Donnerstag, 6. August 2026 Ausgabe Nr. 240
Köln 20° · heiter bis wolkig Redaktion
Kölner Zeit
Unabhängige Nachrichten aus Köln · seit 2022
Philharmonie

Sommerfestival startet mit dem Musical „Die Weiße Rose“

Das 37. Kölner Sommerfestival hat am 28. Juli in der Philharmonie eröffnet – mit einem preisgekrönten Musical über die Geschwister Scholl.

Friederike Wolters, Redakteurin — KI-generiertes Porträt
Friederike Wolters
Kultur & Karneval

Lesezeit 6 Min.
Innenraum eines terrassenförmigen Konzertsaals mit ansteigenden Sitzreihen rund um das Podium
Die Kölner Philharmonie ist bis zum 23. August Spielort des 37. Sommerfestivals. · Symbolbild (KI-generiert)

Ein Musical über eine Widerstandsgruppe, deren Flugblätter zwischen 1942 und 1943 entstanden, als Sommeröffnung eines Konzerthauses: Das 37. Kölner Sommerfestival hat am Dienstag, 28. Juli, um 20 Uhr in der Kölner Philharmonie mit „Die Weiße Rose“ begonnen. Die Produktion von Alex Melcher (Musik) und Vera Bolten (Buch und Regie) steht bis zum 2. August auf dem Spielplan; Karten kosten ab 39,99 Euro. Das Festival läuft bis zum 23. August und steht erstmals unter der Leitung von Ewa Bogusz-Moore.

Dass ein Stück über die Münchner Gruppe um Hans und Sophie Scholl den Sommer in einem Konzerthaus eröffnet, hat etwas Widerborstiges; man erwartet an dieser Stelle des Kalenders eher Revue als Prozessakte. Genau darin liegt die Pointe der Programmierung. Das Stück wurde 2025 beim Deutschen Musical Theater Preis mit sieben Auszeichnungen bedacht, darunter der für das beste Musical — ein Ergebnis, das eine Produktion mit Uraufführung fern der großen Häuser selten erreicht.

Von Füssen über vier Städte nach Köln

Uraufgeführt wurde „Die Weiße Rose“ im Sommer 2025 im Festspielhaus Neuschwanstein in Füssen. Danach war die Produktion in Berlin, Düsseldorf, München und Stuttgart zu sehen, ehe sie nun in Köln Station macht. Die Titelrollen übernehmen Jonathan Guth als Hans Scholl und Friederike Zeidler als Sophie Scholl. Erzählt wird ein längerer Bogen, der in den dreißiger Jahren ansetzt und bis zum Ende der Gruppe führt — nicht nur die Wochen, auf die sich das öffentliche Bild meist verengt.

Die Verbindung von historischem Stoff und einem rockigen, unangepassten Klangbild ist dabei kein modischer Einfall, sondern die dramaturgische Setzung: Die Musik soll hörbar machen, was die Flugblätter formulierten. Das Buch, so beschreibt es der Veranstalter, ist präzise recherchiert und arbeitet mit historischen Fakten und Zitaten. Beides zusammen ergibt eine Konstruktion, die leicht auseinanderfallen könnte — Rockmusik und Quellentreue sind keine natürlichen Verbündeten.

Leere Musicalbühne mit Bandinstrumenten, Schlagzeug und Mikrofonständern im Halbdunkel
Alex Melcher hat die Musik geschrieben, Vera Bolten Buch und Regie verantwortet. · Symbolbild (KI-generiert)

Regisseurin Vera Bolten hat ihren Ansatz so beschrieben, dass es ihr nicht um ein Heldenepos gegangen sei, sondern um reale Menschen, die man als Menschen kennenlernen wolle. Komponist Alex Melcher formulierte als Ziel, die Geschichte der Weißen Rose aus den Geschichtsbüchern herauszuholen. Das ist bei diesem Stoff die schwierigere Aufgabe. Die Geschwister Scholl sind in der bundesdeutschen Erinnerungskultur seit den fünfziger Jahren derart mit Denkmalcharakter ausgestattet worden — Schulen, Plätze, Preise tragen ihren Namen —, dass die Erzählung leicht ins Erbauliche kippt.

Die Kölner Eröffnungsvorstellung endete nach der Schilderung des Branchenportals smalltalk-entertainment zunächst in betroffenem Schweigen, ehe der Applaus einsetzte; die Inszenierung arbeitet demnach mit sparsamen Mitteln. Wie gut der Saal besetzt war, teilte der Veranstalter nicht mit. Auch Angaben zum Kartenverkauf für die weiteren Vorstellungen liegen nicht vor. Das ist bei Gastspielformaten üblich, macht die Einordnung des Erfolgs aber schwierig.

Die sieben Auszeichnungen von 2025 sind der eigentliche Grund, warum diese Produktion in Köln den Eröffnungsplatz bekommt. Der Deutsche Musical Theater Preis ist die Branchenauszeichnung des Genres im deutschsprachigen Raum, und der Titel für das beste Musical wird jeweils nur einmal vergeben. Eine Produktion, die ihn zusammen mit sechs weiteren Preisen holt, gilt danach als tourfähig — was im Musical, dessen Ökonomie an Auslastung hängt, mehr wert ist als jede Kritik.

Ein Festival, das älter ist als ein Gutteil seines Publikums

Das Sommerfestival gehört zu den langlebigsten Formaten des Hauses. Es füllt jene Wochen, in denen der reguläre Konzertbetrieb ruht, mit Gastspielen aus Musical, Tanz und Show — ein Modell, das andere Konzerthäuser inzwischen übernommen haben, das die Kölner Philharmonie aber seit Jahrzehnten betreibt. In diesem Jahr geht die Verantwortung erstmals an Ewa Bogusz-Moore, die damit auch ein Erbe antritt: Ein Publikum, das sich über 36 Ausgaben gebildet hat, lässt sich nicht in einer Saison umbauen.

Bei jährlicher Zählung führt die 37. Ausgabe zurück bis 1990. Das ist eine Laufzeit, in der sich das Musical vom Import zum eigenständigen deutschsprachigen Produktionszweig entwickelt hat und in der die Philharmonie ihre Sommerwochen stets nach demselben Prinzip füllte: fremde Produktionen, eigener Saal, begrenzte Blöcke. Ein Gutteil des Publikums, das jetzt im Saal sitzt, ist jünger als das Format, für das es Karten kauft.

Der Spielplan dieses Sommers besteht aus drei Produktionen mit klar getrennten Blöcken. Auf „Die Weiße Rose“ folgt vom 4. bis 9. August „DANCE ME“, eine Tanzhommage an die Musik Leonard Cohens. Den Abschluss bildet vom 12. bis 23. August „ROMEO UND JULIA – Liebe ist alles“, das den Shakespeare-Stoff mit Musik des Duos Rosenstolz erzählt. Drei Produktionen, drei Genres, ein Saal.

Das Prinzip des Festivals besteht darin, den Konzertsaal für Formen zu öffnen, für die er nicht gebaut wurde. Auffällig ist, dass alle drei Produktionen des Jahrgangs mit populärer Musik arbeiten und keine davon eine Eigenproduktion des Hauses ist. Das Festival kuratiert, es produziert nicht. Wer im August in die Philharmonie geht, sieht eine Tournee, die für einige Tage in Köln haltmacht — mit dem ökonomischen Vorteil, dass die Kosten nicht am Haus hängen.

Weiße Rosen in einer schlichten Glasvase auf einem dunklen Holztisch
Das Musical erzählt von der Münchner Widerstandsgruppe um Hans und Sophie Scholl. · Symbolbild (KI-generiert)

Der Saal ist für Sinfonik gebaut, nicht für Verstärkung

Das ist zugleich die technische Herausforderung. Die Kölner Philharmonie an der Bischofsgartenstraße 1 ist ein terrassenförmig um das Podium gelegter Saal, akustisch auf unverstärkte Orchester ausgelegt. Ein Musical mit Band, Mikroports und Bühnenbild braucht dort eine eigens eingerichtete Beschallung, damit Sprachverständlichkeit und Klangbalance stimmen. Gastspiele dieser Art bringen deshalb regelmäßig ihr eigenes Tonkonzept mit. Wer den Saal aus Abonnementkonzerten kennt, hört im Sommer buchstäblich einen anderen Raum.

Hinzu kommt eine Kölner Besonderheit, die den Sommerbetrieb prägt: Der Saal liegt unter dem Vorplatz des Doms, weshalb der Bereich während der Vorstellungen vom Fußgängerverkehr freigehalten wird. Ein Konzerthaus, das mitten in der meistbegangenen Zone der Stadt liegt, muss seine Stille organisieren. Für Besucherinnen und Besucher heißt das: Der Weg zum Eingang führt über die Domplatte, und die Anfahrt mit Bahn und Bus endet praktisch vor der Tür.

Für die Stadt hat das Festival auch eine schlichte Funktion: Es hält in der Ferienzeit ein großes Haus bespielt, zu einem Zeitpunkt, an dem das Kölner Kulturangebot dünner ist als sonst. Die Bühnen spielen im Sommer nicht, andere Häuser laufen im reduzierten Betrieb. Dass das Sommerfestival unverändert mit drei Produktionen antritt, hat mit dieser Ökonomie zu tun: Es ist ein Gastspielformat, dessen Rechnung am Kartenverkauf hängt.

Für das Haus bedeutet das einen engen Takt. Zwischen der letzten Vorstellung der „Weißen Rose“ am 2. August und dem Beginn der Tanzproduktion am 4. August liegt ein einziger Tag; zwischen deren Ende am 9. August und dem Start von „ROMEO UND JULIA“ am 12. August sind es zwei. In diesen Fenstern muss der Saal jeweils vollständig ab- und neu eingerichtet werden, samt Ton, Licht und Bühne. Sichtbar ist davon nichts — außer, dass es funktioniert.

Vorplatz eines Konzerthauses am Abend mit beleuchtetem Eingang und Treppenanlage
Nach dem Musical folgen bis zum 23. August zwei weitere Produktionen im Festivalprogramm. · Symbolbild (KI-generiert)

Wer noch hinwill, hat wenige Tage Zeit

„Die Weiße Rose“ läuft bis Sonntag, 2. August, mit Abend- und Nachmittagsvorstellungen. Karten sind über die Philharmonie-Hotline unter 0221 280 280 und über den Ticketvertrieb des Veranstalters ATG Entertainment erhältlich; der Einstiegspreis liegt bei 39,99 Euro. Das vollständige Programm des Festivals steht auf der Seite der Kölner Philharmonie, die Termine der Eröffnungsproduktion sind auch im Veranstaltungskalender von KölnerLeben verzeichnet.

Nach dem Musical übernehmen die Tanz- und die Schauspielproduktion den Saal, bis das Festival am 23. August endet. Danach kehrt die Philharmonie in den Konzertbetrieb zurück. Bis dahin gilt, was für dieses Eröffnungsstück im Besonderen zutrifft: Ein Saal, der für das Ungestörte gebaut wurde und dem zuliebe man draußen die Wege sperrt, erzählt sechs Abende lang von Menschen, die das Stören zur Pflicht erklärt haben.

Quellen und Weiterlesen
Friederike Wolters, Redakteurin — KI-generiertes Porträt
Friederike Wolters
Redakteurin · Kultur & Karneval
Kunsthistorikerin mit Sitzungskarnevals-Abo. Schreibt über Museen, Bühnen und die fünfte Jahreszeit — und darüber, warum beides in Köln dasselbe ist.
Alle Beiträge der Redaktion →

Mehr aus News

Alle Beiträge →
Bombenfund
400 Meter Sperrkreis am Rheinpark: 360 Menschen mussten raus
Das Niedrigwasser legte sie frei: Im Rhein vor dem Kölner Rheinpark liegt eine Fünf-Zentner-Bombe. Rund 360 Menschen mussten ihre Wohnungen räumen.
Von Amira Yılmaz · 6. August 2026
Niedrigwasser
Frachter laden weniger: Kölner Pegel fällt auf 61 Zentimeter
Der Kölner Pegel fiel am Donnerstag auf 61 Zentimeter, so tief wie nie gemessen. Die Frachtschifffahrt lädt weniger, die KD streicht Fahrten.
Von Katharina Esser · 6. August 2026
Transfermarkt
Zwei 18-Jährige für den FC: Moore kommt, Neves steht vor dem Wechsel
Der 1. FC Köln leiht Mikey Moore von Tottenham aus, Gil Neves steht vor dem Wechsel von Benfica. Beide sind 18 Jahre alt.
Von Thomas Breuer · 6. August 2026
Der Kölner Wochenbrief
Jeden Freitag der neue Beitrag der Woche, dazu Termine und Empfehlungen der Redaktion. Kostenlos, jederzeit abbestellbar.
Kölner Zeit

Unabhängige Nachrichten aus Köln seit 2022. Sieben Redakteurinnen und Redakteure, sieben Ressorts — über Wirtschaft, Stadt und das Leben zwischen Dom und Veedel.

© 2022–2026 Kölner Zeit · Ein Angebot der Tecnola GmbH, Bergisch Gladbach Wetterdaten: Deutscher Wetterdienst (CC BY 4.0), abgerufen über Bright Sky