20 Jahre Odonien: Skulpturenpark am Tag, Clubnacht ab 22 Uhr
Am 9. Mai feierte das Odonien an der Hornstraße sein 20-jähriges Bestehen – neun Stunden offenes Tor, danach zehn Stunden Clubnacht. Über einen Betrieb, der sich nicht festlegen lässt.
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Um 13 Uhr stand das Tor an der Hornstraße 85 offen, und es blieb neun Stunden lang offen. Der 9. Mai war im Odonien der Tag des offenen Tors: freier Eintritt, Führungen durch den Skulpturenpark, Live-Konzerte, Performances, Kunstinstallationen, dazu Essen und Getränke im Hof. Um 22 Uhr wechselte der Betrieb dann den Aggregatzustand. Ab da kostete der Eintritt 10 Euro, und es lief eine Clubnacht bis acht Uhr morgens. Anlass war ein Geburtstag: Das Odonien wurde 20.
19 Stunden am Stück, vom Nachmittagsprogramm für alle bis zum Sonnenaufgang – das ist keine Regieanweisung, sondern die Kurzbeschreibung dieses Ortes. Das Odonien bezeichnet sich selbst als größten soziokulturellen Kulturort der freien Szene Köln und listet fünf Funktionen auf, die dort ineinanderlaufen: Freiluftatelier, Club, Kulturzentrum, Veranstaltungsort und Werkstatt. Für diese Mischung gibt es in der Kölner Kulturlandschaft keine saubere Schublade, und in keinem Förderraster ist sie vorgesehen. Genau das ist der Punkt.
Zwei dieser Begriffe verdienen eine Übersetzung. Soziokultur meint in der Förderlogik der Städte Kulturarbeit, die nicht von einer Institution nach unten gereicht wird, sondern aus einem Stadtteil heraus entsteht: offene Werkstätten, Nachbarschaftsprojekte, Programme ohne Abonnement. Freiluftatelier wiederum heißt schlicht, dass hier unter freiem Himmel gearbeitet wird. Die Skulpturen entstehen nicht in einer Halle, um anschließend in einen Park gestellt zu werden – sie stehen dort, wo sie gebaut wurden. Wer das Gelände betritt, betritt eine Produktionsstätte und keine Ausstellung.
Dieser Ort muss sich nicht entscheiden, was er ist
Wer tagsüber zum ersten Mal durch das Tor geht, steht zunächst in einem Skulpturenpark. Monumentale Skulpturen, absurde Installationen, außergewöhnliche Fundstücke, dazwischen üppig bepflanzte Flächen – so beschreibt das Haus den Außenbereich selbst. Das Material ist Stahl und Industrieschrott, die Farbe ist rostbraun, und selbst die Pflanzgefäße sind Fundstücke: zerbrochene Kabeltrommeln, Pumpengehäuse, verwitterte Holzschwellen. Ein Skulpturenpark, in dem nachts getanzt wird, ist in Köln eine Ausnahme. Einer, der die dazugehörige Werkstatt gleich mitliefert, erst recht.
Hinter den Arbeiten steht Odo Rumpf, der dem Gelände auch den Namen gegeben hat. Rumpf ist diplomierter Maschinenbauingenieur und Metallbildhauer und arbeitet seit 1991 hauptberuflich als Künstler. Von ihm stammt unter anderem der Solarvogel an der Kölner Rheinpromenade, für den er 1997 den Europäischen Solarpreis in der Kategorie Kunst erhielt. Die Kombination aus Ingenieurwesen und Bildhauerei erklärt einiges an diesem Gelände: Hier wird nicht dekoriert, hier wird geschweißt, und die Statik hält auch dann, wenn sich nachts eine Menschenmenge daran vorbeischiebt.
Der Nachmittag des 9. Mai war entsprechend gebaut. Zum Tag des offenen Tors konnten Besucherinnen und Besucher den Skulpturenpark auf Führungen erkunden, dazu liefen Live-Konzerte, Performances und Kunstinstallationen, begleitet von Getränken und Essen im Hof. Neun Stunden ohne Eintritt, an einem Samstag, mitten in einem Viertel, in dem sonst fast jede Fläche verwertet wird. Für ein Jubiläum ist das eine bemerkenswert unspektakuläre Entscheidung: kein Festakt, kein Grußwort, sondern einfach die Tür auf.
Bemerkenswert war schon die Ankündigung. Als das Haus das Jubiläum auf seiner eigenen Seite meldete, stand der Termin fest, das vollständige Programm aber noch nicht; es sollte in den Wochen darauf folgen. Ein Konzerthaus arbeitet mit Spielzeiten und Vorverkaufsfristen von Monaten, hier wird ein Geburtstag angekündigt und der Inhalt nachgereicht. Das ist kein Versäumnis, sondern die Arbeitsweise eines Ortes, der überwiegend mit Leuten arbeitet, die tagsüber anderes zu tun haben. Wer mitfeiern wollte, musste die Seite eben noch einmal aufrufen.
Um 22 Uhr übernahmen die Decks. Das Haus kündigte die Nacht als Clubnacht mit Family und Friends an – also mit Leuten aus dem eigenen Umfeld statt mit einem eingekauften Namen von außen. Gespielt wurden House, Groove, Techno und Drum'n'Bass, also die vier Richtungen, die im Odonien ohnehin am häufigsten nebeneinander laufen. Wer im Publikum stand, bekam im Lauf der Nacht alles zwischen warm und tanzbar und schnell und hart. Das Line-up las sich so:
- Dimon & Lyzanne
- Oskø & Anna & Ramón
- Chromat & Sandilé
- Kuiper Belt Objects
- Eva Mo & Pileta
- Tim Pichet
- Bach & Blüte
10 Euro für eine Nacht, die bis acht Uhr morgens läuft: Das ist ein Preis, der eher nach Vereinsfest klingt als nach Clubticket, und er gehört zur Geschichte dieses Ortes. Ein Betrieb, der sich als soziokultureller Kulturort versteht, kalkuliert anders als ein Haus, das an der Tür Rendite erwirtschaften muss. Ob diese Rechnung dauerhaft aufgeht, wenn Energie, Personal und Technik teurer werden, beantwortet im Odonien niemand öffentlich. Es ist dieselbe Frage, die derzeit für die halbe freie Szene in dieser Stadt offen ist.
Family und Friends an den Decks ist außerdem eine ökonomische Aussage. Wer zum Jubiläum keine international gebuchten Namen holt, spart nicht nur Gagen, Anreise und Übernachtung, sondern verzichtet zugleich auf das Argument, mit dem sich Tickets sonst am schnellsten verkaufen. Das funktioniert nur an einem Ort, dessen Publikum wegen des Ortes kommt und nicht wegen des Namens auf dem Plakat. 20 Jahre sind vermutlich ungefähr die Zeit, die man braucht, um sich das zu erarbeiten.
An der Bar hängt kein Plakat, dort gilt ein Codewort
Wer über Nachtbetrieb schreibt, kommt an der Frage nicht vorbei, wie ein Haus mit Übergriffen umgeht. Das Odonien führt dafür ein eigenes Konzept unter dem Namen Club Care. Erste Anlaufstelle ist die Bar. Wer sich unwohl oder bedroht fühlt, kann dort das Codewort „Luisa“ nennen – ein bundesweit verbreitetes System, bei dem dieser eine Name genügt, damit das Personal ohne weitere Erklärung eingreift, den Gast begleitet oder Hilfe holt. Rückmeldungen nimmt das Haus zusätzlich per E-Mail an [email protected] entgegen.
Dazu kommen Regeln, die man an anderen Kölner Türen nicht in dieser Deutlichkeit findet. Das Haus formuliert den Anspruch, ein safer space zu sein, also ein Raum, in dem sich auch Menschen sicher bewegen können, die anderswo mit Anmache oder Anfeindung rechnen müssen. Während des Betriebs gilt ein Fotoverbot. Und es gilt ein Shirt-Gebot: Oberkörperfrei feiern ist nicht erwünscht, ausdrücklich aus Solidarität – wenn es nicht alle dürfen, dürfen es auch die nicht, die es könnten.
Eine Nacht, die um acht Uhr morgens endet, ist im Übrigen kein Selbstläufer. Open-Air-Betrieb heißt: Der Ton endet nicht an einer Wand, sondern zieht über das Gelände hinaus, und je nach Wetterlage weiter, als es jedem Betreiber lieb ist. Schallschutz und Sperrzeiten sind für Häuser mit Außenfläche deshalb die härtere Währung als jedes Programmheft. Wie das Odonien diese Fragen im Einzelnen löst, legt es öffentlich nicht dar. Dass sie sich stellen, ist nach 20 Jahren Betrieb im Stadtgebiet allerdings sicher.
Barrierefreiheit steht hier als Wegebeschreibung da, nicht als Etikett
Auch beim Thema Zugänglichkeit bleibt das Haus konkreter als üblich. Das Gelände ist nach eigener Auskunft weitgehend barrierefrei, einzelne Wege sind allerdings unbefestigt und uneben – ein Hinweis, den viele Veranstalter lieber weglassen, weil er nach Einschränkung klingt. Im Biergarten gibt es eine barrierefreie Toilette mit einem Wendekreis von 1,50 Metern. Assistenzpersonen zahlen keinen Eintritt. Wer im Rollstuhl unterwegs ist, kann anhand dieser drei Angaben vorher entscheiden, ob ein Abend funktioniert. Das ist mehr wert als jedes Bekenntnis im Leitbild.
Das Jubiläum war nicht die einzige Feier des Jahres: Für den 6. Juni war eine weitere Jubiläumsparty angesetzt. Und schon am 28. März gehörte das Odonien zu den zehn Spielstätten der Clubnacht Ehrenfeld XL, bei der ein Ticket den Zugang zu mehreren Häusern des Viertels öffnet. Der Ort funktioniert also in beide Richtungen: als eigenständiger Betrieb und als Teil eines Verbunds, der die Ehrenfelder Clublandschaft für einen Abend zu einem einzigen Parcours zusammenschaltet.
Solche Verbünde sind in Köln keine Folklore, sondern eine Reaktion auf Kosten. Eine gemeinsame Clubnacht verteilt Werbung, Ticketing und Aufmerksamkeit auf zehn Schultern statt auf eine, und sie führt Publikum in Häuser, die es sonst nie betreten hätte. Für ein Gelände, das ohnehin zwischen Kunst und Nachtleben pendelt, ist das ein naheliegender Weg: Wer einmal wegen einer Clubnacht durch das Tor gegangen ist, kommt womöglich im Sommer zum Open-Air-Kino wieder.
Im regulären Betrieb hängt an diesem Gelände ein Programm, das mit dem Wort Club nur halb beschrieben ist. Das Haus veranstaltet Konzerte, Ausstellungen, Open-Air-Kino, Kunstmärkte und Comedy-Abende, dazu die Odonische Freitagsbühne mit wechselndem Musikprogramm, eine Sonntagsbühne und Formate wie einen Travel Slam. Flohmärkte kommen hinzu. Der Clubbetrieb selbst bewegt sich, so beschreibt es das Haus, zwischen Techno, Trance und House – je nachdem, wer die jeweilige Nacht kuratiert. Ein einheitliches Profil gibt es nicht, und das ist erkennbar Absicht.
Ein Betrieb zwischen Kunst und Nachtleben passt in keine Kategorie
Kulturpolitisch ist ein solcher Mischbetrieb kompliziert, und zwar in beide Richtungen. Wer Kunst zeigt, eine Werkstatt betreibt und Konzerte veranstaltet, argumentiert gegenüber der Verwaltung anders als ein reiner Club – und wer nachts bis acht Uhr Techno spielt, wird von Nachbarschaft und Ordnungsamt anders wahrgenommen als ein Museum. Zwischen diesen beiden Bildern liegt das Odonien seit 20 Jahren. Dass ein Ort mit dieser Doppelnatur so lange durchhält, ist in einer Stadt mit steigenden Gewerbemieten und schrumpfenden Freiflächen keine Selbstverständlichkeit.
Wie viele Orte dieser Art in Köln 20 Jahre erreichen, lässt sich nicht seriös beziffern – eine Statistik über die Lebensdauer von Kulturorten führt niemand. Wer allerdings seit Mitte der nuller Jahre in dieser Stadt ausgeht, kann die Zwischenstationen aufzählen: Zwischennutzungen, die ausliefen, Hallen, die den Eigentümer wechselten, Flächen, auf denen heute Wohnungen stehen. Das Odonien hat dieses Muster bisher nicht mitgemacht. Woran das genau liegt, ist von außen schwer zu sagen; sicher ist nur, dass sich ein Gelände voller geschweißter Monumente nicht in zwei Wochen räumen lässt.
Für Besucherinnen und Besucher heißt das ganz praktisch: Die Open-Air-Saison ist der Kern des Jahres. Der Skulpturenpark ist tagsüber Ausflugsziel, abends Kulisse, nachts Tanzfläche, und zwischen diesen drei Zuständen liegen jeweils nur ein paar Stunden. Wer den Ort noch nie gesehen hat, geht am besten bei Tageslicht hin, bevor er ihn nachts betritt. Im Dunkeln sind die Skulpturen nur noch Silhouetten, und der halbe Reiz liegt in den Schweißnähten.
Wie es nach dem Jubiläumsjahr weitergeht, hat das Haus nicht öffentlich formuliert. Das Programm läuft, angekündigt wird es wie immer eher kurzfristig über die eigene Website. 20 Jahre sind für ein Gelände dieser Art trotzdem eine Ansage: Der Solarvogel an der Rheinpromenade wurde bereits 1997 ausgezeichnet, das Odonien feierte in diesem Mai seinen 20. Geburtstag, und beide stammen von derselben Werkbank. Welches von beiden länger halten wird, ist noch nicht ausgemacht.
Am Morgen des 10. Mai war das Tor dann wieder zu. Im Skulpturenpark stand alles noch so da wie am Nachmittag zuvor, nur ohne Führung und ohne Publikum. Der Rost setzt weiter an, ganz gleich, wer auflegt.




