20 Stadtbahnen nach Bonn: Kölns Linie 5 fährt jetzt einzeln
Bonn muss 60 von 75 Stadtbahnen aus dem Verkehr nehmen. Die KVB gibt 20 Fahrzeuge ab – und dünnt dafür ihr eigenes Angebot auf zwei Linien aus. Ab Dienstag gilt der abgespeckte Fahrplan.
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Die Kölner Verkehrs-Betriebe (KVB) stellen den Stadtwerken Bonn Bus und Bahn (SWB) kurzfristig 20 Hochflur-Stadtbahnen zur Verfügung. Das teilten beide Unternehmen am Montag, 20. Juli 2026, mit. Auslöser ist ein Befund aus Bonn: Bei routinemäßigen Prüfungen hatte SWB Bus und Bahn festgestellt, dass an einzelnen Bauteilen der Stadtbahnwagen eine frühzeitigere Materialermüdung auftreten kann. Nach einer detaillierten Betrachtung gemeinsam mit der Technischen Aufsichtsbehörde nimmt der Bonner Betrieb 60 seiner insgesamt 75 Stadtbahnen vorübergehend aus dem Verkehr. Betroffen sind Fahrzeuge mit Baujahren aus den siebziger bis neunziger Jahren. Die Kölner Hilfe hat einen Preis, den Kölner Fahrgäste zahlen: Auf zwei Linien wird das Angebot ausgedünnt.
Von Dienstag, 21. Juli, an fährt die Linie 5 mit Einzelwagen statt mit gekoppelten Zügen. Außerdem entfallen die Verstärkerfahrten auf der Linie 18, die dort morgens und nachmittags in der Hauptverkehrszeit für einen Fünf-Minuten-Takt sorgen. Ein Enddatum für diese Einschränkungen nannte die KVB nicht. Die Bonner Flotte war bis zum Betriebsschluss am Montag noch regulär unterwegs. SWB Bus und Bahn arbeitet nach eigenen Angaben mit der Technischen Aufsichtsbehörde an einem Konzept, das noch in derselben Woche geprüft werden sollte. Betroffen sind neben den eigenen Fahrzeugen auch Wagen der Elektrischen Bahnen der Stadt Bonn und des Rhein-Sieg-Kreises.
„Für uns ist es selbstverständlich, dass wir die SWB im Sinne der Fahrgäste in dieser besonderen Situation unterstützen.“
Marcel Winter, Vorstandsvorsitzender der Kölner Verkehrs-Betriebe
Die Sommerferien machen den Verzicht kalkulierbar
Die KVB begründet den Schritt ausdrücklich mit der Jahreszeit. Man habe intern geprüft, in welchem Umfang eine Abgabe betrieblich möglich sei, und angesichts der sinkenden Nachfrage in den Sommerferien eine Lösung gefunden, die man den eigenen Fahrgästen gegenüber für vertretbar halte, teilte Vorstandschef Marcel Winter mit. Das ist eine Abwägung, keine Selbstverständlichkeit: Fahrzeuge, die in Bonn unterwegs sind, stehen in Köln nicht als Reserve bereit, wenn hier ein Wagen ausfällt. Die KVB bittet ihre Fahrgäste um Verständnis für die vorübergehende Maßnahme.
Hochflur bedeutet: Die Fahrzeuge haben einen hoch liegenden Wagenboden und brauchen erhöhte Bahnsteige, weil die Fahrgäste sonst mehrere Stufen überwinden müssten. Köln und Bonn betreiben beide solche Netzteile, historisch bedingt und mit weitgehend gleicher Fahrzeugtechnik. Genau deshalb ist eine Aushilfe innerhalb weniger Stunden überhaupt denkbar. Zwischen zwei Städten mit unterschiedlichen Bahnsteighöhen oder Spurweiten wäre derselbe Vorgang unmöglich. Die Ausleihe zeigt damit auch, welchen praktischen Wert die alte technische Verwandtschaft der rheinischen Stadtbahnnetze bis heute hat.
Hinzu kommt, dass das Kölner Netz in diesem Sommer ohnehin unter Druck steht. Die Stadtbahn-Linien 1, 7 und 9 sind baustellenbedingt getrennt, und die Linie 1 aus dem rechtsrheinischen Stadtgebiet erreicht das Stadion in Müngersdorf derzeit nicht. Die abgegebenen Wagen sind Hochflurfahrzeuge, also jene Bauart, die technisch zum Bonner Netz passt und dort ohne Umbauten eingesetzt werden kann. Ohne diese Kompatibilität wäre die Aushilfe binnen weniger Stunden nicht möglich gewesen. Die Einzelheiten listet die KVB in ihrem Presseportal auf.
In Bonn fahren die Linien weiter, aber kürzer
Für die Fahrgäste rheinaufwärts bedeutet die Aushilfe vor allem eines: weniger Platz. Ein großer Teil der Fahrzeuge ist einzeln unterwegs und nicht als Doppeltraktion, die Kapazität pro Kurs halbiert sich damit annähernd. Die Linie 68 wird in den kommenden Tagen wegen der geringeren Ferien-Nachfrage gar nicht bedient. Die Linien 16 und 63 zwischen Bad Godesberg und Bonn Hauptbahnhof sowie die Linie 18 werden mithilfe der Kölner Bahnen gefahren. Auf der Linie 16 zwischen Bonn Hauptbahnhof und Hersel gibt es ohnehin bereits Bahnersatzverkehr.
Der Zeitpunkt der Aushilfe fällt in eine ohnehin dichte Kölner Baustellenplanung. Allein für die Wochen um den 20. Juli hat die KVB unter anderem Schweiß- und Schleifarbeiten in Longerich vom 26. Juli bis zum 21. August angekündigt, Asphaltarbeiten in der City für den 26. Juli, die Sanierung der Bahnsteige an der Haltestelle Ensen Gilgaustraße auf der Linie 7 vom 20. Juli bis zum 2. September sowie Arbeiten am Bahnsteig Bayenthalgürtel für die Linien 16 und 17 im selben Zeitraum. Auf der Linie 16 kommt eine erneute Trennung in Bonn wegen Oberleitungsarbeiten hinzu.
Eine Besonderheit betrifft Oberkassel. Die eingesetzten Bahnen der Linie 66 können dort vorübergehend nicht halten, weil die Bahnsteige nicht zu allen Fahrzeugtypen passen. SWB Bus und Bahn empfiehlt Fahrgästen, ab Hauptbahnhof oder spätestens ab Ramersdorf auf die Linie 62 zu wechseln. Ansonsten behält die 66 ihre gewohnte Route in Richtung Bad Honnef und zurück. Die vollständige Aufstellung der Bonner Änderungen steht in der Meldung von SWB Bus und Bahn.
„Parallel haben wir die Zusage von der KVB erhalten, 20 Stadtbahnwagen von dort in den kommenden Tagen einzusetzen.“
Anja Wenmakers, Konzerngeschäftsführerin der Stadtwerke Bonn
Der Oberbürgermeister macht daraus eine Regionalfrage
Politisch eingeordnet wurde der Vorgang noch am Montag von Kölns Oberbürgermeister. Torsten Burmester dankte den Kölner Verkehrs-Betrieben für die schnelle und konsequente Hilfe und stellte den Fall in einen größeren Zusammenhang. Damit ist ein Muster benannt, das im Rheinland regelmäßig auftaucht: Zwei kommunale Verkehrsunternehmen mit unterschiedlichen Eigentümern, aber technisch verwandten Flotten, helfen sich über eine Störung hinweg, für die es keine vertragliche Grundlage und keinen eingeübten Ablauf gibt. Eine Rechtspflicht zur Amtshilfe zwischen zwei Aktiengesellschaften besteht nicht.
„In einer solchen Ausnahmesituation ist es wichtig, dass sich die Kommunen in der Region gegenseitig helfen und unterstützen, wenn es nötig wird.“
Torsten Burmester, Oberbürgermeister der Stadt Köln
Offen bleibt, wie lange Köln verzichtet
Die entscheidende Zahl fehlt bislang auf beiden Seiten: Wie lange die 20 Wagen in Bonn bleiben, ist nicht festgelegt. SWB Bus und Bahn äußerte die Hoffnung, dass die betroffenen eigenen Fahrzeuge bereits in der folgenden Woche wieder auf der Strecke unterwegs sein könnten. Gebunden ist das an die Prüfung des Konzepts durch die Technische Aufsichtsbehörde. Erst wenn diese Behörde die Wiederinbetriebnahme freigibt, kehren die Kölner Fahrzeuge zurück, und Linie 5 und Linie 18 laufen wieder im gewohnten Umfang.
Für die Bewertung fehlt zudem eine Angabe, die beide Betriebe kennen dürften: wie viele Fahrten in Köln durch die Ausdünnung tatsächlich entfallen. Beide betroffenen Linien sind Teil des Grundnetzes und keine Randstrecken. In den Sommerferien liegt die Nachfrage im Nahverkehr erfahrungsgemäß unter dem Jahresdurchschnitt – wie weit, beziffert die KVB nicht. Ohne diese Angabe lässt sich nicht beurteilen, wie stark die Ausdünnung im Alltag tatsächlich spürbar wird.
Auch der Fahrzeugbestand selbst ist ein Thema, das über die aktuelle Störung hinausweist. Die in Bonn abgestellten Wagen stammen aus den Baujahren der siebziger bis neunziger Jahre; sie sind also zwischen dreißig und über fünfzig Jahre alt. Materialermüdung an Bauteilen ist bei solchen Laufleistungen kein exotischer Befund, sondern ein Alterungsphänomen, das Verkehrsbetriebe mit Prüfintervallen zu beherrschen versuchen. Dass eine Routineprüfung gleich 80 Prozent der Flotte betrifft, deutet allerdings auf ein Bauteil hin, das in nahezu allen Fahrzeugen derselben Serie verbaut ist.
Ein Ersatzbeschaffungsprogramm für diese Fahrzeuggeneration ist in Bonn seit Jahren Thema, aber weder ein Liefertermin noch ein Finanzierungsrahmen wurde im Zusammenhang mit der aktuellen Prüfung genannt. Ob die Kölner Fahrzeuge derselben Bauteilprüfung unterzogen werden, teilte die KVB am Montag nicht mit. Da sie 20 Wagen abgeben konnte, ist zumindest davon auszugehen, dass in Köln kein vergleichbarer Befund vorlag.
Unbeantwortet ist auch die Frage nach den Kosten. Weder die KVB noch die Stadtwerke Bonn haben mitgeteilt, ob und wie die Fahrzeugüberlassung abgerechnet wird, ob also Miete, Kilometerpauschale oder ein reiner Selbstkostenausgleich vereinbart wurde. Die KVB gehört zum Stadtwerke-Köln-Konzern, die Bonner Verkehrssparte zum SWB-Konzern. Beide Unternehmen sind kommunal, wirtschaftlich aber getrennt und jeweils ihren eigenen Aufsichtsgremien verpflichtet. Aufschluss dürfte erst der nächste Bericht in diesen Gremien geben.
Für Fahrgäste in Köln gilt bis dahin eine einfache Regel: Auf der Linie 5 kommen kürzere Züge, auf der Linie 18 fehlen in der Hauptverkehrszeit einzelne Fahrten. Wer auf diesen Strecken zur Arbeit oder ins Freibad fährt, sollte in den kommenden Tagen etwas mehr Zeit einplanen und volle Wagen einkalkulieren. Der nächste Termin im Verfahren liegt nicht in Köln, sondern in Bonn: Dort entscheidet die Technische Aufsichtsbehörde über das Prüfkonzept für die 60 abgestellten Fahrzeuge.




