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Clubnacht

Zehn Clubs, ein Bändchen: Was von Ehrenfeld XL geblieben ist

Ein Ticket für 23 Euro, zehn Häuser, zehn Stunden: Ehrenfeld XL verband Ende März zwei Veedel zu einer Nacht. Was die Nacht einbrachte, hat bis heute niemand veröffentlicht.

David Odenthal, Redakteur — KI-generiertes Porträt
David Odenthal
Clubs & Nachtleben

Lesezeit 8 Min.
Nächtliche Straße in Köln-Ehrenfeld mit nassem Asphalt und Menschen zwischen zwei Hauseingängen
Nachtleben in Ehrenfeld: Zwischen den Häusern zu wechseln, gehört bei Clubnächten wie Ehrenfeld XL zum Programm · Symbolbild (KI-generiert)

22 Uhr, Samstag, 28. März: Zu dieser Zeit öffneten in Ehrenfeld und im Belgischen Viertel zehn Clubs gleichzeitig – für ein und dasselbe Publikum. Wer das Bändchen am Handgelenk trug, kam überall hinein, ohne ein zweites Mal zu zahlen. Zehn Stunden später, um acht Uhr am Sonntagmorgen, war Schluss. Dazwischen lagen nach Angaben der Veranstalter 18 Floors und mehr als 60 DJs und Live-Acts. Ehrenfeld XL heißt das Format, und es ist der Versuch, aus einer über zwei Veedel verstreuten Clublandschaft für eine Nacht ein einziges großes Haus zu machen.

Der Eintritt kostete 23 Euro im Vorverkauf, zuzüglich Gebühren, und 25 Euro an der Abendkasse. Auf zehn Häuser umgerechnet sind das 2,30 Euro pro Adresse. Die Bändchen wurden an allen teilnehmenden Locations ausgegeben, nicht an einer zentralen Kasse. Wer also im Schrotty in Bickendorf anfing, musste nicht erst nach Ehrenfeld fahren, um sich legitimieren zu lassen. Das klingt nach Kleinkram, ist aber der eigentliche Mechanismus des Abends: Er nimmt der Nacht die Türkasse aus dem Weg.

Zwei Euro Unterschied zwischen Vorverkauf und Abendkasse sind keine Strafgebühr, sondern eine Planungshilfe. Wer im Februar verkauft, weiß im März, wie viel Personal er an die Türen stellen muss. Dazu kommen bei jedem Onlineticket Vorverkaufsgebühren, die nicht im Haus bleiben – der Betrag, den ein Club am Ende sieht, ist also niedriger als die 23 Euro auf dem Ticket. Wie die Einnahmen zwischen den zehn Betrieben aufgeteilt wurden, steht in keiner der Ankündigungen.

Ein Wort für alle, die seit 2009 nicht mehr tanzen waren. Ein Floor ist schlicht ein Raum mit eigener Anlage und eigenem Programm; große Häuser haben mehrere davon, kleine einen. Veedel ist das kölsche Wort für Viertel, und die beiden, um die es hier geht, hängen an derselben Achse: Die Venloer Straße führt vom Belgischen Viertel schnurgerade nach Ehrenfeld hinaus. Genau darauf baut das Format – man kann zwischen den Häusern laufen, statt zu fahren.

Zehn Häuser, aber nicht überall dieselben zehn

Wer die Ankündigungen nebeneinanderlegt, findet eine Unschärfe. Neun Adressen stehen in beiden Aufstellungen, die für diesen Text geprüft wurden: Artheater, Helios37, Garagen, Odonien, Schrotty, Stadtgarten, Jaki, Reineke Fuchs und der Club Zimmermanns, in der Odonien-Liste als Club Z geführt. Beim zehnten Haus gehen die Angaben auseinander. Das Ticketportal Rausgegangen nennt Herbrands, die Veranstaltungsseite des Odonien die Live Music Hall. Aufgelöst wird das in keiner der beiden Ankündigungen.

Detail eines Papierbändchens an einem Handgelenk vor unscharfem Clubtresen
Ein Papierbändchen am Handgelenk ersetzte in dieser Nacht zehn einzelne Eintrittskarten · Symbolbild (KI-generiert)

Die Floorverteilung zeigt, wie ungleich die Häuser gebaut sind. In der Aufstellung bei Rausgegangen bespielt das Schrotty drei Räume, Mainfloor, 2nd und 3rd Floor. Artheater und Helios37 kommen auf je zwei, im Artheater heißt der zweite Raum Basement, im Helios37 Hotbox. Die Garagen fahren Mainfloor und 2nd Floor. Für Odonien, Stadtgarten, Jaki, Club Zimmermanns, Reineke Fuchs und Herbrands sind auf derselben Seite keine Floornamen vermerkt. Man sieht dem Raster an, dass hier kein Festivalgelände geplant wurde, sondern bestehende Betriebe zusammengeschaltet wurden.

Die Zahl 18 stammt aus der Ankündigung der Veranstalter; auf der Seite des Odonien steht sie ausgeschrieben. In der Detailaufstellung des Ticketportals taucht sie nicht auf. Wer nachzählen will, kommt dort auf weniger benannte Räume, weil die kleineren Häuser ohne Floorbezeichnung geführt werden. Das ist keine Unstimmigkeit im Programm, sondern eine im Marketing: 18 klingt nach Festival, zehn Türen klingen nach Kneipenbummel.

Nachgerechnet, grob: Zehn Stunden Programm auf 18 Räumen ergäben, wenn überall durchgehend gespielt würde, 180 Floorstunden. Bei gut 60 Sets wären das im Schnitt knapp drei Stunden pro Auftritt. Für ein Technoset ist das eine normale Länge, für ein Livekonzert eine Ewigkeit. Das Format ist also, bei aller Genrevielfalt in der Ankündigung, in seinem Zeitraster ein DJ-Format.

Das ist der bemerkenswerte Teil. Ein Konzertsaal für Jazz, ein Kellerklub, ein Kunstraum mit Kino, ein Industriegelände unter freiem Himmel und eine Bickendorfer Halle spielen an einem Abend unter einem gemeinsamen Namen. Diese Häuser konkurrieren an jedem anderen Samstag um dieselben Gäste. In dieser Nacht teilen sie sich das Publikum absichtlich – und jeder Gast, der weiterzieht, ist keiner, der verloren geht.

Das Programm zerfällt in Nischen, und genau das ist der Plan

Das Genrespektrum reichte von Raw und Deep Techno über Hard Techno, Peaktime Techno und Trance bis zu Drum & Bass und Neurofunk, dazu HipHop und Rap, AfroHouse und Amapiano, Melodic Techno, Deep House und die üblichen 90er- und 2000er-Sounds. Übersetzt heißt das: Wer im einen Haus mit Bass im Brustkorb steht, findet zwei Straßen weiter Musik, zu der man sich unterhalten kann. Im Ankündigungstext bei Rausgegangen klingt das so: „Wenn du Bock auf eine Nacht hast, die Techno, HipHop, AfroHouse und 90er-Trash in zehn Clubs verschmelzen lässt, bist du bei Ehrenfeld XL richtig.“

Auch das lässt sich übersetzen. Amapiano ist ein südafrikanischer House-Stil mit weichen Bässen und viel Percussion, AfroHouse dessen tanzbarer großer Bruder. Neurofunk ist die harte, technisch verschraubte Spielart von Drum & Bass. Peaktime Techno meint schlicht das, was um drei Uhr läuft, wenn der Raum voll ist. Wer diese Wörter nicht kennt, merkt den Unterschied trotzdem, sobald er die Tür aufmacht – und genau darauf setzt ein Format, das zehn Türen in Gehweite legt.

Blick durch eine Bahnunterführung in Köln-Ehrenfeld bei Nacht, Beton und Sprühfarbe
Die Wege zwischen den Spielstätten führen in Ehrenfeld durch Unterführungen und Nebenstraßen · Symbolbild (KI-generiert)

Angekündigt waren mehr als 60 Namen. Einige davon reisen sonst nicht für einen 23-Euro-Abend an: Exos, geführt unter Planet X und Tresor Berlin. Auriga aus dem Umfeld von Artcore Madrid. Tocadisco, dessen Veröffentlichungen bei Drumcode und Spinnin' liegen. Dobé, gelistet bei Katermukke und Exit. METHOD von Liquicity Records und High Tea Music. Dazu Frank Sonic von Cocoon und Terminal M, Th;en von Diynamic, Arley von Anjunadeep und Kos:mo von 1605.

Der Rest der Namen kam aus Köln und aus Kollektiven, die in dieser Stadt seit Jahren Reihen fahren. Auch das gehört zum Prinzip: Ein internationaler Act verkauft das Ticket, die lokalen Reihen füllen die Stunden davor und danach. Filtrack vom Vibrant Collective aus Bukarest, Lampé von Alula Tunes aus Hamburg, ALLY von District 4 aus Berlin, Franky-B aus Rotterdam, Edwin von Sweat Music aus Stuttgart – die Wege sind kurz geworden im europäischen Clubbetrieb, und Köln liegt an der Strecke.

Im Odonien lief ein Programm aus Techno, Melodic und Deep House mit Th;en, Tocadisco, Dobé, Frank Sonic, Avant, Edwin, Diode Eins und Arley. Auf derselben Seite steht das Hausversprechen, das dort Club Care heißt und sich auf zwei Zeilen zusammenziehen lässt: Pass auf dein Getränk auf, und nur Ja heißt Ja. Ein Satz auf einer Veranstaltungsseite ist noch kein Schutzkonzept. Aber er benennt, worüber in der Kölner Clubszene seit Jahren geredet wird.

Ein Club, den es ohne dieses Format so wohl nicht gäbe

Ehrenfeld XL hat 2025 schon einmal etwas ausgelöst. Am 29. März 2025, ebenfalls im Rahmen des Formats, spielte das Ehrenfelder Kollektiv Lichtblick eine Technoparty in einer Halle an der Oskar-Jäger-Straße 179, wie das Fachmagazin FAZEmag damals berichtete. Angekündigt worden war der Abend acht Tage zuvor auf Instagram. Er war das Warm-up für einen neuen Club: Die Garagen eröffneten regulär am 25. April 2025. Ein Jahr später standen sie mit zwei Floors auf der Liste.

Betrieben wird das Haus von David Pick, der auch das Helios37 führt, gemeinsam mit Georg Schmitz-Behrenz von der Live Music Hall. Zum Konzept gehören ein Clubraum, ein großzügiger Biergarten und ein Toilettenwagen, dazu Konzerte und Partys quer durch die Sparten. Die Eintrittspolitik ist ungewöhnlich: An Freitagen und Samstagen kostet der Einlass nichts.

„Die Partys freitags und samstags haben freien Eintritt und die Konzertgäste können dann einfach noch bleiben, auch die Getränkepreise sollen human bleiben“

David Pick, Betreiber des Helios37 und Co-Geschäftsführer der Garagen

Diese Verflechtung ist typisch für Ehrenfeld. Wer hier ein Haus betreibt, betreibt meistens schon eines, und dieselben Namen tauchen in mehreren Betrieben auf. Für eine Nacht, in der zehn Häuser ihre Türen füreinander öffnen, ist das die Voraussetzung. Ohne die Leute, die sich seit Jahren an den Tresen der jeweils anderen begegnen, ließe sich ein gemeinsames Bändchen gar nicht organisieren.

Was ein gemeinsames Bändchen nicht regelt, ist die Tür. Es berechtigt zum Wechsel zwischen allen beteiligten Clubs, mehr steht dazu in den Ankündigungen nicht. Ob und wie die Häuser ihren Einlass in dieser Nacht handhabten, ob überall dieselben Regeln galten und was passierte, wenn ein Floor voll war, ist öffentlich nicht dokumentiert. Türpolitik bleibt Sache des einzelnen Betriebs, auch wenn das Ticket für zehn gilt.

Was die Nacht eingebracht hat, steht nirgends

Interessant ist, was nicht veröffentlicht wurde. Weder in den Ankündigungen der Veranstalter noch beim Ticketportal findet sich eine Angabe dazu, wie viele Menschen in dieser Nacht unterwegs waren. Auch wie sich der Erlös aus dem Ticket auf zehn Häuser mit sehr unterschiedlicher Kapazität verteilt, ist nicht öffentlich. Bei einem Format, das ausdrücklich Häuser mit einem Floor und Häuser mit drei Floors zusammenspannt, wäre genau das die interessante Zahl.

Volle Garderobenhaken mit Jacken in einem Clubflur bei gedämpftem Licht
Kurz nach Mitternacht sind die Garderoben voll — in dieser Nacht in zehn Häusern gleichzeitig · Symbolbild (KI-generiert)

Was sich sagen lässt: Der Termin lag zum zweiten Mal auf dem letzten Samstag im März. 2025 war es der 29., 2026 der 28. Das ist die Zeit, in der die Session vorbei und die Freiluftsaison noch nicht da ist – für die Clubs sind das erfahrungsgemäß die zähen Wochen. Eine gemeinsame Nacht Ende März ist insofern auch eine betriebswirtschaftliche Entscheidung.

Kulturpolitisch ist das Format ein Argument, das ohne Antrag auskommt. Es zeigt eine Infrastruktur, die man sonst nur in Einzelmeldungen wahrnimmt: wenn ein Haus schließt, wenn ein Nachbar klagt, wenn über Sperrzeiten oder Lärmschutz verhandelt wird. An einem Abend im März wird sichtbar, wie viele Räume in zwei Veedeln überhaupt noch bespielt werden – und dass es keine zwei sind, sondern zehn.

Dass darunter der Stadtgarten und dessen Kellerklub Jaki sind, ist mehr als eine Randnotiz. Ein Haus, das sich als Europäisches Zentrum für Jazz und aktuelle Musik versteht, öffnet in derselben Nacht dieselbe Tür wie eine Halle mit drei Technofloors. Die Trennung zwischen E und U, die in Förderlogiken noch immer eine Rolle spielt, ist an diesem Abend schlicht nicht vorhanden. Das Bändchen kennt sie nicht.

Bleibt die Frage, was von einer solchen Nacht übrig bleibt, wenn das Bändchen im Müll liegt. Die Garagen sind übrig geblieben, das lässt sich belegen. Ob die anderen neun Häuser Gäste behalten haben, die sonst nie durch ihre Tür gegangen wären, weiß niemand außerhalb der Betriebe. Um acht Uhr an einem Sonntagmorgen Ende März stellt diese Frage ohnehin niemand. Sie stellt sich später, wenn die Bilanzen gemacht werden.

Quellen und Weiterlesen
David Odenthal, Redakteur — KI-generiertes Porträt
David Odenthal
Redakteur · Clubs & Nachtleben
Kennt jede Kellertür in Ehrenfeld. Schreibt über Clubkultur, Kollektive und die Nacht als Wirtschafts- und Kulturraum. Legt gelegentlich selbst auf — angeblich nur privat.
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