68 Zentimeter: Der Rhein bei Köln unterbietet den Rekord von 2018
Am Freitagabend zeigte der Kölner Pegel 68 Zentimeter — weniger als beim bisherigen Rekordtief vom Oktober 2018. Die Frachtschiffe fahren fast leer.
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Der Rhein bei Köln hat am Freitagabend, 31. Juli, ein neues Rekordtief erreicht. Um 20 Uhr zeigte der Kölner Pegel 68 Zentimeter und lag damit erstmals unter dem bisherigen Tiefstwert von 69 Zentimetern, der am 23. Oktober 2018 gemessen worden war. Vier Tage zuvor hatte der Pegel noch 78 Zentimeter angezeigt. Der Wert beschreibt nicht die tatsächliche Wassertiefe, sondern den Abstand zu einem festgelegten Bezugsniveau; die Fahrrinne führt auch bei 68 Zentimetern noch Wasser. Für die Schifffahrt ist der Unterschied trotzdem entscheidend, weil sich an dieser Zahl bemisst, wie viel Ladung ein Schiff mitnehmen darf.
Wie wenig das ist, lässt sich beziffern: Die Fahrrinne vor Köln misst bei diesem Pegelstand nach Angaben der Rheinischen Anzeigenblätter noch 1,11 Meter Tiefe. Das genügt einem Schiff mit geringem Tiefgang und nicht einem beladenen Frachter. Für Badende ändert sich dadurch nichts: Das Schwimmen im Rhein bleibt verboten und lebensgefährlich, weil Strömung, Sog der Schiffsschrauben und Untiefen bei niedrigem Wasserstand eher zu- als abnehmen. Die trocken fallenden Kiesbänke wirken einladender, als der Fluss daneben ist.
Ursache ist die anhaltende Trockenheit. Über Wochen fiel im Einzugsgebiet des Rheins zu wenig Niederschlag, die Böden sind ausgetrocknet, die Nebenflüsse führen wenig Wasser. Anders als 2018, als das Rekordtief erst im Oktober erreicht wurde, steht die Marke in diesem Jahr schon Ende Juli — also zu einem Zeitpunkt, an dem der niederschlagsarme Spätsommer noch bevorsteht. Der Bonner Meteorologe Karsten Brandt rechnet damit, dass die Pegelstände weiter unter 70 Zentimeter fallen und zeitweise auch unter 60 Zentimeter rutschen. Eine grundlegende Entspannung erwartet er erst im Oktober oder November, wenn sich die Wetterlage umstellt.
„Es läuft alles auf Rekordniveau zu. Es werden Pegel von unter 70 Zentimeter erwartet, teilweise sogar unter 60 Zentimeter, was wirklich extrem ist.“
Karsten Brandt, Meteorologe, gegenüber den Rheinischen Anzeigenblättern
Die Frachtschiffe fahren mit einem Fünftel ihrer Ladung
Am deutlichsten trifft das Niedrigwasser die Güterschifffahrt. Nach Angaben des ZDF können Frachtschiffe derzeit nur rund 20 Prozent ihrer üblichen Ladung aufnehmen, weil sie sonst aufsetzen würden. Betroffen sind vor allem Getreide, Mineralien, Erze, Kohle und Ölprodukte — Güter, für die es auf Schiene und Straße keinen kurzfristigen Ersatz in dieser Menge gibt. Das schlägt unmittelbar auf die Preise durch: Die Frachtraten für Tankschiffe auf der Strecke von Rotterdam nach Karlsruhe stiegen auf 145 bis 150 Euro je Tonne, nachdem Ende Juni noch 45 Euro üblich gewesen waren.
Der Aufschlag entspricht mehr als einer Verdreifachung binnen weniger Wochen. Roberto Spranzi, Vorstand der Reedereigenossenschaft DTG, sagte dem Sender, um die üblichen Frachtmengen zu transportieren, würden derzeit vier- bis fünfmal so viele Schiffe benötigt. Thilo Schaefer vom Institut der deutschen Wirtschaft hielt dem entgegen, dass diese Kapazitäten nicht zur Verfügung stünden. Damit ist die Rechnung für die Industrie einfach und unangenehm: Wer transportieren muss, zahlt mehr; wer viel transportieren muss, kommt gar nicht erst an ein Schiff.
Weiter flussaufwärts ist die Lage noch enger. Am Pegel Kaub, der für die Beladung entscheidenden Engstelle im Mittelrheintal, wurden zeitweise 25 Zentimeter gemessen; in Düsseldorf lag der Wert bei 23 Zentimetern und damit auf dem Niveau von 2018. Unterschreitet Kaub bestimmte Marken, wird die Durchfahrt für große Einheiten faktisch unmöglich, und der Rhein als Verkehrsweg fällt zwischen Rotterdam und dem Oberrhein in Teilen aus. Welche Folgen das hat, beschrieb Brandt an einem Beispiel aus dem Nachbarland: An Luxemburger Tankstellen sei vor Kurzem das Benzin ausgegangen, weil der Transport per Schiff über Kaub nicht mehr möglich gewesen sei.
Das Niedrigwasser 2018 verursachte nach Schätzungen einen volkswirtschaftlichen Schaden von rund 2,4 Milliarden Euro. Ob dieser Wert übertroffen wird, hängt davon ab, wie lange die Trockenheit anhält — und der Startpunkt ist ungünstiger als vor acht Jahren, weil die Rekordmarke damals am Ende einer langen Trockenperiode stand und diesmal an deren Anfang. Eine belastbare Schadensschätzung für 2026 liegt nicht vor. Sie wird sich erst rückblickend erstellen lassen, wenn feststeht, wie viele Wochen die Beschränkungen gedauert haben.
Die Köln-Düsseldorfer streicht Fahrten und tauscht Schiffe
Für die Ausflugsschifffahrt gilt eine andere Schwelle. Ab etwa 80 Zentimetern Wassertiefe an den Anlegern beginnen die Einschränkungen: Landebrücken stehen steil, das Ein- und Aussteigen wird schwieriger, einzelne Anlegestellen sind nicht mehr anfahrbar. Veranstaltungen, die an Bord liegender Schiffe geplant sind, müssen dann an Land verlegt werden. Da der Kölner Pegel diese Marke bereits deutlich unterschritten hat, betrifft das die Rheinflotte auf ganzer Linie — nicht nur in Köln, sondern auch an den Anlegern zwischen Bonn, Königswinter und dem Mittelrhein, wo die Uferverhältnisse enger sind als vor der Kölner Altstadt.
Die Köln-Düsseldorfer hat deshalb zahlreiche Fahrten zwischen Köln, Bonn, Koblenz und Rüdesheim gestrichen, nach Angaben von t-online mindestens bis zum 9. August. Betroffen sind unter anderem die Abfahrt um 9.30 Uhr von Köln über Bonn und Königswinter nach Linz, die Verbindung um 9 Uhr von Koblenz nach Rüdesheim und zurück sowie die Rundfahrt um 10.15 Uhr ab Boppard über St. Goar und St. Goarshausen nach Koblenz. Der Raddampfer Goethe kann die Nostalgie-Route nicht bedienen; ersatzweise fährt zunächst bis zum 23. August der Salondampfer MS Asbach.
- Kölner Pegel am 31. Juli, 20 Uhr: 68 Zentimeter
- Bisheriger Tiefstwert: 69 Zentimeter am 23. Oktober 2018
- Wassertiefe in der Kölner Fahrrinne: 1,11 Meter
- Pegel Kaub zeitweise: 25 Zentimeter
- Pegel Düsseldorf: 23 Zentimeter
- Ladekapazität der Frachtschiffe: rund 20 Prozent
- Frachtrate Rotterdam–Karlsruhe: 145 bis 150 Euro je Tonne, Ende Juni 45 Euro
Nicht angefahren werden können nach denselben Angaben die Anleger Bad Honnef, Unkel, Wesseling, Oberlahnstein, Kamp-Bornhofen, St. Goarshausen, Assmannshausen, Oberwesel und Lorch. Für Gäste heißt das: Wer eine Fahrkarte für eine dieser Stationen gebucht hat, muss mit einer Absage oder einem geänderten Fahrplan rechnen und sollte den Stand vor der Anreise prüfen. Für die Orte selbst fällt in der Hauptsaison ein Teil des Tagestourismus aus — an Anlegern wie Assmannshausen oder Oberwesel kommt ein erheblicher Anteil der Gäste über das Wasser.
Der Pegel ist Kölns älteste laufende Messreihe
Der Kölner Pegel ist mehr als eine Zahl für die Schifffahrt. Er ist die Bezugsgröße, an der die Stadt seit dem 19. Jahrhundert Hochwasser wie Niedrigwasser misst, und er taucht in der Hochwasserschutzplanung ebenso auf wie in den Betriebsanweisungen der Rheinwerften. Dass die Bandbreite zwischen Extremwerten größer wird — 2021 stand das Wasser im Juli meterhoch, 2026 fehlt es Ende Juli — ist für die Planung der schwierigere Befund als jeder einzelne Rekord. Kurzfristig lässt sich daran nichts ändern; mittelfristig steht die Frage im Raum, wie zuverlässig ein Verkehrsweg ist, der in trockenen Sommern nur eingeschränkt zur Verfügung steht.
Für Köln selbst hat das Niedrigwasser bislang keine unmittelbaren Folgen für die Trinkwasserversorgung, die aus Grundwasserwerken gespeist wird. Sichtbar wird es dagegen am Ufer: Auf der Deutzer Seite und an den Poller Wiesen fallen Kiesbänke trocken, die sonst unter Wasser liegen. Wer über die Hohenzollernbrücke geht, sieht die Buhnenfelder vor Deutz in einer Ausdehnung, die es seit 2018 nicht gab. Am rechten Ufer reicht der freigelegte Streifen stellenweise mehrere Meter weiter in den Strom hinein als sonst im Hochsommer.
Was jetzt offen ist
Offen ist zunächst, wie tief der Pegel noch fällt. Die Vorhersagen der Wasserstraßen- und Schifffahrtsverwaltung, veröffentlicht über das Portal Elwis, reichen nur wenige Tage in die Zukunft und hängen unmittelbar davon ab, ob und wo im Einzugsgebiet Regen fällt. Kurze Gewitterschauer helfen kaum, weil das Wasser auf ausgetrockneten Böden abläuft, statt zu versickern und den Grundwasserspeicher zu füllen. Erst mehrtägige, flächige Niederschläge im Alpenraum und in den Mittelgebirgen würden den Pegel nachhaltig anheben.
Ebenfalls offen ist, ob und wann Bund oder Wasserstraßenverwaltung zusätzliche Maßnahmen ergreifen; Beschlüsse dazu lagen am 31. Juli nicht vor. Bis dahin bleibt die Lage so, wie sie sich an diesem Abend darstellte: ein Fluss, der noch fließt, aber kaum noch trägt. Der nächste belastbare Zwischenstand ergibt sich aus den täglichen Messwerten am Kölner Pegel, die fortlaufend veröffentlicht werden. Ob der Rekord vom 31. Juli lange Bestand hat, entscheidet sich in den kommenden Wochen — nach Brandts Einschätzung eher nicht zugunsten des Rekords.




