Donnerstag, 6. August 2026 Ausgabe Nr. 240
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Jubiläumsgeschenk

60.000 Euro für den Osthof: Kalk bekommt endlich Wegweiser

Zum zwanzigsten Geburtstag schenken sich die RheinEnergieStiftungen kein Fest, sondern Mobiliar und ein Orientierungssystem für ein Kulturgelände, das bislang schwer zu finden war.

Friederike Wolters, Redakteurin — KI-generiertes Porträt
Friederike Wolters
Kultur & Karneval

Lesezeit 6 Min.
Weites Industriegelände mit Backsteinhallen und aufgebrochenem Asphalt
Der Osthof gehört zum Areal der Hallen Kalk im rechtsrheinischen Köln. · Symbolbild (KI-generiert)

Man kann sich zum runden Geburtstag beschenken lassen, oder man kann selbst etwas verschenken; die RheinEnergieStiftungen Familie und Kultur haben sich für das Zweite entschieden. Zum zwanzigjährigen Bestehen geben sie 60.000 Euro an den Osthof in Köln-Kalk, und was davon entsteht, klingt zunächst unspektakulär: Aufenthalts- und Begegnungselemente, ein Orientierungssystem, multifunktionales Mobiliar. Präsentiert wurden die Ergebnisse am Freitag, 17. Juli 2026, beim Tag der offenen Tür; die Stiftungen teilten das Vorhaben am Montag, 20. Juli 2026, mit.

Unspektakulär ist es nur auf dem Papier. Wer den Osthof je gesucht hat, weiß, dass dieses Gelände seine eigene Unsichtbarkeit produziert: ein weitläufiges Areal mit Hallen, Höfen und Zwischenräumen, auf dem zahlreiche Initiativen, Kreative und Nachbarschaftsprojekte arbeiten – und auf dem man ohne Vorwissen nicht erkennt, wo etwas anfängt und wo es aufhört. Ein Orientierungssystem ist hier kein Zierrat, sondern die Voraussetzung dafür, dass Publikum überhaupt ankommt.

Entwickelt wurde das Ganze mit Studierenden

Erarbeitet wurden die Elemente gemeinsam mit der Verantwortungsgemeinschaft Osthof Kalk, kurz VGO, mit Studierenden der TH Köln und mit dem Architekturbüro Studio Quack. Über mehrere Monate wurde in Workshops entworfen, gemeinsam gebaut und Bestehendes weitergedacht. Das Ziel benennen die Stiftungen offen: die Sichtbarkeit der auf dem Gelände aktiven Initiativen zu stärken, den Zugang für Besucherinnen und Besucher zu erleichtern und den Osthof stärker im Stadtteil zu verankern.

Man sollte sich das Gelände als das vorstellen, was es ist: ein Stück Industriegeschichte, das in Kulturnutzung übergegangen ist, ohne dafür je umgebaut worden zu sein. Solche Orte gibt es in Köln mehrere, und sie haben alle dasselbe Problem. Sie sind groß, sie sind roh, und sie erklären sich nicht von selbst. Wer ein Theater betritt, weiß, wo die Kasse ist. Wer einen Hof betritt, auf dem Zirkus, Kunst und Nachbarschaftsarbeit nebeneinander stattfinden, weiß es nicht.

Schlichte Holzbänke und Tische auf einem gepflasterten Hof
Multifunktionales Mobiliar soll den Hof als Aufenthaltsort nutzbar machen. · Symbolbild (KI-generiert)

Es ist ein Verfahren, das man aus der Kölner Kulturförderung der letzten Jahre kennt und das doch nicht selbstverständlich ist. Üblicher wäre gewesen: Ein Stifter beauftragt ein Büro, das Büro liefert ein Leitsystem, das Leitsystem wird montiert. Hier war die Reihenfolge eine andere. Erst wurde gefragt, wer das Gelände nutzt, dann wurde entworfen. Das dauert länger und produziert weniger Hochglanz, hat aber den Vorteil, dass die Möbel dort stehen, wo tatsächlich jemand sitzt.

„Zum 20-jährigen Bestehen der RheinEnergieStiftungen Familie und Kultur wollten wir gemeinsam mit der Stadtgesellschaft ein besonderes Projekt realisieren.“

Susanne Hilger, geschäftsführende Vorständin der RheinEnergieStiftungen

Wer auf dem Osthof eigentlich arbeitet

Über mehrere Monate wurde in Workshops entwickelt, gemeinsam gebaut und Bestehendes weitergedacht – so beschreiben es die Stiftungen. Das klingt nach Beteiligungsvokabular, hat hier aber eine handfeste Folge: Die neuen Elemente stehen nicht nur herum, sie sind mit denen entstanden, die sie benutzen. Ob ein solches Verfahren länger hält als ein eingekauftes Leitsystem, wird man in ein paar Jahren sehen. Erfahrungsgemäß hält Mobiliar, das jemand mitgebaut hat, deutlich länger als Mobiliar, das jemand geliefert bekommen hat.

Die Verantwortungsgemeinschaft Osthof verfolgt nach eigener Darstellung das Ziel, auf dem Osthof des Areals Hallen Kalk einen inklusiven, gemeinwohlorientierten, öffentlichen und solidarischen Quartiers-, Kultur-, Arbeits- und Begegnungsort zu schaffen. Begonnen hat sie 2024 mit Pioniernutzungen. Zu ihren Mitgliedern gehören das CCCC – Kreationszentrum Zeitgenössischer Zirkus, der Kulturhof Kalk und das Kunsthaus Kalk, vormals X-Süd, getragen von Kubist in Kooperation mit raumlaborberlin. Assoziierte Partner sind die AbenteuerHallenKALK und das Museum Selma der DOMID gGmbH.

Offene Werkhalle mit Zirkusgerät und hohem Dachtragwerk
Zeitgenössischer Zirkus, Kunsthaus und Kulturhof teilen sich das Gelände. · Symbolbild (KI-generiert)

Diese Aufzählung ist mehr als eine Namensliste; sie beschreibt eine kulturelle Mischung, die es in Köln in dieser Dichte kaum ein zweites Mal gibt. Zirkus, bildende Kunst, Jugendkultur, Migrationsgeschichte und Nachbarschaftsarbeit auf einem einzigen Gelände – das ist in der Kölner Kulturlandschaft eher die Ausnahme als die Regel, weil die Häuser hier traditionell nach Sparten getrennt sind. Genau deshalb ist die Frage der Orientierung nicht nur logistisch: Ein Gelände, auf dem sich fünf Kulturen begegnen sollen, muss zeigen, wo diese Kulturen jeweils zu Hause sind.

Auf dem Gelände wird nicht nur gefeiert

Ungetrübt ist die Lage nicht. Auf ihrer Website erklärt die Verantwortungsgemeinschaft, sie nehme den nun vorgesehenen Standortwechsel des Museums Selma mit Bedauern zur Kenntnis; sie hätte das Haus gern als Nachbarin begrüßt, gerade im Kontext der Migrationsgeschichte und -gegenwart Kalks. Die Entscheidung bedeute auch einen Rückschritt für die kulturelle Entwicklung der rechtsrheinischen Seite, die weiterhin strukturell benachteiligt sei. Zugleich betont die VGO, ihre Vision einer gemeinwohlorientierten Entwicklung des Areals bleibe bestehen – nachzulesen auf der Seite der Verantwortungsgemeinschaft.

Dass eine Nachbarschaft ihre Enttäuschung dokumentiert und im selben Text die Zusammenarbeit anbietet, ist bemerkenswert. Der Ton bleibt sachlich, die Forderung ist klar adressiert: Die Stadt Köln solle ihre Verantwortung für eine ausgewogene kulturelle Infrastruktur ernst nehmen und Kalk als Kulturstandort nachhaltig stärken. Ein Orientierungssystem für 60.000 Euro beantwortet diese Forderung selbstverständlich nicht.

Über die Verortung im Stadtteil lohnt eine Bemerkung. Kalk ist ein Ort mit Industriegeschichte, hoher Zuwanderung und einer Kulturinfrastruktur, die traditionell hinter der linksrheinischen zurückbleibt – ein Ungleichgewicht, das in Köln seit Jahrzehnten beklagt und selten behoben wird. Wer dort investiert, investiert deshalb immer auch in ein Argument. Die Stiftungen formulieren das vorsichtig: Man habe bewusst einen Ort gewählt, an dem sich zeige, wie gemeinwohlorientierte und kooperative Stadtentwicklung gelingen könne.

In einem Punkt ist die Verbindung zwischen Stiftung und Hochschule bemerkenswert. Birgit Mager, Professorin für Service Design an der TH Köln, hat unter anderem das Kölner Projekt Gulliver mitentwickelt, eine Anlaufstelle der Obdachlosenhilfe. Nun waren erneut Studierende der TH Köln beteiligt, diesmal an einem Kulturort in Kalk. Die Kölner Hochschulen sind in der Stadtentwicklung längst keine bloßen Zulieferer von Gutachten mehr; sie stellen Personal, Methode und, was oft unterschätzt wird, Geduld.

Publikum auf Holzklappstühlen in einem Hof zwischen Backsteinbauten, vorn eine beleuchtete Holzbühne mit Lichterketten
Beim Tag der offenen Tür am 17. Juli zeigte der Osthof erstmals, was aus dem Jubiläumsgeschenk der RheinEnergieStiftungen entstanden ist. · Symbolbild (KI-generiert)

Zwanzig Jahre, zwei Millionen im Jahr

Zur Einordnung: Die drei RheinEnergieStiftungen fördern nach eigenen Angaben jährlich mit rund zwei Millionen Euro gemeinnützige Projekte für gesellschaftlichen Zusammenhalt und Chancengerechtigkeit in Köln und der Region. Die Stiftungen Familie und Kultur bestehen seit 2006, die ältere Stiftung Jugend/Beruf, Wissenschaft ist bereits seit 1998 in der Bildungs- und Wissenschaftsförderung tätig. Die 60.000 Euro für den Osthof entsprechen damit etwa drei Prozent einer Jahresförderung.

Beim Tag der offenen Tür konnten Besucherinnen und Besucher die neuen baulichen und gestalterischen Elemente erkunden; Führungen, öffentliche Proben, Mitmachangebote und Gespräche mit den Projektpartnern gaben Einblick in den Entwicklungsprozess. Was bleibt, ist eine Erleichterung sehr einfacher Art. Wer künftig nach Kalk fährt, um Zirkus, Kunst oder Nachbarschaft zu suchen, wird sie finden – und das ist bei einem Gelände, dessen größtes Problem seine Unsichtbarkeit war, kein kleines Geschenk.

Die Stiftungen selbst rechnen ihr Engagement über die Region hinweg: Nach eigener Darstellung fördern sie gesellschaftlichen Zusammenhalt und Chancengerechtigkeit in Köln und der Region, wobei die Stiftung Kultur ausdrücklich kulturelle Bildung, Teilhabe, Community Arts und die künstlerische Entwicklung freier Initiativen und Gruppen unterstützt. Der Osthof passt exakt in diese Kategorie, wie die Mitteilung der RheinEnergie deutlich macht. Ein Kulturhaus mit festem Etat hätte diese Mittel gar nicht beantragen können.

Es bleibt die Frage, wie dauerhaft eine solche Investition ist. Die VGO hat 2024 mit Pioniernutzungen begonnen – ein Begriff, der Vorläufigkeit einschließt. Pioniernutzungen sind Zwischennutzungen mit Aussicht auf Verstetigung, aber ohne Garantie. Wer 60.000 Euro in Mobiliar und Orientierung steckt, setzt darauf, dass die Nutzung bleibt. Eine Zusage der Stadt Köln über die künftige Entwicklung des Areals ist im Zusammenhang mit dem Jubiläumsprojekt nicht mitgeteilt worden.

Quellen und Weiterlesen
Friederike Wolters, Redakteurin — KI-generiertes Porträt
Friederike Wolters
Redakteurin · Kultur & Karneval
Kunsthistorikerin mit Sitzungskarnevals-Abo. Schreibt über Museen, Bühnen und die fünfte Jahreszeit — und darüber, warum beides in Köln dasselbe ist.
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