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Konrad Beikircher ist tot – der Südtiroler im Rheinland

Der Kabarettist Konrad Beikircher ist im Alter von 80 Jahren gestorben. Die Stadt Köln würdigte ihn am Mittwoch als bedeutenden Sprachkünstler.

Friederike Wolters, Redakteurin — KI-generiertes Porträt
Friederike Wolters
Kultur & Karneval

Lesezeit 6 Min.
Leere Kabarettbühne mit Hocker, Mikrofonständer und rotem Vorhang
Fast 50 Jahre stand Konrad Beikircher auf der Bühne. Im September sollte seine Abschiedstournee beginnen. · Symbolbild (KI-generiert)

Der Kabarettist Konrad Beikircher ist im Alter von 80 Jahren gestorben. Die Stadt Köln teilte das am Mittwoch, 29. Juli, um 13.21 Uhr mit. Zuvor hatte der WDR über den Tod berichtet; Beikirchers Management bestätigte ihn gegenüber dem Portal t-online. Der gebürtige Südtiroler, am 22. Dezember 1945 in Bruneck geboren, lebte 60 Jahre im Rheinland und machte dessen Sprache zum Gegenstand seines Werks. Einen genauen Sterbetag nannte die Stadt in ihrer Mitteilung nicht.

Es gibt wenige Fälle, in denen ein Zugereister zum Erklärer einer Region wird, deren Mundart er erst lernen musste. Beikircher war einer davon — und das war nie ein Zufall, sondern Methode. Wer eine Sprache von außen betritt, hört ihre Eigenheiten schärfer als jene, die in ihr aufgewachsen sind. Aus dieser Position heraus hat er ein halbes Jahrhundert lang das Rheinland vermessen, mit einer Genauigkeit, die man dem heiteren Ton oft nicht ansah.

Vom Justizvollzug auf die Bühne

1965 kam Beikircher mit 20 Jahren zum Psychologiestudium nach Bonn. Nach dem Abschluss arbeitete er 15 Jahre im öffentlichen Dienst, als Anstaltspsychologe in der Justizvollzugsanstalt Siegburg, wo er jugendliche Sexualstraftäter betreute. Nebenher trat er in Bonner Kneipen mit italienischen Chansons auf. Es ist eine Biografie, die sich in keine der üblichen Kabarettisten-Legenden fügt: kein Studentenkabarett, keine Fernsehcastings, sondern ein Zweitberuf, der zum ersten wurde — und ein Hauptberuf, den er erst aufgab, als der andere trug.

Wann genau der Wechsel begann, wird unterschiedlich datiert. Der WDR führt an, den Kabarettisten 1980 entdeckt zu haben; in anderen Darstellungen fällt der Einstieg beim Hörfunk auf 1984, der endgültige Abschied aus dem Staatsdienst auf die Mitte der achtziger Jahre. Für den Befund ändert das wenig: Beikircher war nicht Anfang zwanzig, als er Berufskünstler wurde, sondern Ende dreißig, mit fünfzehn Jahren Gefängnisalltag im Rücken.

Blick über eine rheinische Kleinstadt am Fluss mit Kirchturm und Uferpromenade
1965 kam Beikircher zum Psychologiestudium nach Bonn – und blieb 60 Jahre im Rheinland. · Symbolbild (KI-generiert)

Bekannt machte ihn zunächst das Radio. Für seine Kolumne „Sarens, Frau Walterscheidt“ erfand er die Figur des Bäckers Rolleberg — einen jener rheinischen Typen, die alles kommentieren und nichts entscheiden. Das Prinzip dieser Kolumnen war denkbar einfach und dadurch haltbar: Zwei Menschen reden aneinander vorbei, und aus der Art, wie sie das tun, ergibt sich das Porträt einer ganzen Landschaft. Der Rest der Republik hörte darin einen Dialekt; Beikircher hörte darin eine Weltanschauung.

Er selbst hat den Vorteil seiner Herkunft einmal so erklärt, dass die Rheinländer ihm geglaubt hätten, gerade weil er nicht von hier sei. Das ist mehr als eine Koketterie. Ein Einheimischer, der den Landsleuten ihre Redensarten vorhält, gilt schnell als Nestbeschmutzer; ein Südtiroler, der dieselben Sätze mit hörbarer Freude seziert, wird als Gast durchgelassen. Beikircher hat diese Lizenz gehabt und sie fast fünfzig Jahre lang nicht überzogen.

Dass ausgerechnet ein Südtiroler zum Chronisten des rheinischen Sprechens wurde, ist weniger paradox, als es klingt. Bruneck liegt in einer Region, in der zwei Sprachen nebeneinanderliegen und in der man von Kindheit an hört, dass dasselbe je nach Zunge anders klingt. Wer so aufwächst, betrachtet Sprache als Material, nicht als Selbstverständlichkeit. Beikircher hat das Rheinische entsprechend behandelt: als ein System mit Regeln, Ausweichmanövern und eingebauten Höflichkeitsformeln, das man beschreiben kann.

Opernführer, Beethoven und die Frage, warum das Rheinland so ist

Sein Werk blieb nicht beim Mundartkabarett stehen. Beikircher schrieb Opernführer und eine humorvolle Beethoven-Biografie — Letzteres in Bonn, der Stadt des Komponisten, naheliegend und trotzdem riskant, weil die Beethoven-Literatur zu den dichter besetzten Feldern der Musikgeschichte gehört. In späteren Jahren verschob sich sein Programm stärker zu sozialpolitischen Themen. Das ist die übliche Bewegung im Kabarett; ungewöhnlich war, dass er dabei den freundlichen Ton nicht aufgab, mit dem er begonnen hatte.

„Mit Konrad Beikircher verliert das Rheinland einen seiner bedeutendsten Sprachkünstler und einen außergewöhnlichen Beobachter.“

Torsten Burmester, Oberbürgermeister der Stadt Köln
Altes Rundfunkmikrofon und Kopfhörer auf einem Studiotisch mit Mischpult im Hintergrund
1984 entdeckte ihn der WDR-Hörfunk. Seine Radiokolumne machte ihn im Rheinland bekannt. · Symbolbild (KI-generiert)

In derselben Mitteilung würdigte der Oberbürgermeister Beikirchers Blick auf die Menschen und ihre Besonderheiten als liebevoll und zugleich kritisch; mit großer Neugier, feinem Humor und unverwechselbarer Erzählkunst habe er die Eigenheiten der rheinischen und besonders der kölschen Redens- und Lebensart sichtbar gemacht. Viele hätten den gebürtigen Südtiroler als inoffiziellen Botschafter des Rheinlands betrachtet. Diese Formulierung trifft eine Eigenheit seines Publikums: Es bestand zu großen Teilen aus Leuten, über die er sprach und die ihm zuhörten, ohne sich verhöhnt zu fühlen.

Der WDR warf am Mittwochabend sein Programm um

Beim WDR, der ihn über Jahrzehnte begleitete, fiel die Würdigung ähnlich aus. Der kommissarische Programmdirektor Ingmar Cario erklärte, niemand habe „den ‚Rheinländer an sich‘ so genau“ beobachtet. Beikircher war dort in mehreren Formaten präsent, unter anderem in „Westzeit U-Punkt“, in Harald Schmidts Sendung „Pssst…“ und in den „Mitternachtsspitzen“, daneben mit eigenen Soloprogrammen. Der Sender änderte am Mittwochabend sein Programm und zeigte um 22.15 Uhr die einstündige Sendung „Konrad Johann Aloysia Beikircher – Fast ein Selbstportrait“.

Im Hörfunk lief am selben Abend nach 21 Uhr auf WDR 5 das Porträt „Konrad Beikircher – Der rheinische Zauberer“ von Michael Lohse. Für Samstag, 1. August, kündigte WDR 5 um 15 Uhr die Ausstrahlung seines letzten Soloprogramms an. Es trägt den Titel „Arrivederci“ und wurde am 8. Juli im Düsseldorfer Kom(m)ödchen aufgezeichnet — drei Wochen vor seinem Tod und damit vermutlich einer der letzten Auftritte überhaupt.

Die Abschiedstournee sollte im September beginnen

Den Abschied von der Bühne hatte Beikircher bereits angekündigt. Das Programm „Arrivederci“ sollte im September starten; darin wollte er auf seine 60 Jahre im Rheinland zurückblicken, von denen er 47 auf der Bühne verbracht habe. Er selbst hat den Plan gegenüber t-online so beschrieben: „Gut, einmal noch in die Runde gucken, was es denn alles gegeben hat.“ Der Satz liest sich nun anders, als er gemeint war. Was mit den bereits angesetzten Terminen geschieht, war am Mittwoch nicht bekannt.

Angekündigte Abschiedstourneen sind im Kabarett ein heikles Format: Sie versprechen ein Ende, das die Branche selten einhält, und sie verkaufen sich gerade deshalb gut. Beikircher hat den Rückblick nicht mehr spielen können, aber er hat ihn aufgezeichnet. Wer wissen will, wie das letzte Programm klingt, kann es am Samstag im Radio hören — eine Reihenfolge, die niemand geplant hat und die dem Stoff eine unfreiwillige Genauigkeit gibt.

Kölner Brauhausstube mit dunklem Holz, langen Tischen und schmalen Gläsern auf einem Tablett
Die rheinische Redens- und Lebensart war Beikirchers Lebensthema – und sein Gegenstand. · Symbolbild (KI-generiert)

Fast 50 Jahre auf der Bühne, davon der größte Teil mit einem einzigen großen Thema — das ist im Kabarett eine ungewöhnliche Standfestigkeit. Der Betrieb belohnt normalerweise das Wechseln der Gegenstände. Beikircher blieb beim Rheinland und fand darin immer noch etwas Neues, weil er es nicht als Folklore behandelte, sondern als Sprachraum mit eigener Logik. Wer bei ihm über die rheinische Art des Ausweichens lachte, hatte nebenbei etwas über Höflichkeit, Vermeidung und Konfliktscheu gelernt.

Für Köln war er kein Bühnenbewohner, sondern eine Instanz: Wenn eine Redensart erklärt werden musste, wenn ein Karnevalsritual jemandem von außen begreiflich gemacht werden sollte, war er der, den man fragte. Dass die Stadt an einem Mittwochmittag eine eigene Pressemitteilung dazu herausgab, ist für einen Kabarettisten nicht selbstverständlich. Zu Trauerfeier und Beisetzung lagen am Mittwoch keine Angaben vor.

Bemerkenswert ist dabei, dass sein Bezugspunkt nie eine einzelne Stadt war. Beikircher kam nach Bonn, arbeitete in Siegburg, trat im Düsseldorfer Kom(m)ödchen auf und wurde vom Kölner Oberbürgermeister als Sprachkünstler des Rheinlands gewürdigt. Die Landschaft, die er beschrieb, hält sich nicht an Stadtgrenzen; sie reicht vom Siebengebirge bis in den Niederrhein und hat in Köln nur ihre lauteste Ausprägung. Genau deshalb konnte ihn jede dieser Städte für sich reklamieren.

Die Mitteilung der Stadt Köln beschränkte sich auf die Würdigung des Oberbürgermeisters; ausführlicher zeichnete t-online den Lebensweg nach, die Programmänderungen des Senders meldete DWDL. Ein Südtiroler kam 1965 zum Studium an den Rhein und blieb. Am Ende war er dort der, den man fragte, wenn man wissen wollte, wie die Leute hier eigentlich reden.

Quellen und Weiterlesen
Friederike Wolters, Redakteurin — KI-generiertes Porträt
Friederike Wolters
Redakteurin · Kultur & Karneval
Kunsthistorikerin mit Sitzungskarnevals-Abo. Schreibt über Museen, Bühnen und die fünfte Jahreszeit — und darüber, warum beides in Köln dasselbe ist.
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