selben Stadtteil. Ihr Gründer Patrick Peiki sagte in einem Interview mit Faze im Juli 2018, für diese Wiesen würden generell keine Genehmigungen für Partys erteilt; die Reihe fand damals an anderen Orten in Köln und in Dortmund statt. Der Stadtteil hat also eine lange Übung darin, dass die Musik da ist und das Papier fehlt.

Am 23. Juli kam die Kehrtwende – vorerst nur für diesen Sommer

Am 23. Juli meldeten die Betreiber über ihre Kanäle, dass wieder gespielt werden darf. Die Stadt hat Genehmigungen für Konzerte, Märkte und weitere Veranstaltungen erteilt, zunächst für den Rest der Saison. Die Betreiber danken der Bauaufsicht ausdrücklich dafür, die Anträge nahezu in Rekordzeit bearbeitet zu haben, und davor der Szene, der Bevölkerung, der Politik und der Klubkomm für den Druck. Ein bemerkenswert versöhnlicher Ton für einen Konflikt, der zwei Wochen zuvor noch mit dem Vorwurf einer Sonderbehandlung geführt wurde.

Zwei Dinge sind damit nicht gelöst. Die seit Jahren erwartete Dauergenehmigung liegt weiter nicht vor; die Betreiber sprechen lediglich von Bewegung in der Sache. Und der Streit darüber, wie der Erlass zu lesen ist, wurde nicht entschieden, sondern für diesen Sommer umgangen. Im nächsten Frühjahr steht dieselbe Frage wieder auf dem Tisch, mit denselben Beteiligten und derselben Beleglage.

Steinschüttung und Trockenmauer am Rand eines Geländes, hohes Gras, Lebensraum für Eidechsen
Am Rand der Fläche wurden gemeinsam mit einer Biologin Lebensräume für Mauer- und Zauneidechsen angelegt · Symbolbild (KI-generiert)

Auf dem Programm stehen derzeit drei Termine. Das Lateinamerikanische Wochenende vom 21. bis 23. August, Beginn am Freitag um 17 Uhr. Manu Chao mit dem Ultra Acustico Open Air am 26. August, ebenfalls 17 Uhr, ausverkauft. Und Christian Löffler am 5. September ab 16 Uhr. Löffler hat auf dem Gelände schon gespielt, Pan-Pot und Kalte Liebe ebenfalls; für elektronische Musik unter freiem Himmel ist der Platz in den vergangenen Jahren zur festen Adresse geworden.

Bequem ist der Weg dorthin nicht, und auch das gehört zu diesem Ort. Die Linie 7 Richtung Porz und Zündorf hält an der Raiffeisenstraße, 900 Meter entfernt, und am Poller Kirchweg, 1.000 Meter. Am nächsten kommt die Buslinie 159 mit der Haltestelle Schüttewerk, rund 450 Meter. Von der linken Rheinseite fahren die Linien 16 und 17 zur Schönhauser Straße; von dort geht es zu Fuß über die Brücke, ebenfalls rund 1.000 Meter. Der Untergrund auf dem Gelände ist Schotter und Sand, der Platz zum großen Teil barrierefrei, ein behindertengerechtes WC vorhanden.

Und um 24 Uhr müssen die 16- und 17-Jährigen ohne Begleitung wieder gehen. Diese Regel stand vor der Ordnungsverfügung in den Hausregeln und steht heute noch dort. Was dazwischen lag, war kein Streit über Lautstärke, über Anwohner oder über Türpolitik – die üblichen Konfliktlinien des Kölner Nachtlebens. Es war ein Streit über die Auslegung eines Papiers, das öffentlich nirgends im Wortlaut zu finden ist. Der nächste Frühling kommt bestimmt, und mit ihm die Frage, ob eine Fläche wieder Termin für Termin beantragen muss, was sie seit fünf Jahren dauerhaft haben will.

Quellen und Weiterlesen
David Odenthal, Redakteur — KI-generiertes Porträt
David Odenthal
Redakteur · Clubs & Nachtleben
Kennt jede Kellertür in Ehrenfeld. Schreibt über Clubkultur, Kollektive und die Nacht als Wirtschafts- und Kulturraum. Legt gelegentlich selbst auf — angeblich nur privat.
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