86.000 Euro von der Szene: Ein Kollektiv baut sich einen eigenen Club
Das krakelee kollektiv übertraf im Februar sein Crowdfunding-Ziel von 80.000 Euro. Im Mai ging der Bauantrag für das alte KHD-Gebäude in Mülheim raus, die Eröffnung ist für Ende 2027 geplant.
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Es ist zwei Uhr nachts, und das Kollektiv krakelee steht in einem Raum, der ihm nicht gehört. Seit 2020 läuft das so: Partys im Gewölbe, im Odonien, im JAKI, im YUCA, dazu Off-Locations und Nächte in Wäldchen rund um Köln. Seit dem 28. Februar 2026 ist absehbar, dass es anders wird. An diesem Tag endete eine Crowdfunding-Kampagne mit knapp 86.000 Euro – rund 6.000 Euro mehr als das gesetzte Ziel. Die Szene hat sich einen Club gekauft, den es noch gar nicht gibt.
Hinter dem Vorhaben steht das rund 20-köpfige krakelee kollektiv, das sich 2024 genossenschaftlich gegründet hat. Das ist der eigentliche Kern der Geschichte: keine Investoren, kein Alleinentscheider, kein stiller Teilhaber, der irgendwann die Rendite einfordert. In einer Branche, in der ein Club meistens einer Person und ihrem Kontokorrentkredit gehört, ist das ungewöhnlich genug, um es zu erwähnen.
Genossenschaftlich heißt in diesem Fall nicht nur nett gemeint, sondern rechtlich verfasst. Eine Genossenschaft gehört ihren Mitgliedern, jede Stimme zählt gleich viel, unabhängig davon, wie viele Anteile jemand hält. Für einen Club bedeutet das vor allem eines: Er lässt sich nicht ohne Weiteres verkaufen, wenn er erfolgreich wird. Genau darin liegt der Unterschied zu einem Betreibermodell, bei dem am Ende eine einzelne Person entscheidet, wann Schluss ist.
Gebaut werden soll im Otto-Langen-Quartier im Mülheimer Süden, im ehemaligen Verwaltungs- und Sozialgebäude des historischen KHD-Areals. Wer die Gegend kennt, kennt die Nachbarschaft: Bis zum Gebäude 9 und zum Bootshaus ist es nicht weit. Der rechtsrheinische Streifen zwischen Deutz-Mülheimer Straße und Auenweg ist längst die zweite Clubachse der Stadt, auch wenn er von Ehrenfeld aus betrachtet immer noch wie ein Auswärtsspiel wirkt.
Das Kollektiv hat sich das Geld dort geholt, wo es tanzt
Crowdfunding für einen Club ist keine neue Idee, aber selten funktioniert sie so deutlich. Die Kampagne lief über die Plattform Startnext und endete am 28. Februar 2026; ausgezahlt wurde Anfang März. Zu den Prämien zählten ein besticktes Shirt, DJ-Workshops für Anfängerinnen und Fortgeschrittene, eine Schallplatte, Getränkegutscheine und Tickets für das Punkfestival Müllem Mon Amour. Es wurde also nicht gespendet, sondern vorgekauft – Publikum, das seinen eigenen Laden vorfinanziert.
Auch die Prämienliste erzählt etwas. Wer eine Schallplatte, DJ-Workshops und Festivaltickets in dieselbe Kampagne packt, richtet sich nicht an Kulturförderer, sondern an Leute, die ohnehin in diesen Räumen stehen. Das ist Finanzierung aus dem eigenen Publikum: schmal, aber verlässlich, weil sie an eine Praxis geknüpft ist und nicht an eine Idee auf Papier.
„Was haben wir gezittert in den letzten Wochen und Monaten. Aber diesen wichtigen Meilenstein haben wir jetzt dank eurer Hilfe geschafft. Danke!“
krakelee kollektiv, Mitteilung an die Unterstützerinnen und Unterstützer der Crowdfunding-Kampagne
Das Kollektiv ist dabei keine Newcomer-Truppe, die zum ersten Mal einen Raum betritt. Veranstaltet hat krakelee bislang unter anderem im Gewölbe, im Odonien, im JAKI und im YUCA, dazu an Off-Locations und auf Partys in Wäldchen rund um Köln. Das ist der übliche Kölner Weg: Man mietet sich ein, bis man genug Publikum hat, um über eigene Wände nachzudenken. Der Unterschied ist, dass es diesmal geklappt hat.
Musikalisch bewegt sich das Programm nach eigener Beschreibung zwischen zwei Polen: mal düster, experimentell, hypnotisch und sehr technoid, mal wärmer, verspielt und energetisch. Das ist keine Marketingformel, sondern eine ziemlich genaue Beschreibung dessen, was in Köln an einem Samstag zwischen zwei und sechs Uhr morgens läuft. Geplant sind aber nicht nur Clubnächte. Konzerte, Workshops, Diskussionen, politische Bildungsarbeit und ein Cafébetrieb stehen ebenfalls im Konzept.
Diese Mischung ist kein Zufall, sondern Kalkül – und zwar in mehrfacher Hinsicht. Ein Haus, das nur nachts läuft, steht den größten Teil der Woche leer und muss trotzdem beheizt und versichert werden. Ein Haus mit Café, Workshops und Tagesprogramm ist für eine Verwaltung außerdem etwas anderes als eine reine Tanzfläche: Es lässt sich als Kulturort begründen, nicht nur als Vergnügungsstätte. Wer schon einmal eine Nutzungsänderung beantragt hat, weiß, wie viel dieser Unterschied wert ist.
Der Rat hat 2025 den Weg freigemacht, der Bauantrag liegt seit Mai vor
Der Zeitplan ist nüchtern und lang. Im September 2025 gab der Rat grünes Licht für das Vorhaben, im Mai 2026 wurde der Bauantrag eingereicht, die Eröffnung ist für Ende 2027 vorgesehen. Zwischen Crowdfunding und erster Clubnacht liegen damit fast zwei Jahre – Zeit, in der Baukosten steigen, Genehmigungen hängen und Kollektive auseinanderfallen können. Genau deshalb ist die genossenschaftliche Struktur mehr als eine Haltung. Sie ist eine Versicherung gegen den Ausstieg Einzelner.
Das Areal selbst hat eine längere Geschichte als das Projekt. Das Otto-Langen-Quartier umfasst rund fünf Hektar zwischen Deutz-Mülheimer Straße und Auenweg. Das Bebauungsplanverfahren läuft seit 2016, damals noch unter dem Namen Möhring-Quartier. Geplant ist ein gemeinwohlorientiertes, gemischt genutztes urbanes Quartier mit Kultur, Gewerbe und Wohnen – nach dem Planungsstand von 2022 mit bis zu 400 Wohnungen, davon 30 Prozent gefördert.
Dass die Stadt hier überhaupt mitreden kann, verdankt sie einer Entscheidung aus dem Jahr 2021. Damals sicherte sie sich das Grundstück des alten KHD-Verwaltungsgebäudes über ihr Vorkaufsrecht. Ohne diesen Zugriff säße heute vermutlich ein anderer Eigentümer auf der Fläche, und die Frage, ob dort ein genossenschaftlicher Club einziehen darf, würde sich gar nicht erst stellen. Kommunale Bodenpolitik ist die unspektakulärste Form von Kulturpolitik. Sie ist womöglich auch die wirksamste.
Glatt gelaufen ist deshalb noch lange nicht alles. Ein europaweit veröffentlichtes, mehrstufiges Bieterverfahren für die Grundstücke startete Anfang 2025 und wurde im September 2025 mangels Wettbewerb aufgehoben. Auf Deutsch: Es fanden sich nicht genug Interessenten, die unter den gesetzten Bedingungen bauen wollten. Für ein Quartier, das seit zehn Jahren geplant wird, ist das ein herber Befund – und für alle, die dort auf Räume warten, eine weitere Verzögerung.
Der Mülheimer Süden ist in dieser Rechnung kein Zufall. Wo früher Gießereien standen, stehen heute Hallen, die sich für laute Musik eignen und keine unmittelbaren Nachbarn haben – dieselbe Konstellation, die in Ehrenfeld die Clubdichte erzeugt hat, nur zwei Jahrzehnte später und auf der anderen Rheinseite. Der Unterschied ist, dass hier von vornherein Wohnungen mitgeplant werden. Wer jetzt einzieht, zieht in ein Quartier, das noch nicht fertig ist.
Zwei Wege in dieselbe Richtung, mit sehr verschiedenen Risiken
Damit stehen in Köln gerade zwei Modelle nebeneinander, die dasselbe Problem lösen wollen. Auf der einen Seite der Club Euro, mit dem etablierte Spielstätten aus dem laufenden Ticketverkauf kleine Bühnen stützen. Auf der anderen krakelee, wo eine Szene sich selbst einkauft, bevor überhaupt eine Wand steht. Das eine verteilt vorhandenes Geld um, das andere schafft neuen Raum. Beides ist eine Reaktion darauf, dass Flächen in dieser Stadt teurer werden als das, was auf ihnen stattfindet.
Ein neuer Club ist in Köln inzwischen die Ausnahme
Denn eine Neugründung ist in dieser Stadt keine Selbstverständlichkeit mehr. In den vergangenen Jahren wurde in Köln vor allem über Schutz geredet – über Bebauungspläne, Lärmschutz, Fördertöpfe, über die Frage, wie man erhält, was noch da ist. krakelee dreht die Perspektive um: Hier geht es nicht um Bestandsschutz, sondern um Zuwachs. Das ist selten genug, um es zu notieren, auch wenn der erste Abend noch anderthalb Jahre entfernt liegt.
Wie es nach dem Crowdfunding weitergeht, ist die Frage, an der sich solche Projekte üblicherweise entscheiden. Eine Genossenschaft kann Anteile ausgeben und damit weiteres Eigenkapital einsammeln, ohne die Kontrolle abzugeben – das ist ihr größter Vorteil gegenüber einem Kredit. Sie muss dieses Kapital aber auch halten, denn Mitglieder können kündigen und ihr Guthaben zurückverlangen. Ein genossenschaftlich finanzierter Club hat deshalb nicht weniger Druck als einer mit Bankdarlehen. Er hat ihn nur anders verteilt.
Das Risiko liegt bei krakelee ausschließlich beim Kollektiv, und es ist real. 86.000 Euro sind für einen Clubausbau kein Budget, sondern ein Anfang; Lüftung, Schallschutz, Sanitäranlagen und Fluchtwege verschlingen in einem Bestandsgebäude schnell ein Vielfaches. Wie die Gesamtfinanzierung aussieht, hat das Kollektiv öffentlich nicht aufgeschlüsselt. Bei einem Vorhaben, das mit dem Geld seines Publikums gestartet ist, ist das eine Frage, die früher oder später gestellt werden wird.
Was für das Projekt spricht, ist die Vorgeschichte. Wer sechs Jahre lang Partys in fremden Räumen, an Off-Locations und im Wald organisiert hat, kennt die Rechnung, die am Ende eines Abends aufgemacht wird. Genau daran scheitern viele Erstbetreiber: Sie können ein Line-up bauen, aber keine Kalkulation. Ein Kollektiv aus 20 Leuten hat in dieser Hinsicht mehr Erfahrung im Raum als mancher Einzelbetreiber mit Bankkredit.
Und es spricht etwas für den Standort. Ein neuer Club zwischen Gebäude 9 und Bootshaus liegt nicht im Niemandsland, sondern in einer Nachbarschaft, in der nachts ohnehin Betrieb ist. Das reduziert genau die Konflikte, an denen Ehrenfelder Häuser sich seit Jahren abarbeiten. Wenn im Quartier später bis zu 400 Wohnungen entstehen, wird sich allerdings auch hier die Frage stellen, wer auf wen Rücksicht nimmt – und wer zuerst da war.
Offen ist derzeit fast alles, was nach dem Bauantrag kommt. Wann die Genehmigung erteilt wird, ist nicht mitgeteilt worden; ob der Termin Ende 2027 hält, ist damit ebenso offen wie die Frage, welche Auflagen für Schallschutz in einem Gebäude aus der Industriezeit anfallen werden. Fest steht bislang nur der Anspruch: Clubnächte, Konzerte, Workshops, Diskussionen, Café. Und ein Haus, das auf eine neue Nutzung wartet.
Bis dahin ist das Ganze ein Bauantrag, ein Konto und ein Versprechen. Ende 2027 klingt weit weg, und in Köln ist ein Eröffnungstermin selten ein Eröffnungstermin. Aber es gibt seit Februar etwas, das die meisten Clubprojekte nie haben: viele Leute, die schon bezahlt haben und deshalb nachfragen werden. Das ist eine andere Art von Druck als der einer Bank.




