Angeschälte Eberesche: Ein Baum in Lindweiler, 2.500 Euro Schaden und eine längere Liste
Unbekannte haben in Lindweiler die Rinde einer Eberesche vom Stammfuß bis in rund 170 Zentimeter Höhe abgeschält. Die Stadt stellt Strafanzeige und beziffert den Schaden auf gut 2.500 Euro. Es ist nicht der erste Fall dieser Art im Kölner Stadtgrün.
Lesezeit 6 Min.
Man muss kein Förster sein, um zu sehen, dass dieser Baum ein Problem hat. Einer Eberesche in Köln-Lindweiler fehlt die Rinde, vom Stammfuß bis in rund 170 Zentimeter Höhe. Die Rinde war an dem Stamm nach Angaben der Stadt bereits aufgeplatzt – und ist dann gewaltsam abgeschält worden, wie das Amt für Landschaftspflege und Grünflächen mitteilt. Der Stamm misst 24 Zentimeter im Durchmesser; das ist kein frisch gepflanztes Bäumchen mehr, sondern ein Baum, der viele Jahre gebraucht hat, um so weit zu kommen. Die Stadt hat den Fall am 6. August 2026 öffentlich gemacht, den Schaden auf gut 2.500 Euro beziffert und Strafanzeige wegen Sachbeschädigung gestellt. Wer die Rinde entfernt hat, ist unbekannt.
Ob die Eberesche das übersteht, weiß derzeit niemand. Das Absterben des Baums könne nicht ausgeschlossen werden, schreibt die Verwaltung nüchtern. Nüchtern ist auch das passende Wort für die Tat selbst: keine Kettensäge, kein umgelegter Stamm, nur entfernte Rinde. Das klingt nach wenig. Es ist das Gegenteil. Gemeldet wurde der Fall in der Rubrik „Aus Ämtern und Stadtbezirken“, in der die Verwaltung sonst Alltägliches verkündet. In derselben Mitteilung vom 6. August etwa informiert sie über die Sperrung der Grünanlage „Im Forst“ in Poll, die bei ihrer Umgestaltung bis Herbst 2026 neue Spielgeräte, neue Wege sowie einen Boule- und einen Tischtennisplatz erhält, und über die Ausstellung zum 30-jährigen Bestehen des Bürgerzentrums Altenberger Hof in Nippes, die vom 3. bis 24. September gezeigt wird. Zwischen solchen Nachrichten wirkt eine Strafanzeige beinahe unauffällig. Beinahe.
Unter der Rinde liegt die Lebensader des Baums
Die Rinde ist für einen Baum keine Verpackung, sondern Versorgungsleitung. Direkt unter ihr verläuft der Bast, jene dünne Schicht, in der der Baum die in den Blättern gebildeten Zuckerverbindungen nach unten zu den Wurzeln transportiert; darunter liegt das Kambium, die Wachstumsschicht, aus der Holz und Rinde überhaupt erst entstehen. Wird dieser Ring rundum unterbrochen, verhungern die Wurzeln – Fachleute sprechen von Ringelung, und ein geringelter Baum stirbt in der Regel binnen Monaten bis weniger Jahre ab. Ob die Wunde in Lindweiler den Stamm vollständig umschließt, geht aus der Mitteilung nicht hervor. Die vorsichtige Formulierung der Stadt lässt beide Richtungen offen.
Getroffen hat es ausgerechnet eine Eberesche, auch Vogelbeere genannt. Die Art gilt als robust und anspruchslos, kommt mit dem Stadtklima vergleichsweise gut zurecht und wird deshalb gern an Straßen und in Siedlungen gepflanzt. Ihre orangeroten Beeren sind im Herbst Nahrung für zahlreiche Vogelarten, die Blüten im Frühjahr ein Angebot für Insekten. Ein Exemplar mit 24 Zentimetern Stammdurchmesser leistet das seit geraumer Zeit zuverlässig – und ist so schnell nicht zu ersetzen. Eine Neupflanzung braucht Jahre, ehe sie denselben Nutzen bringt.
Zuständig für den Fall ist das Amt für Landschaftspflege und Grünflächen, das von Melanie Ihlenfeld geleitet wird und seinen Sitz im Stadthaus Deutz am Willy-Brandt-Platz 2 hat. Das Amt plant, baut und unterhält das städtische Grün, verwaltet daneben unter anderem die Forsten, die Friedhöfe und den Botanischen Garten und beherbergt zudem die untere Jagd- und Fischereibehörde. Wie sich die 2.500 Euro im Lindweiler Fall genau zusammensetzen, führt die Stadt nicht aus; bei der Bewertung beschädigter Bäume greifen Kommunen üblicherweise auf standardisierte Verfahren der Gehölzwertermittlung zurück, die neben dem reinen Kaufpreis auch Pflanzung, Pflege und das verlorene Baumalter einrechnen. Der Vergleich mit früheren Kölner Fällen zeigt jedenfalls: Die Beträge wachsen mit dem Baum. Ein abgehackter Jungbaum mit acht Zentimetern Stammdurchmesser wurde 2023 mit rund 1.950 Euro angesetzt, ein entrindeter, ausgewachsener Ahorn 2025 mit etwa 3.500 Euro.
Roggendorf, Chorweiler, Mülheim: Die Liste ist länger, als einem lieb sein kann
Der Fall in Lindweiler ist nämlich kein Ausreißer. Im April 2025 meldete die Stadt gleich zwei Fälle auf einmal: In Roggendorf hatten Unbekannte die Rinde eines Ahorns auf einem Grünstreifen am Straberger Weg bis in etwa 1,5 Meter Höhe eingeritzt und teilweise abgeschält – der zuvor gesunde Baum war damit ein Totalschaden und muss gefällt und ersetzt werden. In Chorweiler entdeckte die Verwaltung an einem rund 50 Jahre alten Ahorn auf einer Forstfläche hinter dem Aqualand deutliche Spuren eines Fällversuchs; auch dieser Baum ist nicht zu halten. In beiden Fällen stellte die Stadt Strafanzeige wegen Sachbeschädigung. Die dokumentierten Fälle der vergangenen Jahre im Überblick:
- August 2026, Lindweiler: Eberesche vom Stammfuß bis in rund 170 Zentimeter Höhe entrindet, Schaden gut 2.500 Euro
- September 2025, Chorweiler, Elbeallee: 30 Jahre alte Rosskastanie durch gezielte Hitzeeinwirkung geschädigt, Schaden 4.000 bis 5.000 Euro
- April 2025, Roggendorf, Straberger Weg: Ahorn bis in 1,5 Meter Höhe eingeritzt und teilweise entrindet, Totalschaden, rund 3.500 Euro
- April 2025, Chorweiler, hinter dem Aqualand: Fällversuch an einem rund 50 Jahre alten Ahorn, Schaden rund 500 Euro
- Mai 2023, Innerer Grüngürtel, Wasserspielplatz Kreutzerstraße: Linden halbseitig bis in zwei Meter Höhe entrindet, Schaden rund 3.000 Euro
- 2023, Stadtgarten Mülheim: Jungbaum mit acht Zentimetern Stammdurchmesser mutwillig abgehackt, Schaden rund 1.950 Euro
- 2023, Rondorf, Reiher Straße: Krone einer japanischen Zierkirsche unbefugt um die Hälfte beschnitten, ein weiterer Baum gefällt
Es geht offenbar auch perfider. Im September 2025 berichtete das Portal t-online über die 30 Jahre alte Rosskastanie an der Elbeallee in Chorweiler, am Eingang eines Kinderspielplatzes: Der Stamm war durch gezielte Hitzeeinwirkung geschädigt worden, die Rinde verbrannt, das Holz darunter angegriffen. Die Stadt stufte den Baum als wirtschaftlichen Totalschaden ein und rechnet damit, dass er binnen ein bis drei Jahren abstirbt. Und schon in der Nacht zum 1. Mai 2023 hatten Unbekannte am Wasserspielplatz an der Kreutzerstraße im Inneren Grüngürtel mehrere Linden halbseitig bis in zwei Meter Höhe entrindet. Die Stadt brachte damals Wundpflaster an, um zu retten, was zu retten war, und stellte auch hier Strafanzeige.
Juristisch ist die Lage eindeutig. Das mutwillige Beschädigen städtischer Bäume ist Sachbeschädigung nach Paragraf 303 des Strafgesetzbuchs; darauf stehen Geldstrafe oder Freiheitsstrafe bis zu zwei Jahren. Dazu können Verstöße gegen die Kölner Baumschutzsatzung als Ordnungswidrigkeit mit Bußgeldern von bis zu 50.000 Euro geahndet werden. Das klingt nach scharfem Schwert. Nur: Ob in einem der dokumentierten Kölner Fälle je jemand belangt wurde, geht aus den Mitteilungen der Stadt nicht hervor. Wer nachts an einem Grünstreifen Rinde abschält, hat selten Publikum.
Über die Motive schweigen die Mitteilungen ebenfalls. Ärger über Laub, der Wunsch nach freier Sicht aus dem Fenster, schlichter Zerstörungsdrang – denkbar ist vieles, belegt ist nichts. Auffällig ist allenfalls, wo es passiert: an Grünstreifen, auf Spielplätzen, am Rand von Forstflächen. Orte, an denen selten jemand länger hinschaut. Genau das macht die Aufklärung so mühsam, und genau deshalb dürfte die Strafanzeige aus Lindweiler kaum bessere Aussichten haben als ihre Vorgänger.
Ein Stadtteil mit 1,16 Quadratkilometern hat keine Bäume übrig
Für Lindweiler wiegt so ein Fall schwerer als für größere Stadtteile. Das Veedel im Stadtbezirk Chorweiler misst gerade einmal 1,16 Quadratkilometer und zählt gut 3.400 Einwohnerinnen und Einwohner; eingeklemmt zwischen der Bahnstrecke nach Neuss im Osten und den Autobahnen A1 und A57 im Süden und Westen, ist öffentliches Grün hier keine Selbstverständlichkeit. Dabei hat der Ort eine lange Geschichte: Der namensgebende Lindweilerhof wurde 1276 erstmals erwähnt, seit 1888 gehört Lindweiler zu Köln. Wer Schäden am Stadtgrün bemerkt, kann sie der Verwaltung über das Meldeportal „Sag's uns“ oder per E-Mail an das Servicemanagement des Grünflächenamts mitteilen.
Die Eberesche steht vorerst noch an ihrem Platz, mit offenem Ausgang. 2.500 Euro lassen sich ersetzen. Ein über Jahre gewachsener Baum nicht.
- Stadt Köln, Pressemitteilung vom 6.8.2026: Aus Ämtern und Stadtbezirken (Baumfrevel in Lindweiler)
- Stadt Köln: Amt für Landschaftspflege und Grünflächen
- Stadt Köln, Pressemitteilung vom 16.4.2025: Zwei Fälle von Baumfrevel
- Stadt Köln, Pressemitteilung 2023: Baumfrevel
- t-online, 22.9.2025: Alten Baum in Köln verstümmelt – Stadt klagt über Totalschaden
- Wikipedia: Köln-Lindweiler




