Donnerstag, 6. August 2026 Ausgabe Nr. 240
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Residenzen

Zwei Kölner Stipendien für zwei Monate am Bosporus

Die Stadt Köln schickt den Regisseur Mehmet Akif Büyükatalay und die Klangkünstlerin Farah Wind für August und September ins Atelier Galata. Eine dritte Residenz ist ausgeschrieben.

Friederike Wolters, Redakteurin — KI-generiertes Porträt
Friederike Wolters
Kultur & Karneval

Lesezeit 5 Min.
Blick über Dächer eines alten Istanbuler Stadtviertels zum Wasser am Nachmittag
Zwei Monate am Bosporus: Das Atelier Galata beherbergt die Kölner Stipendiaten im August und September. · Symbolbild (KI-generiert)

Die Stadt Köln hat zwei Residenzstipendien im Atelier Galata in Istanbul vergeben: Der Filmemacher, Autor und Regisseur Mehmet Akif Büyükatalay und die Klangkünstlerin Farah Wind arbeiten dort im August und September. Das teilte die Verwaltung am Freitag mit. Zugleich schrieb sie ein weiteres Stipendium aus, diesmal im Bereich Literaturvermittlung und für die Monate November und Dezember; Bewerbungsschluss ist Dienstag, der 18. August 2026.

Bemerkenswert an dieser Meldung ist nicht das Stipendium, sondern das Wort, das die Stadt für das Programm benutzt: wechselseitig. Es geht also nicht darum, Kölner Kunstschaffende in die Ferne zu schicken und hinterher zu fragen, was sie mitgebracht haben; es geht um einen Austausch in beide Richtungen, bei dem auch Istanbuler Kunstschaffende zeitweise in Köln arbeiten. Das ist ein feiner Unterschied – und einer, der in der Geschichte städtischer Kulturförderung nicht selbstverständlich ist.

Ein Regisseur, dessen Filme längst zwischen den Städten spielen

Mehmet Akif Büyükatalay lebt in Köln und hat hier die Produktionsfirma filmfaust gegründet. Seine Spielfilme „Oray“ und „Hysteria“ sind nach Angaben der Stadt mehrfach ausgezeichnet worden. Er wird beide Monate in Istanbul verbringen. Dass ausgerechnet ein Regisseur, dessen Arbeiten das Verhältnis von Herkunft, Religion und Zugehörigkeit verhandeln, eine Residenz am Bosporus antritt, hat eine gewisse Folgerichtigkeit; man könnte auch sagen: Es ist die naheliegendste Besetzung, die eine Jury treffen konnte.

Leerer Atelierraum mit hohen Fenstern, Holzdielen und einem Arbeitstisch
Ein Arbeitsraum auf Zeit: Residenzstipendien finanzieren vor allem die Abwesenheit vom Alltag. · Symbolbild (KI-generiert)

Farah Wind, 1997 geboren und in Köln ansässig, arbeitet mit Klang. Sie plant in Istanbul eine mehrteilige Web-Broadcastserie zusammen mit Radiokünstlerinnen und Radiokünstlern aus beiden Städten. Das ist, wenn man so will, die zeitgemäße Form der alten Idee vom Kulturaustausch: Statt eines Werks, das später in einer Ausstellung hängt, entsteht ein Format, das während der Arbeit schon sendet. Radiokunst hat in Köln Tradition genug, um diesen Ansatz nicht als Modeerscheinung abzutun: Im Studio für elektronische Musik des Rundfunks, 1951 in Köln eingerichtet, wurde vorgemacht, dass ein Sender auch ein Labor sein kann. Eine Web-Broadcastserie ist die kleine, bewegliche Schwester dieser Idee – ohne Studiotechnik im Wert eines Einfamilienhauses, dafür mit zwei Städten am selben Kabel.

Über die Vergabe entschied eine unabhängige Jury. Ihr gehörten nach Angaben der Stadt Professoren der Kunsthochschule für Medien Köln an, eine Referentin des Kulturamtes und ein früherer Stipendiat. Diese Zusammensetzung ist aufschlussreich: Sie bindet die Hochschule ein, die Verwaltung und die Erfahrung derjenigen, die das Programm bereits durchlaufen haben. Wer je in einem Vergabegremium gesessen hat, weiß, dass die dritte Stimme oft die praktischste ist.

Das Programm lebt von Partnern, die keine Behörden sind

Getragen wird das Ganze nicht von der Stadt allein. Als Partner nennt die Mitteilung vom 24. Juli das Quartier am Hafen, die Initiative IstanbulBerlin, die RheinEnergie Stiftung und die Kunstsalon Stiftung. Für das Literaturstipendium läuft die Bewerbung über die Adresse [email protected]. Eine kommunale Residenz, deren Bewerbungen an eine schlichte Mailadresse gehen: Das ist weniger Provisorium als Praxis. Programme dieser Größe funktionieren über Personen, nicht über Portale.

  • Stipendiaten Bildende Kunst: Mehmet Akif Büyükatalay und Farah Wind
  • Zeitraum: August und September 2026 im Atelier Galata, Istanbul
  • Neue Ausschreibung: Literaturvermittlung für November und Dezember 2026
  • Bewerbungsschluss: Dienstag, 18. August 2026
  • Partner: Quartier am Hafen, IstanbulBerlin, RheinEnergie Stiftung, Kunstsalon Stiftung
Mikrofon und Kopfhörer auf einem Tisch in einem improvisierten Aufnahmeraum
Farah Wind plant eine mehrteilige Web-Broadcastserie mit Radiokünstlerinnen und Radiokünstlern beider Städte. · Symbolbild (KI-generiert)

Auffällig ist auch, wie unterschiedlich die beiden Vorhaben angelegt sind. Der eine Stipendiat arbeitet in einem Medium, das Jahre bis zur Fertigstellung braucht und am Ende einen Kinostart hat; die andere in einem, das sich fortlaufend veröffentlichen lässt und von der Beteiligung anderer lebt. Eine Jury, die beides in dieselbe Residenz schickt, entscheidet sich bewusst gegen ein einheitliches Profil. Das kann man riskant nennen oder klug.

Warum Städte ihre Künstler überhaupt fortschicken

Residenzstipendien sind eine vergleichsweise junge Erfindung der kommunalen Kulturpolitik, und ihre Logik ist auf den ersten Blick paradox: Eine Stadt gibt Geld aus, damit jemand nicht da ist. Der Nutzen liegt in dem, was danach kommt – in Arbeiten, Kontakten und Netzwerken, die vor Ort nicht entstanden wären. Das ist schwer zu bilanzieren und deshalb regelmäßig ein Kandidat für die Streichliste, wenn ein Kulturhaushalt zusammengestrichen wird.

Gerade das macht die aktuelle Vergabe zu einer politischen Aussage, auch wenn sie sich nicht als solche gibt. In einem Sommer, in dem Kulturhaushalte allerorten unter Druck stehen, schickt die Stadt zwei Kunstschaffende für zwei Monate ans andere Ende des Kontinents und schreibt gleich die nächste Residenz aus. Man kann das für ein Signal halten oder für Routine; die Wahrheit liegt vermutlich in der Mitte, weil ein einmal eingerichtetes Programm ein Eigenleben entwickelt. Residenzen sind vergleichsweise günstig – sie brauchen kein Haus, keine Aufsicht, keine Klimatechnik –, und sie erzeugen Bilder, die sich gut in einem Jahresbericht machen. Auch das gehört zur Wahrheit über die Gattung.

Zur Größenordnung schweigt die Mitteilung. Wie hoch die Stipendien dotiert sind, wie viele Bewerbungen eingegangen waren und seit wann es das Programm gibt, teilt die Stadt nicht mit. Das ist bedauerlich, denn genau diese Zahlen entscheiden darüber, ob eine Residenz für Kunstschaffende ohne finanzielles Polster überhaupt in Frage kommt. Zwei Monate Abwesenheit muss man sich leisten können – oder finanziert bekommen. Wer in Köln eine Wohnung hält, ein Atelier mietet und nebenbei unterrichtet, rechnet vor einer Bewerbung sehr genau nach, was ein Aufenthalt kostet und was er einbringt. Transparenz an dieser Stelle wäre kein Detail, sondern Teil der Ausschreibung.

Auch die Wahl des Ortes verdient einen zweiten Blick. Galata ist jenes Viertel am nördlichen Ufer des Goldenen Horns, das seit Jahrhunderten von Zuzug lebt: Genueser Kaufleute, Handwerker, Diplomaten, später Künstler. Ein Atelier ausgerechnet dort einzurichten, ist eine Setzung, keine Verlegenheitslösung. Wer in Galata arbeitet, arbeitet in einer Stadtgeschichte, die vom Dazwischen handelt – was für ein Austauschprogramm die passende Adresse sein dürfte.

Kölner Hinterhofgebäude mit Werkstattfenstern und Kopfsteinpflaster im Sommer
Das Programm ist wechselseitig: Auch Istanbuler Kunstschaffende arbeiten zeitweise in Köln. · Symbolbild (KI-generiert)

Im November folgt die Literatur

Der nächste Termin steht: Bis zum 18. August können sich Interessierte für die Residenz im Bereich Literaturvermittlung bewerben, die im November und Dezember stattfindet. Literaturvermittlung meint dabei ausdrücklich mehr als das Schreiben selbst – Übersetzung, Programmarbeit, das Organisieren von Öffentlichkeit für Texte. Für eine Stadt mit einem großen Literaturfestival und einer dichten Verlagslandschaft ist das ein passender Zuschnitt. November und Dezember sind zudem die Monate, in denen in Istanbul die Touristensaison vorbei ist und die Stadt sich wieder selbst gehört – für Vermittlungsarbeit vermutlich der bessere Zeitpunkt als der August.

Bleibt das Wort vom Anfang. Wechselseitig ist ein Anspruch, kein Zustand; er löst sich erst ein, wenn im Kölner Programm des kommenden Jahres Arbeiten auftauchen, die in Istanbul begonnen haben, und wenn umgekehrt jemand aus Istanbul hier gearbeitet hat. Die Meldung vom Freitag beschreibt die Hinreise. Über die Rückreise wird man im Winter sprechen müssen, wenn die ersten Sendungen der Broadcastserie zu hören sind und wenn sich zeigt, ob aus zwei Monaten Galata mehr geworden ist als zwei Monate Galata. Weitere Mitteilungen der Verwaltung finden sich im Presseservice der Stadt Köln.

Quellen und Weiterlesen
Friederike Wolters, Redakteurin — KI-generiertes Porträt
Friederike Wolters
Redakteurin · Kultur & Karneval
Kunsthistorikerin mit Sitzungskarnevals-Abo. Schreibt über Museen, Bühnen und die fünfte Jahreszeit — und darüber, warum beides in Köln dasselbe ist.
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