Eine Orgel, die auffährt: Die neue Marienorgel im Kölner Dom
Kardinal Woelki hat die neue Marienorgel am 14. Juni geweiht. Das 18-registrige Klais-Instrument steckt in einem Baubronze-Prospekt und lässt sich für Konzerte per Hubtisch anheben.
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Erzbischof Rainer Maria Kardinal Woelki hat am Sonntag, 14. Juni 2026, um 15 Uhr die neue Marienorgel im Kölner Dom geweiht. Das Instrument der Bonner Firma Johannes Klais Orgelbau hat 18 Register, steht in der Marienkapelle am Chorumgang und steckt in einem Prospekt aus Baubronze, den das Architekturbüro Mecanoo aus Delft entworfen hat. Zwei Dinge machen es technisch ungewöhnlich: Das gesamte Gehäuse lässt sich über einen Scherenhubtisch nach oben ausfahren, und von einem mobilen Spieltisch aus können erstmals alle drei Domorgeln gemeinsam angesteuert werden.
Der Dom hat damit seine Orgellandschaft ergänzt, ohne sie umzubauen. Die große Vierungsorgel von 1948 mit 89 Registern steht am nördlichen Querhaus, die Schwalbennestorgel von 1998 mit 56 Registern hängt über dem Langhaus – beide stammen ebenfalls von Klais. Die Marienorgel ist mit ihren 18 Registern das kleinste der drei Instrumente; sie hat etwa ein Fünftel des Umfangs der Vierungsorgel. Ihr Platz am Chorumgang liegt weit entfernt von den beiden anderen Werken, in einem Bereich, der bislang keine eigene Orgel hatte.
Die Marienkapelle liegt am Chorumgang, also an dem Gang, der den Hochchor umschließt. Für ein neues Instrument ist das eine heikle Adresse: Jeder Körper, der dort hineingestellt wird, tritt in Konkurrenz zur historischen Architektur. Das Domkapitel hat die Weihe und die technischen Einzelheiten auf einer eigenen Seite zur Marienorgel dokumentiert. Die Frage, wie das Instrument aussehen soll, war deshalb keine Nebenfrage, sondern Teil der Planung von Anfang an.
Der Prospekt nimmt die Linien der Dompfeiler auf
Die äußere Form ist das Ergebnis einer Rücksichtnahme. Das Delfter Büro Mecanoo hat den Prospekt an der Säulenstruktur der vorhandenen Dompfeiler orientiert: Die Bronzeelemente nehmen die senkrechte Gliederung des gotischen Bestandes auf, statt ihr eine eigene Formensprache entgegenzusetzen. Als Material wurde Baubronze gewählt. Das Ergebnis ist ein Gehäuse, das sich im Halbdunkel des Chorumgangs eher einfügt als abhebt – erkennbar neu, aber nicht als Fremdkörper gesetzt.
Das Werk hinter dem Prospekt stammt von der Johannes Klais Orgelbau GmbH aus Bonn. Die Firma ist am Dom keine Unbekannte: Sie hat sowohl die große Vierungsorgel von 1948 als auch die Schwalbennestorgel von 1998 gebaut. Mit der Marienorgel kommt das dritte Klais-Instrument in dieselbe Kirche. Für die Wartung und für das Zusammenspiel der drei Werke ist das ein praktischer Vorteil, weil Mensuren, Traktur und Steuerung aus einer Werkstatt kommen.
Für Konzerte fährt das ganze Gehäuse nach oben
Die auffälligste Konstruktion sitzt unter der Orgel. Ein Scherenhubtisch kann das gesamte Gehäuse anheben; auf diese Weise lässt sich der Klang gezielt in den Binnenchor lenken, wenn dort ein Konzert stattfindet. Nach der Veranstaltung fährt das Instrument wieder herab, damit es bei Werktagsgottesdiensten an seinem angestammten Platz steht und in die Marienkapelle hinein klingt. Die Orgel wechselt also nicht das Repertoire, sondern die Höhe – und damit den Raum, den sie füllt.
Domorganist Winfried Bönig hat diese Lösung als auf dem neusten Stand der Technik und als absolutes Novum für Konzerte am Hochchor bezeichnet. Wie oft das Gehäuse tatsächlich ausgefahren wird und wie lange ein Hubvorgang dauert, hat der Dom nicht mitgeteilt. Auch zu den Wartungsintervallen der Mechanik liegen keine Angaben vor. Fest steht nur, dass die Bewegung zum Betriebskonzept gehört und nicht als einmalige Vorführung gedacht ist.
Die zweite Neuerung ist weniger sichtbar und für den Betrieb wahrscheinlich folgenreicher. Zur Marienorgel gehört ein mobiler, frei fahrbarer Spieltisch. Von ihm aus lassen sich erstmals alle drei Domorgeln gemeinsam ansteuern. Bislang war jedes Werk ein eigener Arbeitsplatz; nun kann eine Organistin oder ein Organist die Register aller drei Instrumente aus einer Hand ziehen. Für große Gottesdienste und für Konzerte eröffnet das Klangkombinationen, die im Dom bisher nicht spielbar waren.
„Die neue Marienorgel ist ein äußerst farbenreiches und vielseitiges Instrument. Sie bietet deutlich mehr klangliche Möglichkeiten als ihre Vorgängerin.“
Prof. Dr. Winfried Bönig, Domorganist
Bönigs Vergleich verweist auf ein Vorgängerinstrument an dieser Stelle. Was 18 Register praktisch bedeuten, lässt sich am Verhältnis zu den anderen Werken ablesen: Die Vierungsorgel ist mit 89 Registern für die große Liturgie im vollen Dom gebaut, die Marienorgel für den kleineren Raum der Marienkapelle und für den Chorumgang. Wie die Disposition im Einzelnen aussieht, welche Register also verbaut wurden, hat der Dom nicht veröffentlicht.
Rund 220.000 Euro sollten über Spenden zusammenkommen
Finanziert wurde das Instrument über Spenden. Etwa 220.000 Euro sollten auf diesem Weg aufgebracht werden. Einzelne Register konnten gesponsert werden, sodass Spenderinnen und Spender jeweils ein bestimmtes Klangregister übernahmen; hinzu kamen die Einnahmen der Orgelfeierstunden, die ebenfalls in das Projekt flossen. Beteiligt war außerdem die Kulturstiftung Kölner Dom. Das Domkapitel nennt Registerpatinnen und Registerpaten ausdrücklich als Träger des Vorhabens. Diese Angaben hat auch das Domradio im Vorfeld berichtet.
Was das Instrument insgesamt gekostet hat, ist damit nicht gesagt. Die genannten 220.000 Euro sind das Spendenziel, nicht zwingend der Gesamtpreis; ob und wann die Summe erreicht wurde, hat der Dom in den Mitteilungen zur Weihe nicht beziffert. Auch der Anteil, den die Kulturstiftung übernommen hat, ist nicht ausgewiesen. Wer wissen will, was eine Domorgel kostet, findet in den veröffentlichten Unterlagen also nur einen Teil der Rechnung.
„Die neue Marienorgel ist das Ergebnis großer gemeinsamer Anstrengungen.“
Guido Assmann, Dompropst
Geweiht wurde das Instrument am Nachmittag des 14. Juni, eines Sonntags, um 15 Uhr. Erzbischof Rainer Maria Kardinal Woelki nahm die Weihe vor. Für den Dom war das der Abschluss eines Vorhabens, das über Jahre über Spendenaufrufe und Orgelfeierstunden lief. Anders als bei einem Bauteil, das im Gerüst verschwindet, ist das Ergebnis für Besucherinnen und Besucher sofort sichtbar: ein bronzefarbener Körper, der vorher nicht da war.
Bis zum 1. September laufen die Orgelfeierstunden
Auf die Weihe folgte eine Festwoche. Auf dem Programm standen Gottesdienste, Konzerte und Führungen, ein Orgelabendgebet mit dem Mädchenchor, Festkonzerte des Vokalensembles sowie eine Orgelnacht, bei der alle drei Domorgeln zu hören waren. Für das neue Instrument war das zugleich der erste öffentliche Belastungstest: Es musste in der Liturgie funktionieren, im Konzert bestehen und sich mit zwei deutlich größeren Werken zusammenschalten lassen.
Anschließend ging die Marienorgel in den regulären Betrieb über. Die Internationalen Orgelfeierstunden 2026 laufen vom 16. Juni bis zum 1. September; sie sind zugleich einer der Wege, über die das Instrument mitfinanziert wurde. Bis Anfang September lässt sich die neue Orgel also im Rahmen dieser Reihe hören. Wie das Programm im Einzelnen aufgeteilt ist, welche Feierstunde also welches Instrument in den Mittelpunkt stellt, geht aus den veröffentlichten Mitteilungen nicht hervor.
Ein praktischer Hinweis für alle, die deshalb in den Dom wollen: Seit dem 1. Juli 2026 ist die touristische Besichtigung der Kathedrale kostenpflichtig, 12 Euro regulär und 6 Euro ermäßigt. Der Besuch von Gottesdiensten und das persönliche Gebet bleiben nach Angaben des Domkapitels uneingeschränkt kostenfrei. Wie die Regelung im Einzelnen für die Orgelfeierstunden gehandhabt wird, hat der Dom in den Mitteilungen zur Gebühr nicht eigens ausgewiesen.
Der nächste feste Termin steht damit im Kalender der Kirchenmusik: Am 1. September endet die Reihe der Orgelfeierstunden für dieses Jahr. Ob und wie die Marienorgel danach regelmäßig in den Konzertbetrieb eingebunden wird, ob das Gehäuse dafür häufiger ausgefahren wird und wie sich das mobile Spieltischkonzept im Alltag bewährt, wird sich über die kommenden Monate zeigen. Belastbare Aussagen dazu hat der Dom bisher nicht gemacht.




