55 neue Tafeln an den Eingängen von Kölns Naturschutzgebieten
Die Stadt Köln hat an 55 Standorten neue Informationstafeln aufgestellt. Sie stehen an den Eingängen von fast allen 22 Kölner Naturschutzgebieten.
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Die Stadt Köln hat an 55 Standorten in den Kölner Naturschutzgebieten neue Informationstafeln aufgestellt. Das teilte die Verwaltung am Dienstag, 4. August, mit. Die Tafeln stehen an den Eingängen von fast allen 22 Naturschutzgebieten auf Kölner Stadtgebiet und sollen nach Angaben der Stadt „Schutz und Erholung in Einklang bringen“. Sie zeigen die offiziell ausgewiesenen Wege und erklären, warum das Verlassen der Pfade die Brut- und Rückzugsräume seltener Arten gefährdet. Ergänzt wird die Beschilderung durch erneuerte Piktogramme und durch rot lackierte Holzpfähle, sogenannte Kopfpfähle, die die zugelassenen Wege markieren.
Der Fachbegriff für das, was die Stadt hier betreibt, lautet Besucherlenkung. Gemeint ist der Versuch, Menschen nicht auszusperren, sondern zu leiten: Wer weiß, welcher Weg der richtige ist, weicht seltener aus. Die Piktogramme auf der erneuerten Beschilderung weisen unter anderem auf das Badeverbot und auf die Pflicht hin, Müll wieder mitzunehmen. Beides sind Regeln, die in Naturschutzgebieten ohnehin gelten — neu ist, dass sie an mehr Stellen und in einheitlicher Gestaltung sichtbar sind.
Die Verwaltung selbst bezeichnet die Tafeln als „zentralen Baustein der Besucherlenkung“. Neben Wegegebot und Badeverbot nennt die Mitteilung ausdrücklich die Leinenpflicht für Hunde — in der Praxis der Punkt, an dem sich in Kölner Schutzgebieten die meisten Konflikte entzünden, weil ein frei laufender Hund in einer Heidefläche für Bodenbrüter dieselbe Wirkung hat wie ein Fressfeind. Die Stadt begründet die Maßnahme mit dem wachsenden Erholungsdruck auf diese Flächen, den sie durch bessere Information abmildern will.
22 oder 23 Gebiete — die Zählung hängt am Landschaftsplan
Die Mitteilung der Stadt spricht von 22 Naturschutzgebieten. Das städtische Umweltportal führt dagegen 23 Gebiete auf, die über den Landschaftsplan geschützt sind. Die Differenz erklärt sich in solchen Fällen meist über Gebiete, die neu ausgewiesen oder zusammengelegt wurden; die Stadt hat den Unterschied in ihrer Mitteilung nicht kommentiert. Für Besucherinnen und Besucher ändert er nichts: Die Regeln sind in allen Gebieten dieselben, unabhängig davon, wie man sie zählt.
Das Instrument dahinter ist der Landschaftsplan, ein kommunales Satzungswerk, über das die Stadt Flächen außerhalb der bebauten Bereiche unter Schutz stellt. Das städtische Umweltportal begründet den Status damit, dass diese Gebiete für die Erhaltung der Artenvielfalt bedeutsam und besonders schutzwürdig seien. Ausweisung, Zuschnitt und Änderung laufen also nicht über eine Behördenentscheidung im Einzelfall, sondern über ein Planwerk, das politisch beschlossen wird — weshalb die Zahl der Gebiete überhaupt schwanken kann, ohne dass sich im Gelände etwas ändert.
Die Kölner Schutzgebiete sind sehr unterschiedlich. Zu ihnen gehören die Wahner Heide mit ihrem Mosaik aus extrem trockenen und sehr feuchten Biotopen, der Königsforst als altes Waldgebiet im Osten der Stadt, die Dellbrücker Heide, die aus einer militärisch genutzten Fläche hervorgegangen ist, und der Langeler Auwald, einer der letzten weitgehend naturnahen Auwälder im Stadtgebiet. Was diese Flächen verbindet, ist ihre Doppelrolle: Sie sind Rückzugsraum für Arten, die anderswo verschwunden sind, und sie liegen zugleich in Gehweite einer Millionenstadt.
Im Norden kommen weitere Typen hinzu. Die Rheinaue Langel-Merkenich zählt zu den größten naturnahen Rheinuferbereichen im Stadtgebiet; der Worringer Bruch ist ein rund 8.000 Jahre alter, weitgehend verlandeter Mäanderbogen des Rheins, also eine Flussschleife, die der Strom vor Jahrtausenden verlassen hat. Dazu kommen ausgekieste Gruben, die zu Lebensräumen umgebaut wurden, Grünland und Feuchtflächen, die Zugvögeln als Rastplatz dienen. Wer von „den Naturschutzgebieten“ spricht, meint also sehr verschiedene Landschaften mit sehr verschiedenen Empfindlichkeiten.
Genau daraus entsteht der Konflikt, den die Tafeln entschärfen sollen. Wer im Sommer an einem Wochenende in der Wahner Heide unterwegs ist, trifft dort auf Radfahrende, Hundehaltende, Joggende, Familien und Fotografierende. Trampelpfade entstehen nicht aus Böswilligkeit, sondern weil ein Weg abkürzt oder weil ein Motiv lockt. Bodenbrüter, die in der offenen Heide nisten, verlieren dabei ihr Gelege, ohne dass die Störung überhaupt bemerkt wird.
Erholungsdruck trifft auf Hitzesommer
Die Maßnahme fällt in einen Sommer, in dem der Erholungsdruck auf die Kölner Freiflächen hoch ist. Schattige Wälder und wasserführende Auen sind an heißen Tagen die attraktivsten Ziele im Stadtgebiet — und zugleich die empfindlichsten. Das Badeverbot in den Gewässern der Schutzgebiete ist deshalb kein Ordnungsdetail, sondern die Regel, gegen die am häufigsten verstoßen wird. Die Stadt setzt bei alldem zunächst auf Information und nicht auf Kontrolle; von zusätzlichem Personal oder von Bußgeldern ist in der Mitteilung keine Rede.
Wie viel auf dem Spiel steht, zeigt die Größenordnung des bekanntesten Gebiets. Die Wahner Heide reicht über die Stadtgrenze hinaus bis nach Rösrath und Troisdorf und gilt als zweitgrößtes und artenreichstes Naturschutzgebiet Nordrhein-Westfalens; rund 700 gefährdete Tier- und Pflanzenarten leben dort. Betreut wird sie vom Bündnis Heideterrasse, das mit Burg Wissem, dem Heidezentrum Turmhof und dem Infozentrum Wahner Heide gleich drei Anlaufstellen unterhält. Besucherlenkung ist dort seit Jahren Alltag — die neuen Kölner Tafeln setzen also nicht bei null an.
Was die Tafeln gekostet haben, teilt die Stadt nicht mit. Auch wer sie hergestellt und aufgestellt hat und über welchen Zeitraum sich die Montage erstreckte, bleibt offen. Ebenso wenig nennt die Verwaltung, in welchem der Gebiete keine neuen Tafeln stehen — die Formulierung „fast allen“ lässt offen, wie viele Ausnahmen es gibt. Für eine Erfolgskontrolle wären zudem Vergleichszahlen nötig: Wie viele Verstöße wurden bisher registriert, und wie viele sind es nach der Umstellung?
Damit bleibt auch die naheliegende Gegenposition unbeantwortet. Wer Naturschutz für zu zahnlos hält, wird einwenden, dass Schilder niemanden aufhalten, der ohnehin ins Wasser will, und dass ohne Aufsicht im Gelände wenig passiert. Wer umgekehrt für offene Flächen argumentiert, wird darauf verweisen, dass jede zusätzliche Markierung Wege verengt und Menschen aus Landschaften herausdrängt, die ihnen gehören. Die Stadt hat sich für den mittleren Weg entschieden, ohne diese Einwände in ihrer Mitteilung zu adressieren. Zuständig für Änderungen wäre das Umwelt- und Verbraucherschutzamt.
Was auf den Tafeln steht — und was nicht
Inhaltlich folgen die Tafeln einem einfachen Prinzip: erst zeigen, dann begründen. Dargestellt ist das jeweilige Gebiet mit seinen offiziell ausgewiesenen Wegen, ergänzt um eine Erläuterung, welche Arten dort leben und warum sie auf ungestörte Flächen angewiesen sind. Verhaltensregeln stehen daneben, nicht darüber. Diese Reihenfolge ist in der Naturschutzkommunikation gängig, weil Verbotslisten ohne Begründung erfahrungsgemäß schlechter wirken als eine nachvollziehbare Erklärung.
Ergänzend verweist die Stadt auf ihr Online-Angebot zu den Naturschutzgebieten, auf dem sich Beschreibungen der einzelnen Gebiete, eine Übersichtskarte zum Herunterladen und die Verhaltensregeln finden. Dass die Verwaltung analoge Tafeln und digitales Angebot parallel bespielt, ist folgerichtig: Wer im Königsforst vor einer Wegegabelung steht, hat nicht immer Empfang, und wer den Ausflug am Küchentisch plant, liest keine Tafel.
Was Besucherinnen und Besucher jetzt konkret beachten müssen
Praktisch ändert sich für den Ausflug wenig, sichtbar aber einiges. Wer künftig im Königsforst, in der Dellbrücker Heide oder am Langeler Auwald einen Eingang passiert, findet dort eine Tafel mit dem Wegenetz des jeweiligen Gebiets. Die rot lackierten Kopfpfähle markieren im Gelände, welcher Abzweig zugelassen ist — sie ersetzen das Rätselraten an Gabelungen, an denen bisher nur ein ausgetretener Boden Auskunft gab. Hunde bleiben an der Leine, Badestellen bleiben tabu, Müll wird wieder mitgenommen. Neu ist an keiner dieser Regeln der Inhalt, nur ihre Sichtbarkeit.
Der nächste Schritt liegt bei den Gebieten selbst
Ein Termin für eine Auswertung der Maßnahme ist nicht genannt. Absehbar ist lediglich, dass die Kopfpfähle und die Piktogramme in den kommenden Jahren nachgepflegt werden müssen — Holz im Freien hält keine zwei Jahrzehnte. Wer Schäden an Tafeln oder Markierungen bemerkt, kann sich über das Bürgertelefon 115 an die Verwaltung wenden. Ob die Tafeln tatsächlich weniger Trampelpfade bedeuten, wird sich erst nach einer Brutsaison beurteilen lassen, also frühestens im Sommer 2027.




